Podcastkritik: „Durch die Gegend“ – Hörstück für Flaneure

Der Medienjournalist und Blogger Stefan Niggemeier, selbst Macher (mindestens) zweier Podcasts, hört selbst selten welche. Das gesteht er Christian Möller, dem Autor des Podcasts „Durch die Gegend“, der sich mit ihm zum Gespräch und zum Spaziergengehen draußen außerhalb von Berlin verabredet hat. Hier kommt Niggemeier auf die Idee, dass man beim Laufen mit Hund eigentlich sehr gut Podcasts hören könnte. Sollte er ausprobieren – und am besten mit „Durch die Gegend“ anfangen. Genau das schlägt auch Christian Möller vor. Niggemeier übernimmt die Vorlage:

„Das wäre ja verwirrend. Dann wäre man in der Gegend und würde anderen Leuten zuhören, wie sie durch die Gegend gehen“.

Christian Möller dreht es weiter:

„Wenn jetzt Leute den Podcast hören, und uns beim durch-die-Gegend-Gehen zuhören, während sie durch die Gegend gehen, und wir reden darüber, dass sie den Podcast hören, ich glaube, dann werden sie wahnsinnig.“

Durch die Gegend-Niggemeier

Man wird nicht wahnsinnig. Und es ist natürlich nicht verwirrend, „Durch die Gegend“ beim Gehen zu hören – ganz im Gegenteil: Diesen Podcast darf man überhaupt nur hören, wenn man selbst spazieren geht. Nur so entfaltet sich sein großer Reiz. Erst in Bewegung entsteht das Gefühl, direkt nebenherzulaufen, während Christian Möller sich mit Schriftstellerinnen, Musikerinnen, Journalisten oder Politikern unterhält. Ganz nah dran, das Knirschen der Steine beim Gehen direkt im Ohr, wie auch die Hintergrundgeräusche von der Straße oder aus Cafés, das leicht unregelmäßige, etwas schwere Atmen der beiden Laufenden, wenn sie sich beim Gehen unterhalten. Ich habe mich schon zwei- bis dreimal dabei ertappt, in Gedanken selbst eine Frage ins Gespräch zu werfen. Manchmal hat Christian Möller genau die dann gestellt. Und immer wieder habe ich mich umgesehen, wenn Geräusche eines heranfahrenden Autos zu hören waren und ich selbst am Rande einer Straße lief.

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Während meines letzten Urlaubs habe ich eine ganze Reihe einzelner Folgen von „Durch die Gegend“ gehört. Vielleicht haben die Umgebung und die Ausnahmesituation meine Begeisterung getriggert. Der Podcast hat mich bei wunderbaren Morgenspaziergängen durch die Bergstraßen einer kanarischen Insel begleitet. Ich war unterwegs unter anderem mit Marina Weisband, Juli Zeh, Igor Levit, Volker Beck und David Wagner. Ich habe Persönliches, Nebensächliches, Überraschendes, auch Bekanntes von diesen Menschen erfahren, die ich meinte, aus den Medien schon etwas zu kennen. Zuhause habe ich getestet: Durch die Gegend funktioniert auch im Alltag, in den Parks und Straßen der Großstadt sehr gut.

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Die Spaziergänger von „Durch die Gegend“ wurden mir beim Hören sympathisch oder ich habe sie nach über einer Stunde Begleitung etwas weniger gemocht. Wie auch immer der Eindruck war: Ich konnte mir selbst ein Bild machen. Denn Christian Möller nimmt sich als Person und Fragender zurück, lenkt das Gespräch nur so weit, wie es gerade nötig ist. Seine Gäste mäandern durch ihre Gedanken, für die er mit seinen Fragen oder einfach die Umgebung die Anstöße liefert. Sie erzählen von ihrer Kindheit oder kommentieren aktuelle Erlebnisse. Der Autor lässt sie in die Rolle von Flaneuren schlüpfen, die sich durch die Gegend treiben lassen und die das, was sie sehen und ihnen begegnet, zu Reflexionen inspiriert. Konsequent, dass Christian Möller die Wahl der Route seinen Gesprächspartnern überlässt.

Er unterbricht nur selten, hat keinen Gesprächsleifaden und stellt keine konfrontativen Fragen. Hat man in Interviews oft das Gefühl, es soll ein rundes Bild entstehen, so bleibt es hier bei Fragmenten. So viel, wie die Person zu geben bereit ist. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Als Schorsch Kamerun nach einer Stunde aufhören will, lässt Christian Möller Bedauern erkennen (viele Folgen dauern über 90 Minuten) – aber macht dann auch Schluss. Schorsch Kamerun ist übrigens der einzige von denen, die ich bisher „durch die Gegend“ begleitet habe, der es explizit anstrengend findet, über sich selbst zu reden – was man nach einer Stunde Zuhören ganz gut nachvollziehen kann. Die anderen scheinen dankbar, hier selbst den Takt angeben und die Richtung bestimmen zu können, in die das Gespräch läuft – und damit auch das Bild selbst zu formen, das von ihnen entsteht.

Die Auswahl der Gesprächspartner hat mich von Anfang an beeindruckt. Christian Möller gehörte zu den ersten Journalisten, die sich mit dem Grünen-Politiker Volker Beck nach dessen kurzen Rückzug aus der Öffentlichkeit unterhalten haben. Er war letztes Jahr beim Kauf von Drogen erwischt worden. Unaufgeregt lässt der Autor den Vorfall gleich zu Anfang ins Gespräch einfließen und überlässt es Volker Beck, das Thema zu steuern. Christian Möller weiß, wie man Menschen sensibel begegnet. Mit Juli Zeh spricht er darüber, wie Medien sie immer wieder in ein bestimmtes Schema pressen. Wie sie an der Uni lernen musste, mit deutlicher Kritik an ihren Texten fertig zu werden, weil sie dem als überholt geltenden Prinzip des auktorialen Erzählers anhing und damit gegen den Zeitgeist schrieb. Marina Weisband erklärt, warum sie die Piraten verlassen hat und warum sie sich stundenlang in Bastelläden aufhalten kann. Christian Möller hat Menschen für den Gang „Durch die Gegend“ gewonnen, die mich als öffentliche Personen fast ausnahmslos interessieren.

Ich hoffe auf noch viele weitere Folgen, dürft ich Wünsche äußern, zum Beispiel mit Dunja Hayali, Carolin Emcke, Dirk von Lowtzow, Margarete Stokowski, Manuela Schwesig, Daniel Schreiber oder Kathrin Passig. Gespannt bin ich auf die angekündigte Folge mit Sibylle Berg. Und sehr gerne wäre ich als Hörerin dabei, wenn einmal jemand mit Christian Möller durch die Gegend läuft. Am besten durch Lübbecke bei Minden. Dort ist er aufgewachsen, und ich war überhaupt nicht erstaunt, zu hören, dass dieser Autor ein Ostwestfale ist.

„Durch die Gegend“ erscheint im Podcast-Label Viertausendhertz. Über dessen Konzept erfährt man mehr in einem Gespräch bei SRF 4 mit einem der Gründer, Nicola Semak (letzter Teil des Beitrags). Bislang sind 16 Folgen von „Durch die Gegend“ erschienen, den Podcast kann man hier abonnieren.

Der Autor Christian Möller arbeitet als freier Journalist und Radiomoderator in Köln, unter anderem für den WDR und Deutschlandradio.

Podcast-Liebe

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  • Gibt es seit letztem Jahr einen neuen Podcast-Hype in Deutschland oder hat die dpa einfach eine Studie nicht richtig gelesen?
  • Sieben gute Gründe für Podcasts
  • Absage an den allwissenden Sender
  • Gute Podcasts finden: Empfehlungen zum Einstieg

Ende letzten Jahres habe ich eine neue Leidenschaft entdeckt, und eigentlich erstaunt mich daran vor allem eines: Warum bin ich erst so spät darauf gekommen? Es geht um Podcasts, die ich theoretisch schon Jahre auf dem weiteren Schirm habe, erst seit einigen Monaten aber regelmäßig auf den Ohren: Beim Spazierengehen, Einkaufen und Kartoffelschälen, beim Joggen und auf dem Weg zur Arbeit. Ich höre Hintergrundinformationen zu Trump und Bannon, Debatten über Fakenews, New Work und Datenschutz, erfahre Details zu spannenden Innovationen aus der medizinischen Versorgungsforschung und lausche einem schönen Gespräch über die verschiedenen Facetten von Luxus.

Podcast-Hype in Deutschland?

Bin ich einfach „Opfer“ eines Trends, gar Booms, von dem im letzten Jahr immer wieder zu lesen war? Die dpa schrieb in einem Bericht (hier SZ) im Februar 2016, die Zahl der Podcast-Nutzer*innen habe sich von 2014 auf 2015 von 7 auf 13 Prozent erhöht, also nahezu verdoppelt. Als Quelle wird die ARD/ZDF-Online-Studie 2015 (S. 443) genannt. dpa wertet den Anstieg als eines von mehreren Indizien für eben jenen angeblichen „anhaltenden Podcast-Trend“. Übersehen worden ist dabei aber, dass man in der Studie 2015 im Vergleich zu 2014 die Frage geändert hatte (sichtbar in der Tabelle vermerkt) und nicht mehr ausschließlich nach abonnierten Podcasts gefragt hatte. Das alleine mag den Anstieg schon erklären. Schon 2016 stagnierte die so deutlich gestiegene Zahl dann auch weiter bei 13 Prozent. Viele Medien, von taz bis Spiegel, haben diesen vermeintlichen Anstieg von Hörer*innen in ihren Texten über einen angeblichen  Podcast-Boom übernommen.

