Kuratieren im Journalismus: Nach dem Hype wird’s spannend

6.1.2016: Update: Frederik Fischer von piqd hat den folgenden Text dort kuratiert – in den Kommentaren ist eine kleine Diskussion zur Relevanzfrage, die ich hier aufgeworfen habe, entstanden – mit interessanten Gedanken.

Kuratieren wurde im vergangenen Jahr als einer der Trends des digitalen Journalismus gefeiert. Diskutiert wird das Sammeln, Ordnen und Empfehlen von Texten schon seit einigen Jahren. Der Hype wurde vermutlich durch einige Start-ups ausgelöst, die das Kuratieren von Texten zur Unternehmensidee gemacht und auf Plattformen gebracht haben. Einiges war von ihnen zu lesen: niuws und blendle, nachfolgend zu Ende des Jahres noch piqd. Gemeinsam ist allen die Idee, die Relevanz von Texten nicht durch Algorithmen bestimmen zu lassen, sondern Menschen die Auswahl zu übergeben. Als Expert*innen für bestimmte Themenbereiche heben diese aus dem Meer der Texte Schätze, die sie für so relevant halten, dass sie sie empfehlen möchten.

niuws und piqd habe ich mir im letzten Jahr genauer angesehen, auch blendle nutze ich. In der Süddeutschen Zeitung erschien zu Ende des Jahres ein Text von Kathrin Hollmer, der die neuen Angebote ganz gut beschreibt. Nach einigen Wochen Erfahrungen als Userin glaube ich, dass die Idee noch nicht ausgereizt ist. Nach dem großen Hype wird es nun spannend werden, was sich von den Ansätzen des kuratierten Journalismus durchsetzen kann – und wie. Noch werfen die neuen Angebote erst einmal viele interessante Fragen auf – diese zumindest stelle ich mir:

  1. Was eigentlich macht einen Text zu einem relevanten Text? Welche Kriterien führen dazu, dass jemand aus der Unmenge von Texten einen oder auch drei pro Tag / pro Woche auswählt, um sie einem Publikum zu empfehlen? Wer definiert die Kriterien?
  2. Was bedeutet Kuratieren im digitalen Journalismus bei niuws, piqd & Co. im Vergleich zum Kuratieren in der Kunst? Wird die eigentliche Idee übernommen oder nur der gut klingende Begriff?
  3. Wenn sich das Kuratieren mehr und mehr zu einer der journalistischen Grundtätigkeit entwickelt – welche Auswirkung hat das auf das Aufgabenprofil und Selbstverständnis einzelner Journalist*innen? Was bedeutet es für Medien insgesamt?

Diskutiert wird das Kuratieren als journalistische Tätigkeit schon seit einigen Jahren. Bereits 2011 hat Christoph Kappes eine schöne Definition geschrieben und auf Google+ zur Debatte vorgeschlagen – ich zitiere sie ganz :

“Zu kuratieren heißt nur vordergründig, eine kleine Link-Reise zu schreiben. Es ist im Grunde eine Haltung, fremde Texte nicht geringer zu schätzen als eigene, fremde Meinungen und fremde Kontrolle zu tolerieren und Aufmerksamkeit zu verschenken in der Erwartung, sie auch dadurch zu bekommen, dass man sich selbst ein wenig zurücknimmt. Das Wort heißt im Grunde, den Journalismus wieder an eine Wurzel zu führen: Wer publiziert, eröffnet dem Leser verlässlich einen Inhalte-Raum, in dem der Leser am Ende selbst die Grundkompetenz hat, Werke Dritter zu würdigen. Das hässliche Wort „Kuratieren“ hat viel mit dem hässlichen Wort „Empowerment“ zu tun und mit der Zurücknahme des Journalisten-Egos“.

Was macht einen Text zu einem relevanten Beitrag?

