Warum „Schmalbart“ unterstützen: Netzwerk für den fairen, offenen, kritischen Diskurs

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Ende November vergangenen Jahres hatte Christoph Kappes, Digitalexperte und Publizist, in einer öffentlichen Einladung zur Unterstützung eines Projekts aufgerufen: Angesichts der durchaus realistischen Befürchtung, dass das US-rechtspopulistische Online-Magazin „Breitbart News Network“ einen Ableger für Deutschland plant, wollte er eine Art „Breitbart-Watch“ ins Leben rufen, dem Portal auf die Finger schauen und Gegenstimmen laut werden lassen, wenn Tatsachen bewusst verfälscht, rechte Ideologien transportiert oder Menschen diskriminiert und in ihrer Würde verletzt werden.

Diese Einladung stieß bei mir auf ein Bedürfnis, das im letzten Jahr mit der sichtbaren Ausweitung populistischer Strömungen im öffentlichen Diskurs stetig gewachsen ist. Auch andere nannten es so oder anders als ihr Motiv, bei Schmalbart mitzumachen: Aktiv werden, konkret etwas dagegen unternehmen, dass Hetze, Pöbeleien und das Verdrehen von Fakten nicht mehr die Ausnahme, sondern mehr und mehr zur Normalität werden und den freien öffentlichen Diskurs immer mehr gefährden. Einer Stimmung entgegenwirken, in der er es plötzlich für bestimmte Menschen akzeptabel sein kann, dass Grundwerte wie Menschenwürde und Solidarität, Vielfalt und Toleranz gegenüber Andersdenkenden mit den Füßen getreten werden und man sich dessen nicht einmal mehr schämt.

Ich habe das Projekt zunächst nur passiv verfolgen können und war angetan davon, wie viele Menschen sich in kurzer Zeit schon gesammelt hatten, wie aktiv und konkret sie das Anliegen verfolgten.

Bei einem Auftakt-Barcamp Mitte Januar in Berlin stand schon eine Website, eine erste finanzielle Unterstützung durch Spenden, konkrete Projekte, denen man sich anschließen konnte, unter anderem eine Online-Datenbank zum Factcheck, Datenvisualisierungen, Gesprächsregeln für Diskussionen in Social-Media oder ein Ansatz zur Förderung der Medienkompetenz in der Schule.

Das Treffen im realen Leben mit den Menschen, die sich um „Schmalbart“ sammeln, hat mich noch einmal bestätigt, hier genau richtig zu sein. Mich hat die reflektierte Herangehensweise genauso überzeugt wie die unterschiedlichen sozialen und auch politischen Milieus, die sich hier in den rund 100 Menschen repräsentierten – „queer beet im demokratischen Spektrum“, wie Christoph Kappes es formulierte. Vielversprechend fand ich auch, dass sich einzelne Initiativen hier vorstellten, die schon in ähnlicher Mission unterwegs sind – wenn Schmalbart Vernetzung leisten kann, so wird das ein Gewinn.

Vor allem aber teile ich den grundsätzlichen Ansatz der Schmalbart-Aktivist*innen: für eine freie, offene, pluralistische und diverse Gesellschaft zu kämpfen, indem wir der sachlichen Debatte wieder mehr Raum verschaffen, den Austausch von Argumenten stärken und gegenseitige Anfeindungen unterlassen. Klar ist dabei allen: Das erfordert vor allem die kritische Selbstbeobachtung. Wer Menschen von den Rändern des politischen Diskurses holen will, darf nicht dazu beitragen, dass diese sich in Schmuddelecken zurückziehen und dort in Gemeinschaft auch irgendwann ganz wohl fühlen können.

Mit dem Barcamp als erstem öffentlichen Auftritt verbunden waren Interviews von Christoph Kappes in klassischen Medien. Auf  Twitter folgte der Versuch, das lose Netzwerk in eine Ecke zu drängen. „Linksversiffte Gutmenschen“, das ist so der ungefähr größte gemeinsame Nenner der höhnischen Kommentare auf Social-Media-Kanälen. Die Medien, in denen Berichte und Interviews erschienen, waren, wenn natürlich auf ganz anderem Niveau, ebenfalls um eine Ein- oder Zuordnung bemüht. „200 Journalisten“ hätten sich unter Schmalbart gefunden, hieß es am Vortag des Barcamps bei detector.fm – zum Glück ist das Spektrum viel breiter: Es sind unter anderen einige Leute dabei, die viel von Technik/Programmierung wissen, von strategischer Kommunikationsplanung, Agenda-Setting und -Monitoring, Soziologen, die mit Statistiken umgehen können, und auch Expert*innen für Fundraising und Rhetorik. „Kommunikationsexpert*innen“ wäre die wohl bessere Klammer, die die Schmalbart-Menschen einigermaßen beschreibt.

