Diskussion ohne Ende: Journalismus und PR.

160820_Journalisten_PR_PlakatBei der letzten Jahrestagung des Netzwerks Recherche Anfang Juli ging es in einer Diskussion (mal wieder) darum, ob der Paragraph 5 des Kodex des Vereins: „Journalisten machen keine PR“ eigentlich noch zeitgemäß sei (hier die aktuelle Fassung, die beschlossen wurde und nicht mehr durchnummeriert ist). Hamburger Studierende hatten sich zeitgemäße Vorgaben gewünscht und einen Gegenentwurf ausgearbeitet. Der entscheidende Satz sollte danach lauten: „Journalisten sollen keine PR machen müssen.“ Aus meiner Sicht eine sinnvolle Änderung, weil deutlich wird, dass es nicht nur im Entscheidungsbereich des Einzelnen liegt, zwischen PR und Journalismus einen sichtbaren Unterschied zu machen. Der Satz wurde jedoch in seiner alten Form beibehalten.

Lange Zeit habe ich den ursprünglichen Paragraphen in Diskussionen verteidigt. Ich habe die Forderung in ihrer Radikalität grundsätzlich unterstützt, denn ich war und bin mehr denn je für eine möglichst klare Trennung von PR und Journalismus. Aus meiner Sicht profitieren davon beide Seiten. Der Satz formuliert ein Leitbild, ein Ideal – das betont auch Netzwerk Recherche.

Aber sind die Grenzen zwischen PR und Journalismus eigentlich noch so eindeutig, dass die Forderung überhaupt Bestand haben könnte? Oder erwartet man von einzelnen Akteur*innen, was in den Strukturen beider Systeme längst schon nicht mehr funktioniert? Ist es richtig, die Trennung von PR und Journalismus an einzelnen Menschen festzumachen – oder ist es nicht auch hier so, dass es kein richtiges Leben im falschen geben kann?

Zwei Punkte für die Debatte

  1. Was verstehen die, die diesen Punkt des Kodex verteidigen, unter PR?
  2. Wie sieht es aus, wenn Journalist*innen PR machen?

Zum ersten Punkt erklärt Julia Stein, NDR-Journalistin und Vorsitzende des Netzwerks Recherche, im Interview mit dem Medienmagazin Zapp, warum PR und Journalismus für sie in einer Person nicht vereinbar sind:

„Die einen sind auf der Suche nach der Wahrheit und die anderen verführen eher, um eine bestimmte Information irgendwo unterzubringen.“
Julia Stein, Vorsitzende Netzwerk Recherche

Und das geht natürlich nicht zusammen – wenn die Dinge denn so klar zu trennen wären. Die Abgrenzung ist hier recht eindeutig: Das „Gute“ – nicht weniger als „die Wahrheit“ – wird der Kunst der „Verführung“ gegenübergestellt. Da schwingen das Unseriöse und unlautere Methoden im Unterton gleich mit.

Damit lässt sich ein Teil von PR-Aktivitäten wohl auch beschreiben. Es ist vermutlich diese Art von PR, die insbesondere Journalist*innen vor Augen haben, die sich weniger intensiv damit beschäftigen, wie PR funktioniert.

Was aber, wenn die Beschreibung das umfassende Phänomen PR gar nicht trifft? Wenn auch PR-Menschen sich wie Journalist*innen verhalten, gar nicht verführen, sondern seriös und neutral berichten – und dabei dennoch interessensgeleitet kommunizieren? Es ist dann zunächst einmal noch schwieriger, PR und Journalismus auseinanderzuhalten, und zwar nicht nur für die Rezipient*innen, sondern auch für die Journalist*innen selbst.

Julia Stein wird wohl von sich behaupten, dem Paragraphen zu folgen. Dabei macht auch sie PR. Sie spricht im Interview als Vorsitzende für das Netzwerk Recherche, also für eine Interessensorganisation. Sie verteidigt im TV-Beitrag ihres Journalisten-Kollegen eine umstrittene Position, für die das Netzwerk sich stark macht. Ihre Kommunikation in diesem Zusammenhang ist interessensgeleitet, und dabei spielt es zunächst keine Rolle, dass dieses Interesse aus journalistischer Sicht eher nachvollziehbar und verdienstvoller erscheint als etwa die Gewinnmaximierung eines Pharma-Konzerns. Genauso irrelevant ist es, dass sie für ihr Engagement nicht bezahlt wird. Wichtig ist aber: Es wird deutlich, in welcher Funktion sie spricht, im Insert des Beitrags wird sie nicht als Journalistin, sondern als Vorsitzende des Netzwerks Recherche vorgestellt.

