Wohin führt die „Kultur der Digitalität“?

Felix Stalder, Professor für digitale Kultur an der Zürcher Hochschule der Künste und Forscher am World-Information Institut in Wien, hat ein Buch darüber geschrieben, wie die Ausweitung immer komplexer werdender Technologien in alle Lebensbereiche unser gesamtes Handeln als Gesellschaft wie auch die Konstruktion unserer Selbst als Subjekte erfasst und verändert. Ich fand es sehr bereichernd, „Kultur der Digitalität“ zu lesen (und habe etwas mehr dafür gebraucht als „kaum einen Tag“).

In Diskussionen über die Bedeutung des digitalen Wandels für unser Zusammenleben war und ist immer wieder zu erleben, wie sich Kulturpessimisten und -optimisten unversöhnlich gegenüber stehen. Beide Haltungen sind hilflos, denn weder lassen sich die Entwicklungen aufhalten, noch gibt es aktuell Anlass für Euphorie.

Felix Stalder zeigt in seinem Anfang Mai erschienenen Buch „Kultur der Digitalität“, warum alle Diskussionen, die sich auf diese beiden Pole zurückführen lassen, ins Leere laufen. Das ist sehr lesenswert, weil Stalder weit ausholt und historisch sowie an aktuellen Entwicklungen nachvollziehbar belegt, wie unsere Kultur durch ein „Neben-, Mit- und Gegeneinander von Prozessen der Auflösung und Konstitution“ geprägt ist. Stalders Begriff von Kultur umfasst dabei weitaus mehr als „symbolisches Beiwerk“, mehr als Bücher, Kunstwerke oder Theaterstücke. Kultur ist für ihn, einfach gesagt, alles, was unsere Handlungen bestimmt und unsere Gesellschaft formt, uns letztlich als Subjekte konstituiert.

Die theoretische Herleitung ermöglicht ein gutes Verständnis dieser Prozesse, verlangt den Leser*innen aber auch einiges ab. Ich habe mir beim Lesen mehr anschauliche Bilder gewünscht wie das, mit dem Stalder sein Buch beginnt – sie könnten die anspruchsvollen Verweise und Analysen noch verständlicher machen und vor allem besser verankern.

Conchita Wurst

© CEphoto, Uwe Aranas

Stalder beschreibt im Einstieg zu seinem Buch den bewegenden Sieg der Conchita Wurst beim Eurovision Song Contest 2014 als Sinnbild eines tiefgreifenden Wandels unserer Kultur: Ehemals subversive Nischenphänomene wie etwa die Auflösung der Geschlechteridentität werden als Mainstream im traditionellen Medium Fernsehen als widerspruchsfreies Ganzes präsentiert. Beachtlich ist, dass dieses als Event von einem breiten Publikum nicht nur begeistert rezipiert wird, sondern die Zuschauer*innen das Ereignis in den sozialen Netzwerken in produktiver Form weiterverarbeiten, in Form von Tausenden von Tweets, Memen und Kommentaren.Stalder zeigt mit diesem Bild, wie das Digitale immer auch das Nicht-Digitale beeinflusst, verändert und erweitert hat. Gleichzeitig habe das Netz Entwicklungen verstärkt, aber keinesfalls hervorgebracht, die schon vor seiner Ausbreitung entstanden seien: die Ausweitung der Wissensökonomie, den Verfall der Heteronormativität und den Postkolonialismus. Diese Beobachtung finde ich bemerkenswert, denn sie unterstreicht, dass der digitale Wandel neben den immer wieder zitierten disruptiven, also auflösenden, auch Momente der Kontinuität und der Weiterentwicklung in sich trägt.

Drei Formen löst Stalder in der Vielschichtigkeit der Prozesse als konstante Größen für die Kultur der Digitalität heraus:

  • Referentialität
  • Gemeinschaftlichkeit
  • Algorithmen

Mit diesen drei Mechanismen als Grundlage befördert und stärkt die Kultur der Digitalität gleichzeitig postdemokratische, kapitalistische auf der einen und partizipative, gemeinschaftliche Entwicklungen auf der anderen Seite. Durch unser Handeln bestimmen wir mit, in welche Richtung sich unsere digitale Gesellschaft entwickelt, so Stalders zentrale These. Er zeichnet nach, wie beide Tendenzen parallel unsere aktuelle Kultur der Digitalität bestimmen. Dafür stellt er unter anderem der kapitalistisch geprägten Übermacht von Facebook, Google und Co. die beachtliche Entwicklung der Gemeinschaften gegenüber, die durch direkte soziale Koopperation funktionieren, als so genannte Commons –  bekannteste unter ihnen ist die Wikipedia, aber auch die Entwicklung freier Software basierte auf diesem Organisationsmodell.