Auslöser: Wissenschaftspodcasts

Kein Hype, kein Trend: Der Auslöser meiner neuen Podcast-Liebe ist klar zurückzuverfolgen. Der Funke sprang über beim „Stammtisch Wissenschaftskommunikation“, einer Veranstaltungsreihe, bei der es im November um Wissenschaftspodcasts ging. Referenten waren Daniel Meßner, der zusammen mit Richard Hemmer den empfehlenswerten Geschichts-Podcast „Zeitsprung“ herausgibt und damit historisches Storytelling praktiziert, und die Kommunikationswissenschaftlerin und Podcast-Expertin Nele Heise. Zur Vorbereitung hatte ich gleich mehrere Podcasts in relativ kurzer Zeit angehört, u.a. den Bredow-Cast vom Hans-Bredow-Institut für Medienforschung und den Resonator-Podcast der Helmholtz-Gesellschaft.

Auf der Suche nach meiner persönlichen Podcast-Roll

Neugierig geworden habe ich anschließend in vieles hineingehört, was mir zufällig begegnete, und bin so auf die schon recht bekannten Podcasts gestoßen, von denen diese aktuell zu meinen Favoriten gehören:

3_bild_lageLage der Nation: Polit-Podcast mit dem Deutschlandfunk-Journalisten Philip Banse und dem Juristen Ulf Duermeyer. Kenntnisreicher Hintergrund, Analyse zum aktuellen Geschehen. Ich schätze besonders die Tiefe, die vielen Details und besonders die juristische Perspektive auf die Dinge, die im Gespräch auch für Laien gut verständlich gemacht wird. Spannend, den beiden zuzuhören, die sich offenbar sehr gut vorbereiten und gute Links zum jeweiligen Podcast ergänzen.

7_bild_lila_podcastLila Podcast – ebenfalls ein Podcast zum aktuellen Geschehen, hier mit feministischer Perspektive auf die Themen. Susanne Klingner, Katrin Rönicke und Barbara Streidl, Journalistinnen / Autorinnen, sprechen über „aktuelle Themen, Debatten und interessante Gedanken, die aufgefallen und hängengeblieben sind“. Erhellend, den „Lila Podcast“ und „die Lage der Nation“ mal im Vergleich zu hören – jeweils anders und beide gut. Der Lila Podcast wird herausgegeben von Frau Lila, einer feministischen Initiative, die Frauen vernetzt und  Bildungsangebote, vor allem für die digitale Welt, macht.

8_wirmussenreden„Wir müssen reden“ – Max von Webel, der in den USA lebt und als Softwareentwickler bei Facebook arbeitet, und der Internettheoretiker Michael Seemann aus Deutschland treffen sich ca. zweimal im Monat zum Gespräch und reden ausgiebig, recht frei und intuitiv über das, was im Netz passiert – mit einer kulturell-politischen Perspektive. Beide stecken recht tief in aktuellen Netzdebatten und haben meist eine klare Meinung. Die muss man nicht immer teilen, um von diesem Podcast profitieren zu können.

1_bild_systemfehler Systemfehler – einer der Podcasts, die der zu Anfang des letzten Jahres gegründeten professionellen Podacast-Plattform Viertausendhertz angehören. Der Autor Christian Conradi ist Gründer von Viertausendherz, Redakteur bei Deutschlandradio und Producer. Bei Systemfehler geht er Fehlern, Defekten und Abweichungen in unserer Gesellschaft nach und fragt, wie viel Platz dafür eigentlich bleibt, wenn in sämtlichen Bereichen nach Perfektion gestrebt wird. Mir gefällt besonders der sensible und gute Umgang mit den Gästen, die unaufgeregte Art von Christian Conradi und die ganz unterschiedlichen Themen, die er unter dieser Fragestellung aufspürt, von Künstlicher Intelligenz bishin zum Thema Inklusion. Unter den Podcasts von Viertausendhertz gibt es sicher noch weitere Entdeckungen zu machen, und auch das Konzept der Plattform möchte ich mir noch mal genauer ansehen.

2_bild_piqdpiqd-Podcast: Als Fan der Plattform für gute, ausgewählte Texte, die Expert*innen in ihren Themengebieten bei Piqd kuratieren, also auswählen, empfehlen und  in einen größeren Zusammenhang stellen, gefallen mir auch die Piqd-Podcasts gut. Über Piqd habe ich hier schon mal ausführlicher geschrieben – wer sich für Hintergründe und die Entstehung interessiert, sollte sich den ersten piqd-Podcast anhören, in dem die Verantwortlichen Idee und das Konzept sehr gut herüberbringen.

Bewusst habe ich dann nach Podcasts von Frauen gesucht, die mit Politik/Medien/Internet zu tun haben. Hilfreich dabei war neben einem Austausch mit Anne Peter von „Nachtkritik“ auf Twitter die umfangreiche Liste von Nele Heise, die Podcasts von Frauen zu allen möglichen Themen kollaborativ sammelt. Podcasts, die ich regelmäßig höre, unterstütze ich mit einem kleinen Obulus. Denn alle Podcasts entstehen erst einmal als Hobby der Macher*innen, und selbst die bekannteren werden ihren zeitlichen Aufwand höchstens in Ausnahmen durch die Zahlungen ihrer Hörer*innen begleichen können.

Neben den Podcast von einzelnen Menschen höre ich immer wieder auch die Podcast-Angebote der öffentlich-rechtlichen Hörfunksender, die ich zum Teil schon länger kenne. Favoriten sind:

Sieben gute Gründe für Podcasts

Je intensiver ich gehört habe, desto bewusster wurden mir die großen Vorteile – so ist diese Liste mit  guten Gründen für Podcasts entstanden, die sicher noch zu ergänzen ist:

Unbegrenzte Verfügbarkeit: Podcast lassen sich überall und jederzeit hören. Mit dem Smartphone haben wir sie quasi immer in der Tasche – über die Apps lassen sich abonnierte Podcasts automatisch aktualisieren und – einmal heruntergeladen – auch offline hören.

Eine andere Sinneswahrnehmung: Informationen nehmen die meisten Menschen vorrangig visuell auf: über Texte, Bilder und Zeichnungen in Zeitungen, Büchern, Blogs und in Filmen. Beim E-Mail-Lesen, beim Schreiben, bei der Arbeit, aber auch in der Freizeit. Experten schätzen, „dass etwas 85-90 Prozent der aufgenommenen Informationen über die Augen in den Organismus gelangen.“ (Kroeber-Riel 1987, zitiert in Informationspsychologie, S. 13). Es ist geradezu erholsam, wenn zur Abwechslung einmal nur der Hörsinn gefordert ist.

Bessere Konzentration: In einem Alltag voller visueller Eindrücke fällt es mir beim Hören leichter, konzentriert zu sein, auch, weil ich Podcasts fast ausschließlich über Kopfhörer höre. Während ich beim Lesen immer wieder andere visuelle Reize und Informationen ausschalten muss – vor allem online –, so ist es bei Hören einfacher, sich auf eine Quelle zu konzentrieren.

Hören und bewegen: Eines der für mich ausschlaggebenden Argumente für Podcasts ist, dass man sich bewegen kann, während man sie hört. Lernpsychologen werden vermutlich schon untersucht haben, ob man Informationen nachhaltiger aufnehmen kann, während man körperlich aktiv ist. Ich glaube ja und habe den Eindruck, das, was ich gehört habe, besser zu behalten, als wenn ich es gelesen hätte. Was noch mehr zählt: Es ist mir vor allem nach viel Arbeit am Schreibtisch ein großes Bedürfnis, mich zu bewegen. Lesen beim Joggen oder Spazierengehen funktioniert einfach nicht – Podcast hören dagegen sehr gut.

Routinearbeiten aufpimpen: Gemüse schnippeln, einkaufen, Wäsche aufhängen: Tätigkeiten, die ich ausführe, ohne groß darüber nachzudenken. Podcast hören ist eine wundervolle Ergänzung. Es stimmt zwar: Das geht an die Zeit, in der man seinen eigenen Gedanken nachsinnt oder einfach einmal an gar nichts denkt, vielleicht Musik hört. Aber es kann auch ganz erholsam sein, über Podcasts wieder auf andere Gedanken zu kommen als die, um die man gerade kreist.

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Podcast hören beim Kartoffelschälen: Die Macher von „Lage der Nation“ haben kürzlich gebeten, Aufnahmen davon zu machen, was man sieht, während man ihren Podcast hört.