Interessant ist, dass für niuws und piqd aber durchaus eine wichtige Rolle spielt, wer da kuratiert. Bei niuws hat man laut Gründer Peter Hogenkamp schon mit dem Gedanken gespielt, Prominente zu Kurator*innen zu machen, und piqd beeindruckt mit vielen bekannten Journalist*innen und anderen Persönlichkeiten. Es macht den Reiz des Angebots aus, dass sie dabei sind.

Ihre Relevanz gewinnen die Texte also erst einmal dadurch, dass sie etwa bei piqd u.a. von Stefanie Lohaus, Theresa Enzensberger, Anke Domscheit-Berg, Dirk von Gehlen oder von Konstantin von Notz empfohlen werden. Die Macher*innen von piqd haben darüber hinaus klare Vorstellungen, welche Kriterien für die Auswahl eine Rolle spielen sollten. Noch sind die auf der Website allerdings nicht zu finden. Der Chefredakteur Frederik Fischer erklärt auf meine Anfrage das piqd-Konzept so:

„Die ganz allgemein formulierte Aufgabe für die piqer ist es, anspruchsvolle aber auch für Laien verständliche Texte zu empfehlen, einzuordnen und zu bewerten. Zusätzlich zur Vorgabe, nicht mehr als einen Link pro Tag zu posten, raten wir unseren piqern auch dazu, im Zweifel keine aktuellen Inhalte zu empfehlen, sondern in die Vergangenheit zu blicken. Was waren herausragende und auch heute noch relevante „Evergreens“? Auch Texte zu ganz grundlegenden Konzepte und Theorien sind gerne gesehen (z.B. Imagined Communities von Benedict Anderson in Medien und Gesellschaft) Nachrichtenwerte sind für uns nur dann relevant, wenn es nachvollziehbar bedeutsame Entwicklungen in einem Themenbereich gibt (z.B. die Klimakonferenz für Klima und Wandel oder Wiedereinführung der Vorratsdatenspeicherung in Netzpolitik).“

Mir gefällt, dass den piqern (so heißen hier die Kurator*innen) ausreichend Raum bleibt, ihre Auswahl für jeden einzelnen Text zu erklären – ein Schwachpunkt bei niuws, wo jeweils nur ein bis zwei Sätze reichen müssen, um die Relevanz zu begründen. Wenn diese sich auf eine reine Inhaltsangabe beschränken, fällt eine Einordnung ganz weg.

Bei allen Angeboten vermisse ich die grundsätzliche Dikussion um die Frage nach Relevanz von Texten. Sie könnte ein bestehendes Konzept transparent machen – Varianten sind ja denkbar:

  1. Kurator*innen arbeiten wie Trüffelschweine, spüren die guten Texte auf, die bislang noch unentdeckt sind und präsentieren sie hier als Fundstücke einem breiteren Publikum. Interessant für Menschen, die sowieso schon viel lesen und auf der Suche nach Inspirationen und neuen Quellen sind.
  2. Die Kurator*innen empfehlen nur die Texte, die die User*innen auf keinen Fall verpassen sollte, um auf dem Laufenden zu bleiben. Das ist die Idee, die  Peter Hogenkamp einmal formuliert hat, als er niuws als Service für Manager*innen vorstellte, die eine tägliche Übersicht über die wichtigsten Beiträge zu ihren Themen wünschen.
  3. Die Relevanz eines Textes ergibt sich erst aus seiner Rezeption – also etwa dadurch, dass er eine Diskussion auslöst, viel kommentiert wird, neue Texte als Repliken oder Weiterentwicklungen provoziert. Die Idee von piqd, sich vom Nachrichtenwert Aktualität nicht treiben zu lassen, passt ganz gut dazu – denn es lässt sich sich diese Qualität eines Textes erst nach einer Zeit einschätzen. Auch blendle berücksichtigt diesen Ansatz in gewisser Weise, wenn neben den persönlichen Vorschlägen der Kurator*innen auch die Zahl der Leser*innen eine Rolle spielt, um einen Text hervorzuheben.

Diese und sicher noch weitere Ansätze sind für verschiedene  Zielgruppen unterschiedlich interessant – vorstellbar sind sie alle, auch als Mischung. Vor dem Hintergrund einer erweiterten Idee des Kuratierens sehe ich selbst das größte Potenzial in der dritten Variante.

