Als satter Gast am Buffet der Krautreporter

Erneuere_Mitgliedschaft

Ein Jahr nach dem Start der Krautreporter steht es an, Bilanz zu ziehen. Ich habe das Projekt vor einem Jahr im Crowdfunding unterstützt und muss nun entscheiden, ob ich mein Abo verlängere. Um es kurz zu machen: Ich bin zwar nicht wirklich enttäuscht, da die Krautreporter ja im Vorfeld kein Konzept präsentiert hatten, das konkrete Erwartungen in mir hätte wecken können. Für mich persönlich ist das Projekt aber gescheitert. Denn ich habe viel zu wenig Zeit investiert, um die Texte zu lesen. Das hat sicherlich mit der Umsetzung zu tun, und ich schließe mich einfach der Kritik von Thomas Knüwer an, die ich in Vielem teile, um das alles hier nicht noch einmal ausbreiten zu müssen.

Warum ich die Krautreporter nicht wirklich unterstützt habe

Interessanter als zu sammeln, was die Krautreporter vielleicht alles falsch gemacht haben, ist für mich ein Wechsel der Perspektive: die Frage, warum ich sie nicht bzw. so selten gelesen habe. Warum hat es ein so gut ausgestattetes Projekt offenbar nicht geschafft, mich als Teil seiner Community mitzureißen, zu begeistern oder – etwas bescheidener – zumindest bei der Stange zu halten? Grundsätzlich bedeutet für mich Crowdfunding weniger die finanzielle, sondern vielmehr die ideelle Unterstützung, die Auseinandersetzung mit dem Projekt. Genau diese ideelle Unterstützung ist mir aber bei den Krautreportern recht früh abhanden gekommen. Ich habe mich selten auf der Seite aufgehalten und nur einzelne der Texte gelesen.

Zu viele Texte für zu wenig Zeit

Das erlebe ich immer wieder auch mit anderen Medien so, die ich abonniert habe oder mal kaufe. Aber es gibt einen Unterschied: Zu meinen Tageszeitungen, Wochenzeitungen, Magazinen und einigen Fachmedien habe ich eine Bindung entwickelt. Sie begleiten mich oft schon viele Jahre meines Lebens, einige der Autorinnen und Autoren kommen mir durch ihre Texte wie gute Bekannte vor. Die Krautreporter kamen immer erst danach dran, anfangs, weil ich neugierig war, später, wenn ich mal in den sozialen Netzwerken von Texten erfahren habe. Insgesamt aber sehr selten. Es ist so banal wie wichtig und betrifft uns alle: Es gibt einfach mehr gute, interessante Texte als Zeit, die zum Lesen bleibt. Da schreiben so viele, gute Autorinnen und Autoren in Medien und Blogs, die ich gerne lese. Ich brauche die Krautreporter also offenbar gar nicht.

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Wie hätten die Krautreporter meine Zeit gewinnen können?

  • Ihre Texte werden mir empfohlen.
  • Es gibt eine breite Diskussion zu einem Text, die mich neugierig macht.
  • Die Autoren interessieren mich (von den wenigen Texten, die ich bei den Krautreportern gelesen habe, erfüllen die meisten diesen Punkt).
  • Die Texte behandeln ein Thema, das mich gerade interessiert (schwer zu erfüllen, weil sehr vielfältig und situationsabhängig)
  • Sie experimentieren mit Darstellungsformen.
  • Ich werde als Leserin einbezogen.
  • Ich habe eine Beziehung zu dem Medium

Den letzten Punkt haben die Krautreporter bei mir nicht erreicht, einfach, weil es mit den meisten der vorangegangenen zu oft nicht geklappt hat.

Satter Gast mit schlechtem Gewissen

Aber ich möchte das dem Team gar nicht vorwerfen. Denn ich fühle mich wie ein Gast, der gesättigt an ein reichlich gefülltes Buffet kommt und einfach nichts mehr nehmen mag. Am Ende überwiegt das schlechte Gewissen gegenüber dem Gastgeber. Mag ich ihn da kritisieren, für Speisen, die ich nicht mal richtig probiert habe? Man kann schon fragen, warum dieser Gastgeber mich überhaupt eingeladen hat. Er hätte wissen können, dass ich satt bin. Ich selbst hätte die Einladung ablehnen können.

Bei der Rückschau auf ein Jahr Krautreporter habe ich mich gefragt, was mir denn eigentlich Appetit machen könnte. Einer Leserin, die an jeder Ecke im Netz, zu einem großen Teil immer noch kostenlos, bestes Lesefutter bekommt und die auch zu einem nicht unbeachtlichen Teil des kostenpflichtigen Angebots Zugang hat?

Relevante journalistische Aktivitäten

Das Experiment Krautreporter zeigt mir ein weiteres Mal, dass man sich eben nicht darauf beschränken kann, den vielen Texten im Netz weitere hinzuzufügen, wenn man vorhat, ein neues journalistisches Produkt zu entwickeln – so gut die Texte auch sein mögen. Ein neues Magazin muss heute schon eine sehr spitze Positionierung haben, um sich durchzusetzen, oder ein Spezialthema besetzen, für das es eine Community gibt.