NDR_ZAPP_Beitrag

Freie Journalist*innen in der Kritik

Das Zugeständnis, dass man auch als Journalist*in in durchaus verschiedenen Rollen öffentlich auftreten kann, fällt Freien gegenüber offenbar schwerer. Bei den Diskussionen scheint es oft so, als richte sich die Forderung vor allem an sie – weil die sich auch am häufigsten dagegen wehren. Immer mehr übernehmen PR-Aufträge parallel zu ihrer journalistischen Tätigkeit, um bei der schlechten Bezahlung der journalistischen Arbeit ihren Lebensunterhalt überhaupt noch finanzieren zu können. In der Diskussion bei Netzwerk Recherche wurde ihnen empfohlen, andere Jobs anzunehmen.

„Warum muss es ausgerechnet PR sein? Kann man nicht putzen oder kellnern?“
Tom Schimmeck, Netzwerk Recherche

Mal abgesehen davon, dass das in den Ohren von hochqualifizierten und vielfach unterbezahlten Journalist*innen nur zynisch klingen kann: Ich hoffe, man hat in diesem Zusammenhang auch darüber gesprochen, ob bei einem Festhalten am Punkt 5 des Kodex nicht parallel ergänzt werden sollte: Verlage und andere Arbeitgeber im Journalismus bezahlen freie Mitarbeiter*innen angemessen ihrer Ausbildung und ihres Aufwands.

Aber das Problem der Abgrenzung von PR und Journalismus betrifft ja nicht nur freie Journalist*innen. Auch Festangestellte machen PR – nur ist das nicht immer so offensichtlich. Weitere Beispiele:

  • Zum 20. Geburtstag von tagesschau.de berichtet das Online-Nachrichtenportal in diesem Sommer umfangreich über seine eigene Geschichte. Auch in den Nachrichtensendungen im Fernsehen erscheinen Beiträge. Ein klassischer Fall von Jubiläums-PR, umgesetzt von den ARD-Journalist*innen. Vier Beiträge zum Thema erscheinen auf der Startseite von tagesschau.de am Geburtstag.

    Es ist durchaus kein Einzelfall, dass die ARD und auch das ZDF ihre eigenen Kanäle für Eigen-PR nutzen. Und es sind die bei den Anstalten angestellten Journalist*innen, die diese umsetzen und den Platz im Programm dafür einplanen – in einem Umfang, den man einem Jubiläum in anderen Fällen niemals zugestehen würde.

  • Ein weites Feld sind die Beilagen, die Zeitungen produzieren, um für Anzeigenkunden ein „redaktionelles Umfeld“ zu schaffen. Auch hier sind die Grenzen zwischen PR und Journalismus fließend, umso mehr, wenn die Inhalte von Journalist*innen produziert werden, die auch den journalistischen Teil des Mediums verantworten – was immer wieder vorkommt.
  • Journalisten machen regelmäßig PR für eigene Bücher, Veranstaltungen, bei denen sie auftreten, oder für ihre Seminare – unter anderem über ihre Social-Media-Kanäle. Vermutlich schicken sie als Autor*innen auch Rezensionsexemplare an Kolleg*innen – und unterstützen damit aus eigenem Interesse die Buch-PR des Verlags. Das ist verständlich, grundsätzlich nicht verwerflich – aber es ist eben PR. Viele weisen deshalb mit einem Disclaimer darauf hin: „In eigener Sache“.
  • Fest angestellte Journalist*innen moderieren Diskussionsrunden oder Veranstaltungen, mit denen ein Auftraggeber sich in der Öffentlichkeit positioniert. Die Veranstalter profitieren vom bekannten Namen des Moderators/der Moderatorin sowie von der Seriosität des Mediums, für das sie oder er arbeitet.

Wer macht hier PR?

