„Geht alles gar nicht!“ Zwei müde Väter zur Vereinbarkeit

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Foto: Rowohlt

„Wir sind permanent müde, haben Ringe unter den Augen und schlafen schlecht“ (Marc Brost, Heinrich Wefing)

Es ist ein gutes halbes Jahr vergangen, seit die beiden Journalistinnen Britta Sembach und Susanne Garsoffky die „Alles-ist-möglich-Lüge“ entlarvt haben und mit ihrem erfolgreichen Buch analysierten, wo es ihrer Meinung nach hakt bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Jetzt legen zwei Männer nach, die als Väter ebenso desillusioniert zu dem Fazit kommen: „Geht alles gar nicht“. Marc Brost und Heinrich Wefing sind ebenfalls Journalisten, beide bei der ZEIT. Anders als die beiden Autorinnen haben sie ihren Job jedoch trotz des erlebten Scheiterns offensichtlich weder gekündigt, noch haben sie ihre Arbeitszeit reduziert. Geht das in ihrem Job gar nicht? Brost ist Leiter des Hauptstadtbüros, Wefing arbeitet in der Redaktion Politik.

Geschichten von Vätern

Beide hatten bereits Anfang letzten Jahres in der ZEIT über ihre eigene Zerrissenheit berichtet, von der Unmöglichkeit, ihre Rollen als aktive Väter, aufmerksame Partner und engagierte Arbeitnehmer auf einen Nenner zu bringen. „Geht alles gar nicht“ ist aber mehr als nur die Langversion ihres viel zitierten journalistischen Beitrags. Brost und Wefing haben sich umgehört, ausgehend von ihren eigenen desillusionierenden Erfahrungen mit anderen Vätern gesprochen. Grundsätzlich ein guter Ansatz, der die beiden von dem Verdacht befreit, hier hätten zwei Akademiker ihre persönliche Befindlichkeit zum gesellschaftlichen Missstand erhoben. Sie präsentieren allerdings keine einzige Familie, die in den Augen der beiden Autoren als Vorbild dienen dürfte. Aber so soll es eben sein: Geht ja auch alles gar nicht.

Gesellschaftliche Rahmenbedingungen für die Unvereinbarkeit

Ausgehend von diesen persönlichen, vielseitigen Geschichten skizzieren Brost und Wefing die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, die dazu führen, dass Frauen wie Männer sich heute permanent überlastet fühlen, sobald sie versuchen, Beruf und Familienleben zu vereinbaren. Viele Studien zitieren sie dafür und holen weit aus, um zu zeigen, was das Dasein für Familienväter und beruflich erfolgreiche Menschen aus ihrer Sicht so anstrengend macht: Sie leiden im Alltag einer durch Globalisierung und Digitalisierung beschleunigten Gesellschaft. Sie sehen sich verschiedenen und neuen Rollenerwartungen konfrontiert, für die die Vorbilder fehlen. Sie fühlen sich bedrängt, weil die Arbeit immer mehr in unser Privatleben drängt. Und sie kämpfen mit dem Perfektionismus der modernen Väter. Ihren eigenen Handlungsspielraum erleben die Autoren unter diesen Voraussetzungen offensichtlich als nicht existent: Handy am Wochenende ausschalten? Geht ja gar nicht. Im Hamsterrad blickt man immer nur auf die nächste Stufe:

„Und ob es dringend ist, entscheidet nur einer: dein Chef. Deswegen ist es auch eine Illusion zu glauben, du könntest das Smartphone übers Wochenende einfach mal ausschalten. Denn was würde geschehen? Du hättest zwar zwei Tage Ruhe. Deine Kollegen aber würden weitermailen, sie würden sich gegenseitig mit Ideen bombardieren, und dein Chef würde ständig neue Projekte anregen.“ 

Die Folgen seien fatal: permanente Überforderung in Job und Familie, erschöpftes Schweigen in der Partnerschaft und immer mehr Paare, die genau deshalb keine Kinder mehr wollten.