Wie müsste unser Handeln aussehen, um das Ruder herumzureißen in dieser Kultur der Digitalität, also wegzukommen von der Vormacht kapitalistischer Unternehmen und postdemokratisch geprägter staatlicher Institutionen? Stalder vermeidet konkrete Handlungsempfehlungen, weist aber in die Richtung der gemeinschaftlichen, partizipativen Ansätze. Bei mir hat sich der Eindruck, dass wir gerade direkt in die andere Richtung laufen, durch sein Buch allerdings noch weiter gefestigt.

Veränderungen würden ein besseres Bewusstsein über die geschilderten Entwicklungen und Zusammenhänge in breiten Teilen der Gesellschaft voraussetzen. Die umfassende Ausbildung einer kritisch geprägten Medienkompetenz wäre dafür notwendig. Für beide Voraussetzungen fehlen aktuell wichtige Grundlagen: Ein Großteil der Schulen macht um das Thema einen großen Bogen, im Alltag kommt man mit einer gut ausgebildeten Anwendungskompetenz bestens zurecht. Die Technologien und Strukturen hinter den Anwendungen zu durchdringen, ist anstrengend, die Motivation nicht für alle sofort nachzuvollziehen. Die Unternehmen, die sie bereitstellen, haben kein Interesse daran, Aufklärung zu leisten, im Gegenteil verschleiern sie die Hintergründe – auch darauf verweist Stalder.

Am Ende bleibt die Frage: „Und was machen wir nun damit?“ Was können wir denn konkret unternehmen, wenn es doch an uns liegt, wie wir uns als Gesellschaft entwickeln? Stalders Buch hat mich erinnert an einen Aufsatz aus dem Sammelband „Das Netz – Jahresrück­blick Netzpolitik 2015/16“ (bei irights.media, herausgegeben von Philipp Otto). Darin entwerfen Petra Grimm, Tobias O. Kehre und Oliver Zöllner die Notwendigkeit einer „neuen Ethik der Algorithmen“ – für mich eine direkte Fortsetzung der Analyse Stalders. In ihren konkreten Forderungen nennen die Autor*innen nicht nur die Ausbildung einer Medienkompetenz, sondern unter anderem auch ein öffentlich-rechtliches soziales Netzwerk – leider ohne genauer aufzuschreiben, wie ein solches wohl aussehen könnte.

Diesen letzten Gedanken finde ich besonders interessant. Mit den Gebühren aus dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk verfügen wir im weiteren Sinne über das, was Stalder als „common pool ressources“ bezeichnet. Über den Umgang mit diesen Ressourcen müsste neu verhandelt werden. Wie  wäre das Modell der Öffentlich-Rechtlichen anzupassen, wenn man sich auf die Grundlagen der „Kultur der Digitalität“ beriefe? Man könnte zum Beispiel fragen, ob die aktuellen Möglichkeiten der (Nicht-)Partizipation eigentlich im Einklang stehen mit dem Modell der Finanzierung, ob sich der öffentlich-rechtliche-Rundfunk nicht ganz anders als bislang als Gemeinschaft begreifen könnte, sogar müsste: Eine Gemeinschaft von Menschen, die Ressourcen zur Information und Kommunikation bereitstellen, diese verwalten, damit Inhalte produzieren und diese rezipieren. Bislang haben die, die die Ressourcen bereitstellen, wenig bis keinen direkten Einfluss auf deren Verwaltung, Nutzung oder die Produktion von Inhalten. Und würde es dem öffentlich-rechtlichen Bildungsauftrag nicht viel mehr entsprechen, Strukturen für ein öffentlich-rechtliches soziales Netzwerk zu schaffen als die bestehenden Netzwerke durch die Fütterung mit öffentlich-rechtlich produzierten Inhalten zu stärken? (Ein aktuelles Interview in der Print-ZEIT vom 19. Mai mit dem Intendanten des Bayerischen Rundfunks, Ulrich Wilhelm, der mit einem Jahresgrundgehalt von 325.000 Euro deutlich mehr verdient als der bayerische Ministerpräsident, lässt ahnen, wo ein Umbau auf Widerstände stoßen würde). Das alles ist schon wieder ein neues Thema – falls es dazu schon konkretere Gedanken oder Modelle gibt, bin ich dankbar für Hinweise.

Ich kann mir vorstellen, dass Stalder mit seinem Buch viele weitere Diskussionen, im besten Fall Veränderungen anstößt, bin gespannt darauf und hoffe nicht nur deshalb, dass viele „Kultur der Digitalität“ lesen werden.

Eine Randbemerkung: Es ist ja immer vielsagend, wie sich Autor*innen bei denen bedanken, die die Entstehung eines Buches möglich gemacht haben. Die Danksagung von Stalder ist mir sehr sympathisch.

