Du bist hier nicht der Chef!

In unserer Agentur bin ich eine von zwei Chefs. Das ist gut, ich nehme die Rolle gerne an, auch wenn mich das Wort, das ich selbst nicht verwenden würde, manchmal noch befremdet. Eine Praktikantin, die nicht verstanden hatte, dass es bei uns zwei Geschäftsführer gibt, eine davon eine Frau, sagte mal zu einer Mitarbeiterin: „Nicola führt sich hier auf, als sei sie die Chefin.“ Hat mich sehr amüsiert.

Ganz anders, wenn ich das Wort von meinen Kindern höre. „Du bist hier nicht der Chef“, ist eine Formel geworden, um sich gegen Anweisungen zu wehren. Meistens mit echter Empörung vorgebracht. Mit grimmigem Gesichtsausdruck. Erst von Sohn eins, in letzter Zeit auch von Sohn zwei.

Komm, wir gehen jetzt spazieren. – Nein, ich habe keine Lust. – Aber das war abgemacht. – Ich habe trotzdem keine Lust. Immer muss ich das machen, was ihr wollt. Du bist doch nicht mein Chef!

Spätestens beim letzten Satz haben sie mich. Ich halte an, überlege, ob es wirklich richtig ist, jetzt meinen Willen durchzusetzen. Ich schwanke. Und genau das sehen meine Kinder. Ich weiß, dass sie meine Zweifel erkennen, weil dem Ausspruch meistens ein Blick folgt, den man als triumphierend bezeichnen könnte. Und eine große Sicherheit.

Sohn zwei war neulich sehr erbost, dass ich auf dem Rückweg von der Kita eine neue Route ausgewählt hatte. Die Argumente, die ich vortrug, überzeugten ihn nicht. Er blieb einfach stehen – an einem Zebrastreifen. Ich war schon weitergefahren. Da brüllte er mir diese Worte über die Straße zu: „DU BIST HIER NICHT DER CHEF“. Die Autos warteten weiter, um meinen Sohn, der nicht wollte, über die Straße zu lassen. Er rührte sich nicht und wirkte sehr sicher. Ich drehte um. Er hatte Recht. In dieser Situation war ich nicht Chef. Er brauchte noch mehr Erklärungen, eine Umarmung, und viel gutes Zureden. Irgendwann folgte er mir dann – nicht ohne ausgehandelt zu haben, dass er die Route am nächsten Tag bestimmen würde.