„Vereinbarkeitslügner“

Wer unter diesen Voraussetzungen noch die Vereinbarkeit propagiere, lüge, so die Autoren: die Arbeitgeber, die Politik und auch einige Frauen. Besonders mit der Familienpolitik gehen sie dabei zu Recht hart ins Gericht, wie auch schon Britta Sembach und Susanne Garsoffky in ihrem Buch. Gut und wichtig, dass auch sie hier die Schwachpunkte und Absurditäten – allen voran das Ehegattensplitting – klar benennen. Kann man gar nicht oft genug sagen und schreiben, so empörend ist das. Wer aber in diesem Kapitel noch fehlt, ist eine bestimmte Kategorie von Männern. Solche, die sich denken, „wird schon irgendwie gehen“ – wenn sie ihren Nachwuchs planen. Männer, die sich das theoretisch alles gut vorstellen können: toller Job, erfolgreiche Partnerin und dann auch noch Kinder, die man beim Aufwachsen begleiten möchte. Männer, die nichts in ihrem Leben ändern wollen und erst wach werden, wenn sie dann wirklich Väter sind, um erschöpft festzustellen: „Geht alles gar nicht“. Man hat den leisen Verdacht, ein wenig so könnte es auch bei den Autoren selbst gelaufen sein. Und vielleicht ist es einfach eine irrige Vorstellung von Vereinbarkeit, an der Brost und Wefing sich abarbeiten, aber zu diesem spannenden Punkt kommen die zwei dann leider nicht mehr. Sie stecken ihre Grenzen klar ab:

„Wenn wir ehrlich sind, ganz ehrlich, wollen wir keine Abstriche machen.“ 

Ein zentraler, aufrichtiger und der wohl wichtigste Satz im Buch. Man muss ihn sich vor Augen halten, um das schräge bis ärgerliche Kapitel „statt einer Lösung“ am Ende zu verstehen, in dem die Autoren versuchen zu erklären, warum ihre scharfe Analyse für ihren Alltag keine weiteren Konsequenzen haben wird. Denn die Ursachen für das, was ihnen das Leben schwer macht, liegen für Brost und Wefing außerhalb dessen, was sie beeinflussen könnten.

„Die Kräfte, die da draußen am Werk sind, übersteigen die Macht des Einzelnen“.

Aber wo, wenn nicht zuerst bei sich selbst, könnte man wohl ansetzen, um etwa der als Fessel empfundenen Beschleunigung zu entkommen? Und kann man es wirklich einfach so hinnehmen, dass dieses eine Leben mit Kindern, das ja nun unwiederbringlich ist, zur „Hölle“ wird? Kaum zu glauben, dass da nicht einmal die Frage aufkommt, was man selbst ändern müsste, damit „die Arbeit ins Leben passt und nicht umgekehrt“ (Marcus Flatten, Weihnachtskarte 2014 von „Mann beißt Hund“).

Warten auf den gesellschaftlichen Wandel

Brost und Wefing haben sich für das Hoffen und Warten auf morgen entschieden. Darauf, dass sich in einigen Jahren ein gesellschaftlicher Wandel vollzogen haben wird. Ihren eigenen Anteil sehen sie darin, die Geschichten ihres eigenen Leidens zu erzählen. Später wollen sie einmal ihren Enkeln davon berichten – für sie offensichtlich eine versöhnliche Vorstellung und Motivation genug, dieses Buch geschrieben zu haben. Dafür haben sie „auf einen Spaziergang im Morgennebel und das Lesen eines Romans“ verzichtet, sind morgens „noch ein paar Stunden früher aufgestanden“. Spätestens hier wird klar: Es ist nicht der Ansatz der beiden, gesellschaftliche Entwicklungen, deren Notwendigkeit sie klar erkennen, durch ihr eigenes Handeln voranzutreiben. Revolution von unten ist nicht ihre Sache. Sie wollen ihren Job nicht schmeißen, sagen sie. Das ist nachvollziehbar. Dass man jedoch auch im eigenen System Veränderungen einfordern und vorleben könnte, nicht zuletzt aus Solidarität mit den Frauen sogar müsste, scheint nicht einmal einen Satz oder eine Überlegung wert. Und genau das ist ärgerlich. Denn die müden Männer, die sich aufgerafft haben, ihr Leid niederzuschreiben, machen am Ende doch nur das, was so viele andere, viel weniger moderne Väter auch tun: Sie arbeiten mit Kindern so weiter, als habe sich nichts verändert in ihrem Leben. Abstriche zu machen, berufliche Veränderungen anzuschieben, bleibt meistens den Frauen überlassen. In gewisser Weise betreiben sie damit sogar eine Sabotage am gesellschaftlichen Wandel. Und sind damit keineswegs alleine: Gerade in dieser Woche meldet das Statistische Bundesamt, die Zahl der Männer, die bereit sind, Zeit mit ihrem Nachwuchs zu verbringen und dafür zumindest zeitweise im Job auszusetzen, habe sich sogar verringert. Im Schnitt bleiben die meisten Väter nur zwei Monate zuhause.

Wichtige Fragen erst gar nicht erst gestellt

Es ist gut und überfällig, dass hier endlich mal zwei Männer das Thema Vereinbarkeit aufgreifen. Und es ist hilfreich, dass sie beschreiben, dass auch sie unter den hohen Anforderungen von Job, Familie und Partnerschaft leiden. Aber das alleine reicht nicht aus, um von einem „Gleichberechtigungsbuch für Männer und Frauen“ sprechen zu können (Verlagswerbung).