Felix Stalder, „Kultur der Digitalität“, edition suhrkamp 2679, 200 Seiten,
ISBN: 978-3-518-12679-0, erschienen erschienen: 09.05.2016

Weitere Rezensionen:

Stalder verweigere sich dem Hang prominenter Netzversteher wie Lanier und Morozov zur Dystopie, ohne gleichzeitig ein rosiges Bild zu zeichnen – sagt  in seiner Besprechung des Buches bei netzpolitik.org

Viele der in „Kultur der Digitalität“ beschriebenen Entwicklungen und Phänomene seien – isoliert betrachtet – nicht neu, schreibt David Pachali bei iRights.info, Felix Stalder aber  verknüpfe sie zu einem neuen Bild. 

Auch Philippe Wampfler kommt in seiner Rezension zu dem Ergebnis, dass sich die Lektüre lohne, u.a. weil Stalder „begriffliche Fallen auslotet und nach präzisen Bestimmungen dessen sucht, was er untersucht“.

Vom ratlosen und vom gleichgültigen Shruggie

Dirk von Gehlen hat heute auf der Direttissima-Konferenz eine Keynote zum so genannten Shruggie-Prinzip vorgestellt, das für ihn die (angemessene) digitale Lebenshaltung visualisiert. Der Shruggie ist ein Emoji, das eine Art Schulterzucken symbolisiert – die Handteller seitwärts im fast rechten Winkel nach oben gestreckt, dazu ein Lächeln: „Ich weiß es doch auch nicht“.

\_(ツ)_/¯

Der Shruggie steht für eine produktive Ratlosigkeit, deren Eingeständnis uns davor schützt, alles sofort zu bewerten, eine Meinung zu haben.

  • fröhlich
  • ratlos
  • gelassen
  • digital

sind die Eckpfeiler dieses Lebensgefühls, wie Dirk es beschreibt. „Social Media Gelassenheit“ nennt er es in einem anderen Beitrag – und ich bin fest davon überzeugt, dass es einige der aktuellen Diskussionen bereichern würde, würde sich diese Gelassenheit  durchsetzen.

Ratlos oder gleichgültig?

Ich mag diesen ratlosen Shruggie auch, aber irgendetwas an ihm hat mich von Anfang an irritiert. Als ich heute die Folien des Vortrags gesehen habe, wurde mir klar, was das war. Schulterzucken steht eben nicht nur für Ratlosigkeit, sondern auch für Gleichgültigkeit. Beides liegt nahe beieinander: Das „Ich-weiß-es doch-auch-nicht“ lässt sich auch interpretieren als ein „Ist-mir-doch-egal“.

shrig

Die Nuance ist bedeutend. In Gesprächen mit Menschen, die unserer digitalen Gegenwart und Zukunft eher kritisch, ängstlich bis ablehnend gegenüberstehen, ist der Unterschied zu spüren. Diskussionen über die Chancen des digitalen Wandels bewerten sie immer wieder als Gleichgültigkeit gegenüber denen, die davon erst einmal negativ betroffen scheinen: Künstler*innen, die merken, dass ihnen ihr Geschäftsmodell abhanden kommt, Menschen, die Sorge haben, ihren Job zu verlieren, weil ein Computer sie schon bald ersetzen wird, Eltern, die nicht mehr verstehen, in welchen digitalen Welten sich ihre Kinder bewegen. Wir haben ja noch nicht wirklich befriedigende Antworten auf die Fragen, die sie bewegen.

Man kann diesen Besorgten sagen, dass Ängste sie nicht weiter bringen, man kann aber auch fragen, was dahinter steckt. Es ist vielleicht die Befürchtung, dass im Prozess der digitalen Disruption auch Werte flöten gehen, für die viele in unserer Gesellschaft sich stark machen. Zum Beispiel: Solidarität. Die Verantwortung eines Arbeitgebers für seine Angestellten. Die Wertschätzung von Kunst und Kultur und der Menschen, die sie schaffen. Das Recht auf Privatsphäre.

Wie wir leben wollen

Ich glaube, dass wir  noch viel intensiver diskutieren könnten, „wie wir leben wollen“, welche Werte wir bewahren möchten, welche neuen Regeln es braucht, um sie in ein digitales Zeitalter zu transformieren. Dafür ist der Blick „in den Rückspiegel“ dann schon einmal sinnvoll, um weiter nach vorne fahren zu können.

In diesem Prozess identifiziere ich mich selbst allerdings auch wieder eher mit dem ratlosen Shruggie. Ich habe die Lösungen noch nicht vor Augen. Bin nicht nur fröhlich, aber insgesamt verhalten optimistisch. Ich glaube, dass wir mit der Zeit welche finden werden. Weil wir sie brauchen.

Und hier gibt es die Folien des Vortrags von Dirk von Gehlen, die Ausgang für diese Überlegungen waren. Hier ein kurzes Interview dazu.