Geschlossenes Ganzes mit Dialogpotenzial: Die Diskussionen über Podcasts starten in der Regel erst dann, wenn die Nutzer*innen sie gehört haben, auf den zugehörigen Websites in den Kommentaren. Über Texte im Netz dagegen wird oftmals diskutiert, ohne dass alle Beteiligten sie ganz oder überhaupt gelesen hätten. Auch Hatespeech oder Trolle scheinen eher keine Probleme zu sein. Beides ist mir zumindest in den Kommentaren der Podcast-Websites noch nicht begegnet.

Freie Formate: Podcast zeichnet eine  Form von „Unprofessionalität“ aus, im positiven Sinne des Wortes, dass es keine standardisierten Beitragslängen gibt, keine zurechtgeschnittenen Statements, dass Pausen beim Reden genauso erlaubt sind wie unfertige Sätze und Slang. Einige Podcaster*innen schätzen es explizit, im Podcast Gedanken entwickeln und zur Diskussion stellen zu können, die vielleicht noch nicht zu Ende gedacht sind, hier aber ihren Raum finden und im besten Fall weiter wachsen und reifen können. Ein weiterer guter Effekt ist, dass auch Menschen, die beruflich nicht journalistisch arbeiten, ans Mikro kommen, ihre fachliche Kompetenz einbringen oder einfach mal eine andere Herangehensweise an Themen: als Autorin, Juristin etc.. Im klassischen Radio sind sie meist nur als Gäste zu hören, in Podcast werde sie zu Macher*innen. Interessant finde ich, dass es einzelnen Autor*innen offensichtlich auch ein Anliegen ist, aus der Nische des Phänomens Podcasting herauszukommen. Philipp Banse sagte zum Beispiel in der letzten „Lage der Nation“ vom 24. Februar, er möchte den Begriff „Podcast“ am liebsten durch „Radio“ ersetzen – vielleicht weil Podcasts von vielen immer noch als umprofessionell im Sinne von „laienhaft“ wahrgenommen werden? Nicht nur angesichts der vielen Journalist*innen, die sich in Podcasts in alternativen Formaten ausprobieren, passt diese Zuschreibung aber nicht (mehr). Dass sich auch die deutsche Podcast-Szene weiterentwickelt, zeigt auch der Einblick in die deutsche Podcast-Szene bei t3n.

Verantwortung: Faktchecking im Podcast?

Ein anderer Aspekt von „Unprofessionalität“ ist Thema einer Diskussion, die Michael Seemann in „Wir müssen reden“ aufmacht. Er fragt am Anfang der 108. Folge, ob vor dem Hintergrund eines polarisierenden Meinungskampfes in den Medien, angesichts des Abdriftens verschiedener Gruppierungen in ihren Diskursen, die Sorgfaltspflicht, der Anspruch auf Wahrhaftigkeit und Professionalität nicht auch für Podcaster*innen wachsen müsse. „Wir müssen reden“ ist als Kneipengespräch konzipiert, dem man vom Nebentisch zuhören kann – aber natürlich erwächst mit einer gewissen Zahl an Hörer*innen auch eine Verantwortung. Michael Seemann ist es eher unangenehm, über Dinge zu sprechen, die man „im Vorbeigehen gelesen hat und nur zu 75 Prozent straight bekommt“.

Vielleicht aber haben gerade Podcasts ein gutes Potenzial mit dieser Verantwortung umzugehen und eine gewisse Fehlbarkeit transparent zu machen? Gerade weil sich die Autor*innen im Podcast – anders als bei vielen journalistischen Beiträgen – erlauben können, auch einmal zu sagen: „Ich bin mir da gerade nicht so sicher“ ist die Gefahr der Desinformation per se eigentlich geringer, die Verantwortung der Hörer*innen explizit größer. Unvorstellbar, dass ein Radiomoderator in laufender Sendung sagt: „Das muss ich mal eben im Internet nachschauen“, oder „ich weiß es gerade nicht, vielleicht weiß es jemand von euch“. Im Podcasts kommt das immer mal wieder vor, genau wie der Hinweis an die Hörerschaft, man müsse sich erst noch einmal schlau machen und werde das Thema noch einmal aufgreifen oder in den Kommentaren Hinweise geben. Fehler sind erlaubt – Hinweise von Hörer*innen gewünscht. Es wird erst gar nicht der Eindruck erweckt, hier sitze ein allwissender Sender von gesicherten Informationen am Mikrofon.

Ich würde mir wünschen, dass etwas mehr von dieser Offenheit, etwas mehr vom Eingeständnis der eigenen Fehlbarkeit sich auch im klassischen Journalismus durchsetzen könnte. Denn diese klar kommunizierte Haltung überlässt eine Restverantwortung dem Publikum, das aufgefordert ist, wachsam zu bleiben, auch andere Informationsquellen heranzuziehen und gegebenenfalls Zweifel zu äußern, Informationen zu hinterfragen, vielleicht auch eigenes Wissen beizutragen.

Wie finde ich gute Podcasts?

Meine eigene Podcast-Roll ist erst im Entstehen. Weit entfernt davon, einen wirklichen Überblick zu haben oder gar Geheimtipps geben zu können, möchte ich hier – als Ergänzung zu den bereits im Text genannten Podcasts – noch ein paar weitere Empfehlungen loswerden – eine Liste die sicher noch wachsen wird. Auf Twitter habe ich vor Kurzem eine Liste mit den Podcasts angelegt, die einen eigenen Twitter-Account haben, bei einigen habe ich den der Macher*innen gelistet. Es sind Podcasts, über die ich weiter auf dem Laufenden bleiben möchte, weil sie mich gleich beim ersten Hören angesprochen haben, oder solche, die ich noch höre möchte.

Erste Empfehlungen

Kleiner drei: Der Podcast zur Autor*inneplattform <3, mit Themen rund um Politik und Popkultur und Herzensthemen von Menschen mit feministischer Haltung. In den Folgen, die ich gehört habe, ging es um den Women’s March in Washington: Die Aktivistin Deanna Zandt im Gespräch mit Anne Wizorek. In der aktuellsten Folge geht es um eine Abkehr von Twitter und Alternativen für das soziale Netzwerk – zum Beispiel einfach mal analog sein.

Anekdotisch Evident: Mit reinen „Laber-Podcasts“ kann ich weniger anfangen, mit Podcasts wie diesen, die mir soziologisch-philosophisch gefärbte Einblicke die Alltagskultur bieten, dagegen sehr viel. Das Konzept der Journalistin/Autorin Katrin Rönicke (die auch beim Lila Podcast und bei piqd zum Team gehört) und der Autorin Alexandra Tabor liegt in der Konkretisierung  wissenschaftlicher Erkenntnisse durch die Verknüpfung mit Anekdoten aus der persönlichen Erfahrung. Der Podcast ist gerade erst gestartet, die erste Folge handelt von Luxus und ist hörenswert. Ich habe Alexandra Tabor schon in einem anderen Podcast gehört – und ihre schwungvolle, pointierte Art zu reden von Anfang an gemocht- im Duo mit Katrin Rönicke noch mal hörenswerter.

Mutti und ichDie Journalistin /Autorin Marietta spricht mit ihrer Mutter – am Telefon, bei Besuchen. „Wir sollten unsere Mütter befragen, solange sie leben. Denn jede hat ihre eigene Geschichte. Und vielleicht kennen wir sie gar nicht so gut, wie wir denken“, sagt Marietta Schwarz. Den Gesprächen mit ihrer Mutter kann man stundenlang lauschen, was sicher auch viel mit dieser eben besonderen Mutter zu tun hat. Weitere Gespräche sollen folgen, von anderen Kindern über andere Mütter. Irgendwann, so heißt es auf der Website, könnte so ein Mütter-Archiv entstehen. Ein schönes, inspirierendes Projekt.

Übermedien: Der Podcast zum Medienblog von Stefan Niggemeier und Boris Rosenkranz. In den Podcasts unterhalten sich Stefan Niggemeier und Sascha Lobo. Meine Lieblingsfolge ist die Nummer drei (von insgesamt vier, mit Abständen, die immer größer werden) „Mehr Ächtung wagen“, in der die beiden über den „richtigen“ journalistischen Umgang mit der AfD diskutieren. Sehr gute Gedanken, zwei unterschiedliche Herangehensweisen an das Thema, die gerade dadurch besonders sichtbar werden, dass die zwei sich im Gespräch ganz schön im Kreis drehen.

Reihen

Böll Spezial: Themenreihen der Heinrich-Böll-Stiftung, mich hat besonders das aktuelle über Digitalen Wahlkampf interessiert, von Social Bots bis Microtargeting.

New Work: Zehnteilige Serie bei Deutschlandradio Kultur: Inga Höltmann gibt Einblicke in die durch Digitalisierung geprägte Arbeitswelt und spricht mit Menschen, die neue Modelle erproben oder die Entwicklungen analysieren – von digitalen Nomaden über Personalberaterinnen für Jobsharing bis hin zu Experten für digitale Führungsmodelle.