Am Ende bleibt der Eindruck, hier wollten sich zwei aus ihrer selbst definierten Verantwortung frei schreiben. Wer so persönlich einsteigt, provoziert Fragen. Die Antworten fehlen: Haben Brost und Wefing zumindest darüber nachgedacht, haben sie versucht, ihre Arbeitszeit langfristig und entscheidend zu reduzieren? Selbst, wenn sie daran gescheitert sind: Gab es mal eine Diskussion darüber in der Redaktion? Könnte ein Büroleiter bei der ZEIT nicht bewirken, dass Mails an arbeitsfreien Tagen nicht zum Normalfall gehören? Welche Erfahrungen haben sie gemacht, als sie das Modell Jobsharing für ihre Position durchdekliniert haben? Fragen, die sich die Journalisten schon gefallen lassen sollten, wenn sie aus ihren eigenen Erfahrungen heraus schreiben. Aber sie umkreisen sie großzügig. Stattdessen tätscheln sie die überlasteten modernen Männer. Sie geben sich solidarisch mit den Frauen. Sie nehmen, ganz zu Recht,  Politiker und Unternehmern in die Pflicht. Aber – und da sind Buchtitel und vor allem das letzte Kapitel ja schon sehr ehrlich: Sie suchen nicht wirklich nach Lösungen, sondern haben sich offensichtlich erst einmal eingerichtet in der Unmöglichkeit der Vereinbarkeit.

Lässt sich Journalismus nicht mit Familie vereinbaren?

Neben all dem wirft das Buch noch eine ganz andere Frage auf. Ist es denn nun Zufall, dass innerhalb weniger Monate gleich zweimal erfolgreiche Journalistinnen und Journalisten aufgrund persönlicher, schmerzlicher Erfahrungen zu dem Schluss kommen, Eltern würden durch die Vereinbarkeitslüge getäuscht? Offensichtlich geht in einigen Redaktionen viel von dem, was in journalistischen Berichten und Kommentaren genau dieser Medien immer wieder gefordert wird, lange noch nicht. Und man scheint bei der ZEIT und auch in anderen Redaktionen doch weit hinter dem zurück zu liegen, was in ersten fortschrittlichen Unternehmen und Organisationen heute schon möglich ist. Nach offiziellen Aussagen gibt es bei der ZEIT und beim Springer-Verlag Teilzeitstellen für Redakteure, auch in leitenden Stellen. Eine Recherche, wie das in der Realität aussieht, steht noch aus. Aber es gibt auch hier Licht am Horizont: Die freie (sic!) Journalistin und Herausgeberin sowie Redakteurin des Missy Magazine Stefanie Lohaus hat zusammen mit ihrem Partner Tobias Scholz auch ein Buch geschrieben: „Papa kann auch stillen“. Ich bin durch die Rezension von Lisa Seelig bei Edition F darauf aufmerksam geworden, und es gibt auch eine Website zum Buch – gelesen habe ich es noch nicht. Das Paar berichtet von den Erfahrungen einer gleichberechtigten Partnerschaft, und scheint dabei die Hürden und Tücken genauso wenig auszulassen wie die notwendigen politischen Forderungen. Noch ist das „ein Experiment“. Für die, die wirklich Lust auf Kinder, Liebe und Beruf haben, scheint es das bessere Buch zu sein.

Marc Brost, Heinrich Wefing: Geht alles gar nicht. Warum wir Kinder, Liebe und Beruf nicht vereinbaren können. Rowohlt, 240 Seiten, ISBN 978-3-498-00415-6, als E-Book; eine Leseprobe.

Stefanie Lohaus, Tobias Scholz: Papa kann auch stillen. Wie Paare Kind, Job & Abwasch unter einen Hut bekommen. Goldmann, 224 Seiten, ISBN: 978-3-442-15831-7, als E-BookLeseprobe bei Edition F.

Für alle, die die Diskussionen zum Buch und zum Thema weiterverfolgen möchten, sammele ich hier weitere Rezensionen.habe ich hier einen Monat lang weitere Rezensionen gesammelt. Viele schätzen das Buch, weil es offensichtlich einen Nerv trifft, Wahrheiten ausspricht und vor allem einigen Männern aus der Seele zu sprechen scheint. Die, die „Geht ja alles gar nicht“ wie ich kritischer sehen, stören sich an der unpolitischen Haltung der Autoren und immer wieder auch am larmoyanten Ton. Ich empfehle zur Lektüre den Beitrag im Blog von Thomas Zimmermann (7.4.) und in der SZ von Verena Mayer (20.4.).