In der breiten Masse aber, in der sich die Krautreporter aufgestellt haben, gibt es wohl weniger ein Bedürfnis nach noch mehr Texten als vielmehr den Wunsch, diese Massen an Informationen irgendwie noch in den Griff zu bekommen. Es wird mehr und mehr zur Herausforderung, das Relevante vom Irrelevanten zu trennen, wirklich gute Reportagen, Features oder Berichte, die mich interessieren könnten, nicht zu verpassen. Angesichts des stetig anschwellenden Contents im Netz gibt es zwei Prozesse, die neben der Produktion von Inhalten immer relevanter werden:

  1. Aggregieren, also das Sammeln, Aufbereiten und Kategorisieren von Inhalten
  2. Kuratieren – die konzeptionelle Zusammenstellung einer Auswahl und die Einordnung in einen Kontext

Es ist doch bezeichnend, dass der morgendliche Newsletter der Krautreporter von vielen immer wieder positiv hervorgehoben wird – sogar als Grund genannt wird, das Abo weiterzuführen. Darin sammelt Christian Fahrenbach jeden Morgen Themen des Tages und Links zu interessanten Berichten – aus den verschiedensten Medien. Er sucht für die Leser der Krautreporter aus der Masse an aktuellen Berichten und Reportagen das heraus, was er für erwähnenswert hält, was ungewöhnlich oder in irgendeiner Art bemerkenswert ist. Tatsächlich habe auch ich den Newsletter der Krautreporter noch am häufigsten gelesen.

Wenn ich die Dienste und Angebote ansehe, die die beiden genannten Verfahren aktuell für mich übernehmen – vor allem Newsletter, Twitter, Facebook, kuerzr-Alerts, RSS-Feeds von Blogs – glaube ich, dass genau hier die Musik spielen könnte und neue Produkte und Entwicklungen wirklich gefragt sind – vor allem, wenn sie nach journalistischen Kriterien funktionieren und nicht der Logik der Algorithmen einer Suchmaschine folgen.

Entdeckung: Niuws

Ist es Zufall, dass ich gerade im Zuge dieser Überlegungen auf Twitter einen Hinweis von Christoph Kappes gelesen habe, der mich dazu gebracht hat, mich mit Niuws eingehender zu beschäftigen?

Von diesem Start-up hatte ich bislang nur den Namen gehört. Niuws setzt genau das um, was ich mir als journalistische Neuentwicklung wünschen würde. Niuws ist eine App, die sich an Entscheider richtet, für die sie von real existierenden Menschen jeden Tag die wichtigsten Texte zu bestimmten Themengebieten kuratiert. Man kann sich sein eigenes Portfolio aus Themenschwerpunkten zusammenstellen, in einem Stream erscheinen dann die Texte, wählbar als Original- oder direkt als Reader-Sicht. Das ist alles noch am Anfang und hat bestimmt noch viel Verbesserungs-, vor allem Erweiterungspotenzial. Rein technisch aber finde ich es schon einmal vielversprechend komfortabel. Ob sich für eine große Menge bestimmen lässt, was relevant ist, und welche Menschen dort kuratieren, davon wird sich ein großer Teil des Erfolg von Niuws abhängen.

Viel Erfolg den Krautreportern

Ich möchte den Krautreportern nicht vorschlagen, ein zweites Niuws zu werden, ich möchte den Krautreportern eigentlich gar keine Verbesserungsvorschläge an die Hand geben – davon haben sie vielleicht schon genug. Ich hoffe, sie haben Erfolg und es geht weiter, denn wie im Anschreiben an die Unterstützer zu lesen war, gibt es ja auch noch neue Ideen. Ich wünsche ihnen vor allem Leser_innen, die hungrig sind.

Eine neue Beziehung

Für mich selbst wird die Suche weiter in Richtung von Produkten wie Blendle oder eben Niuws gehen. Mit meinem letzten Crowdfunding aber habe ich übrigens Missy Magazine unterstützt. Die gibt es schon länger, sie haben mit ihrer Kampagne dafür gesorgt, dass wir sie weiter lesen und sie besser arbeiten können. Missy Magazine hat für mich eine klare Positionierung und bietet neben den Mainstreammedien einfach eine deutlich andere, weil feministische Perspektive. Das macht mir noch Appetit.

Das neue Spiel: Michael Seemann über den Kontrollverlust

das_neue_spielIm letzten Jahr habe ich nach meiner ersten bereichernden Crowdfunding-Erfahrung im Jahr zuvor ein weiteres Buchprojekt unterstützt. Der Kulturwissenschaftler, Netztheoretiker und Blogger Michael Seemann hatte angekündigt, über den Kontrollverlust zu schreiben, die Erfahrung also, dass immer mehr Daten über uns erfasst, vorgehalten und miteinander verknüpft werden, ohne dass wir das beeinflussen oder gar kontrollieren könnten. Das Crowdfunding verlief sehr erfolgreich. Irgendwann lag „Das neue Spiel“ bei mir in der Post, handsigniert und sehr schön gestaltet, für die Unterstützer mit einem zusätzlichen Schmuckumschlag.

Rezension Monate nach Erscheinen des Buches

Es hat etwas gedauert, bis ich die notwendige Ruhe gefunden hatte, das Buch am Stück zu lesen. Um den Text über das Buch bin ich dann auch noch etwas herumgeschlichen, weil ich noch keine klare Position zu „Das neue Spiel“ bzw. zum Thema Kontrollverlust habe. So kommt mein Beitrag erst jetzt, Monate nach Erscheinen des Buches im vergangen Herbst. Aber ich berufe mich gerne auf Gunnar Sohn, der für eine Entschleunigung im Umgang mit Büchern plädiert:

„Es ist wohltuend, dass es Rezensenten gibt, die sich nicht an der gigantisch kurzen Halbwertzeit bei der Besprechung von Büchern orientieren. Das Zeitfenster für die Erwähnung neuer Werke wird immer kleiner. Man behandelt Sachbücher und literarische Werke wie heiße Kartoffeln, die sofort serviert werden müssen.“  (aus: „Besprechung unseres Live Streaming-Opus in Praxis der Wirtschaftsinformatik“)

„Das neue Spiel“ ist keine heiße Kartoffel, man kann es auch Monate nach Erscheinen noch servieren, denn es ist weiterhin von hoher Aktualität. Es ist als Lektüre auch – vielleicht sogar gerade – für die geeignet, die die netztheoretischen Debatten der letzten Jahre nicht im Detail verfolgt haben.