Wer selbst suchen möchte: Es gibt die Podcast-Suchmaschine fyyd, noch in der Beta-Phase, in der sich nach Stichworten und einzelnen Gebieten wie Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur suchen lässt. Auf der Seite Wissenschaftspodcasts.de kuratiert ein Team von Wissenschaftspodcaster*innen das Angebot aus dem Bereich Wissen und Wissenschaft.

In Zukunft möchte ich meine Fühler noch in Richtung USA ausstrecken. Dort spielen Podcasts eine viel wichtigere Rolle als bei uns  – sicher auch deshalb, weil es kein so umfangreiches Angebot an öffentlich-rechtlichen Sendern gibt. Darauf neugierig gemacht hat mich übrigens die aktuelle Folge von Frequenz 4000, in der Christian Conradi mit der Produzentin, Reporterin und Journalistin Luisa Beck über die US-Podcastszene und Unterschiede zu Deutschland spricht. Frequenz 4000 ist der Meta-Podcast von Viertausendhertz, in dem die Gründer*innen des Labels berichten, wie es ist, ein Podcast-Label zu betreiben und weiterzuentwickeln.

Was andere empfehlen

Die Journalistin und Bloggerin Eva Schulz hat ein paar gute Fundstücke in ihrer Blogroll, die vor allem englischsprachige Podcasts enthält – ihr verdanke ich den Hinweis auf den Mutti-Podcast.

„Diese Podcasts sollten Sie hören“ – findet die Süddeutsche Zeitung, mit 50 Podcast-Tipps zum Sommer 2016, sortiert nach Themenbereichen

5 empfehlenswerte Literaturpodcasts aus dem Blog Literaturtourismus (April 2016)

 

Wohin führt die „Kultur der Digitalität“?

Felix Stalder, Professor für digitale Kultur an der Zürcher Hochschule der Künste und Forscher am World-Information Institut in Wien, hat ein Buch darüber geschrieben, wie die Ausweitung immer komplexer werdender Technologien in alle Lebensbereiche unser gesamtes Handeln als Gesellschaft wie auch die Konstruktion unserer Selbst als Subjekte erfasst und verändert. Ich fand es sehr bereichernd, „Kultur der Digitalität“ zu lesen (und habe etwas mehr dafür gebraucht als „kaum einen Tag“).

In Diskussionen über die Bedeutung des digitalen Wandels für unser Zusammenleben war und ist immer wieder zu erleben, wie sich Kulturpessimisten und -optimisten unversöhnlich gegenüber stehen. Beide Haltungen sind hilflos, denn weder lassen sich die Entwicklungen aufhalten, noch gibt es aktuell Anlass für Euphorie.

Felix Stalder zeigt in seinem Anfang Mai erschienenen Buch „Kultur der Digitalität“, warum alle Diskussionen, die sich auf diese beiden Pole zurückführen lassen, ins Leere laufen. Das ist sehr lesenswert, weil Stalder weit ausholt und historisch sowie an aktuellen Entwicklungen nachvollziehbar belegt, wie unsere Kultur durch ein „Neben-, Mit- und Gegeneinander von Prozessen der Auflösung und Konstitution“ geprägt ist. Stalders Begriff von Kultur umfasst dabei weitaus mehr als „symbolisches Beiwerk“, mehr als Bücher, Kunstwerke oder Theaterstücke. Kultur ist für ihn, einfach gesagt, alles, was unsere Handlungen bestimmt und unsere Gesellschaft formt, uns letztlich als Subjekte konstituiert.

Die theoretische Herleitung ermöglicht ein gutes Verständnis dieser Prozesse, verlangt den Leser*innen aber auch einiges ab. Ich habe mir beim Lesen mehr anschauliche Bilder gewünscht wie das, mit dem Stalder sein Buch beginnt – sie könnten die anspruchsvollen Verweise und Analysen noch verständlicher machen und vor allem besser verankern.

Conchita Wurst

© CEphoto, Uwe Aranas

Stalder beschreibt im Einstieg zu seinem Buch den bewegenden Sieg der Conchita Wurst beim Eurovision Song Contest 2014 als Sinnbild eines tiefgreifenden Wandels unserer Kultur: Ehemals subversive Nischenphänomene wie etwa die Auflösung der Geschlechteridentität werden als Mainstream im traditionellen Medium Fernsehen als widerspruchsfreies Ganzes präsentiert. Beachtlich ist, dass dieses als Event von einem breiten Publikum nicht nur begeistert rezipiert wird, sondern die Zuschauer*innen das Ereignis in den sozialen Netzwerken in produktiver Form weiterverarbeiten, in Form von Tausenden von Tweets, Memen und Kommentaren.Stalder zeigt mit diesem Bild, wie das Digitale immer auch das Nicht-Digitale beeinflusst, verändert und erweitert hat. Gleichzeitig habe das Netz Entwicklungen verstärkt, aber keinesfalls hervorgebracht, die schon vor seiner Ausbreitung entstanden seien: die Ausweitung der Wissensökonomie, den Verfall der Heteronormativität und den Postkolonialismus. Diese Beobachtung finde ich bemerkenswert, denn sie unterstreicht, dass der digitale Wandel neben den immer wieder zitierten disruptiven, also auflösenden, auch Momente der Kontinuität und der Weiterentwicklung in sich trägt.

Drei Formen löst Stalder in der Vielschichtigkeit der Prozesse als konstante Größen für die Kultur der Digitalität heraus:

  • Referentialität
  • Gemeinschaftlichkeit
  • Algorithmen

Mit diesen drei Mechanismen als Grundlage befördert und stärkt die Kultur der Digitalität gleichzeitig postdemokratische, kapitalistische auf der einen und partizipative, gemeinschaftliche Entwicklungen auf der anderen Seite. Durch unser Handeln bestimmen wir mit, in welche Richtung sich unsere digitale Gesellschaft entwickelt, so Stalders zentrale These. Er zeichnet nach, wie beide Tendenzen parallel unsere aktuelle Kultur der Digitalität bestimmen. Dafür stellt er unter anderem der kapitalistisch geprägten Übermacht von Facebook, Google und Co. die beachtliche Entwicklung der Gemeinschaften gegenüber, die durch direkte soziale Koopperation funktionieren, als so genannte Commons –  bekannteste unter ihnen ist die Wikipedia, aber auch die Entwicklung freier Software basierte auf diesem Organisationsmodell.

Wie müsste unser Handeln aussehen, um das Ruder herumzureißen in dieser Kultur der Digitalität, also wegzukommen von der Vormacht kapitalistischer Unternehmen und postdemokratisch geprägter staatlicher Institutionen? Stalder vermeidet konkrete Handlungsempfehlungen, weist aber in die Richtung der gemeinschaftlichen, partizipativen Ansätze. Bei mir hat sich der Eindruck, dass wir gerade direkt in die andere Richtung laufen, durch sein Buch allerdings noch weiter gefestigt.

Veränderungen würden ein besseres Bewusstsein über die geschilderten Entwicklungen und Zusammenhänge in breiten Teilen der Gesellschaft voraussetzen. Die umfassende Ausbildung einer kritisch geprägten Medienkompetenz wäre dafür notwendig. Für beide Voraussetzungen fehlen aktuell wichtige Grundlagen: Ein Großteil der Schulen macht um das Thema einen großen Bogen, im Alltag kommt man mit einer gut ausgebildeten Anwendungskompetenz bestens zurecht. Die Technologien und Strukturen hinter den Anwendungen zu durchdringen, ist anstrengend, die Motivation nicht für alle sofort nachzuvollziehen. Die Unternehmen, die sie bereitstellen, haben kein Interesse daran, Aufklärung zu leisten, im Gegenteil verschleiern sie die Hintergründe – auch darauf verweist Stalder.

Am Ende bleibt die Frage: „Und was machen wir nun damit?“ Was können wir denn konkret unternehmen, wenn es doch an uns liegt, wie wir uns als Gesellschaft entwickeln? Stalders Buch hat mich erinnert an einen Aufsatz aus dem Sammelband „Das Netz – Jahresrück­blick Netzpolitik 2015/16“ (bei irights.media, herausgegeben von Philipp Otto). Darin entwerfen Petra Grimm, Tobias O. Kehre und Oliver Zöllner die Notwendigkeit einer „neuen Ethik der Algorithmen“ – für mich eine direkte Fortsetzung der Analyse Stalders. In ihren konkreten Forderungen nennen die Autor*innen nicht nur die Ausbildung einer Medienkompetenz, sondern unter anderem auch ein öffentlich-rechtliches soziales Netzwerk – leider ohne genauer aufzuschreiben, wie ein solches wohl aussehen könnte.