Was mich bei der Rezeption nach den ersten Wochen am meisten wundert: Selbst die, die im Buch als „Vereinbarkeitslügner“ mit verantwortlich gemacht werden, empfehlen das Buch weiter. Wer fühlt sich eigentlich angesprochen von der Kritik, die hier doch recht deutlich wird? Brost und Wefing beschreiben ihr Leben als „Hölle“, weil sie sich aufgerieben fühlen zwischen Beruf und Familie. Was macht ihr Arbeitgeber? DIE ZEIT druckt ein Kapitel ab. Ohne Kommentar. Eher stolz, so scheint es. Heiko Maas empfiehlt das Buch auf Twitter am Tag des Buches (er empfiehlt es als Vater, wie er auf meine Nachfrage äußert, was er denn als Politiker zu den Vorwürfen und Fragen sage). Nun ist er nicht gerade für die Familienpolitik zuständig, aber als SPD-Mann doch immerhin an einer Regierung beteiligt, die mit der SPD-Ministerin Schwesig die Familienarbeitszeit propagiert – ein Modell, das Brost und Wefing als typisch für die fehlgeleitete Familienpolitik sehen. All das lässt mich ratlos zurück, und ich habe den Verdacht, dass es erst einmal reichen muss, „dass man mal darüber gesprochen hat“. Denen, die jetzt Kinder haben und die wirklich daran interessiert sind, mehr Zeit mit ihnen verbringen zu können, wird das nicht genügen.

31.1.2014: Geht alles doch von Wolfgang Lünenburger Reidenbach (Blog Haltungsturnen) Replik auf den Beitrag in „Die Zeit“ im Januar 2014

6.2.2015: Die Lüge von der Vereinbarkeit (Wirtschaftswoche) von Ferdinand Knauß

25.3.2015: Sex, Karriere und Familie passen nicht zusammen (Tagesspiegel) von Friehard Teuffel

27.3.2015: Gehetzte Eltern leiden unter Vereinbarkeitslüge (Deutschlandradio Kultur) von Marc Brost

27.3.2015: Warum das Gerede von der Vereinbarkeit ein Lüge ist (Die Welt) von Peter Praschl

28.3.2015: Familie und Karriere – Eltern können nicht alles haben (stern.de) von Viktoria Reinholz

ohne Datum: Zwei Väter packen aus: Geht alles gar nicht (Blog self lab) von Sascha Schmidt

31.3.2015: Alles ist möglich? Vereinbarkeitslüge, Feminismus und Fortschritt (Blog Digitale Tanzformation) von Robert Franken

31.3.2015: Kinder sind keine Privatsache (Deutschlandradio Kultur) von Barbara Sichtermann

1.4.2015: Ihr wollt Kinder? Dann bekommt sie doch einfach. Und: Hört auf zu jammern!  Ein Rant von Nina Diercks

7.4.2015: Zwischen Vereinbarkeitslüge und verlogener Betroffenheit im Blog von Thomas Zimmermann

8.4.2015: Familien: Das Hamsterrad als Dauerzustand bei Edition F – kurze Beschreibung von Lisa Seelig mit Auszug aus  Kapitel „Hypertasking“

13.4.2015: Jetzt reden die Väter, Kolumne „Frauensache“ bei Rheinische Post online

13.4.2015: Geht alles gar nicht … von Katri Kemppainen-Bertram (Blog KarriereFamilie)

17.4.2015: Die ewige Vereinbarkeitsdebatte. Und die Lösung. von Isabel Robles Salgado (Blog „little years)

20.4.2015: Männer-Dilemma: „Geht alles gar nicht“ , Interview mit Marc Brost in „Die Frühaufdreher“ bei Bayern 3.

20.4.2015: Erschöpfung von Verena Mayer in Süddeutsche Zeitung

ohne Datum: Geht alles gar nicht – Interview mit den Autoren im Debattenmagazin „Berliner Republik“ von Michael Miebach und Nane Retzlaff

Am 7. Mai gibt es im Forum der Körber-Stiftung eine Diskussion (auch per Livestream) mit den beiden Autoren, Andrea Nahles, Chris Köver (Missy Magazine) und Peter Lohmeyer: „Die Hölle der Vereinbarkeit“

