Nachdenken über das Nachrufen – anlässlich Schirrmacher

Es ist bekannt, dass von betagten oder auch schwer kranken Menschen die Nachrufe bereits in den „Schubladen“ der Agenturen und Redaktionen liegen. Als am Donnerstag die Nachricht über den plötzlichen Tod Frank Schirrmachers die Medienwelt erschütterte, waren diese Schubladen leer. Niemand hatte damit gerechnet. Und doch: Nur Stunden nach der Nachricht erschienen die ersten Nachrufe. Das war zu erwarten, und das Gegenteil hätte verstört – was durchaus wünschenswert gewesen wäre. Nur wenige konnten oder durften es aushalten, ihrem Text und damit dem Verstorbenen die Zeit zu schenken, die das Schreiben brauchte. Stefan Niggemeier veröffentlichte erst am Samstag seine Erinnerung an Frank Schirrmacher. Bezeichnenderweise kündigt er sie mit „Kein Nachruf“ an:

Die Konvention des Nachrufs kann man schon mal in Frage stellen – in diesem Fall, bei der Fülle an Texten, drängt es sich für mich auf. Denn ist es nicht auch eine Art Enteignung, die hier vorgenommen wird? Ein Mensch wie Schirrmacher, der sich seines öffentlichen Bildes sehr bewusst gewesen sein wird, ist präsenter als je zuvor in dem Moment, in dem er keinerlei Einfluss mehr darauf hat. Es entsteht ein Bild von seiner Person, das sich aus vielen Fremdbildern zusammensetzt: Individuelle Beobachtungen mischen sich mit persönlichen Erfahrungen, Reaktionen auf öffentliche Erwartungen, Interpretationen, Psychologisierungen, Zuschreibungen und im schlimmsten Fall mit Selbstdarstellungen der Nachruf-Autoren. Und daraus ergibt sich nun der letzte große Auftritt dieser öffentlichen Person. Durchsetzt von Dokumenten seiner journalistischen Produktion, Interviews, Fernsehauftritten – immerhin.

Rekonstruktion einer Persönlichkeit

Ich habe Frank Schirrmacher weder persönlich gekannt, noch gehörte ich zu seinen großen Anhängerinnen. Dennoch hat mich das Plötzliche seines Todes berührt. Vielleicht weil ich wenig über ihn wusste, habe ich fast alle Nachrufe, die mir in die Finger kamen, gelesen. Mit großem Interesse habe ich mir sein letztes Interview angesehen, in dem er mit einer Journalistin für die NDR-Sendung ZAPP auch über seine Rolle als Journalist spricht: Meine wachsende Neugier reicht über den Menschen Schirrmacher hinaus. Wie wohl die meisten von denen, die sie geschrieben haben, habe ich mir vorgestellt, was er selbst zu den Nachrufen auf Frank Schirrmacher gesagt hätte. Mit seinem analytischen Feinsinn hätte er sicher die verschiedenen Absichten herausgelesen. Er hätte vermutlich erkannt, welche Autorinnen und Autoren bemüht sind, ein Bild von ihrem Kollegen, Freund oder auch Widersacher zu zeichnen. Er hätte sie unterschieden von denen, die den Nachruf zur Selbstdarstellung nutzen und eine Beziehung zu ihm reklamieren, die in Wirklichkeit vielleicht weniger intensiv war, als es der Akt des Nachruf-Schreibens suggeriert. Wäre er berührt gewesen von denen, die im öffentlichen Schreiben vor allem ihr Unverständnis, ihren Protest und ihre Trauer angesichts des plötzlichen Tods und des Verlustes eines für sie wertvollen Menschen zum Ausdruck bringen?

Nachruf als Monolog

Das FAZ-Feuilleton vom Wochenende und auch die FAS verbindet sehr eindrückliche Nachrufe mit Dokumenten und Beiträgen von Schirrmacher selbst. Alleine diese Mischung ist ein guter Ansatz, und einige der Autorenbeiträge sind sehr lesenswert. Konsequent finde ich, dass die FAZ den Nachruf Schirrmachers auf Marcel Reich-Ranicki noch einmal veröffentlicht. Hier formuliert er selbst, wie problematisch ein Nachruf für den ist, der ihn schreibt:

„Es ist unmöglich, so zu tun, als könnte man ihm trauernd abgeklärt nachrufen.“

Dieser Text vermittelt zumindest eine Ahnung davon, welchen Nachruf er sich vielleicht für sich gewünscht hätte, und vermutlich wäre er nicht unzufrieden gewesen mit dem, was in der FAZ zu lesen ist. Was fehlt ist, nicht mehr einzuholen: die Replik des Mannes, der seine Zeitung zu einem Ort angeregter Debattenkultur gemacht hat. Seine letzte Debatte findet nicht statt.