Die Frage nach der Finanzierung, die Journalist*innen aber auch diverse „kritische Stimmen“ immer wieder stellten, offenbarte die Vorstellung, es gebe jemanden, der „dahintersteckt“. Gibt es nicht. Es gibt mit Christoph Kappes einen engagierten, gut vernetzten Initiator, der den Anstoß gegeben hat, Leute zusammentrommelt und dem man für sein Engagement zunächst einmal nur danken und ihn auch dafür bewundern kann. Es hat sich um ihn ein Kreis von Aktiven gefunden, die sich ebenfalls in beachtenswerter Weise ehrenamtlich engagieren. Erste Spenden von vielen einzelnen Menschen können verbucht werden, die die gute Idee unterstützen möchten.

Und sehr wichtig: Es wurden ein grundsätzlicher Konsens über gemeinsame Werte und erste Ansätze für eine Strategie formuliert, genauso wie ein klares Ziel: eine frei, pluralistische und diverse Gesellschaft, die für sachliche Debatten Raum schafft und den Austausch verschiedener Meinungen fördert, die zu demokratischer Teilhabe motiviert und diese möglich macht.

Irgendwo habe ich gelesen, dass es ja noch gar nicht sicher sei, ob es wirklich einen deutschen Ableger von Breitbart geben werde. Ich habe nicht den Eindruck, dass damit die Arbeit von Schmalbart hinfällig würde, denn Breitbart in Deutschland wäre ja nur eine Eskalationsstufe einer Entwicklung, die jetzt schon seit langem in vollem Gang ist, ihre Auswüchse zeigt und gegen die das Projekt ankämpfen will.

Wie geht es nun weiter und was kann jede/r Einzelne/r tun?

Es steht sicher noch ein gutes Stück Arbeit an, bis das Projekt so handlungsfähig ist, wie es wünschenswert ist. Es wird weiteren Austausch über das Selbstverständnis geben, über die Organisationsform, über die Finanzierung und eine kontinuierliche Überprüfung, ob man den gestellten Ansprüchen auch selbst genügt – jeder für sich wie die Organisation als Ganzes.

Ich selbst habe meine konkrete Rolle bei Schmalbart noch nicht gefunden und frage mich, wie ich ein Engagement mit dem in Einklang bringen könnte, was sonst noch so ansteht im Leben – wohl die größte Herausforderung für alle Beteiligten, vor allem, wenn es um eine langfristige Perspektive geht.

Aber das wird mich nicht und sollte auch niemanden anderen davon abhalten, das Projekt zu verfolgen, seinen Platz darin zu suchen und auch die niedrigschwelligen Möglichkeiten zu nutzen, dabei zu sein:

  • eine Spende, die hilft, Strukturen aufzubauen, die eine kontinuierliche Arbeit ermöglichen
  • die Arbeit von Schmalbart über die Social-Media Kanäle verfolgen, sich auf dem Laufenden halten
  • dafür sorgen, dass die Botschaften und Kommentare von Schmalbart im Netz eine stärkere Stimme bekommen, sie liken, teilen
  • anderen von Schmalbart erzählen, für die das Projekt interessant sein könnte: vielleicht ist ihre Kompetenz gefragt, vielleicht haben sie Kapazitäten frei
  • die Grundidee von Schmalbart leben, in Diskussionen auf Angriffe gegenüber Andersdenkende verzichten, auf den sachlichen Austausch pochen, sich informieren und Gerüchten und Falschmeldungen mit Fakten kontern

Wer noch nicht so viel von Schmalbart weiß, findet in den Berichten über das Projekt weitere Informationen:

  • Die Deutsche Welle begleitet das Projekt mit einer Serie. Erschienen sind bislang Teil eins und Teil zwei.
  • Ein Interview mit Christoph Kappes im Deutschlandfunk.
  • Ein Beitrag in der Rubrik 10 nach 8 bei ZEIT online von Caroline Kraft

Über diese Kanäle kann man Schmalbart folgen:

#insidefacebook: Wem gehört die Story?

Die Ankündigung des SZ-Magazins vom heutigen Freitag hat den Tech-Blogger Sascha Pallenberg von Mobilegeeks in Rage versetzt:

„Die Titelgeschichte des SZ-Magazins (€-Link) ist der erste Einblick in das verschwiegene Geschäft der Facebook-Content-Moderatoren in Berlin“.

Was Pallenberg so wütend macht: Er selbst hatte bereits vor drei Wochen über das Facebook-Löschteam berichtet. Und schließt daraus: Die SZ-Geschichte verkaufe Einblicke, die gar nicht exklusiv seien. Er habe sich zumindest eine Erwähnung in dem Longread aus dem SZ-Magazin und auf sueddeutsche.de gewünscht, sagt er, und spricht von „Story-Klau“. Am Ende seines Beitrags fordert er Leser*innen dazu auf, den Hashtag #insidefacebook zu „kapern“, auf sein Posting zu verlinken und die eigene Meinung dazu zu äußern, was man vom Umgang der Süddeutschen mit der Geschichte halte.