Die Alles-ist-möglich-Lüge

Ein Buch über die gefühlte Unmöglichkeit, Beruf und Familie zu vereinbaren

Alles ist möglich lügeFrauen und Männer, die mit Kindern leben und dabei berufstätig sind, wird es nicht fremd sein: Dieses Gefühl, manchmal jenseits des eigenen Limits zu leben, im alltäglichen Wahnsinn zwischen Job und Familie. Die beiden Journalistinnen Britta Sembach und Susanne Garsoffky haben irgendwann „Stop“ gesagt. Sie sind zwischenzeitlich ausgestiegen aus ihrem festen Beruf, waren sie sich doch zunehmend vorgekommen wie im Hamsterrad. Die Absage an ihren Job und das neue Leben als Hausfrau und Mutter erschien ihnen aber keineswegs als reine Befreiung. Denn ihrem ursprünglichen Lebensentwurf entsprach es nicht, die Arbeit an den Nagel zu hängen, um für die Kinder da zu sein und den Haushalt zu managen. Und als gestandene Journalistinnen hatten sie offensichtlich auch mit Imageproblemen zu kämpfen. Desillusioniert, aber keineswegs frustriert, beschlossen sie, ihre persönlichen Erfahrungen, allgemeinen Beobachtungen und gesellschaftlichen Analysen aufzuschreiben.

Wenn uns jetzt jemand fragt: Und? Was machst du so? Können wir sagen: Wir schreiben ein Buch. Das klingt gut und wichtig – und nach Arbeit. Nach richtiger, echter, bezahlter Arbeit.“ (S.15)

Vereinbarkeit nur bei Selbstaufgabe

Die grundsätzliche These von Britta Sembach und Susanne Garsoffky: Die angebliche Vereinbarkeit von Familie und Beruf, die Politik und Gesellschaft vor allem den Frauen als Möglichkeit und zugleich Herausforderung mit auf dem Weg geben, ist eine Lüge. Eine Lüge, die so selbstverständlich wie penetrant kommuniziert werde, so dass keiner sich traue, sie zu hinterfragen oder gar aufzudecken. In unserer Gesellschaft lassen sich die Sorge um Kinder und Haushalt und Arbeit nur dann vereinbaren, wenn mindestens eine/r sich bis zur Selbstaufgabe opfert – so das Fazit der Autorinnen nach Jahren des gelebten Vereinbarkeitsversuchs. Ich glaube auch, dass es einige Berufe gibt, die als Mutter oder Vater nicht zu managen sind, wenn man seine Kinder nicht komplett in andere Hände geben möchte – und habe dazu hier schon geschrieben. Aber ich glaube nicht, dass es  eine Lösung ist, in klassische Rollenverteilungen zurückzufallen – auch nicht zeitweise.  Was nicht bedeutet, dass ich den Wunsch danach und auch die Entscheidung dafür unter den aktuellen Rahmenbedingungen auch respektieren kann.

Schon der Titel des Buches sei auf große Zustimmung gestoßen, berichten die beiden. Denn offenbar teilen viele die Erfahrungen und Einschätzungen der Journalistinnen – nur aussprechen möchte es niemand. Bevor man kapituliert, lieber noch mal die Zähne zusammen beißen, andere bekommen es ja auch hin. Das sind dann die so genannten Powerfrauen, für die die Autorinnen eher Mitleid als Bewunderung zeigen. Vielleicht wäre es gut gewesen, hier das Klischee hinter sich zu lassen und genauer hinzusehen, was bei den Frauen anders ist, denen der Spagat einigermaßen gelingt. Doch dazu später.

Hilflosigkeit und Schizophrenie der Familienpolitik

Das Buch ist gut, wenn es dem nachspürt, was in unserer Gesellschaft schief läuft. Es offenbart die Hilflosigkeit einer Familienpolitik, die seit Jahren auf der Stelle tritt, wenn es darum geht, die gesellschaftliche Realität abzubilden. Sehr treffend zeigen die Autorinnen die Schizophrenie einer Politik, die es über das Ehegattensplitting steuerlich belohnt, wenn Ehefrauen zuhause bleiben und nicht arbeiten, mit dem neuen Unterhaltsrecht aber genau von diesen Frauen erwartet, nach einer Trennung schnell wieder Arbeit zu finden.

Mit fünf Lügen zum Mythos Vereinbarkeit

Auch bei den weiteren Analysen, die das Buch als „Lüge Nummer eins bis Lüge Nummer fünf“ präsentiert, zeigt sich, dass die Autorinnen tief eingestiegen sind in ihre Materie. Immer wieder liefern sie Daten, Zahlen und Fakten, mit denen sie aktuelle Trends wie „Familienfreundlichkeit“ überzeugend hinterfragen. Sie entlarven die Fallstricke der Teilzeitarbeit, mögen noch nicht so recht an den „neuen Mann“ glauben und zeigen sich skeptisch gegenüber den so genannten „Powerfrauen“.