Kuratieren: Wenn mehr entsteht als die Summe der einzelnen Teile

Der Begriff „Kuratieren“ beschreibt in der Kunst die Konzpetion und Organisation einer Austellung. Ralf Schlüter beklagt in der Zeitschrift art, die eigentliche Idee dieser Tätigkeit gehe verloren, seit das Wort in der digitalen Welt so inflationär verwendet werde. Interessanter als seine Beschwerde finde ich, was für ihn das Kuratieren in einer idealen Vorstellung bedeutet:

„Heimliches oder offenes Vorbild der meisten Kuratoren ist der Schweizer Harald Szeemann (1933 bis 2005), der sich ironisch „Agentur für Geistige Gastarbeit“ nannte. Er prägte das Berufsbild, nach dem der Kurator eben nicht nur ein Ausstellungsmacher war, sondern eine Art Meta-Künstler: Verstreute Kunstwerke führte er zusammen und ging mit ihnen um wie ein Erzähler mit seinen Figuren. Im besten Fall war das ganze mehr als die Summe der einzelnen Teile.“

Ich möchte mir die journalistischen Kurator*innen gerne als Meta-Texter*innen vorstellen, die verstreute Texte zusammenführen, mit ihnen eine neue Geschichte erzählen, die dann noch größer ist als die Summe ihrer einzelnen Teile. Das Mehr, das die Journalist*innen einbringen können, ist ihre Kompetenz, die Texte einzuordnen, zu bewerten, die Stücke zusammenzustellen, die sich aufeinander beziehen oder ein gleiches Thema haben, eine gleiche Frage erörtern. Dabei muss es sich – wie in einer Ausstellung – nicht nur um aktuelle Texte handeln, aber diese könnten durch die Kombination mit älteren in einem neuen Kontext neue Zusammenhänge offenbaren. Noch spannender wird es, wenn die Leser*innen ihre Kommentare ergänzen oder selbst weitere Texte empfehlen. So entständen die von Christoph Kappes beschriebenen Inhalte-Räume, in denen User*innen sich bewegen und ihrerseits aus dem Angebot ihre eigene Geschichte entwickeln.

Die aktuelle Praxis des Kuratierens erscheint im Vergleich zu dieser Vision noch recht eindimensional. Es werden in der Regel einzelne Texte vorgestellt, statt verschiedene zu komponieren. Bei niuws beschränkt sich die Einbindung der Leser*innen auf Likes für einzelne Textvorschläge. Bei piqd wird die Kommentarfunktion immerhin als so wertvoll geschätzt, dass man User*innen dafür bezahlen lässt, um sie vor Trollen zu schützen. Aber wie bei so vielen Angeboten ist die Anzahl der Kommentare zumindest in den ersten Wochen seit dem Launch noch sehr überschaubar. In meiner Idealvorstellung bedeutet das Kuratieren auch, sich darum zu kümmern, dass die Texte in einer Community produktiv rezipiert werden. Dieser Community anzugehören, wäre Teil des Angebots.

Neue Ansprüche an Journalisten und Medien

Kuratierende Journalist*innen benötigen besondere Kompetenzen um die beschriebenen Räume zu gestalten. Vor allem brauchen sie einen guten Überblick über Texte – aktuelle wie alte, viel zitierte wie unentdeckte. Sie müssen Texte aufspüren, einordnen, bestehende Verbindungen erkennen und erklären können, neue herstellen. In diesen Tätigkeiten nehmen sie ihr Ego als produzierende Journalist*innen tatsächlich zurück – aber es entwickelt sich ein neues. Kuratierende Journalist*innen sind Netzwerker und als solche Persönlichkeiten – wenn auch anderer Art als wir sie aus dem klassischen Jorunalismus kennen.

