Shitstorm-PR-Gag: Pseudo-Kampagne gegen Obdachlosigkeit

Die Agentur www.caveman.de machte Ende März mit einem skurrilen Angebot auf sich aufmerksam: Sie behauptete, für Kunden professionell aufgemachte „shitstorms“ zu lancieren. Am 31.3. wurde über diese Offerte im Feuilleton der ZEIT berichtet. Ich hatte es vorher irgendwo auf Twitter gelesen. Man musste das Ganze für einen verfrühten Aprilscherz halten, und einige haben es auch so kommentiert.

Nach Ostern legte der Agenturchef Oliver Bienkowski noch einen drauf, behauptete, Obdachlose für die Umsetzung dieser shitstorms als „Partner“ engagiert zu haben. Er wolle die Wohnungslosen damit von der Straße holen. Damit schafft er es am Freitag sogar auf die erste Seite des Feuilleton der Süddeutschen Zeitung – Bernd Graff geht dem Agenturchef in einem fast halbseitigen Interview auf dem Leim. Das ist inzwischen online nicht mehr verfügbar. Wer den Beitrag gelesen hat, war nicht mehr überrascht, dass dann am Tag der Veröffentlichung herauskam: Alles nur ein PR-Gag. Zerknirscht gibt SZ-Feuilleton-Chef Andrian Kreye in der Print-Ausgabe der SZ am Samstag und auf jetzt.de zu: Hereingefallen.

Mich wundert die naive Herangehnsweise der Journalisten, die darüber ohne zu zweifeln berichtet haben. Wenn eine Agentur für Guerilla-Marketing so eine Geschichte lostritt, müssten doch alle Alarmglocken hochgehen. Das ist die eine Seite. Verlogen finde ich allerdings die Behauptung, das Ganze sei eine Aktion gewesen, mit der man dem Thema Obdachlosigkeit mehr Platz in den Medien habe verschaffen wollen. Und sehr erstaunlich, dass kaum einer der Gehörnten Bezug darauf nimmt, wie anmaßend diese Darstellung der Agentur ist. Gerade von Kreye hätte ich mir gewünscht, dass die fadenscheinige „Auflösung“ dieses PR-Gags dann doch noch mal hinterfragt würde. So ist in der Auflösung des Gags von Oliver Bienkowski zu lesen:

„Jetzt nutzen wir unsere erprobten Mechanismen und Hebel der Medienmanipulation um ein Thema aufzuzeigen und wieder zur Diskussion zu bringen, welches uns besonders am Herzen liegt: Obdachlose Menschen und das grassierende Wohnungsproblem in deutschen Städten sollten noch mehr ins Tageslicht und so auf die Titelseiten gerückt werden.“

Man will das Ganze also als Kampagne gegen Obdachlosigkeit verkaufen. Der Agenturchef stellt sich als engagierten Menschen vor, hat sich schon andernorts  für Menschen ohne festen Wohnsitz stark gemacht, sogar einen Preis gewonnen. Mit der Auflösung veröffentlicht er ein Foto, das ihn vor der Bahnhofsmission Düsseldorf mit einem Schild zeigt: „580.000 Obdachlose sind eindeutig zu viel“.

Die Darstellung von Oliver Bienkowski schließt süffisant:

„Wir bedanken uns bei allen Medienverlagen und Onlineredaktionen das Sie dem Thema Obdachlosigkeit für kurze Zeit einen Platz in der Berichterstattung eingeräumt haben.“ (die Rechtschreibung wurde hier von der Seite übernommen)

Das stimmt nicht. caveman hat sich für eine – wenn auch zweifelhafte – Bühne zu bedanken, die seiner Agentur und ihrem Angebot bereitet worden ist. Kostenlose PR in den Feuilletons bundesweiter Leitmedien und in Titeln der Kommunikationsfachpresse. Das Thema Obdachlosigkeit jedoch kommt in diesen Artikeln ja eigentlich gar nicht vor. Es wird höchstens gestreift, wenn es um die „Obdachlosen geht, die als „Partner“ die shitstorms beflügelt haben sollen. In keinem Satz wird das Problem der Wohnungsnot angesprochen. Es fehlen Hintergründe, Strukturen, die Obdachlosigkeit  verursachen. Und vor allem fehlen politische Forderungen, was dagegen zu tun wäre. Nicht einmal mit der Auflösung wird all das nachgeliefert. Ein paar Kekse in einer Bahnhofsmission zu verteilen, ist sicher nicht die Lösung.

Damit ist klar: Die Obdachlosen sind eigentlich nur das Feigenblatt, das dieser Aktion vorgehängt wird, um ihr eine Legitimation zu verschaffen. caveman wollte sich damit vor einen shitstorm schützen, der jetzt eigentlich angebracht wäre. Da nutzt eine Agentur die Armut, die oft ausweglose Situation anderer Menschen, um einen Aufhänger für eine Eigen-PR-Aktion zu haben. Wäre es Bienkowski ernst gewesen, so dürfte die Auflösung wohl weniger süffisant und triumphierend ausfallen, als sie jetzt zu lesen ist. Denn was wurde eigentlich für die Obachlosen erreicht? Sie geisterten ein paar Tage, ohne Namen, ohne Gesicht durch die Medien. Am Rande einer inszenierten Selbstdarstellung, als Tagelöhner, die man für ein paar Euro und ein bisschen etwas zu essen als Klick-Huren beschäftigen kann. Wenn das bei Lesern hängengeblieben ist: Soll das etwa ein Erfolg sein?

Und: Es gab und gibt ja durchaus Berichte über das Thema Obdachlosigkeit in den Medien. Mit konkreten, anschaulichen Beispielen, die sehr nah herangehen an das Problem. Mit differenzierten Analysen, die Hintergründe dieses Missstands aufzeigen. Mit engagierten Kommentaren, die Lösungen vorschlagen. Wäre es der Agentur caveman wirklich darum gegangen, Obdachlosigkeit zu thematisieren, hätte sie besser Magazine wie Hinz und Kunzt aus Hamburg unterstützt. Die engagieren sich seit vielen Jahren im Kampf gegen Obdachlosigkeit, schreiben, fordern, helfen. Und sie schaffen es immer wieder, dass betroffene Menschen irgendwann nicht mehr auf Hilfe angewiesen sind.

Nachtrag: Die Aktion funktioniert übrigens nach dem gleichen Schema wie die inszenierte Kampagne „Sauberes Hamburg“. In Jungle World ist der Kommentar zu lesen, den ich beim aktuellen „PR-Gag“ von den Medien vermisst habe.