Bei den letzten beiden Punkten wird es dann doch einseitig. Neben den vielen konkreten Beispielen, die zeigen, dass die Frauen am Ende in irgendeiner Weise immer auf der Strecke bleiben, wäre es doch hoch interessant gewesen zu sehen, was bei denen anders läuft, die Familie und Beruf leben können. Und dass nicht nur, weil sie sich durch eine höhere Leidensfähigkeit auszeichnen. Denn es gibt Frauen und Männer, denen das gelingt. So wie dieses Beispiel eines Paars, beide selbstständig (könnte übrigens ein Erfolgsrezept sein), erzählt aus der Sicht der Frau und des Mannes. Auch wenn es sicher Ausnahmen sind und nicht jeder ihr Modell für sich übernehmen möchte – im Sinne einer „Best Practice“ hätten sie dem Buch sehr gut getan. Schließlich ist es ja auch Anliegen der Autorinnen, Wege zu entdecken, mit denen Frauen und Männer zu so etwas wie einem Gleichgewicht von Beruf und Familie finden, wie immer das für sie persönlich aussehen mag.

Statt sich aber an konkreten Vorbildern zu orientieren, desillusionieren Britta Sembach und Susanne Garsoffky auch noch die, die glauben, woanders sei alles besser. Selbst das skandinavische Erfolgsmodell muss Federn lassen. „Schweden kann nicht unser Vorbild sein“ – heißt es. (S.204)

Wie wir leben wollen

Unter diesem schönen Tocotronic-Titel wird es dann im abschließenden Kapitel  konstruktiv. Hier listen die Autorinnen auf, was sich ändern müsste, damit Karriere und Familie unter einen zu Hut bringen sind. Dabei nennen sie einige gute Ansätze, von der Abschaffung der „Zwangsverrentung“, Zeitwertkonten für spätere Phasen der Aus- und Pflegezeiten bis hin zur Kindergrundsicherung – viel Stoff für Diskussionen. Und doch bleiben sie an dieser wichtigen Stelle für mich eher diffus, wenn sie mit ihren Forderungen „die Arbeitgeber“ oder „die Familienpolitik“ adressieren. So für die „späte Karriere“, die zur Regel und nicht zur Ausnahme werden solle, denn niemandem sei gedient, wenn Menschen in der Rush-Hour des Lebens (…) zerrieben werden. Das stimmt zwar. Und vermutlich haben die Autorinnen Recht, wenn sie sagen, dass Frauen in ihrer Elternzeit Kompetenzen erwerben, die für die Arbeitgeber wertvoll sind. Aber das ist nicht zwangsläufig so und es trifft eben nicht pauschal zu, „dass Menschen, die Familie haben, in der Tat sehr gut organisiert sind und einen untrüglichen Blick fürs Wesentliche haben“. (S.85)

Diese Verallgemeinerungen helfen aus meiner Sicht nicht wirklich weiter. Und – die Frage muss erlaubt sein: Reicht das, um nach drei oder fünf Jahren Auszeit zu sagen, „hier bin ich wieder“? Offensichtlich nicht, sonst wären Wiedereinsteigerinnen gesuchte Fach- und Führungskräfte. Vielleicht stimmt es auch gar nicht, dass man nach ein paar Jahren Pause einfach so wieder weitermachen kann? Was müsste geschehen, damit die Frauen den Anschluss finden – und den Aufwand dafür nicht das Unternehmen tragen muss, so dass deren Entscheidung für die Berufsrückkehrerinnen leichter fiele? Was müssten vielleicht auch die Frauen während ihrer Berufspause unternehmen, um den Anschluss nicht zu verlieren?

Impulse müssen aus den Familien kommen

Dass die Appelle der Autorinnen sich immer wieder an „Arbeitgeber“ und „Familienpolitik“ richten, überrascht mich, haben sie doch ausgiebig und überzeugend beschrieben, dass diese weder die Phantasie und Durchsetzungskraft haben und viel zu langsam reagieren (Politik), noch die Notwendigkeit sehen, irgendetwas zu ändern (Unternehmen). Warum sollte das in Zukunft anders sein? Zwar engagiert sich Familienministerin Manuela Schwesig aktuell stark für sinnvolle Reformen wie Elterngeld Plus, den Qualitätsausbau in den Kitas und die Familienarbeitszeit, aber auch ihr sind die Hände gebunden, wenn es um Länderentscheidungen geht bzw. ein Konsens in der Koalition gefunden werden muss.