Medien werden vielleicht in Zukunft nicht mehr vorrangig die Produkte einer festen Redaktion publizieren. Sie könnten sich zu Orten entwickeln, an denen besonders herausragende Netzwerker*innen ihre Texte kuratieren, die eine ausgewählte Community rezipiert, diskutiert, ergänzt. Bei einem erweiterten Begriff von Text sind auch Hörstücke und Filmbeiträge dabei eingeschlossen. Ein Medium zeichnet sich damit künftig weniger dadurch aus, welche „Edelfedern“ es für sich gewinnen kann. Es braucht viel mehr Persönlichkeiten, die ein gutes Gespür für Themen und Texte haben und auf ein breites Netzwerk setzen können, das sie selbst mit Quellen, Ideen und Anregungen speist. Um dieses aufzubauen und eine aktive Community zu managen, sind sie vor allem auch in ihren sozialen Kompetenzen gefragt. Mir fällt Frank Schirrmacher ein, der für das gute Themengespür, das Anzetteln von Debatten ein gutes Vorbild ist. Interessanterweise spricht auch Wolfgang Michal in seinem Text über das Kuratieren davon, dass die journalistische Tätigkeit mehr und mehr zu einer herausgebenden wird, während die produktive Tätigkeit der Redaktion in den Hintergrund tritt. Er sieht das kritisch.

Spannend wird sein, wie sich die Dienste wie niuws und piqd, sollten sie sich durchsetzen, zu den klassischen Medien verhalten. Für mich ist gut vorstellbar, dass sie irgendwann einmal in den Medien wieder aufgehen, wenn diese sich so weiterentwickeln, wie ich es beschrieben habe. Dazu passt, dass die Dienste in direkter Verbindung zu größeren Verlagen stehen: Investor bei piqd ist Konrad Schwingenstein, ein Enkel des Mitgründers des Süddeutschen Verlags, niuws wurde von Peter Hagenkamp gegründet, ehemaliger Leiter Digitale Medien bei der NZZ-Mediengruppe. Die Verbindungen bestehen.

Hier nun einige kuratierte Links zu Texten über das Kuratieren, die in den Kommentaren gerne ergänzt werden können.

Christoph Kappes hat mir in einem Tweet im Juni den Hinweis auf blende und niuws gegeben. Interessant ist, wie starke Gegenstimmen es in der schon 2011 von ihm angeregten Diskussion bei Google+ noch gibt. In meinem eigenen Text über die Krautreporter und warum ich mich von ihnen verabschiedet habe, glaube ich, dass wir weniger neue Magazine und mehr von Diensten wie niuws und blende brauchen.

Der schon erwähnte Journalist Wolfgang Michal hat im Februar 2015 einen grundlegenden Text über das Kuratieren verfasst und sieht darin vor allem einen Bedeutungsverlust der redaktionellen Tätigkeit und eine Entmachtung der Journalisten – einer der wenigen Autoren, die den Hype um das Kuratieren in dieser Interpretation eher kritisch beurteilen.

Peter Hogenkamp, der Gründer von niuws und Pionier des neuen Kuratierens, schreibt in der Netzwoche selbst über „Hype oder Zukunft der news“. Er macht in seinem Beitrag aus, was wirklich neu war in diesem Jahr 2015: Während die bisherigen Sammlungen in Newslettern statisch seien und die Mailboxen verstopften, sind die neuen Plattformen interaktiv, können direkt kommentiert und geteilt werden. Interessant ist seine Einschätzung dazu, wie sich die klassischen Medien zum Trend verhalten: Sie seien noch zu sehr in der alten Welt verhaftet um seine Bedeutung wirklich zu erfassen, so sein Fazit.

In einem Interview in der Schweizer Werbewoche zieht Peter Hogenkamp im Oktober Fazit nach einem Dreiviertel Jahr niuws und spricht dabei über die interessante Frage, welches Geschäftsmodell mit den neuen Angeboten verbunden sein könnte und wie es um das Verhältnis zur PR bestellt ist.

