„Krautreporter“ wollen Journalismus heilen

Und wieder startet ein vielversprechendes Journalismus-Projekt: „Krautreporter“, ein Portal für Qualitätsjournalismus, ein „tägliches Magazin für die Geschichten hinter den Nachrichten“. Die Redaktion will sich per Crowdfunding finanzieren und damit frei von jeglichen Abhängigkeiten gute journalistische Texte produzieren, die starren Ressortgrenzen etablierter Medien dabei überwinden.

Es werden mehr: Journalisten, die genug davon haben, über die desolaten Arbeitsbedingungen und den Niedergang des Journalismus im Allgemeinen und Konkreten zu jammern. Die statt dessen selbst die Initiative ergreifen und ihr eigenes Ding machen. Die keine Lust mehr haben, darauf zu warten, dass sich bei Medienkonzernen und Verlagen wirklich etwas bewegt. Vor Kurzem erst hat das digitale Wissenschaftsmagazin „Substanz“ erfolgreich seine Crowdfunding-Phase abgeschlossen.

Solche Projekte finde ich spannend, zukunftsweisend und wichtig. Ich habe Krautreporter soeben unterstützt. Die Autoren, die sich als Redaktion vorstellen, sind bekannt, man kann sich vorstellen, dass sie gute Geschichten bringen werden. Genauso interessiert mich aber das Projekt an sich, die Entwicklung die es nehmen wird, die Ziele, die sich die Autoren setzen und die Erfahrungen, die sie dabei machen werden. Und ich fühle mich angesprochen durch die Ankündigung, dass es ein Journalismus für „den Leser“ sein soll. Dass ich in der direkten Ansprache explizit nicht adressiert werde, hat mich allerdings irritiert. Vielleicht erhöht sich ja die sprachliche Sensibiliät, wenn mehr Frauen ins Team kommen.

Auf diesem Niveau der Neugier vermischt mit einer guten Portion Vorschusslorbeer verbleibt die Motivation der Unterstützung allerdings. Denn die konzeptionellen Ansagen sind doch sehr vage und auf den ersten Blick auch nicht so ganz neu.

(…) mit gutem Journalismus: Reportagen, Recherchen, Porträts und Erklärstücken – jeden Tag! Wir wissen, von was wir reden: weil wir uns mit dem auskennen, über das wir schreiben. Mit der notwendigen Zeit, die es braucht, um eine gute Geschichte zu erzählen. Und den Fakten, die nötig sind, um zu verstehen, was auf der Welt passiert. Ganz in Ruhe.

Krautreporter from Krautreporter on Vimeo.

Ich hoffe, dass diese Redaktion etwas mehr vorhat, als den „kaputten Online-Journalismus“ wieder „hinzukriegen“. War er je heil? Ist das dann „back to the roots“? Oder gibt es Visionen, die über das, was wir kennen, vielleicht nicht mehr haben, hinausreichen?

Zur re:publica hat ein anderes Team aus Journalisten gerade 23 Thesen zur Medienzukunft vorgestellt. Darin habe ich mehr von dem gefunden, was ich hier noch vermisse: Mut, neue Verbindungen herzustellen, Denkverbote auszuhebeln, über Formate nachzudenken, konkret zu werden. Aber der Aufruf zum Crowdfunding ist ja schließlich erst ein Anfang. Ich bin gespannt und hoffe, dass die Krautreporter ihr Ziel erreichen werden.

Nachtrag, 15.6.: Am vergangenen Freitag haben die Krautreporter nach einem sehr beeindruckenden Countdown ihr Ziel erreicht. Das freut mich sehr! Insbesondere, weil es schon vor Ablauf voreilige Berichte über das Scheitern dieses Projektes gab. Meiner Meinung nach haben die Krautreporter gerade im Endspurt bewiesen, dass Crowdfunding-Projekte für alle Beteiligten, vielleicht am meisten sogar für die Macher, vor allem einen Lernprozess darstellen. Sie haben das Hilfreiche aus der Kritik, die kam, konstruktiv aufgenommen. Mich hat es zudem sehr beeindruckt, wie sich einige aus dem Team in den letzten Tagen, als die Sache schon aussichtslos erschien, für die Sache stark gemacht haben. Ich hoffe, dass es bei der Umsetzung nun genau so weiter geht.

Debattieren im Netz: Haben wir eine Kultur?