Auf einer höheren Ebene greifen die Systeme längst ineinander. Advertorials gehören seit Ewigkeiten zum festen Geschäftsmodell von Verlagen – sie werden im besten Fall gekennzeichnet, erscheinen aber in einem journalistischen Medium, das ein Chefredakteur oder eine Chefredakteurin verantwortet. Alle größeren Medienhäuser haben inzwischen ihre eigene Corporate Publishing Agenturen gegründet, die von der Stärke und Strahlkraft der journalistischen Marke profitieren: zum Beispiel Gruner + Jahr, der Süddeutsche Verlag und auch der ZEIT-Verlag. Sie holen sich ihren Teil des großen Kuchens Content Marketing, das der Autor einer Studie der Otto-Brenner-Stiftung, Lutz Frühbrodt, als „Sargnagel des Journalismus“ bezeichnet. Kann man da freien Journalist*innen als Kleinstunternehmen vorhalten, dass sie neben journalistischen auch PR-Auftraggeber zu ihren Kunden zählen? Und so konsequent die Trennung aus journalistischer Sicht sicherlich ist: Ist es nicht auch schräg, wenn der ZEIT-Verlag mit seinem Jugendmagazin ze.tt über Native Advertising Geld verdient, aber freie Journalist*innen, die die Beiträge produzieren, deshalb nicht für DIE ZEIT als Journalist*innen schreiben dürfen?

Die entscheidende Frage ist wohl weniger, ob Journalist*innen PR machen, sondern eher, wie sie es machen. Hier ist Transparenz das entscheidende Kriterium. Sie garantiert, dass ich als Leser/in oder Zuschauer/in erkennen kann, ob ein Beitrag journalistisch ausgerichtet ist und zum Ziel hat, möglichst objektiv zu informieren, oder aus einer interessensgeleiteten Position heraus veröffentlicht wird. Im besten Fall halten sich beide Seiten daran, das klar zu kennzeichnen – Journalismus und PR.

Es erfordert einiges von allen Beteiligten, diese Transparenz immer wieder einzuhalten – vor allem ein klares Bewusstsein über die jeweils eigene Rolle. Viele freie Journalist*innen machen sich intensiv Gedanken darüber, wie sie damit umgehen können und entwickeln eigene Strategien. So schreibt zum Beispiel die Journalistin Silke Burmester unter Pseudonym, wenn sie PR-Aufträge übernimmt, wie sie bei einer zurückliegenden Veranstaltung von Netzwerk Recherche berichtete. Nicht, um ihre PR-Aufträge geheim zu halten – sie macht kein Geheimnis daraus. Sie trennt ihre beiden verschiedenen Rollen und damit klar die PR-Texte von denen, die sie als Journalistin unter ihrem eigenen Namen veröffentlicht. Andere Journalisten berichten, dass sie nicht über Themen schreiben, in deren Umfeld sie PR-Aufträge annehmen. Konsequent ist das kaum einzuhalten, da immer entscheidend ist, wie weit der Begriff „Thema“ zu fassen ist. Unter dieser Vorgabe ist es aber nicht mehr möglich, für journalistische Beiträge beim Medium und beim PR-Auftraggeber doppelt abzukassieren.

Gut, wenn die Diskussion weitergeht

Die Diskussion um die Trennung von PR und Journalismus wird und darf nicht aufhören. Beide Kommunikationssysteme entwickeln sich weiter, rücken näher zusammen. Umso größer muss das gesellschaftliche Interesse sein, dass Autor*innen ihre Position transparent machen und Rezipient*innen nachvollziehen können, wer gerade spricht. Und um es noch einmal klar zu betonen: Es wäre in einem guten Leben für den Journalismus, für die PR und für das Publikum wünschenswert, dass Journalist*innen keine PR machen (müssten).

Am Ende hat es aber gerade deshalb vielleicht auch etwas Gutes, dass das Netzwerk Recherche den Paragraphen 5 nicht ändert, sich auch in Zukunft bestimmt immer wieder Betroffene daran reiben werden und damit das Thema auf der Agenda bleibt.

Mehr dazu:

Prof. Lutz Frühbrot (s.o.) fasst die Diskussion bei der Jahrestagung zum Leitsatz zusammen: Journalisten machen keine PR. Sie gehen putzen.

Das Medienmagazin ZAPP berichtet über die Diskussion – im Interview u.a. die nr-Vorsitzende Julia Stein und die Studentin Daniela Friedrich.

Botox für den Kodex – Alternativentwurf der Hamburger Studierenden mit Kommentaren aus der Diskussion.