Die drei Grundbedingungen des Kontrollverlusts

Seemann hat sein Buch in zwei große Bereiche gegliedert und beschreibt im ersten Teil gut strukturiert und detailliert drei Grundbedingungen, die den Kontrollverlust über unsere Daten bedingen.

  1. die durchgehende Digitalisierung unserer Lebenswelt durch eine wachsende Anzahl von Sensoren
  2. die immer günstigere Speicherung von Daten und die schnellere Kopierbarkeit
  3. die sich kontinuierlich verbessernden Möglichkeiten, aus den Daten Schlüsse zu ziehen durch ihre Verknüpfungen.

„Daten, von denen wir nicht wussten, dass es sie gibt, finden Wege, die nicht vorgesehen waren, und offenbaren Dinge, auf die wir nie gekommen wären.“

Das alles ist sehr einleuchtend, an mehreren Stellen wohl schon bekannt, aber doch erkenntnisfördernd, die Entwicklungen in ihren Zusammenhängen zu durchdringen. Der erste Teil lohnt die Lektüre. Ich kann nicht beurteilen, ob es Ähnliches schon gibt, dazu fehlt mir der komplette Überblick über die entsprechende Literatur. Die Zusammenhänge zwischen Datenerfassung, -speicherung und -verknüpfung und den draus resultierenden Verlust der Kontrolle über die Informationen beschreibt Seemann hier ausführlich, nachvollziehbar und mit vielen konkreten Beispielen. Interessant ist dabei, dass er auch die medien- und informationstheoretischen Grundlagen der Digitalisierung heranzieht, ihre historische Entwicklung nachzeichnet und damit ein wirkliches Verständnis ermöglicht.

Die Analyse läuft unweigerlich auf die Grundthese Seemanns hinaus: Die Digitalisierung hat unser Leben vom Kopf auf die Füße gestellt, Denkweisen und Regeln aus dem 20. Jahrhundert laufen ins Leere. Wir sind nicht mehr in der Lage, unsere Daten zu schützen, weil wir gar nicht mehr den Überblick darüber haben, an welchen Stellen sie erhoben werden und was damit geschieht. Und wir können uns nicht dagegen wehren, dass diese Daten erfasst werden.

Der Kontrollverlust ist irreversibel

Während der Lektüre wurde ich zunehmend neugierig auf den zweiten Teil, denn je überzeugender die Darstellung des Kontrollverlustes gelingt, desto interessanter, ja drängender erscheint die Frage, wie denn nun damit umzugehen ist.

Für Seemann gibt es kein Zurück mehr. Er verwehrt sich dennoch gegen die Zuschreibung des Technologiedeterminismus und spricht stattdessen von einem „sanften Druck in eine bestimmte Richtung“. Und er betont, dass er die Regeln, die er im zweiten Teil aufstellt, – anders als die Analyse im ersten Teil – nicht mit einem Anspruch auf Allgemeingültigkeit verbindet.

Neue Spielregeln – noch nicht zu Ende gedacht

Um es vorwegzunehmen: Für mich gibt dieser zweite Teil keine befriedigende Anleitung zum Umgang mit dem Kontrollverlust. Ich folge Seemann nicht in seinem Optimismus, dass es ein gutes Spiel wird, wenn wir die Realität nur anerkennen und uns von der Illusion verabschieden, wir könnten unsere Daten noch schützen. Für mich ist – wie für viele – die totale Transparenz,  die Seemann wie weitere Anhänger der so genannten Post-Privacy-Bewegung als Ausweg postulieren, eine abschreckende Vorstellung. Ich bin in eine andere Richtung hoffnungsvoll: Ich möchte mir vorstellen, dass sich aus einem breiteren Konsens heraus, dass es Daten gibt, die wir schützen müssen, Regeln zu einem verantwortlichen Umgang damit entwickeln. Dass Individuen, Unternehmen und Staaten sich zur Einhaltung dieser Regeln verpflichten und dabei keine Ausnahmen gelten. Es gibt aktuell wenig Anlass, darauf zu hoffen, aber Grund, dafür zu kämpfen. Das müsste bedeuten, dass man sich darauf einigt, bestimmte Daten nicht zu nutzen, auch wenn sie verfügbar sind. Ich denke auch, dass gerade mit der Einsicht in den Kontrollverlust  ein bewusster, sensibler und verantwortungsvoller Umgang mit Daten gefordert ist – und dass wir erst noch lernen müssten, wie das aussehen kann. Vielleicht bin ich mit dieser Vision tatsächlich noch dem 20. Jahrhundert verhaftet. Zwangsläufig kann ich Seemann deshalb im zweiten Teil nur noch bedingt folgen.

Sensible Bereiche erfordern sensiblere Regeln

Es liegt aber auch daran, dass  er seine Ansätze hier – anders als im ersten Teil – weniger fundiert begründet. So ausführlich und umfassend er die Sachverhalte im ersten Teil ausbreitet und so vielseitig er argumentiert, so oberflächlich empfinde ich seine Darstellung an einigen für mich zentralen Stellen im zweiten Teil. Etwa dann, wenn es um das Gesundheitssystem geht:

„In einem Gesundheitssystem, das solidarisch für alle funktioniert, wäre es weniger bedrohlich, wenn meine Gesundheitsdaten in fremde Hände fallen“ (S. 165).

Auch in einem solidarisch organisierten Gesundheitssystem gibt es wohl gleich mehrere Gründe, die wichtig machen, unsere Daten geschützt zu wissen. Ich möchte zum Beispiel selbst entscheiden, ob und wann ich meinem Umfeld von der Diagnose einer schwerwiegenden Krankheit oder auch einer Schwangerschaft berichte. Und wer garantiert selbst in einem solidarisch organisierten System, dass ein potenzieller Arbeitgeber mich nicht doch ablehnt, wenn er erfährt, dass ich unter einer Krankheit leide, von der er meint, sie könnte mich einschränken?