Philippe Wampfler, dessen Box „Kompetenzen fürs 21. Jahrhundert“ bei niuws neben der von Nick Lüthi „Medienwandel“ zu meinen Favoriten zählt, bloggte im Juni über den Workflow seiner Auswahl und seine Erfahrungen als Kurator – und gibt damit als einer der wenigen Einblick in die Frage nach der Relevanz von Texten: „Kriterien sind Aktualität, frische Perspektiven auf das Thema sowie eine gewisse Breite“.

Max Buddenbohm  kuratiert in seinem sowieso lesenswerten Blog „Herzdamengeschichten“ regelmäßig Links in der  Rubrik „Woanders“ und – als gesponserte Sonderedition – in „Woanders – der Wirtschaftsteil“. Ich habe keinen anderen Kurator gefunden, der seine Arbeit so schön detailliert beschreibt wie Buddenbohm in „Die Timeline als Milchvieh betrachtet“: Wie er seine Auswahl trifft und welcher Tools er sich dafür bedient. Empfehlenswert vor allem für diejenigen, die selbst Ambitionen entwickeln – oder einfach Sehnsucht nach einer gewissen Systematik in der Auswahl ihrer Lektüre verspüren.

Hendrik Geister hat sich Ende November letzten Jahres in seiner Kolumne Mediendschungel im Blog Basic-Thinking mit seinem Text „Piqd: Die Rosinenpicker im Netz“  vor allem piqd genauer angesehen – und ist recht angetan von Konzept, Design und Unaufgeregtheit der Plattform. Erweiterungsmöglichkeiten sieht er vor allem in den Funktionalitäten.

Kathrin Hollmer stellt in der Süddeutschen Ende Dezember niuws, piqd und blende vor und ruft vom Gegentrend aus: User*innen wollten vielleicht wieder selbst herausfinden, was ihnen gefällt.

Update: Weitere Texte zum Kuratieren

Daniela Späth hat sich piqd ebenfalls genauer angesehen – auch sie kann damit etwas anfangen und findet viel Lobenswertes. Danielas Beitrag ist auch deshalb einen Klick wert, weil sie und Michael in ihrem Blog „Bleiwüsten“ ebensolchen den Kampf angesagt haben und die piqd-Kritik gleich wieder ein gutes Beispiel dafür ist, wie man Texte leserfreundlicher macht. Ich folge dem Blog schon länger und habe spätestens jetzt einen guten Vorsatz für 2016…

In einem Interview in seinem Blog fragt Dirk von Gehlen Michaël Jarjour, den Redaktionsleiter von Blendle, ob sich die Menschen, die dort täglich Beiträge auswählen, als Journalisten begreifen. Für mich die interessanteste Aussage des Interviepartners: Am meisten lernen die Kurator*innen bei Blendle aus den Artikeln, die zurückgegeben werden (bei  dem Dienst werden Artikel bei Nichtgefallen tatsächlich rückerstattet:“supernett“)

Vom ungeliebten Publikum und neuen Aufgaben für Journalisten

Legopublikum

Bei einer Tagung Anfang November mit dem schönen Namen „Digitaler Journalismus: Disruptive Praxis eines neuen Paradigmas“ ging es erfreulicherweise viel um die Leserinnen und Leser, die Zuschauerinnen, User: das Publikum. Eingeladen hatte Prof. Volker Lilienthal vom Hamburger Institut für Journalistik und Kommunikationswissenschaft an der Uni Hamburg, zusammen mit Prof. Stephan Weichert von der Macromedia University und der Hamburg Media School. Durchaus kontrovers wurde die Rolle des Publikums am ersten Tag diskutiert – am zweiten konnte ich leider nicht mehr teilnehmen. Weiterbeschäftigt haben mich folgende Gedanken:

  1. Warum geht es bei Diskussionen um die Rolle des Publikums in letzter Zeit nach mindestens fünf Minuten fast ausschließlich um Hatespeech?
  2. Warum wird die Einbindung des Publikums in den Produktionsprozess so oft vom Status Quo und so selten von den Potenzialen her diskutiert?
  3. Welches journalistische Selbstverständnis steht eigentlich dahinter, wenn in der Branche Leserkommentare auch als „Schleppscheiße“ bezeichnet werden?