Macht Haltung aus Journalisten Aktivisten?

Die Rede des amerikanischen Journalisten Glenn Greenwald beim Jahrestreffen des Chaos Computer Clubs in Hamburg hat seit gestern eine Diskussion um die allgemeine Rolle von JournalistInnen ausgelöst. Greenwald hatte Anfang Juni die ersten Dokumente aus den Händen Edward Snowdens zu den NSA-Überwachungsaktivitäten veröffentlicht. In seiner Hamburger Rede attackiert er die NSA und die US-Regierung.

Ein Kommentar auf Zeit online von Kai Biermann und Patrick Beuth hat den Anstoß  für die Debatte um das Selbstverständnis von Journalisten gegeben. Die beiden Autoren sehen eine Grenze überschritten, wenn Greenwald von den anwesenden Hackern und sich im einvernehmlichen „wir“ spricht.

„Kann jemand gleichzeitig Journalist und Aktivist sein? Der eine soll beobachten und beschreiben, der andere soll kämpfen und überzeugen. Beide haben unterschiedliche Rollen und das aus gutem Grund.“

Eine Gegenposition entwickelt dazu Ole Reißmann in einem Beitrag auf Spiegel online:

„Im Prinzip sagt Greenwald nur, was heute jeder Journalistenschüler lernt: Niemand ist völlig neutral, immer spielt der eigene Hintergrund und die eigenen Erfahrungen eine Rolle bei den Entscheidungen darüber, was in welcher Form berichtet wird. Greenwald geht damit offensiver um als viele seiner Kollegen: Nachdem er die Fakten geprüft hat, in aller Fairness, entwickelt er eine klare Haltung.“

So hat Greenwald, der sich selbst zu der Debatte via Twitter äußerte, nachzulesen in einem storify, eine grundlegende Frage für den Journalismus aufgeworfen. Was macht die Rolle von Journalisten aus? Ist sie/er Verwalter/in von Informationen, liefert  Fakten und überlässt die Meiungsbildung den Rezipientinnen und Rezpienten? Oder machen sich Journalisten in einer guten Berichterstattung selbst für eine Sache stark? Sind Journalisten, die sich von der Illusion der neutralen Beobachtung verabschiedet haben, automatisch Aktivisten, wie Greenwald in einem Tweet antwortet?

Problematisch finde ich es, Journalismus, der Haltung und Subjektivität erkennen lässt, gleichzusetzen mit einem Journalismus, der sich die Ziele von Aktivisten zu eigen macht. Eine Aktivisitin, ein Aktivist verfolgt ein politisches Ziel, das zu erreichen die Intention des Handelns ist. Andere Ziele stehen dahinter zurück. Im Zweifelsfall halten Aktivisten Informationen konsequenterweise zurück, wenn sie ihr Ziel behindern könnten. Journalisten sollten als oberste Maxime die freie Meinungsbildung als ethische Richtlinie sehen – und damit einen Schritt hinter dem politischen Aktivismus bleiben. Dass Journalisten selbst als Mensch mit Haltung und persönlicher Meinung sich dabei nicht zurücknehmen, im Gegenteil auch zu erkennen geben, ist für mich selbstverständlich und ein Gebot der Transparenz.

Politischer Aktivismus nutzt Öffentlichkeitsarbeit und damit verbunden klassische PR-Instrumente, um möglichst viele Anhänger für ihre Sache zu gewinnen. Können Journalisten, die zu Recht auf einer strikten Trennung von PR und Journalismus beharren, sich gleichzeitig als Aktivisten sehen? Ich glaube nein.

Was die Trennung zwischen Aktivismus und Haltung im Fall von Greenwald jedoch wieder komplexer macht, ist der Gegenstand dieser speziellen Debatte. Es geht in seinem Engagement in der NSA-Affäre um den Protest gegen das Ausspähen privater Daten, deren Schutz unter anderem die Grundfeste journalistischer Arbeit berührt. Die Überwachung mit Ausspähungsprogrammen ist ein Angriff auf die Presse- und Informationsfreiheit und bedroht damit eines unserer Grundrechte. Greenwald und viele andere Journalisten, die seine Ansichten unterstützen und sich dabei als Aktivisiten verstehen, machen sich nicht mit irgendeiner Sache gemein. Es geht nicht zuletzt auch um den Schutz ihrer eigenen Arbeit. In diesem Falle dient ihr Engagement der freien Meinungsbildung. Ich halte es für legitim, dass hier ein Rollenwechsel stattfindet und Journalisten zu Aktivisten werden.