Ähnliche Gedanken kommen mir zum Thema Homosexualität. Seemann schreibt, der Kampf für Toleranz und gegen homophobe Strukturen stärke die Einzelnen, so dass es irgendwann nicht mehr nötig sein sollte, eine sexuelle Neigung zu verbergen. Selbst wenn es stimmt und sich die Gemeinschaft irgendwann in diese Richtung entwickeln könnte: Die Sexualität ist für mich ein hoch privater Bereich, den ich schützen möchte, nicht zuletzt, weil Geheimnisse und Verborgenes einen sie konstituierenden Wert ausmachen.

Parallel zu Seemanns Buch habe ich übrigens „The Circle“ als Hörbuch gehört – auch das erst nach dem großen Hype um das Buch. Es war eine interessante Parallel-„Lektüre“, im doppelten Sinn: Einer der Gründer von „The Circle“ argumentiert zum transparenten Umgang mit Homosexualität wie Seemann: Wenn alle offen damit umgingen, so würde man die Menschen irgendwann davon befreien können, sie zu verbergen. Bei „The Circle“ habe ich es als naive Vision gelesen, darauf angelegt, Widerspruch bei Leserinnen und Lesern hervorzurufen.

Ein Buch, das auf die Suche schickt

Auf der anderen Seite entdecke ich bei Seemann auch im zweiten Teil wieder überzeugende Ansätze und Argumentationen. So kann ich unter anderem dem gut dem folgen, was er zu Plattformen schreibt und finde seinen Ansatz, für ein Mitspracherechts der Nutzerinnen und Nutzer zu kämpfen statt sie zu verlassen und sich damit zu schaden, richtig.

Der zweite Teil hat mich im Ganzen nicht überzeugt, aber die Lektüre lässt mich meine eigenen Überzeugungen auch hinterfragen. Denn im Moment fehlt mir ein konkreter Gegenentwurf zu den neuen Seemanschen Regeln des Spiels. Dass sie gefragt sind, ist für mich außer Frage. Sind es die, die Seemann entwirft? Ist er in seinen Überlegungen nur konsequenter und weiter als ich? Ich habe dazu noch keine fertige Meinung, und deshalb hat „Das neue Spiel“ mich in gewisser Weise erst einmal auf die Suche geschickt. Es ist nicht ganz das, was ich nach den Ankündigungen erwartet hatte, aber nicht einmal das Schlechteste, was man von einem Buch sagen kann.

Crowdfunding – nur ein erster Ansatz

Pitchvideo von Michael Seemann für die Crowdfunding-Kampagne

„Das neue Spiel“ kann man, da es durch das Crowdfunding bereits finanziert worden ist, bei irights media kostenlos lesen. Und es gibt bereits einige Besprechungen zum Buch, in der Bewertung gemischt. Lesenswert ist unter anderem die von Thomas Brasch, der nicht nur die Bücher liest, die ich lese, sondern auch die schon gelesen hat, die ich noch lesen möchte.

Seemann beschreibt übrigens auch den Prozess der Entstehung seines Buches als ein Weg, mit dem Kontrollverlust umzugehen. Er kann es als Autor kostenfrei ins Netz stellen, weil er sein Geld bereits vorher gesammelt hat. Dabei unterschlägt er aber die Tatsache, dass ein gut funktionierendes Netzwerk ihn dabei unterstützt hat – ein Netzwerk, auf das wohl nur einzelne potenzielle Autorinnen und Autoren in ähnlicher Weise setzen könnten. Von daher ein guter Ansatz für das neue Spiel, aber noch keine wirkliche Lösung.

Crowdfunding als Marktforschung: Süddeutsche Zeitung Langstrecke

SZ_LangstreckeDer Süddeutsche Verlag hat heute den Startschuss für ein neues Experiment gegeben und holt Interessierte dafür auf die Crowdfunding-Plattform startnext. Ein neues Produkt soll hier von der Crowd getestet werden, die so genannte „Süddeutsche Zeitung Langstrecke“. Das Produkt, um das es geht, finde ich im jetzigen Stadium weniger interessant als den Prozess seiner Einführung. Viermal im Jahr will der Verlag so genannte „longreads“, also längere Texte wie Essays, Reportagen oder auch Interviews, in gesammelter Form publizieren und in der Form herausbringen, in der die Leserinnen und Leser es wünschen: als E-Book, Magazin oder Taschenbuch. Es sollen „die besten“ sein – und offensichtlich wird auch hier die Crowd entscheiden, welche der vielen Texte aus einem Quartal dieses Qualitätsmerkmal verdient haben – zumindest in der Experimentierphase. Hinter dem Projekt stehen der Journalist Dirk von Gehlen, dessen erstes Buchprojekt „Eine neue Version ist verfügbar“ ich als ich als mein erstes Crowdfunding-Projekt als sehr bereichernd miterleben konnte, der Projektmanager Johannes Hauner und der SZ-Art-Direktor Christian Tönsmann, der – vielleicht oder hoffentlich – mehr als die Frühbucher Plakate gestaltet.

Crowdfunding als Marktforschung

Was mich heute wirklich gewundert hat, war, dieses Projekt auf startnext zu finden. Mir ist bewusst, dass es beim Crowdfunding um weitaus mehr geht als um das reine Sammeln von Geld. Aber dass da eine Kampagne die Finanzierung von Anfang an als komplette Nebensache des Crowdfundings beschreibt, ist für mich neu. Das Fundingziel von gerade mal 100 Euro war auch sofort erreicht. Der Verlag nutzt das „Experiment“, wie es im Text auch genannt wird, für einen Markttest – ein Effekt des Crowdfunding, den auch andere schon beschreiben, der sich bei vergleichbaren Projekten aber vermutlich eher als Nebeneffekt herausgestellt hat. Die Macher des digitalen Wissenschaftsmagazins Substanz, das einen Teil der Investition über Crowdfunding finanziert hat, berichten zum Beispiel darüber in einem Interview.