Diesen letzten Gedanken finde ich besonders interessant. Mit den Gebühren aus dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk verfügen wir im weiteren Sinne über das, was Stalder als „common pool ressources“ bezeichnet. Über den Umgang mit diesen Ressourcen müsste neu verhandelt werden. Wie  wäre das Modell der Öffentlich-Rechtlichen anzupassen, wenn man sich auf die Grundlagen der „Kultur der Digitalität“ beriefe? Man könnte zum Beispiel fragen, ob die aktuellen Möglichkeiten der (Nicht-)Partizipation eigentlich im Einklang stehen mit dem Modell der Finanzierung, ob sich der öffentlich-rechtliche-Rundfunk nicht ganz anders als bislang als Gemeinschaft begreifen könnte, sogar müsste: Eine Gemeinschaft von Menschen, die Ressourcen zur Information und Kommunikation bereitstellen, diese verwalten, damit Inhalte produzieren und diese rezipieren. Bislang haben die, die die Ressourcen bereitstellen, wenig bis keinen direkten Einfluss auf deren Verwaltung, Nutzung oder die Produktion von Inhalten. Und würde es dem öffentlich-rechtlichen Bildungsauftrag nicht viel mehr entsprechen, Strukturen für ein öffentlich-rechtliches soziales Netzwerk zu schaffen als die bestehenden Netzwerke durch die Fütterung mit öffentlich-rechtlich produzierten Inhalten zu stärken? (Ein aktuelles Interview in der Print-ZEIT vom 19. Mai mit dem Intendanten des Bayerischen Rundfunks, Ulrich Wilhelm, der mit einem Jahresgrundgehalt von 325.000 Euro deutlich mehr verdient als der bayerische Ministerpräsident, lässt ahnen, wo ein Umbau auf Widerstände stoßen würde). Das alles ist schon wieder ein neues Thema – falls es dazu schon konkretere Gedanken oder Modelle gibt, bin ich dankbar für Hinweise.

Ich kann mir vorstellen, dass Stalder mit seinem Buch viele weitere Diskussionen, im besten Fall Veränderungen anstößt, bin gespannt darauf und hoffe nicht nur deshalb, dass viele „Kultur der Digitalität“ lesen werden.

Eine Randbemerkung: Es ist ja immer vielsagend, wie sich Autor*innen bei denen bedanken, die die Entstehung eines Buches möglich gemacht haben. Die Danksagung von Stalder ist mir sehr sympathisch.

Felix Stalder, „Kultur der Digitalität“, edition suhrkamp 2679, 200 Seiten,
ISBN: 978-3-518-12679-0, erschienen erschienen: 09.05.2016

Weitere Rezensionen:

Stalder verweigere sich dem Hang prominenter Netzversteher wie Lanier und Morozov zur Dystopie, ohne gleichzeitig ein rosiges Bild zu zeichnen – sagt  in seiner Besprechung des Buches bei netzpolitik.org

Viele der in „Kultur der Digitalität“ beschriebenen Entwicklungen und Phänomene seien – isoliert betrachtet – nicht neu, schreibt David Pachali bei iRights.info, Felix Stalder aber  verknüpfe sie zu einem neuen Bild. 

Auch Philippe Wampfler kommt in seiner Rezension zu dem Ergebnis, dass sich die Lektüre lohne, u.a. weil Stalder „begriffliche Fallen auslotet und nach präzisen Bestimmungen dessen sucht, was er untersucht“.

Das ärgerliche Quartett oder über die vergebene Chance, Literatur im TV zu diskutieren

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6. November im ZDF, mit Maxim Biller, Christine Westermann, Volker Weidermann und Ursula März.

Vorgestern gab es die zweite Ausgabe des Literarischen Quartetts im ZDF. Die Premiere vor vier Wochen hatte mich noch nicht wirklich überzeugt, aber gut – es war eben die erste Sendung. Nach gestern aber ärgere ich mich. Am meisten darüber, dass mich das Quartett als Zuschauerin jetzt schon fast verloren hat. Dabei zähle ich mich zur potenziellen Zielgruppe, überzeugt von der Idee, über Bücher im Fernsehen zu diskutieren. Ich höre gerne anderen zu, die über Literatur sprechen, vor allem, wenn sie unterschiedlicher Meinung sind. Und es ist ja grundsätzlich bereichernd, wenn Menschen, die über Bücher debattieren, schon viel gelesen haben, einordnen können, Bezüge herstellen und Vergleiche ziehen. Gerade die verschiedenen Lesarten sind doch das Spannende, der Disput könnte erkenntnissteigernd sein, die Debatte auf die Bücher neugierig machen.

Könnte. Dieses Literarische Quartett aber verspielt einen Großteil seines Potenzials. Nach der zweiten Sendung habe ich den Verdacht, dass das so bleiben wird, weil offensichtlich das, was mich ärgert, zum Konzept dieser Sendung gehört:

  • Der Dissens wird inszeniert. Man fällt sich ins Wort, wird persönlich, teils auch beleidigend, vermutlich hat sich jemand überlegt, dass das am späten Freitagabend aufrüttelt. Auf mich wirkt es aufgesetzt.
  • Die Bücher werden durchgehechelt. Vier Titel in einer Stunde, jeder soll etwas dazu sagen: Vorhersehbar, dass es um Pointen statt um Austausch geht. Das Bemühen darum ist durchschaubar und vor allem bei Maxim Bieler: anstrengend.
  • Hier werden Menschen inszeniert, nicht Bücher. Nach zwei Sendungen sind die Rollen verteilt genau wie die Konstellationen, in denen sie interagieren. Da eröffnen sich keine großen Spielräume.
  • Ärgerlich finde ich, wie die Rollen besetzt sind. Warum ist es mit Christine Westermann die einzige Frau im festen Trio, die durchgängig den emotionalen Zugang zu den Büchern repräsentiert?
  • Fraglich auch, warum man in einer Sendung, die so offensichtlich auf Krawall gebürstet ist, einen Moderator wie Volker Weidermann an die Spitze setzt, dem das sichtlich so gar nicht behagt? Die Doppelrolle der Diskussionsleitung und -teilnahme verlangt einiges ab – vor allem, dass man Kritik an einem Buch, das man vorstellt, nicht als persönliche Kränkung auffasst.

Gerne wüsste ich, wie die Auswahl zustande kommt: Warum ist es dieses und kein anderes Buch, das hier besprochen wird? Aber die Zeit reicht ja kaum, um die Auswahl jeweils inhaltlich kurz vorzustellen. So bleibt wenig hängen, wenn man die Autoren nicht vorher schon kannte.

Ein paar Ideen, was man verändern könnte:

  • Man gebe dem Quartett 30 Minuten mehr und ein Buch weniger – damit wäre schon einiges gewonnen.
  • Die Teilnehmenden respektieren sich untereinander.
  • Die Bücher werden auch unter dem Aspekt vorgestellt, warum sie es unter den vielen anderen Titeln in die Sendung geschafft haben.
  • Es gibt Regeln für die Diskussion, an die sich alle halten, zum Beispiel: Solange ein Titel nicht eingeführt ist, halten die anderen still. Das Ende eines Buches darf nicht verraten werden, auch von Gästen nicht.
  • Die Diskussion wird ins Netz verlängert, nach der Sendung öffnet sich die Runde für eine online-Diskussion, an der sich auch Zuschauer beteiligen können.
  • Die Moderation wechselt. Wer dran ist, hält sich raus aus der Debatte, stellt kein eigenes Buch vor und konzentriert sich auf eine gute Gesprächsführung.
  • Die Besetzung wird überdacht – aber das ist wohl Geschmacksache. Ich persönlich halte die Konstellation Biller/Westerman für unglücklich und befürchte in ihr weitere Anlässe für Fremdscham.

Ich hoffe, dass das ZDF sich den Mut nimmt, Veränderungen vorzunehmen. Damit diese Sendung nicht als weiterer Beweis zitiert wird, dass Literaturkritik im Fernsehen halt nicht funktioniere. Damit über Bücher gestritten wird, statt sie wahlweise anzubeten oder in die Tonne zu schmeißen, wie bei Denis Scheck. Damit wir alle mehr über Bücher reden (und weniger über die Menschen, die über sie diskutieren), auch wenn oder gerade weil wir sie sowieso nicht alle lesen können.

Traut sich das ZDF nicht ran, hier ein guter Tipp:

Oder eben Fernsehen Fernsehen sein lassen und sich im Netz umsehen. Da stößt man zum Beispiel auf ein schönes Projekt verschiedener Literaturbloggerinnen und -blogger: „Let’s talk about books“. Im initiierenden Beitrag, den ich nur empfehlen kann, fragt Tobias Lindemann: „Können wir bitte endlich wieder über Literatur reden?“ und verwehrt sich gegen die vielen Meta-Diskussionen.

Tobias Lindemann fügt seinem Beitrag das hinzu, was ich hier bewusst ausgelassen habe: einen Link zu einer legendären Sendung des ursprünglichen Literarischen Quartetts. Ich bin überzeugt davon, dass es noch viele andere Formen gibt, über Bücher zu diskutieren als diese eine, die vor allem wegen ihrer Besetzung vor Jahren so erfolgreich war. Vielleicht ist aber das Fernsehen doch nicht mehr der richtige Ort – oder man hat noch nicht die richtigen Menschen dafür gefunden. So lange das nicht klar ist, könnten wir uns ja auch weiter im Netz umsehen, es gibt sicher noch weitere Fundstellen. Ich bin dankbar für Hinweise.