So lässt sich für mich in dieser Debatte kaum eine eindeutige Antwort finden. Es zeigt sich, dass der auch in dieser Diskussion viel zitierte Ausspruch des Journalisten Hans Joachim Friedrichs als Richtlinie zu einem ethischen Handeln im Journalismus nicht weiter hilft.

„Einen guten Journalisten erkennt man daran, dass er sich nicht gemein macht mit einer Sache, auch nicht mit einer guten Sache.“ (Hans Joachim Friedrichs)

Letztlich stehen Journalisten vor einer Gewissensentscheidung, die von Fall zu Fall neu getroffen werden muss. Sie müssen abwägen, ob es um singuläre Interessen einer Partei, eines Verbandes, einer politischen Bewegung oder ob es um die Verletzung von ganz Grundsätzlichem – von Menschenrechten – geht.

Update 21.51 Uhr:
1. Der Journalist Daniel Bröckerhoff hat einen Beitrag zur Debatte geschrieben, der in eine ähnliche Richtung geht – und führt am Ende seines Posts weitere Beiträge zur Diskussion auf. Lesenswert.

2. Jochen Werner, Chefredakteur von Zeit online, hat heute ebenfalls einen Kommentar zu der Debatte verfasst und unterstützt darin die Auffassung, dass Journalisten niemals Aktivisten sein sollten. In seinem Idealbild vom Journalismus schreibt er einen Satz, der vielleicht noch einmal der Ausgangspunkt für einen weiteren Beitrag hier im Blog sein könnte:

„Journalisten arbeiten, frei nach Popper, mit Freude an der Falsifizierbarkeit ihrer Erkenntnisse und finden eine angemessene Darstellung für das, was sie zu wissen glauben und auch für das, was sie nicht wissen.“

Was wäre das schön!

Shitstorm-PR-Gag: Pseudo-Kampagne gegen Obdachlosigkeit

Die Agentur www.caveman.de machte Ende März mit einem skurrilen Angebot auf sich aufmerksam: Sie behauptete, für Kunden professionell aufgemachte „shitstorms“ zu lancieren. Am 31.3. wurde über diese Offerte im Feuilleton der ZEIT berichtet. Ich hatte es vorher irgendwo auf Twitter gelesen. Man musste das Ganze für einen verfrühten Aprilscherz halten, und einige haben es auch so kommentiert.

Nach Ostern legte der Agenturchef Oliver Bienkowski noch einen drauf, behauptete, Obdachlose für die Umsetzung dieser shitstorms als „Partner“ engagiert zu haben. Er wolle die Wohnungslosen damit von der Straße holen. Damit schafft er es am Freitag sogar auf die erste Seite des Feuilleton der Süddeutschen Zeitung – Bernd Graff geht dem Agenturchef in einem fast halbseitigen Interview auf dem Leim. Das ist inzwischen online nicht mehr verfügbar. Wer den Beitrag gelesen hat, war nicht mehr überrascht, dass dann am Tag der Veröffentlichung herauskam: Alles nur ein PR-Gag. Zerknirscht gibt SZ-Feuilleton-Chef Andrian Kreye in der Print-Ausgabe der SZ am Samstag und auf jetzt.de zu: Hereingefallen.

Mich wundert die naive Herangehnsweise der Journalisten, die darüber ohne zu zweifeln berichtet haben. Wenn eine Agentur für Guerilla-Marketing so eine Geschichte lostritt, müssten doch alle Alarmglocken hochgehen. Das ist die eine Seite. Verlogen finde ich allerdings die Behauptung, das Ganze sei eine Aktion gewesen, mit der man dem Thema Obdachlosigkeit mehr Platz in den Medien habe verschaffen wollen. Und sehr erstaunlich, dass kaum einer der Gehörnten Bezug darauf nimmt, wie anmaßend diese Darstellung der Agentur ist. Gerade von Kreye hätte ich mir gewünscht, dass die fadenscheinige „Auflösung“ dieses PR-Gags dann doch noch mal hinterfragt würde. So ist in der Auflösung des Gags von Oliver Bienkowski zu lesen:

„Jetzt nutzen wir unsere erprobten Mechanismen und Hebel der Medienmanipulation um ein Thema aufzuzeigen und wieder zur Diskussion zu bringen, welches uns besonders am Herzen liegt: Obdachlose Menschen und das grassierende Wohnungsproblem in deutschen Städten sollten noch mehr ins Tageslicht und so auf die Titelseiten gerückt werden.“

Man will das Ganze also als Kampagne gegen Obdachlosigkeit verkaufen. Der Agenturchef stellt sich als engagierten Menschen vor, hat sich schon andernorts  für Menschen ohne festen Wohnsitz stark gemacht, sogar einen Preis gewonnen. Mit der Auflösung veröffentlicht er ein Foto, das ihn vor der Bahnhofsmission Düsseldorf mit einem Schild zeigt: „580.000 Obdachlose sind eindeutig zu viel“.

Die Darstellung von Oliver Bienkowski schließt süffisant:

„Wir bedanken uns bei allen Medienverlagen und Onlineredaktionen das Sie dem Thema Obdachlosigkeit für kurze Zeit einen Platz in der Berichterstattung eingeräumt haben.“ (die Rechtschreibung wurde hier von der Seite übernommen)

Das stimmt nicht. caveman hat sich für eine – wenn auch zweifelhafte – Bühne zu bedanken, die seiner Agentur und ihrem Angebot bereitet worden ist. Kostenlose PR in den Feuilletons bundesweiter Leitmedien und in Titeln der Kommunikationsfachpresse. Das Thema Obdachlosigkeit jedoch kommt in diesen Artikeln ja eigentlich gar nicht vor. Es wird höchstens gestreift, wenn es um die „Obdachlosen geht, die als „Partner“ die shitstorms beflügelt haben sollen. In keinem Satz wird das Problem der Wohnungsnot angesprochen. Es fehlen Hintergründe, Strukturen, die Obdachlosigkeit  verursachen. Und vor allem fehlen politische Forderungen, was dagegen zu tun wäre. Nicht einmal mit der Auflösung wird all das nachgeliefert. Ein paar Kekse in einer Bahnhofsmission zu verteilen, ist sicher nicht die Lösung.

Damit ist klar: Die Obdachlosen sind eigentlich nur das Feigenblatt, das dieser Aktion vorgehängt wird, um ihr eine Legitimation zu verschaffen. caveman wollte sich damit vor einen shitstorm schützen, der jetzt eigentlich angebracht wäre. Da nutzt eine Agentur die Armut, die oft ausweglose Situation anderer Menschen, um einen Aufhänger für eine Eigen-PR-Aktion zu haben. Wäre es Bienkowski ernst gewesen, so dürfte die Auflösung wohl weniger süffisant und triumphierend ausfallen, als sie jetzt zu lesen ist. Denn was wurde eigentlich für die Obachlosen erreicht? Sie geisterten ein paar Tage, ohne Namen, ohne Gesicht durch die Medien. Am Rande einer inszenierten Selbstdarstellung, als Tagelöhner, die man für ein paar Euro und ein bisschen etwas zu essen als Klick-Huren beschäftigen kann. Wenn das bei Lesern hängengeblieben ist: Soll das etwa ein Erfolg sein?

Und: Es gab und gibt ja durchaus Berichte über das Thema Obdachlosigkeit in den Medien. Mit konkreten, anschaulichen Beispielen, die sehr nah herangehen an das Problem. Mit differenzierten Analysen, die Hintergründe dieses Missstands aufzeigen. Mit engagierten Kommentaren, die Lösungen vorschlagen. Wäre es der Agentur caveman wirklich darum gegangen, Obdachlosigkeit zu thematisieren, hätte sie besser Magazine wie Hinz und Kunzt aus Hamburg unterstützt. Die engagieren sich seit vielen Jahren im Kampf gegen Obdachlosigkeit, schreiben, fordern, helfen. Und sie schaffen es immer wieder, dass betroffene Menschen irgendwann nicht mehr auf Hilfe angewiesen sind.

Nachtrag: Die Aktion funktioniert übrigens nach dem gleichen Schema wie die inszenierte Kampagne „Sauberes Hamburg“. In Jungle World ist der Kommentar zu lesen, den ich beim aktuellen „PR-Gag“ von den Medien vermisst habe.