Crowdfunding auch für etablierte Unternehmen

Auch gewundert hat mich, nicht irgendein start-up, sondern den Süddeutsche Verlag auf einer Crowdfunding-Plattform wiederzufinden. Mein erster Impuls – und auch meine Frage an der Pinnwand – war: „Geht das überhaupt“ – mit dem Hintergedanken, dass eine Plattform, die ihre Crowd bei jeder Kampagne um einen Beitrag für den eigenen Betrieb bittet, doch kein Ort für die Marktforschung von großen Verlagen sein könnte. Länger darüber nachdenkend, sehe ich es tatsächlich anders. Zum einen ist sowohl die Spende an startnext als auch die Teilnahme an der Kampagne des Süddeutsche Verlags vollkommen freiwillig. Der Verlag macht seine Ziele transparent – in seinem Blog schreibt Dirk von Gehlen noch ein paar Sätze mehr zu der Motivation. startnext wird vermutlich Aufmerksamkeit gewinnen, was gut ist für die vielen anderen Projekte, die hier ihren Weg ins Leben finden. Zum anderen werden die, die sich an der Kampagne beteiligen, davon profitieren: Sie erhalten ein Produkt zu einem guten Preis – ein Jahr lang longreads aus der SZ in der Form, die sie sich wünschen. Und sie werden ein Experiment begleiten, mit dem ein neues journalistisches Produkt entwickelt wird. Nicht hinter verschlossenen Türen, sondern ganz offen, unter Einbeziehung potenzieller Kunden und unter den Augen der Konkurrenz. Es ist deshalb zu erwarten und nicht verwunderlich, dass viele Menschen aus „der Medienbranche“ zu den Unterstützern zählen werden. Ob das die Ergebnisse der Marktforschung verzerrt, sei dahingestellt.

Nicht die Zielgruppe und doch dabei

Und tatsächlich interessiert mich der Entwicklungsprozess so sehr, dass ich mir nach dem Verfassen dieses Blogposts wohl auch noch eine Beteiligung sichern werde. Ich habe zwar überhaupt nicht das Gefühl, zur Zielgruppe der Quartals-Longreads zu gehören, und das aus verschiedenen Gründen:

  1. Ich schaffe es schon viel zu selten, mal eines der längeren Stücke in der täglichen Zeitung zu lesen, und sehe nicht, warum mir das besser gelingt, wenn mir die Texte in anderer Publikationsform ein weiteres Mal zugestellt werden. Vielleicht wird der Druck größer, wenn ich ein zweites Mal zahle? Eher nicht.
  2. Nichts ist so alt wie die Zeitung von gestern – das stimmt für das Konzept der Tageszeitung im digitalen Zeitalter vielleicht weniger als früher, aber: Warum sollte ich die Stücke lesen, die ich vor drei Monaten verpasst habe, und dadurch weitere gute ungelesene Stücke in der aktuellen SZ zurücklassen?
  3. Wenn es vielleicht eine Sammlung geben könnte, die ich auch nach drei Monaten noch lesen möchte, so wäre das wohl eine sehr persönliche. Das, was die Süddeutsche oder auch die Crowd für „die besten“ Stücke hält, werden nicht unbedingt meine persönlichen Favoriten sein. Die würde ich mir dann vielleicht lieber selbst zusammenstellen. Vielleicht ein weiterer Entwicklungsschritt.
  4. Die Stücke werden so gesammelt, wie sie in der SZ erschienen sind. Was mich reizen könnte, wäre, eine Langversion zu lesen, so wie zum Beispiel ZDF Aspekte neulich ein langes Interview mit Michel Houellebecq im Netz gezeigt hat, von dem in der Sendung nur Ausschnitte zu sehen waren. Oder eine frühere Version. Vielleicht auch eine spätere, ein Update, das weitere Geschehnisse einbezieht. Vielleicht wäre auch ein weiterer Entwicklungsschritt?

Was ich an dem Projekt reizvoll finde: Es könnte den Gegenbeweis zu der Annahme liefern, digital konditionierte und überhaupt die Leserinnen und Leser von heute lesen keine langen Texte mehr – wenn sie doch sogar bereit wären, dafür zusätzliches Geld auszugeben. Und es wäre, wenn sich denn die Varianten Magazin oder Taschenbuch durchsetzten, ein weiterer Beweis für das, was viele gerne glauben möchten: Print lebt.

Nachtrag: Kurz nach Veröffentlichung dieses Beitrags bin ich auf einen Kommentar von Steffen Peschel/Kultur2Punkt0 gestoßen, der sich auch um die Frage dreht, was die SZ auf startnext zu suchen hat: „Ja dürfen’s denn das?“

„Krautreporter“ wollen Journalismus heilen

Und wieder startet ein vielversprechendes Journalismus-Projekt: „Krautreporter“, ein Portal für Qualitätsjournalismus, ein „tägliches Magazin für die Geschichten hinter den Nachrichten“. Die Redaktion will sich per Crowdfunding finanzieren und damit frei von jeglichen Abhängigkeiten gute journalistische Texte produzieren, die starren Ressortgrenzen etablierter Medien dabei überwinden.