Nachdenken über das Nachrufen – anlässlich Schirrmacher

Es ist bekannt, dass von betagten oder auch schwer kranken Menschen die Nachrufe bereits in den „Schubladen“ der Agenturen und Redaktionen liegen. Als am Donnerstag die Nachricht über den plötzlichen Tod Frank Schirrmachers die Medienwelt erschütterte, waren diese Schubladen leer. Niemand hatte damit gerechnet. Und doch: Nur Stunden nach der Nachricht erschienen die ersten Nachrufe. Das war zu erwarten, und das Gegenteil hätte verstört – was durchaus wünschenswert gewesen wäre. Nur wenige konnten oder durften es aushalten, ihrem Text und damit dem Verstorbenen die Zeit zu schenken, die das Schreiben brauchte. Stefan Niggemeier veröffentlichte erst am Samstag seine Erinnerung an Frank Schirrmacher. Bezeichnenderweise kündigt er sie mit „Kein Nachruf“ an:

Die Konvention des Nachrufs kann man schon mal in Frage stellen – in diesem Fall, bei der Fülle an Texten, drängt es sich für mich auf. Denn ist es nicht auch eine Art Enteignung, die hier vorgenommen wird? Ein Mensch wie Schirrmacher, der sich seines öffentlichen Bildes sehr bewusst gewesen sein wird, ist präsenter als je zuvor in dem Moment, in dem er keinerlei Einfluss mehr darauf hat. Es entsteht ein Bild von seiner Person, das sich aus vielen Fremdbildern zusammensetzt: Individuelle Beobachtungen mischen sich mit persönlichen Erfahrungen, Reaktionen auf öffentliche Erwartungen, Interpretationen, Psychologisierungen, Zuschreibungen und im schlimmsten Fall mit Selbstdarstellungen der Nachruf-Autoren. Und daraus ergibt sich nun der letzte große Auftritt dieser öffentlichen Person. Durchsetzt von Dokumenten seiner journalistischen Produktion, Interviews, Fernsehauftritten – immerhin.

Rekonstruktion einer Persönlichkeit

Ich habe Frank Schirrmacher weder persönlich gekannt, noch gehörte ich zu seinen großen Anhängerinnen. Dennoch hat mich das Plötzliche seines Todes berührt. Vielleicht weil ich wenig über ihn wusste, habe ich fast alle Nachrufe, die mir in die Finger kamen, gelesen. Mit großem Interesse habe ich mir sein letztes Interview angesehen, in dem er mit einer Journalistin für die NDR-Sendung ZAPP auch über seine Rolle als Journalist spricht: Meine wachsende Neugier reicht über den Menschen Schirrmacher hinaus. Wie wohl die meisten von denen, die sie geschrieben haben, habe ich mir vorgestellt, was er selbst zu den Nachrufen auf Frank Schirrmacher gesagt hätte. Mit seinem analytischen Feinsinn hätte er sicher die verschiedenen Absichten herausgelesen. Er hätte vermutlich erkannt, welche Autorinnen und Autoren bemüht sind, ein Bild von ihrem Kollegen, Freund oder auch Widersacher zu zeichnen. Er hätte sie unterschieden von denen, die den Nachruf zur Selbstdarstellung nutzen und eine Beziehung zu ihm reklamieren, die in Wirklichkeit vielleicht weniger intensiv war, als es der Akt des Nachruf-Schreibens suggeriert. Wäre er berührt gewesen von denen, die im öffentlichen Schreiben vor allem ihr Unverständnis, ihren Protest und ihre Trauer angesichts des plötzlichen Tods und des Verlustes eines für sie wertvollen Menschen zum Ausdruck bringen?

Nachruf als Monolog

Das FAZ-Feuilleton vom Wochenende und auch die FAS verbindet sehr eindrückliche Nachrufe mit Dokumenten und Beiträgen von Schirrmacher selbst. Alleine diese Mischung ist ein guter Ansatz, und einige der Autorenbeiträge sind sehr lesenswert. Konsequent finde ich, dass die FAZ den Nachruf Schirrmachers auf Marcel Reich-Ranicki noch einmal veröffentlicht. Hier formuliert er selbst, wie problematisch ein Nachruf für den ist, der ihn schreibt:

„Es ist unmöglich, so zu tun, als könnte man ihm trauernd abgeklärt nachrufen.“

Dieser Text vermittelt zumindest eine Ahnung davon, welchen Nachruf er sich vielleicht für sich gewünscht hätte, und vermutlich wäre er nicht unzufrieden gewesen mit dem, was in der FAZ zu lesen ist. Was fehlt ist, nicht mehr einzuholen: die Replik des Mannes, der seine Zeitung zu einem Ort angeregter Debattenkultur gemacht hat. Seine letzte Debatte findet nicht statt.

Zwischen Pietät und Authentizität

Man könnte sich über die Nachrufe Schirrmachers zum Nachdenken über Alternativen anregen lassen. Denn es ist für fast alle Autoren ein problematischer Text: „Ich hab mir nun jetzt gedacht, statt Schlingensief was nachzurufen, ihn hervorzurufen“, sagt Dietrich Kuhlbrodt in seinem Text über Schlingensief und erinnert sich an einzelne Begegnungen mit dem Verstorbenen. Gibt es andere Formen? Muss uns „de mortuis nil nisi bene“ wirklich dazu anleiten, über die Toten nur Gutes zu schreiben? Oder sollten wir mit unseren Texten dem verstorbenen Menschen vielmehr möglichst  nahe kommen, versuchen, ihn in all seinen Facetten darzustellen? Dann schließt sich die nächste Frage an: Wie wird man mit einem Text einem Menschen gerecht? Müsste man nicht sehr unterschiedliche Formen für Nachrufe finden, so wie auch die Menschen unterschiedlich sind? Lässt sich ein Mensch in eine so stark konventionalisierte Textform pressen? Wie lassen sich die Ansprüche von gebotener Pietät und dem Wunsch nach „Authentizität“ bei der Beschreibung eines Menschen in einem Text zusammenbringen?

Alternativen zur Konvention

Einen Schritt weiter führt die Überlegung, warum wir Texte über Menschen nicht schreiben und veröffentlichen, so lange sie noch leben. Als zum 90. Geburtstag von Helmut Schmidt alle Medien voll von Berichten über sein Leben und politisches Wirken waren, gab es kritische Stimmen. Er sei ja noch nicht tot. Aber eines ist klar: Jeder der Autorinnen und Autoren, die zu diesem Geburtstag Texte über Helmut Schmidt geschrieben haben, taten dies im Bewusstsein, dass er sie lesen könnte. Das hat ihr Schreiben geprägt. Und vielleicht war das gut so. Das Vorschreiben von Nachrufen, die posthum erscheinen, erschiene mir weniger problematisch, wenn wir die Texte aus den Schubladen herausholten und sie den noch Lebenden vorlegen. In der Umsetzung könnte das zwar schwierig werden. Ich konfrontiere die Porträtierten mit der Möglichkeit ihres Todes – ohne zu wissen, ob er oder sie das überhaupt möchte. Für die, die es ertragen, die das Thema Tod nicht tabuisieren, könnte es aber ein interessantes Experiment sein. Es hätte den schönen Nebeneffekt, dass alle, denen diese wunderbaren Texte gewidmet sind, sie noch lesen könnten. Ich könnte mir einen solchen „Nachruf“ auch als Interview vorstellen, als Dialog, der veröffentlicht wird, wenn ein solcher nicht mehr möglich ist. Julia Seeliger hat offenbar einen ähnlichen Gedanken gehabt und in ihrem Blog daraus eine gute Idee entwickelt: Sie verfasst mit „König seiner selbst“ einen berührenden Nachruf auf einen noch sehr lebendigen Menschen. „Wir sollten alle regelmäßig Nachrufe auf alle unsere noch lebenden Bekannten schreiben, um uns ihrer Bedeutung für uns zu vergegenwärtigen“, sagt Julia Seeliger – und hat Recht. Von den vielen Sätzen, die ich zum Tod von Frank Schirrmacher gelesen habe, haben sich die abschließenden aus dem Nachruf von Nils Minkmar, des leitenden Redakteurs des FAZ-Feuilletons, bei mir eingebrannt. Ich habe über Frank Schirrmacher in den letzten Tagen in den Nachrufen vielleicht einiges erfahren. Ich vermute, dieser Satz hätte ihm gefallen.

„Nun sitzen wir vor pervers stillen Mobiltelefonen, so unglücklich. Er hätte gesagt: „Kopf hoch“. Leichter gesagt als getan.“

Offen bleibt für mich: Was hätte er zu diesem Satz gesagt, der den obigen vorangeht?

„Man muss sich Frank Schirrmacher als glücklichen Menschen vorstellen.“

Nachtrag, 15.6.: Gerade entdeckt, dass Frank Lübberding eine Linkliste mit Nachrufen zusammengestellt hat. Der Text dazu enthält den Hinweis, dass die Zahl in analogen Zeiten überschaubarer geblieben wäre. Ich halte es trotz aller Skepsis gegenüber der Textsorte oder gerade deswegen für gewinnbringend, dass es so viele sind.

2. Nachtrag 17.6.: Ohne Bewertung empfehle ich zur Lektüre den nachträglich gelesenen Nachruf von Michael Seemann (mspro).