Kommentare – die Pest im digitalen Journalismus

Zum Ersten: Ohne Frage bedeutet es für Redaktionen eine große Herausforderung, mit der Fülle und dem immer wieder abgründigen Stil der Kommentare umzugehen – es reicht, mal reinzusehen, um sich das vor Augen zu führen. Es geht nicht nur um personelle Ressourcen, die investiert werden müssen, um das Schlimmste herauszunehmen und Menschen zu schützen, die in ihrer Würde verletzt werden. Es geht auch darum, welche Auswirkungen diese Art von Kommentaren auf die Rezeption der journalistischen Beiträge haben. Dazu berichtete der Kommunikationswissenschaftler Marco Dohle bei der Tagung aus seiner Forschung:

Die sichtbare Publikumsbeteiligung beeinflusse die Wahrnehmung der Leistungen des digitalen Journalismus – und zwar negativ, wenn die Kommentare negativ ausfallen.

Da wundert es nicht, dass der Wunsch in immer mehr Redaktionen wächst, sich vom lästigen Übel zu befreien, die Kommentarfunktionen ein für alle Male zu sperren. Es gab in den letzten Monaten immer wieder Meldungen von Medien, die darin einen Ausweg aus der Misere gesehen haben.

Umgekehrt, und das wurde in den Diskussionen viel weniger aufgegriffen, gilt aber genauso: Positive Kommentare beeinflussen die Rezeption positiv.

Lieblose Einbindung des Publikums

Beide Forschungsergebnisse beziehen sich auf die Standardvariante der Publikumsbeteiligung: Ich stelle meinen Beitrag ins Netz, öffne die Kommentarspalten und warte ab, was so kommt. Jede und jeder darf seinen Meinung dazu kundtun, so lange, wann und wie viel er möchte, unabhängig davon, ob sie oder er den Text überhaupt gelesen hat. Eigentlich ist das doch eine sehr lieb- und einfallslose Variante der Publikumsbeteiligung. Kein Wunder also, dass sich niemand so richtig gerne in den Kommentaren aufhält, am wenigsten die Journalisten selbst. Aber diese Lieblosigkeit ist auch Ausdruck einer Haltung, die in vielen Redaktionen bis heute offenbar gängig ist: Das Publikum nervt. Das, was es zu sagen hat, bedeutet vor allem eines: weiteren Aufwand. Die Wissenschaftlerin Wiebke Loosen sprach bezeichnenderweise von „Anschlusskommunikation“, schnell kommt die Frage auf, ob das alles nicht auf die Qualität gehe:

Experimente im Dialog mit den Leserinnen

Dabei könnte es sich lohnen, sich andere Formen der Einbindung des Publikums anzusehen. Leider nur kurz erwähnt hat Dirk von Gehlen, Leiter Social Media/Innovation Süddeutsche Zeitung, sein Projekt „Lesesalon“: 100 Leserinnen und Leser der Süddeutschen Zeitung haben in einem abgesteckten Zeitraum gemeinsam ein Buch gelesen, aus den Diskussionen darüber entstand eine gemeinsame Rezension, die wiederum in der Süddeutschen Zeitung erschienen ist. Hier mündet die produktive Rezeption tatsächlich in einem neuen Beitrag. Natürlich ist dieses Experiment vom Aufwand her ungleich höher, als der, den eine Journalistin oder ein Journalist in eine Buchbesprechung investiert. Aber es ist ja durchaus vorstellbar, dass sich aus solchen Experimenten auch standardisierte Formate entwickeln mit weniger Aufwand, aber eben auch ganz neuen Rollen von Journalisten und Publikum.