Es werden mehr: Journalisten, die genug davon haben, über die desolaten Arbeitsbedingungen und den Niedergang des Journalismus im Allgemeinen und Konkreten zu jammern. Die statt dessen selbst die Initiative ergreifen und ihr eigenes Ding machen. Die keine Lust mehr haben, darauf zu warten, dass sich bei Medienkonzernen und Verlagen wirklich etwas bewegt. Vor Kurzem erst hat das digitale Wissenschaftsmagazin „Substanz“ erfolgreich seine Crowdfunding-Phase abgeschlossen.

Solche Projekte finde ich spannend, zukunftsweisend und wichtig. Ich habe Krautreporter soeben unterstützt. Die Autoren, die sich als Redaktion vorstellen, sind bekannt, man kann sich vorstellen, dass sie gute Geschichten bringen werden. Genauso interessiert mich aber das Projekt an sich, die Entwicklung die es nehmen wird, die Ziele, die sich die Autoren setzen und die Erfahrungen, die sie dabei machen werden. Und ich fühle mich angesprochen durch die Ankündigung, dass es ein Journalismus für „den Leser“ sein soll. Dass ich in der direkten Ansprache explizit nicht adressiert werde, hat mich allerdings irritiert. Vielleicht erhöht sich ja die sprachliche Sensibiliät, wenn mehr Frauen ins Team kommen.

Auf diesem Niveau der Neugier vermischt mit einer guten Portion Vorschusslorbeer verbleibt die Motivation der Unterstützung allerdings. Denn die konzeptionellen Ansagen sind doch sehr vage und auf den ersten Blick auch nicht so ganz neu.

(…) mit gutem Journalismus: Reportagen, Recherchen, Porträts und Erklärstücken – jeden Tag! Wir wissen, von was wir reden: weil wir uns mit dem auskennen, über das wir schreiben. Mit der notwendigen Zeit, die es braucht, um eine gute Geschichte zu erzählen. Und den Fakten, die nötig sind, um zu verstehen, was auf der Welt passiert. Ganz in Ruhe.

Krautreporter from Krautreporter on Vimeo.

Ich hoffe, dass diese Redaktion etwas mehr vorhat, als den „kaputten Online-Journalismus“ wieder „hinzukriegen“. War er je heil? Ist das dann „back to the roots“? Oder gibt es Visionen, die über das, was wir kennen, vielleicht nicht mehr haben, hinausreichen?

Zur re:publica hat ein anderes Team aus Journalisten gerade 23 Thesen zur Medienzukunft vorgestellt. Darin habe ich mehr von dem gefunden, was ich hier noch vermisse: Mut, neue Verbindungen herzustellen, Denkverbote auszuhebeln, über Formate nachzudenken, konkret zu werden. Aber der Aufruf zum Crowdfunding ist ja schließlich erst ein Anfang. Ich bin gespannt und hoffe, dass die Krautreporter ihr Ziel erreichen werden.

Nachtrag, 15.6.: Am vergangenen Freitag haben die Krautreporter nach einem sehr beeindruckenden Countdown ihr Ziel erreicht. Das freut mich sehr! Insbesondere, weil es schon vor Ablauf voreilige Berichte über das Scheitern dieses Projektes gab. Meiner Meinung nach haben die Krautreporter gerade im Endspurt bewiesen, dass Crowdfunding-Projekte für alle Beteiligten, vielleicht am meisten sogar für die Macher, vor allem einen Lernprozess darstellen. Sie haben das Hilfreiche aus der Kritik, die kam, konstruktiv aufgenommen. Mich hat es zudem sehr beeindruckt, wie sich einige aus dem Team in den letzten Tagen, als die Sache schon aussichtslos erschien, für die Sache stark gemacht haben. Ich hoffe, dass es bei der Umsetzung nun genau so weiter geht.

#enviv: Nach der Tagung

Die Tagung in Tutzing zum Buchprojekt „enviv“ von Dirk von Gehlen ist vorbei. Sie war grandios. Ich bin beeindruckt, bestimmt viel klüger als zuvor, sehr froh und auch ein bisschen „netzwerkstolz“, teilgenommen zu haben. Ich habe Menschen kennen gelernt, die mir im Netz schon mal mit Profilbild und Texten begegnet sind. Andere, von denen ich bisher noch gar nichts wusste. Ich habe stundenlang Vorträgen und anschließenden Debatten gelauscht, habe mit diskutiert, war dabei, ohne ein einziges Mal wirklich abgeschaltet zu haben. Und ich hatte Spaß. Auch bei den Gesprächen am Rande. Ich habe an diesem Wochenende das Buch erlebt, das ich zuvor gelesen hatte. Dieses pralle, konzentrierte, bereichernde Erlebnis hatte seinen Ursprung in diesem oft so flüchtigen Netz und war daraus niemals abgelöst. Denn neben diesen geschätzt gut 60 Menschen, die sich in einem durch Ort, Zeit und Teilnehmer begrenzten Raum getroffen haben,  gab es auch diejenigen „draußen“, die den Stream von DRadio-Wissen verfolgten, über Twitter kommentierten und so auch in den abgeschlossenen Raum hineinwirkten.

Was steht im Buch?