3. Nachtrag 2.9.: Und wieder eine Fundstelle: In der Berliner Zeitung erschien am 7.11. 2013 ein Bericht über Christiane zu Salm, ehemalige Medienmanagerin, die ehrenamtlich als Sterbebegleiterin arbeitet. Für ihr Buch „Dieser Mensch war ich. Nachrufe auf das eigene Leben“, Goldmann Verlag 2013, diktierten ihr Menschen kurz vor ihrem Tod, was für sie gezählt hat in ihrem Leben. Christiane zu Salm hat aus diesem Material Nachrufe verfasst – freigegeben von den Menschen, die ihren Tod unmittelbar vor Augen hatten.

„Manchmal spüren wir bei Begräbnissen, dass der Verstorbene für den Redner ein Fremder war. Die Menschen aus dem Buch wünschen sich, dass ihre Nachrufe am Grab verlesen werden. Vielleicht werden sich nun mehr Menschen wünschen, das letzte Wort zu bekommen, wenn sich die Nahestehenden zum Abschied versammeln.“ (Berliner Zeitung)

Im Theater gewesen, getwittert

Ein Experiment: anlässlich der Social Media Week Hamburg habe ich das erste Mal an einem tweet-up rund um ein Theaterstück teilgenommen: Menschen treffen sich (meet-up) zu einem Live-Event und twittern (tweet), wie sie es erleben, was sie wahrnehmen und was sie darüber denken. Das Twittern von Fachveranstaltungen, Kongressen oder Diskussionsrunden ist mittlerweile schon gang und gäbe – während einer Theateraufführung zu twittern gilt dagegen noch als unkonventionell. Die spannende Frage, mit der ich in den Abend ging:  Würde es eher eine Einschränkung oder eine Bereicherung für mich bedeuten, während der Aufführung tweets abzusetzen und meine Aufmerksamkeit auf Bühne und Schirm zu verteilen?

Noch Neuland: Twittern aus dem Theater

Für das Thalia-Theater in der Gaußstraße war es genau wie für uns Zuschauerinnen und Zuschauer ein Experiment.

„Und wir fragen: Was passiert, wenn eben auch das Publikum „alles darf“ – nämlich während der Vorstellung online sein und twittern? Seconds Screens sind im Theater eher die Ausnahme.“ (Programmheft)

Schon im Vorfeld gab es einige tweets. Alle waren gespannt, kamen offensichtlich auch mit gewissen Erwartungen:

Als Stück hatte man sich „Republik des Glücks“ ausgesucht – eine bewusste Auswahl, wie im Nachgespräch mit den Schauspielern und der Dramaturgin klar wurde. Denn in der „Republik des Glücks“ geht es auch darum, inwieweit neue Medien und neue Kommunikationstechnologien zu der zur Schau gestellten Beziehungslosigkeit beitragen. Ein „Unterhaltungsabend in drei Teilen“ hat der britische Dramatiker Martin Crimp seine gesellschaftliche Analyse genannt, in der er die verzweifelte Suche nach Beziehung,  Selbstverwirklichung und Glück als absurde Revueshow vorführt.

Assoziationen, Gedanken, Gespräche

Um es vorwegzunehmen: Mit fortschreitendem Abend hat mich das Experiment mehr gepackt und zum Teil auch überzeugt. Interessanterweise ging es mir mit dem Stück genauso.

Der erste Teil zeigt ein Familientreffen zu Weihnachten, das sich schnell als Abbild der Beziehungslosigkeit bürgerlicher Existenzen offenbart. Das erschien mir erst einmal abgegriffen – ein Eindruck, den ich gleich zu Anfang des Stücks aber nicht auf Twitter loswerden wollte. Erst einmal abwarten, was noch kommen würde.

Der zweite Teil wurde dann assoziativer, wilder. „Jetzt machen sie auf Pollesch“ wollte ich twittern – und konnte lesen, dass der Mann an meiner Seite einen ganz ähnlichen Gedanken bereits geäußert hatte:

Nun folgte ein ganzer Strauß an Vorgaben für freie Assoziationen, entsprechend fiel es mir leichter,  über Twitter zu äußern, welche Gedanken mir zu dem Stück kamen. Zum Teil habe ich auch nachverfolgt, was die anderen twitterten. Zwei Reihen vor mir war ein Zuschauer sichtlich begeistert vom Stück, applaudierte, lachte laut. In der Timeline war er schnell zu identifizieren. Sein Enthusiasmus war großartig und riss mich ein wenig mit:

Ich war mir sicher, dass es nicht so war, aber dieser @leolazar hätte durchaus Teil der geplanten Aufführung sein können. Durch diese Vermutung entspann sich die für mich erste direkte Konversation mit einem anderen Zuschauer:

Im dritten Teil fiel es mir deutlich schwerer, meine Aufmerksamkeit gleichermaßen auf Stück und Timeline zu richten. Das hatte auch damit zu tun, dass der Dialog hier Fragen aufwarf, dass die Abschlussszene die ganze Aufmerksamkeit gefordert hätte. An dieser Stelle hätte ich unter normalen Umständen vermutlich aufgehört zu twittern, um nur noch dem Geschehen auf der Bühne zu folgen. Doch das Experiment mitzumachen hieß für mich auch, es bis zum Ende durchzuziehen.

Geprägt durch diese Erfahrung im dritten Teil fiel mein erstes Fazit erst einmal klar gegen den Second Screen im Theater aus.

Twittern schärft die Aufmerksamkeit

Dann aber folgte das Nachgespräch. Im Austausch mit anderen Zuschauerinnen und Zuschauern, mit Schauspielern, der Dramaturgin und dem Social-Media-Verantwortlichem wurde mir deutlich, wie reichhaltig die Eindrücke waren, die dieser Abend gebracht hatte. Ich habe sicher einiges nicht mitbekommen von dem, was da auf der Bühne passiert ist, weil das Multitasking eben auch seine Grenzen hat. Dafür aber hatte das, was ich gesehen, gehört und verarbeitet habe, eine ganz andere Intensität. Mit dem Prozess des Schreibens, mit der geforderten Verdichtung der Eindrücke auf weniger als 140 Zeichen, verliefen Wahrnehmung und Reflektion nahezu parallel. Das hat meine Aufmerksamkeit sehr geschärft. Zumal ich mehr wollte, als nur Zitate von der Bühne wiederzugeben. Ich vermute, dass mir an einem normalen Theaterabend bei diesem Stück auch ohne Twittern einiges entgangen wäre. Ich hätte mich nach einem anstrengenden Tag zurückgelehnt, wäre vermutlich mal an einigen Stellen gedanklich ausgestiegen. Das ist mir an diesem Abend twitternd kein einziges Mal passiert.

Theater sollte mit Kommunikation experimentieren

Ich habe das begleitende Twittern als neue Erfahrung der Rezeption eines Stückes erlebt, auch wenn längst nicht alle Möglichkeiten ausgespielt worden sind. Ich finde es gut und wichtig, dass Theater als Ort der Kommunikation sich nicht nur reflektiert mit neuen Formen auseinandersetzt, sondern diese auch selbst anwendet und damit spielt.

Wer alle tweets nachlesen will, sieht sich am besten das storify von nachtkritik.de an. Insgesamt wurden 399 Tweets zu #republikdesglücks abgesetzt. Eine Auswertung mit gleichzeitiger Archivierung gibt es bei tweetarchivist.com

Meine Fazit vom tweet-up im Theater zusammengefasst:

  1. tweet-up im Theater kann funktionieren, ist aber kein Selbstgänger. Es bedarf vermutlich einer Inszenierung und vielleicht auch einer gewissen Steuerung. Die Integration der tweets in das Stück, die Einbeziehung der Schauspieler, tweets, die bewusst von der Regie eingespielt wären – all das sind Erweiterungen, die ich mir als Experiment gut vorstellen kann.
  2. Die Aufmerksamkeit, die das Twittern von der Bühne wegzieht, wird ausgeglichen durch eine höhere Intensität der Rezeption. Twittern aktiviert das Publikum, die Konsumenten werden zu Prosumenten.
  3. Die Tweets bringen eine neue Dimension in eine Aufführung – sie können, projiziert als Twitterwall, als „stream of consciousness“ des Publikums, wie es einer der Schauspieler ausdrückte,  eine weitere  Ebene einziehen.
  4. Ein Stück, das man twitternd begleitet, sollte man sich am besten ein zweites Mal  ansehen – dann ohne zu twittern.
  5. Das Ergebnis des tweet-up als Liste einzelner tweets hat vermutlich am meisten Wert für die, die dabei waren. Für Außenstehende ist es wohl eher verwirrend, zusammenhanglos, vielleicht auch banal, die tweets zu lesen. Im besten Fall macht es neugierig.
  6. Es gibt Stücke, sie sich mehr oder weniger für ein tweet-up eigenen. Bei denen, die dafür in Frage kommen, könnte ein tweet-up die Auführung erweitern und bereichern.

Liebes Thalia-Theater, experimentiert bitte weiter, ob nun mit  tweet-up oder auch anderen Formen der Zuschauerbeteiligung. Ich bin auf jeden Fall dabei.