Ich möchte weder Politik noch Unternehmen aus der Pflicht entlassen, aber ich glaube, dass die Impulse für Veränderungen aus den Familien kommen müssen. Es könnte sich etwas ändern, wenn das passieren würde, was in diesem Buch zwar thematisiert wird, aber noch viel zu kurz kommt. Wenn Eltern ihre Erwartungen an die Arbeitgeber formulieren – und zwar vor allem auch die Männer. Aktuell starten viele zu oft gar nicht erst den Versuch: „In meiner Position ist das undenkbar“. Da ist diese schöne Geschichte, von der die Autorinnen im Buch berichten: Ein erfolgreicher Kinderarzt machte den Schritt, er forderte, in Teilzeit arbeiten zu wollen – eigentlich in seiner Position unmöglich. Und Wunder: Es hat funktioniert. Mir ist klar, dass sich nicht alle Angestellten diesen Schritt leisten können, aber doch weitaus mehr als sie ihn bislang wagen.

Berufstätigkeit und Familie lassen sich dann am besten zusammen leben, wenn Männer und Frauen ihre Aufgaben gleichberechtigt teilen – und zwar die der finanziellen Absicherung genau wie die der Sorge um Kinder, um Eltern und um den Haushalt. Das ist meine Erfahrung und das sehen wohl auch grundsätzlich die beiden Journalistinnen so. Dabei geht es nicht nur um Gerechtigkeit, sondern auch um Flexibilität. Ein Mann, dem man nicht erst erklären muss, was zu tun ist, wenn das Kind krank ist, kommt gut alleine klar, wenn sie auf Geschäftsreise geht. Er seinerseits kann mit viel mehr Rückhalt Forderungen beim Arbeitgeber stellen, wenn er weiß, da ist noch eine zweite, die im Notfall für das Familieneinkommen sorgen kann. Deshalb widerspreche ich den Autorinnen, wenn sie meinen, dass es vollkommen in Ordnung sei, dass ein Großteil der Frauen es nach wie vor schätze, „wenn der Mann ein sicheres Gehalt nach Hause bringt und zumindest für einen großen Teil für den Unterhalt der Familie aufkommt“. Man kann es ihnen nicht zum Vorwurf machen, sagen die beiden. Sie müssen wissen, worauf sie sich einlassen, sage ich.

Wenn sich etwas ändern soll, dann sollten wir meiner Meinung nach hier anfangen

  1. Augen auf bei der Partnerwahl – es gibt Männer, mit denen die Entscheidung für Kinder absehbar zum Projekt der Frau wird – diese sollten überlegen, ob sie das wollen und leisten können.
  2. Augen auf bei der Wahl des Arbeitgebers: In manchen Unternehmen/Institutionen kämpfen Familien gegen Windmühlen. Wer darauf keine Lust hat, sollte von Anfang an einen großen Bogen um solche Arbeitgeber machen.
  3. Väter und Mütter müssen gemeinsam den Aufstand proben – so lange Männer nur verständnisvoll nicken und die Empörung den Frauen überlassen, wird sich nichts ändern. (an dieser Stelle: Warum hat an diesem Buch eigentlich kein Mann mitgeschrieben?)
  4. Mehr Anerkennung für die, die Beruf und Familie erfüllt leben, vor allem für Väter (die nach Auskünften von betroffenen Männern tatsächlich weder gefragt werden, wie sie ihre Doppelrolle denn so hinbekommen, noch dafür bewundert werden, wenn sie ihnen erfolgreich gelingt.)

Wir Eltern sollten dieses Buch lesen, die angesprochenen Modelle diskutieren, weiterdenken – und uns als Paar eine Meinung dazu bilden. Deshalb empfehle ich „Die-Alles-ist-Möglich-Lüge“ dringend zur gemeinsamen Lektüre. Ich befürchte ein wenig, dass es ein Frauen-Ratgeber werden wird, was ich sehr schade fände.

Weitere Berichte/Rezensionen gibt es zum Beispiel bei Deutschlandradio Kultur und Radio Bremen. Wer mit den Autorinnen diskutieren möchte, kann sie in einem Webinar der Zeitschrift Nido am 16.10. treffen.

Disclaimer: Eine der beiden Autorinnen ist meine Freundin, auf deren erstes Buchprojekt ich sehr gespannt war. Beide Autorinnen haben meine Anerkennung – nicht nur für ihr Buch, sondern auch für ihre persönliche Entscheidung, ihren Beruf zumindest zeitweise aufzugeben.

SUSANNE GARSOFFKY , BRITTA SEMBACH
Die Alles ist möglich-Lüge. Wieso Familie und Beruf nicht zu vereinbaren sind. Pantheon Verlag 2014, 256 Seiten, auch als E-Book erhältlich.

 

 

Falsche Frage: „Can women have it all“?