Nur einzelne Anwesende kannten das Buch von Dirk von Gehlen schon. Einige waren nicht Teil der Crowd, die es finanziert hatte, und hatten deshalb noch keinen Zugang. Andere hatten noch keine Zeit gehabt, es zu lesen. Es war immer wieder Thema in der Runde, dass man über ein Buch diskutiere, dass kaum jemand kenne. Aber das stimmte ja nicht: Die Referenten waren – sehr gut – so ausgewählt, dass sie entweder selbst Teil des Buches waren oder den Inhalt repräsentierten. Es gab zum Beispiel den grundlegenden Vortrag von Felix Stalder, dessen Beitrag „Autorschaft ohne Urheberschaft“ Ausgangspunkt für das Buch war. Da war das Gespräch mit Prof. Dr. Wolfgang Ullrich, den Dirk von Gehlen in dem Buch unter dem Titel „Vom Werkstolz zum Netzwerkstolz“ interviewt. Wir hörten den Text der „Declaration of Liquid Culture“, die die Autoren kulturhistorisch herleiteten. Ein Streifzug durch literaturwissenschaftliche Theorien von Dr. Thomas Ernst (für mich ein schönes déjà-vu Erlebnis) klärte den zugrunde liegenden Textbegriff. Und – sehr wichtig – eine Musikerin, ein Theaterregisseur/Autor und eine Wissenschaftlerin zeigten, wie man sich das Ganze in der künstlerischen Praxis vorzustellen hat – bzw. eben nicht. Bezeichnend und offen, dass beide Frauen aus jeweils verschiedenen Gründen ganz klar sagten, dass das im Buchprojekt durchgespielte Modell für sie nicht in Frage komme.

Der Text in seiner mündlichen Version

Ich habe die Vorträge wie eine zusammenfassende, mündliche Version des Buches erlebt, durch die der Autor als Konferenzleiter führt. Die anschließenden Diskussionen dazu brachten mir den Austausch unter dann doch sehr verschiedenen Leserinnen und Lesern und dem Autor. Der Austausch, den ich mir beim Lesen immer gewünscht hatte. Deshalb war es einfach gut und konsequent, in Tutzing gewesen zu sein. Mit den Streams dieser Veranstaltung ist jetzt übrigens eine zweite (?) Version des Buches verfügbar – für alle. Klasse, dass die NetzReporter von DRadio Wissen die spannenden Vorträge gefilmt haben und in ihrem Redaktionsblog die hier eingebetteten Videos vielen Interessierten nachträglich zugänglich machen .

Felix Stalder von Professor für digitale Kultur an der Uni in Zürich über “Autorschaft ohne Urheberrecht”, Video via NetzReporter

Thomas Ernst, Literaturwissenschaftler an der Uni Duisburg-Essen über den “(Un-) abgeschlossenen Status des Textes” , Video via NetzReporter

Die Idee der Version in der künstlerischen Praxis, Video via NetzReporter

Im Herbst erscheint im Metrolit-Verlag eine Verlagsversion, als Print- und E-Book, mit cc-Lizenz zum Teilen.

Der Text als Handlung

Und was machen wir jetzt damit – ist ja schon eine berechtigte Frage, nach einem Wochenende, an dem so viel geredet wurde. Dirk von Gehlen ist angetreten, um in einem Experiment darzustellen, was alternative Geschäftsmodelle für Kulturschaffende sein können, wenn sich durch die Digitalisierung bisherige Bezahlungsmodelle überholt haben (auch wenn einige noch immer daran festhalten). Crowdfunding als Lösung? Ja, vielleicht, für einige. Niemals aber als kompletter Ersatz. Ich kann mir jetzt noch besser als vorher vorstellen, wie es geht und hätte selbst auch Ideen, für wen das interessant sein könnte. Selbst möchte ich es gerade nicht ausprobieren. Aber als Unterstützerin werde ich sicherlich noch weitere Projekte begleiten.

Weitere Experimente sind gefragt

Es ist noch nicht klar, welche Erlösmodelle für Kulturschaffende die bestehenden ablösen werden, aber wir sollten vielleicht skeptisch werden, wenn irgendjemand „die Lösung“ verspricht. Gefragt sind Experimente, und es ist an der Zeit, sie zu wagen. Denn der Wandel ist ja schon da. Es ist für mich eine politische Forderung, dass Künstler oder Kulturschaffende, die diese Versuche unternehmen, gefördert werden. Ich finde es wichtig, dass es eine (wissenschaftliche), zumindest fachliche Begleitung dazu gibt, die die Erfahrungen auswertet und für andere zugänglich macht. Auch die vielen Stiftungen, die im Kulturbereich aktiv sind, könnten sich angesprochen fühlen, diese Experimente zu fördern und zu begleiten. Wer selbst einen Versuch im Buchbereich starten will, sollte sich unbedingt vorher bei Leander Wattig schlau machen, der bei der Tagung sehr konkret über Geschäftsmodelle und Marketingmaßnahmen für Selfpublisher berichtet hat.

Neue Versionen zum Lernen

Im Bildungsbereich werden gerade parallele Diskussionen geführt. So gibt es die Diskussion um den freien Zugang zu Lehrmaterialien. Ein Biologielehrer schreibt sein eigenes Schulbuch als kostenloses E-Book – finanziert durch die Crowd. Medienkompetenz wird für Kinder wie Erwachsene um so wichtiger, wenn wir in einer Gesellschaft leben, in der „authentisch ist, wer seine Stimme (im Netz) erhebt“ (Dirk von Gehlen). Zu wissen, wie ich blogge, im Netz Informationen finde, bearbeite und verteile, ist damit kein Spezialwissen mehr, das einigen Publizierenden vorbehalten ist. Es ist vielmehr eine Basiskompetenz, die wir wie Lesen, Schreiben und Rechnen schon in der Schule erwerben müssen.

Die Tagung ist vorbei, es wird weitere Versionen geben, und die werden weitere Kreise ziehen. Ich bin gespannt.

#enviv: Vor der Tagung

Ich sitze im Zug nach Tutzing. Zu einer Tagung, die ich ganz privat besuche, bzw. mehr privat als beruflich, so ganz strikt trenne ich das ja nicht. Bei der Tagung geht es um das Buchprojekt des SZ-Journalisten Dirk von Gehlen: „Eine neue Version ist verfügbar“, das über Crowdfunding von guten 300 Unterstützern finanziert wird. Ich bin eine davon.