Nachtrag 12. März

Ich habe Punkt vier meines Fazits befolgt und mir heute Abend „Republik des Glücks“ im Thalia Theater in der Gaußstraße noch einmal angesehen – diesmal ohne zu twittern. Da ich ohnehin viel zu selten Zeit für Theaterabende finde, passiert es so gut wie nie, dass ich zweimal in dasselbe Stück gehe. Diesmal gehörte es zum Experiment. Das Ergebnis lässt sich schnell beschreiben: Ich war überrascht, offensichtlich gar nicht so viel verpasst zu haben – anders als ich vermutet hatte. Und es waren vor allem Details, Requisiten oder einzelne Begriffe, die ich erst jetzt, beim zweiten Mal, entdeckt habe. Dafür habe ich vermisst, was für mich die erste Aufführung zu einem besonderen Erlebnis gemacht hat: das Gefühl, mit den anderen im Publikum verbunden zu sein, an einem besonderen Ereignis teilzunehmen. Es ist das, was Dirk von Gehlen in seinem Buch „Eine neue Version ist verfügbar“ den „unkopierbaren Moment“ nennt. Ich war, insbesondere im letzten Teil, heute Abend an einigen Stellen näher bei den Schauspielern, habe ihre Mimik intensiver verfolgt. Dafür fand ich es sehr schade, so wenig von den anderen im Publikum mitzubekommen.

Neben mir saß eine etwas ältere Frau, von der ich gerne gewusst hätte, wie ihr das Stück gefallen hat. Sie wirkte zeitweilig  sehr amüsiert, bei einigen Szenen mit dem F-Wort meinte ich ihr eine leichte Empörung anzumerken. Ich hätte sie einfach fragen können, als wir zusammen herausgingen. Aber es entsprach nicht meiner Stimmung an diesem Abend.

#enviv: Nach der Tagung

Die Tagung in Tutzing zum Buchprojekt „enviv“ von Dirk von Gehlen ist vorbei. Sie war grandios. Ich bin beeindruckt, bestimmt viel klüger als zuvor, sehr froh und auch ein bisschen „netzwerkstolz“, teilgenommen zu haben. Ich habe Menschen kennen gelernt, die mir im Netz schon mal mit Profilbild und Texten begegnet sind. Andere, von denen ich bisher noch gar nichts wusste. Ich habe stundenlang Vorträgen und anschließenden Debatten gelauscht, habe mit diskutiert, war dabei, ohne ein einziges Mal wirklich abgeschaltet zu haben. Und ich hatte Spaß. Auch bei den Gesprächen am Rande. Ich habe an diesem Wochenende das Buch erlebt, das ich zuvor gelesen hatte. Dieses pralle, konzentrierte, bereichernde Erlebnis hatte seinen Ursprung in diesem oft so flüchtigen Netz und war daraus niemals abgelöst. Denn neben diesen geschätzt gut 60 Menschen, die sich in einem durch Ort, Zeit und Teilnehmer begrenzten Raum getroffen haben,  gab es auch diejenigen „draußen“, die den Stream von DRadio-Wissen verfolgten, über Twitter kommentierten und so auch in den abgeschlossenen Raum hineinwirkten.

Was steht im Buch?

Nur einzelne Anwesende kannten das Buch von Dirk von Gehlen schon. Einige waren nicht Teil der Crowd, die es finanziert hatte, und hatten deshalb noch keinen Zugang. Andere hatten noch keine Zeit gehabt, es zu lesen. Es war immer wieder Thema in der Runde, dass man über ein Buch diskutiere, dass kaum jemand kenne. Aber das stimmte ja nicht: Die Referenten waren – sehr gut – so ausgewählt, dass sie entweder selbst Teil des Buches waren oder den Inhalt repräsentierten. Es gab zum Beispiel den grundlegenden Vortrag von Felix Stalder, dessen Beitrag „Autorschaft ohne Urheberschaft“ Ausgangspunkt für das Buch war. Da war das Gespräch mit Prof. Dr. Wolfgang Ullrich, den Dirk von Gehlen in dem Buch unter dem Titel „Vom Werkstolz zum Netzwerkstolz“ interviewt. Wir hörten den Text der „Declaration of Liquid Culture“, die die Autoren kulturhistorisch herleiteten. Ein Streifzug durch literaturwissenschaftliche Theorien von Dr. Thomas Ernst (für mich ein schönes déjà-vu Erlebnis) klärte den zugrunde liegenden Textbegriff. Und – sehr wichtig – eine Musikerin, ein Theaterregisseur/Autor und eine Wissenschaftlerin zeigten, wie man sich das Ganze in der künstlerischen Praxis vorzustellen hat – bzw. eben nicht. Bezeichnend und offen, dass beide Frauen aus jeweils verschiedenen Gründen ganz klar sagten, dass das im Buchprojekt durchgespielte Modell für sie nicht in Frage komme.

Der Text in seiner mündlichen Version

Ich habe die Vorträge wie eine zusammenfassende, mündliche Version des Buches erlebt, durch die der Autor als Konferenzleiter führt. Die anschließenden Diskussionen dazu brachten mir den Austausch unter dann doch sehr verschiedenen Leserinnen und Lesern und dem Autor. Der Austausch, den ich mir beim Lesen immer gewünscht hatte. Deshalb war es einfach gut und konsequent, in Tutzing gewesen zu sein. Mit den Streams dieser Veranstaltung ist jetzt übrigens eine zweite (?) Version des Buches verfügbar – für alle. Klasse, dass die NetzReporter von DRadio Wissen die spannenden Vorträge gefilmt haben und in ihrem Redaktionsblog die hier eingebetteten Videos vielen Interessierten nachträglich zugänglich machen .

Felix Stalder von Professor für digitale Kultur an der Uni in Zürich über “Autorschaft ohne Urheberrecht”, Video via NetzReporter

Thomas Ernst, Literaturwissenschaftler an der Uni Duisburg-Essen über den “(Un-) abgeschlossenen Status des Textes” , Video via NetzReporter

Die Idee der Version in der künstlerischen Praxis, Video via NetzReporter

Im Herbst erscheint im Metrolit-Verlag eine Verlagsversion, als Print- und E-Book, mit cc-Lizenz zum Teilen.

Der Text als Handlung

Und was machen wir jetzt damit – ist ja schon eine berechtigte Frage, nach einem Wochenende, an dem so viel geredet wurde. Dirk von Gehlen ist angetreten, um in einem Experiment darzustellen, was alternative Geschäftsmodelle für Kulturschaffende sein können, wenn sich durch die Digitalisierung bisherige Bezahlungsmodelle überholt haben (auch wenn einige noch immer daran festhalten). Crowdfunding als Lösung? Ja, vielleicht, für einige. Niemals aber als kompletter Ersatz. Ich kann mir jetzt noch besser als vorher vorstellen, wie es geht und hätte selbst auch Ideen, für wen das interessant sein könnte. Selbst möchte ich es gerade nicht ausprobieren. Aber als Unterstützerin werde ich sicherlich noch weitere Projekte begleiten.

Weitere Experimente sind gefragt

Es ist noch nicht klar, welche Erlösmodelle für Kulturschaffende die bestehenden ablösen werden, aber wir sollten vielleicht skeptisch werden, wenn irgendjemand „die Lösung“ verspricht. Gefragt sind Experimente, und es ist an der Zeit, sie zu wagen. Denn der Wandel ist ja schon da. Es ist für mich eine politische Forderung, dass Künstler oder Kulturschaffende, die diese Versuche unternehmen, gefördert werden. Ich finde es wichtig, dass es eine (wissenschaftliche), zumindest fachliche Begleitung dazu gibt, die die Erfahrungen auswertet und für andere zugänglich macht. Auch die vielen Stiftungen, die im Kulturbereich aktiv sind, könnten sich angesprochen fühlen, diese Experimente zu fördern und zu begleiten. Wer selbst einen Versuch im Buchbereich starten will, sollte sich unbedingt vorher bei Leander Wattig schlau machen, der bei der Tagung sehr konkret über Geschäftsmodelle und Marketingmaßnahmen für Selfpublisher berichtet hat.

Neue Versionen zum Lernen

Im Bildungsbereich werden gerade parallele Diskussionen geführt. So gibt es die Diskussion um den freien Zugang zu Lehrmaterialien. Ein Biologielehrer schreibt sein eigenes Schulbuch als kostenloses E-Book – finanziert durch die Crowd. Medienkompetenz wird für Kinder wie Erwachsene um so wichtiger, wenn wir in einer Gesellschaft leben, in der „authentisch ist, wer seine Stimme (im Netz) erhebt“ (Dirk von Gehlen). Zu wissen, wie ich blogge, im Netz Informationen finde, bearbeite und verteile, ist damit kein Spezialwissen mehr, das einigen Publizierenden vorbehalten ist. Es ist vielmehr eine Basiskompetenz, die wir wie Lesen, Schreiben und Rechnen schon in der Schule erwerben müssen.

Die Tagung ist vorbei, es wird weitere Versionen geben, und die werden weitere Kreise ziehen. Ich bin gespannt.