Zwischen Pietät und Authentizität

Man könnte sich über die Nachrufe Schirrmachers zum Nachdenken über Alternativen anregen lassen. Denn es ist für fast alle Autoren ein problematischer Text: „Ich hab mir nun jetzt gedacht, statt Schlingensief was nachzurufen, ihn hervorzurufen“, sagt Dietrich Kuhlbrodt in seinem Text über Schlingensief und erinnert sich an einzelne Begegnungen mit dem Verstorbenen. Gibt es andere Formen? Muss uns „de mortuis nil nisi bene“ wirklich dazu anleiten, über die Toten nur Gutes zu schreiben? Oder sollten wir mit unseren Texten dem verstorbenen Menschen vielmehr möglichst  nahe kommen, versuchen, ihn in all seinen Facetten darzustellen? Dann schließt sich die nächste Frage an: Wie wird man mit einem Text einem Menschen gerecht? Müsste man nicht sehr unterschiedliche Formen für Nachrufe finden, so wie auch die Menschen unterschiedlich sind? Lässt sich ein Mensch in eine so stark konventionalisierte Textform pressen? Wie lassen sich die Ansprüche von gebotener Pietät und dem Wunsch nach „Authentizität“ bei der Beschreibung eines Menschen in einem Text zusammenbringen?

Alternativen zur Konvention

Einen Schritt weiter führt die Überlegung, warum wir Texte über Menschen nicht schreiben und veröffentlichen, so lange sie noch leben. Als zum 90. Geburtstag von Helmut Schmidt alle Medien voll von Berichten über sein Leben und politisches Wirken waren, gab es kritische Stimmen. Er sei ja noch nicht tot. Aber eines ist klar: Jeder der Autorinnen und Autoren, die zu diesem Geburtstag Texte über Helmut Schmidt geschrieben haben, taten dies im Bewusstsein, dass er sie lesen könnte. Das hat ihr Schreiben geprägt. Und vielleicht war das gut so. Das Vorschreiben von Nachrufen, die posthum erscheinen, erschiene mir weniger problematisch, wenn wir die Texte aus den Schubladen herausholten und sie den noch Lebenden vorlegen. In der Umsetzung könnte das zwar schwierig werden. Ich konfrontiere die Porträtierten mit der Möglichkeit ihres Todes – ohne zu wissen, ob er oder sie das überhaupt möchte. Für die, die es ertragen, die das Thema Tod nicht tabuisieren, könnte es aber ein interessantes Experiment sein. Es hätte den schönen Nebeneffekt, dass alle, denen diese wunderbaren Texte gewidmet sind, sie noch lesen könnten. Ich könnte mir einen solchen „Nachruf“ auch als Interview vorstellen, als Dialog, der veröffentlicht wird, wenn ein solcher nicht mehr möglich ist. Julia Seeliger hat offenbar einen ähnlichen Gedanken gehabt und in ihrem Blog daraus eine gute Idee entwickelt: Sie verfasst mit „König seiner selbst“ einen berührenden Nachruf auf einen noch sehr lebendigen Menschen. „Wir sollten alle regelmäßig Nachrufe auf alle unsere noch lebenden Bekannten schreiben, um uns ihrer Bedeutung für uns zu vergegenwärtigen“, sagt Julia Seeliger – und hat Recht. Von den vielen Sätzen, die ich zum Tod von Frank Schirrmacher gelesen habe, haben sich die abschließenden aus dem Nachruf von Nils Minkmar, des leitenden Redakteurs des FAZ-Feuilletons, bei mir eingebrannt. Ich habe über Frank Schirrmacher in den letzten Tagen in den Nachrufen vielleicht einiges erfahren. Ich vermute, dieser Satz hätte ihm gefallen.

„Nun sitzen wir vor pervers stillen Mobiltelefonen, so unglücklich. Er hätte gesagt: „Kopf hoch“. Leichter gesagt als getan.“

Offen bleibt für mich: Was hätte er zu diesem Satz gesagt, der den obigen vorangeht?

„Man muss sich Frank Schirrmacher als glücklichen Menschen vorstellen.“

Nachtrag, 15.6.: Gerade entdeckt, dass Frank Lübberding eine Linkliste mit Nachrufen zusammengestellt hat. Der Text dazu enthält den Hinweis, dass die Zahl in analogen Zeiten überschaubarer geblieben wäre. Ich halte es trotz aller Skepsis gegenüber der Textsorte oder gerade deswegen für gewinnbringend, dass es so viele sind.

2. Nachtrag 17.6.: Ohne Bewertung empfehle ich zur Lektüre den nachträglich gelesenen Nachruf von Michael Seemann (mspro).

3. Nachtrag 2.9.: Und wieder eine Fundstelle: In der Berliner Zeitung erschien am 7.11. 2013 ein Bericht über Christiane zu Salm, ehemalige Medienmanagerin, die ehrenamtlich als Sterbebegleiterin arbeitet. Für ihr Buch „Dieser Mensch war ich. Nachrufe auf das eigene Leben“, Goldmann Verlag 2013, diktierten ihr Menschen kurz vor ihrem Tod, was für sie gezählt hat in ihrem Leben. Christiane zu Salm hat aus diesem Material Nachrufe verfasst – freigegeben von den Menschen, die ihren Tod unmittelbar vor Augen hatten.

„Manchmal spüren wir bei Begräbnissen, dass der Verstorbene für den Redner ein Fremder war. Die Menschen aus dem Buch wünschen sich, dass ihre Nachrufe am Grab verlesen werden. Vielleicht werden sich nun mehr Menschen wünschen, das letzte Wort zu bekommen, wenn sich die Nahestehenden zum Abschied versammeln.“ (Berliner Zeitung)