Crowdfunding-Buchprojekt

Gegen Ende des letzten Jahres wurde ich irgendwann auf das Projekt aufmerksam. Wahrscheinlich über Twitter. Mich hat zu Anfang – so meine ich – weniger das Thema gereizt als die Erfahrung, ein Crowdfunding-Projekt zu unterstützen,  auf das ich neugierig war. Ich investierte also eine überschaubare Summe. Ich wusste noch gar nicht so recht, worauf ich mich da einlasse und was es mir wirklich bringen würde.

Wiederbegegnung mit bekannten Themen in neuem Kontext

Heute, gut ein halbes Jahr später, bin ich sehr froh, dass ich noch kurz vor Toresschluss reingerutscht bin. Das Thema liegt mir viel näher, als ich anfangs vermutet hatte. Ich hatte plötzlich wieder mit Gedanken zu tun, die mich vor ca. 15 Jahren während meines Studiums und der Zeit meiner Magisterarbeit in Germanistik beschäftigt haben. Und ich bin erstaunt, dass ich weitaus mehr Zeit und Gedanken investiert habe, als ich mir zu Anfang je hätte vorstellen können. Als Dirk von Gehlen anfangs von dieser Tagung sprach, war Tutzing für mich weit weg, die Vorstellung, ein Wochenende dort hinzureisen, eher abwegig. Je länger das Projekt dauerte, je mehr ich eintauchte, desto konsequenter wurde es für mich, genau das zu tun.

In dem Buch geht es um die Veränderung der Kultur im Zeitalter der Digitalisierung. Dirk von Gehlen arbeitet mit zwei grundlegende Thesen:

  1. Durch die Ablösung der Daten vom festen Träger (Buch, CD etc.) werden Kulturprojekte „flüssig“ – der fertige Zustand eines Werkes verflüchtigt sich. Kunst und Kultur werden zu Software, die in verschiedenen Versionen entstehen und vor allem auch rezipiert werden.
  2. An die Stelle des Endproduktes tritt das Prozesshafte seiner Entstehung. Man erfährt mehr über ein Kunst- oder Kulturprodukt, wenn man die verschiedenen Versionen und den Entstehungsprozess nachvollzieht. Die Digitalisierung ermöglicht dies.

Unkopierbare Momente

Mit vielen anschaulichen Beispielen verdeutlicht Dirk von Gehlen, was damit gemeint ist: Der unkopierbare Moment des Erlebens eines Fußballspiels, in dem das finale Ergebnis nur noch ein Teil und niemals wirklich das ist, was große Begegnungen ausmacht. Der Künstler David Hockney, der er es sich erlaubt, auf seinem I-Phone angefertigte Zeichnungen quasi als Vorstudien an ausgewählte Freunde oder Sammler zu verschicken. Oder noch viel radikaler: Das Interview mit der Autorin Silvia Hartmann, die mit Google-docs als „naked writer“ live einen fiktiven Roman geschrieben hat, während parallel Mitlesende das Geschriebene kommentierten.

Dirk von Gehlen hat das Schreiben über diese Phänomene zum Experiment gemacht, indem er selbst seine Unterstützer hat teilhaben lassen an der Entstehung seines Buches. Nach und nach erhielten wir die einzelnen Kapitel, Informationen über den weiteren Fortgang des Projekts sowie Gedanken und Quellen zum Weiterlesen. Dieses alles konnte, wer wollte, kommentieren und ergänzen, mit weiteren Anregungen versehen. Sehr schade finde ich, dass diese Kommentare dann mehrheitlich doch in einer Blackbox verschwanden. Erst beim abschließenden Live-Schreib-Experiment zu Abschluss konnten Teilnehmer sehen, welche Anmerkungen andere dem Autor ins Dokument geschrieben hatten. Der Austausch mit anderen Rezipienten hat mir gefehlt – auch das war ein Grund, zur Tagung zu reisen.

Aktive Rezipienten

Inhaltlich hat mich an dem Buch vor allem fasziniert, dass die Rolle des Rezipienten neu beschrieben wird. Dazu ein Zitat aus dem Buch von Nick Bilton, Technik-Autor der New York Times: „I Live in the Future and here is How it Works“:

„Digitalisierung verschiebt die Kräfteverhältnisse zwischen Autor und Publikum, zwischen Storyteller und Konsument. Die Folgen sind für alle klassischen Autoritäten erkennbar, diese müssen sich neu begründen. Sie müssen in dem neuen Umfeld, das den vormals passiven Konsumenten zu einem aktiveren Teilnehmer macht, neue Begründungszusammenhänge für sich finden.“

Als Gedanke ist das ja gar nicht neu, von der Rolle des aktiven Rezipienten hat schon Brecht in seiner Radiotheorie geträumt. Interessant ist für mich, nun zu erleben, dass die Digitalisierung dafür vielleicht bessere Voraussetzungen schafft als es sie je zuvor gegeben hat. Dabei ist klar, dass der produktive Rezipient auch bei Experimenten wie diesem hier eine Option bleibt. Viele haben sicher nur mitgelesen, nur ein Bruchteil wird an der Tagung teilnehmen.

Für mich führt die Rolle der aktiven Rezipientin auf das zurück, weshalb ich dieses Blog begonnen habe. Ich durchdringe Texte und Gedanken anderer Menschen intensiver und nachhaltiger, wenn ich mich aktiv damit auseinandersetze, wenn ich sie kommentiere, mich darüber austausche, etwas dazu schreibe. Das ist nicht verwunderlich, in der Flut dessen, was ich so konsumiere, aber schon ein Sonderfall.

Weitere Themen, auf die ich – auch in Hinblick auf die Tagung – sehr gespannt bin: Welche neue Rolle hat der Autor? Warum ist der klassische Werkgedanke überholt, wird der „Werkstolz“ vielleicht abgelöst durch einen „Netzwerkstolz“?