Die Empfänger senden mit, die Sender empfangen

Das, was da passiert, ist dann eben nicht mehr „Anschlusskommunikation“, denn hier ist das Publikum schon in den journalistischen Produktionsprozess einbezogen. Die klassische Rollenverteilung von Sender und Empfänger löst sich auf. Und eigentlich muss man dafür gar nicht mehr auf Experimente schauen – in Zügen ist das ja schon heute journalistische Praxis. Journalisten bedienen sich gerne der Tweets mit Meinungsäußerungen oder lustigen, klugen Kommentaren. Bei Live Events wie auch bei Katastrophen wird Filmmaterial, das Laien mit ihren Smartphones produziert haben, in die Berichte eingebunden. Es ist eben auch eine Folge der Digitalisierung, dass Journalisten heute kaum noch technischen Vorsprung haben gegenüber denen, für die sie produzieren. Ein Lokalsender in der Schweiz hat vor einiger Zeit komplett auf die Produktion mit dem Smartphone umgestellt – das Gerät, das ein Großteil der erwachsenen und jugendlichen Menschen heute regelmäßig bei sich trägt.

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Communities mit Voraussetzungen

Es lohnt sich aber, sich das Experiment Lesesalon noch mal genauer anzusehen, denn hier ist das Konzept gewesen, was sich viele Redaktionen aus Angst vor dem Vorwurf der Zensur (der ja irrigerweise auch kommt) oftmals nicht trauen: Die Verantwortlichen erlaubten sich einen Selektionsprozess, der die Beteiligung von Anfang an in eine gewünschte Richtung lenkte und der gewissen Anforderungen an die so entstandene Community richtete:

  • gleiches Interesse am Thema: Die Menschen einigen sich auf ein gemeinsames Buch
  • Aufwand: Wer mitmacht, hat zuvor das Buch gelesen
  • Beschränkung der Teilnehmer: die Zahl war auf 100 begrenzt
  • Beschränkung der Zeit: es gab einen festen Zeitrahmen für die Lektüre genau wie eine Frist, bis zu der man sich beworben konnte

Mit dem Lesesalon hat Dirk von Gehlen das in die Praxis umgesetzt, worauf er auch bei der Tagung hinwies: Räume zu öffnen für Produzenten und Rezipienten sei die eigentliche neue Aufgabe des Journalismus.

Ein anderer Podiumsteilnehmer, der SPIEGEL-Redakteur Cordt Schnibben, hat die klassischen Muster des Publikumsdialogs ebenfalls aufgebrochen, Leserinnen und Leser des Magazins zu einem Essen eingeladen und damit viel mehr Nähe zugelassen als es sonst üblich ist. Und auch beim Online-Magazin aus Hamburg „mittendrin“ denke man über neue Formate nach, kündigte die Mitgründerin Isabella David an. Es ist sicherlich kein Zufall, dass es gerade im hyperlokalen Journalismus viele Verfechterinnen der Publikumsbeteiligung und oftmals eine grundsätzlich positivere Haltung dazu gibt.

Die beteiligten Journalisten sind jünger und damit der klassischen Rolle von Journalisten vielleicht weniger verhaftet als Menschen mit zwanzig Jahren Berufspraxis (allerdings kein automatischer Zusammenhang). Sie haben oftmals viel weniger Ressourcen als öffentlich-rechtliche Sender oder große Verlage – und gerade deshalb sollte man sich um so genauer ansehen, wie sie arbeiten. Sie binden das Publikum auch deshalb ein, weil sie auf Hinweise und Mitarbeit angewiesen sind. Und weil Mitarbeit, Mitdenken und Feedback hier als erstrebenswert im Sinne eines aufgeklärten Publikums gesehen werden.

Verhandlung des journalistischen Selbstverständnisses

Vermutlich ist das, was über die Haltung zum Publikum gerade verhandelt wird, eigentlich ein Ringen um ein neues journalistisches Selbstverständnis. Natürlich stellt sich die Arbeit durch die im Zuge der Digitalisierung veränderten Produktionsbedingungen ganz anders dar. Davon ist viel zu hören. Aber der Wandel hat eben auch damit zu tun, dass die Leserin, der Leser von heute nicht mehr zu vergleichen mit den Autoren der Leserbriefe, über die sich Journalisten so gerne erhoben haben: Wer sich damit beschäftigt habe, habe früher als „Weichei“ gegolten, erinnert sich Cordt Schnibben in seinem Vortrag auf der Tagung. Das Publikum von heute ist aber nicht mehr darauf angewiesen, dass eine Redaktion sich mit seiner Meinung beschäftigt oder sie gar veröffentlicht. Es kommentiert, meint, schreibt und veröffentlicht ungefragt einfach selbst: in den sozialen Netzwerken, in eigenen Blogs oder in selbst produzierten Online-Magazinen. Der Dialog findet also längst statt und klugen Redaktionen gelingt es, davon zu profitieren.