„Why women still can’t have it all“: Vor genau einem Jahr und vier Tagen schrieb die Amerikanerin Anne Slaughter dazu einen viel beachteten Artikel in „The Atlantic“. Sie hatte ihren Job als Chefin des Planungsstabes von Außenministerin Hillary Clinton geschmissen, weil sie mehr Zeit brauchte, um für ihre beiden Söhne im Teenie-Alter da zu sein. Für diese Entscheidung und ihren Artikel steckte sie viel Zustimmung, aber auch heftige Kritik von Feministinnen ein. Zum Jahrestag erscheint im Online-Magazin „Saalzwei“ unter der Frage: „Can Women have it all“ eine Übersicht mit Statements internationaler Frauen und Männer.  „Ja“, „nein“, unter bestimmten Voraussetzungen, lauten die Antworten. Die Diskussion ist gut und wichtig, das, was Anne Slaughter schreibt, hat eine notwendige Debatte angestoßen. Aber ich finde die Frage falsch: „Can Women have it all?“ Aus zwei Gründen: Warum fragen sich das nur die Frauen? Und warum muss es eigentlich gleich alles sein?

Doppelbelastung – ein Thema nur für Frauen?

Es liegt für mich ein Denkfehler darin, wenn wir Frauen versuchen, diese Frage für uns alleine zu lösen. Warum ist die so genannte Doppelbelastung ein Thema, das fast ausschließlich auf Frauen bezogen wird? Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf kann gelingen, wenn Männer genau wie Frauen Verantwortung in der Familie übernehmen, unabhängig davon, wie sie beruflich jeweils eingespannt sind. Es gibt durchaus Männer, und es werden immer mehr, die genau wie Frauen beides wollen. Männer kommen im Job oftmals leichter nach oben. Sie haben es aber schwerer als Frauen, verständlich zu machen, dass sie auch für ihre Familie da sein wollen. Wie oft werden Männern Teilzeitjobs verwehrt. Mich stört es, dass die Frage auf Frauen reduziert wird, weil darin zugleich ein Defizit anklingt. Dabei liegt es nicht an den Frauen, dass es so schwierig ist, Beruf und Familie parallel zu leben, sondern an den Jobs, die dafür einfach nicht gestrickt sind – umso mehr, wenn wir über Führungspositionen sprechen. Und es liegt daran, dass das Leben mit Kindern hohe Ansprüche stellt. Beides betrifft Frauen wie Männer. Fragen wir also besser: (How) can men and women have it all?“

Die Utopie des „have it all“

„Can women have it all“: Geht es nicht auch eine Nummer kleiner? Müssen Frauen immer gleich „alles“ leisten, um beides haben zu dürfen? Es mag eine sprachliche Feinheit sein, aber ich bleibe daran hängen. Weil sie eine Utopie offenbart. Frauen wie Männer, die sich dafür entscheiden, ein erfülltes Berufsleben mit einem ebenso erfüllten Familienleben zu vereinbaren, müssen Abschied nehmen. Vom Anspruch, dass beides jederzeit und gleichzeitig befriedigend gelebt werden kann. In bestimmten Phasen müssen Männer wie Frauen vielleicht auch von einigen Jobs die Finger lassen. Chefin des Planungsstabs einer US-Außenministerin zu sein, ist vermutlich ein Posten, den Männer wie Frauen auslassen sollten, wenn sie Kinder haben, die ihre Eltern gerade brauchen. Das Nebeneinander von Job und Familie ist ein täglicher Kampf um Prioritäten. Wer beruflich engagiert ist und sich Zeit für seine Familie lässt, hat immer wieder aufs Neue zu entscheiden, was gerade das Wichtigste ist. Das „Ja“ zum Job heißt an manchen Tagen das „Nein“ zur Familie – und umgekehrt. Mal ganz abgesehen davon, dass es neben Job und Familie ja auch noch weiteres gibt, Freunde zum Beispiel. Sich einen Job zu suchen, der eigentlich ein permanentes „Ja“ einfordert, ist in dieser Hinsicht selbstmörderisch. Ich möchte weder Frauen noch Männern den Abzug aus interessanten Jobs verordnen, wenn sie Familie haben. Und sicher sollten wir gemeinsam dafür kämpfen, dass unsere Arbeitswelt familienfreundlicher wird. Aber das wird vielleicht auch in Zukunft niemals für alle Positionen erreichbar sein. „Alles ist möglich“ ist bei diesem Thema für mich eine Illusion, der insbesondere Frauen erliegen. Sich von ihr zu verabschieden, ist hilfreich. Es macht den Blick dafür frei, dass der richtige Partner und der richtige Job schon mal sehr sehr wichtig sind. Wer hier die richtigen Entscheidungen trifft, hat einiges getan, damit überhaupt schon mal eine ganze Menge gehen kann.