Spannende Frage, deshalb war der heutige Freitagabend für eine gemeinsame Veranstaltung des Debattenforums VOCER und der Süddeutschen Zeitung reserviert. Stefan Plöchinger, Chefredakteur von suedeutsche.de, und Jan-Hinrik Schmidt, Soziologe und Medienforscher am Hans-Bredow-Institut für Medienforschung diskutierten über die Frage, wie das Netz die Debattenkultur verändert. Bei VOCER gibt es einen Livestream zum Abend. Mich interessiert das Thema, weil ich es spannend und bereichernd finde, Rezipienten in journalistische oder andere kulturelle Schaffensprozesse einzubeziehen. Von Anfang an, während der Produktion und auch im Feedback. Aber – ich sehe auch Grenzen. Kurz gesagt: Ich möchte nicht alles lesen, was Menschen so einfällt, wenn sie Artikel lesen. Und Journalisten sollten nicht zur Kummerkastentante der Leser werden. Wenn Stefan Plöchinger sagt, dass er auf alle Mails von Lesern antwortet, klingt das für mich eher beunruhigend. Vielleicht überschätze ich aber auch die Anzahl an Mails, die er bekommt.

Debatten im Netz: Jeder darf

Grundsätzlich ist es eine der faszinierenden Möglichkeiten des Netzes, dass Menschen, auch ohne journalistisch zu arbeiten, darin publizieren können. Auch deshalb, weil es die Meinungsbildung fördert, selbst zu schreiben. Es gibt viele kluge und kreative Köpfe, die von Berufs wegen nicht publizieren, die im Netz aber ihre Räume gefunden haben und gehört werden. Gleichzeitig aber entwickelt sich so ein ständig anschwellender Strom an Diskursen, Diskussionen, Beiträgen, die für den Einzelnen irgendwann zur Überforderung, zum großen Rauschen werden. Und wenn jeder spricht, wie ihr oder ihm der Schnabel gewachsen ist, ist das manchmal einfach auch unerfreulich. Eine Debattenkultur gibt es noch nicht, sagte Stefan Plöchinger  – und wünschte sich eine. Wobei ja die Frage ist, wie es je zu EINER Debattenkultur kommen kann, wenn doch ganz unterschiedliche Kulturen hier im Netz aufeinandertreffen.

Ist der tiefe Knicks vor dem Publikum richtig?

Im Journalismus setzt es sich mehr und mehr durch, Lesern, Usern, Zuschauern und Hörern eine Stimme zu geben. Das gefällt mir. Aber nimmt man sie wirklich ernst, wenn man relativ konzeptlos das freischaltet, was jemand unter Beiträge postet, mal ausgenommen, es verstößt gegen konkrete Regeln? Wäre es nicht eine große Bereicherung, wenn die vielen Stimmen nach Relevanz und Originalität ausgewählt würden? Warum behält sich die Redaktion nicht vor, nur die Leserbeiträge zu veröffentlichen, die die Debatte weiterführen, neue Impulse bringen, eine andere Sichtweise zeigen? So, wie es eigentlich auch bei den Leserbriefen Usus ist? Muss der Knicks vor dem Publikum so tief gehen, dass man 80 und mehr Beiträge unter einen Artikel setzt, die sich irgendwann nur noch wiederholen oder in Schleifen verlieren? Darf es nicht auch zu einer Auszeichnung werden, wenn mein Leserbeitrag stehen bleibt? Das könnte auch für das Publikum ein Anreiz werden. Und vielleicht kommen so die qualifizierten Beiträge unter einen Artikel, die viele Redaktionen oftmals vermissen.

Auch Publikumsbeiträge brauchen Gatekeeper

Journalisten haben für mich in Zeiten der Informationsflut mehr denn je eine Daseinsberechtigung als Gatekeeper. Vielleicht ist das sogar das Überlebensmodell. Sie sollten sich auch im Umgang mit Leserbeiträgen in dieser Rolle sehen. Wenn ich mir einen Eindruck von den (Un-)Tiefen und Breiten der Debatten zu bestimmten Themen machen möchte, so gibt es viele Ort im Netz und im wahren Leben, die mir ein umfassendes Bild davon bieten. Qualitätsjournalismus bedeutet für mich, Leserfeedbacks zu integrieren, aber gezielt auswählt und komponiert. Ich möchte aus 100 Leserbeiträgen die zehn besten, aus 1000 Tatort-Tweets die originellsten präsentiert bekommen, ohne alles selbst zu lesen. Erst in der Aufbereitung werden Lesermeinungen zu einer wirklichen Bereicherung für andere. Und erst in dieser komponierten Form könnten sie die Zeitung als Marke wirklich stärken. Ich würde der Marke meines Vertrauens an dieser Stelle gerne zumuten, für mich die richtige Auswahl zu treffen.