„Die Leser sind schlauer als wir“ – sagte Cordt Schnibben. Das stimmt, denn das Publikum sind viele: Expertinnen, denkende, erfahrene Menschen. Man muss keine großer Anhängerin der Schwarmintellingenz sein, um sich vorstellen zu können, dass es viel bringt, sich einem Thema in der Diskussion mit Menschen zu nähern, die in der Lage sind, verschiedenes Hintergrundwissen, neue Perspektiven und vielleicht einfach auch gute Fragen einzubringen.

Und es ist unserer Zeit angemessen, in der Journalisten neben dem technischen Vorsprung auch ihren Wissensvorsprung an vielen Stellen nicht mehr halten können. Der Zugang zu Informationen ist nicht mehr exklusiv den Medien vorbehalten, wenn beispielsweise Politiker/innen ihre Ansichten oder aktuelle Beschlüsse als erstes auf Twitter heraushauen, wenn Entscheidungsprozesse der Behörden der Transparenzpflicht unterliegen und einem breiten Publikum zugänglich sind.

Unter diesen Voraussetzungen erscheint es mir sehr sinnvoll, Journalisten eher als moderierende Verteiler von Informationen zu sehen, die aber durchaus weiterhin eine wichtige Funktion haben: Sie wählen aus, sie bringen Menschen zusammen,  prüfen Informationen auf ihre Qualität, sie bringen sie in einen Kontext – sie kuratieren Informationen.

Wissensvermittlung im allgemeinen Wandel

Journalisten sind übrigens nicht die einzigen, die hier gerade vom Thron der Allwissenheit fallen. Fast die gleiche Diskussion kann man in der Bildung verfolgen, wo die Rolle der Lehrkraft in digitalen Lernumgebungen neu definiert wird und fortschrittliche Lehrerinnen und Lehrer sich längst als Moderatoren begreifen. In der Wissenschaft gibt es ähnliche Auseinandersetzungen wie im Journalismus, wenn über Sinn und Zweck von Wissenschaftskommunikation mit einem breiten Publikum debattiert wird. Auch hier gehen die Meinungen weit darüber auseinander, ob die breite Masse einzubeziehen ist, im Sinne einer Citizen Science sogar eine Bereicherung darstellt, oder aber vielleicht doch nur stört und Wissenschaftlerinnen von ihrer eigentlichen Arbeit abhält.

In allen Bereichen fällt es vermutlich auch deshalb schwer, sich mit veränderten Rollen abzufinden, weil in der Ausbildung noch viel zu wenig darauf eingegangen wird – sei es bei Journalisten, Lehrern oder Wissenschaftlern. Dabei könnte die Rolle der Moderation von Wissenden doch auch sehr reizvoll sein und mindestens genauso herausforderungsvoll.

Bei der Tagung selbst gab es übrigens eine glaubhafte Wertschätzung des Publikums, und die Fragerunden zu den Podien waren bereichernd – eine interessierte Community eben.

Und nicht zuletzt war es auch eine produktive Community: Neben einem Beitrag im NDR-Medienmagazin ZAPP hat sich auch Dirk Hansen in seinem Blog Gedanken gemacht, mit ganz anderen Ideen zum Publikum als meine – sehr lesenswert.

Und wer sich für das Thema interessiert, ist sicherlich auch am Forschungsprojekt des Hans-Bredow-Instituts zum Thema interessiert: Die Wiederentdeckung des Publikums.