Der Vorfall sagt viel über das Verhältnis zwischen Bloggern und klassischen Medien aus, die immer wieder als feindliche Lager inszeniert werden oder sich selbst so präsentieren – wie hier. Beide Seiten tragen dazu bei, und vielleicht würde es einfach helfen, wenn man sich gegenseitig mehr in seinen jeweiligen Rollen sehen und schätzen könnte.

Einige Punkte, die mir zu der Geschichte eingefallen sind, bzw. Fragen, die ich mir gestellt habe:

  • Da die beiden Autoren des SZ-Magazins den Beitrag von Sascha Pallenberg offensichtlich kannten, ist mir nicht verständlich, warum sie nicht darauf verwiesen haben. Für mich als Leserin zählt übrigens nicht, wer die Geschichte zuerst „gehabt“ hat, sondern was die Autoren jeweils dazu zu erzählen haben. Hier waren es unterschiedliche Ansätze, beide wichtig.
  • Was war an der Geschichte exklusiv? Die SZ schreibt von der „Exklusiv-Recherche“ – tatsächlich aber waren es die Facebook-Regeln zum Löschen von Beiträgen, die nach Angaben der Autoren nur ihnen vorlagen. Recherchiert haben mehrere.
  • Welches Verständnis von Eigentum an Geschichten offenbart es, wenn Sascha Pallenberg von „Story-Klau“ spricht und dieser Begriff nun im Netz die Runde macht? Widerspricht der Blogger sich in dieser Anschuldigung nicht selbst schon im eigenen Text, wo er zu Recht darauf hinweist, dass die Information über Arvarto als Löschkolonne für Facebook schon Anfang des Jahres bekannt war, also auch vor seinem Beitrag? Dass auch über die psychischen Belastungen schon zu hören war – am Beispiel von Kommentarreinigern auf den Philippinen? Man sollte mit solchen Ausdrücken vorsichtig umgehen – mich erinnert dieser an den Begriff vom „geistigen Eigentum“ in der leidigen Urheberrechtsdebatte.
  • Hätte die ganze Sache nicht auch ein gutes Beispiel dafür werden können, wie Blogger und Journalisten zusammenarbeiten und sich ergänzen? Sascha Pallenberg hat ein Thema aufgegriffen, das wichtig ist, uns betrifft, die wir uns auf Social-Media-Kanälen bewegen, und das auch den politisch Verantwortlichen bewusst sein sollte. Aber: Sein Beitrag hat bis heute noch keine größeren Kreise gezogen (was sich gerade ändert durch seinen Rant…). Es ist für mich auch fraglich, ob die Aussagen eines einzelnen Ex-Mitarbeiters von Arvarto ausreichen, um wirklich größeren Wind in die Sache zu bringen. Die SZ-Autoren hatten mit der Süddeutschen im Hintergrund andere Möglichkeiten für die Recherche und auch Verbreitung: Sie konnten länger und intensiver recherchieren, haben gleich mehrere Mitarbeiter*innen, aktuelle wie gekündigte, befragen können, und auch Stellungnahmen von den Unternehmen Arvarto und Facebook eingeholt. Im Zweifelsfall hätten sie den Rechtsbeistand einer juristischen Abteilung hinter sich gehabt – bei dem Thema nicht ganz unwichtig. Wenn es rein um die Aufklärung geht, dann hat es der Sache gut getan, dass die SZ das Thema aufgegriffen hat.
  • Ist es angemessen, der Süddeutschen vorzuwerfen, dass sie ihre Zeitungen verkaufen will? „Exklusiv ist sowas von 60er Jahre, ausser… ja ausser du arbeitest bei der Sueddeutschen Zeitung, denn da muss man noch ordentlich für die Auflage trommeln. Schließlich kennen die Zahlen seit Jahren nur noch eine Richtung“ (dazu Abbildung eines Säulendiagramm, das sinkende Absätze zeigt).
    Ich bin froh um jedes Qualitätsmedium, dem es gelingt, ein funktionierendes Geschäftsmodell zu entwickeln. Dass man einige Instrumente dabei hinterfragen kann, sei dahingestellt. Das „Exklusiv“-Label, da gebe ich Pallenberg wiederum Recht, ist überholt, mir ist bei dem Thema die Ankündigung auch eher unangenehm aufgefallen. Wenn es den Verkauf aber hebt, würde ich es trotzdem hinnehmen, weil ich ein Interesse am Fortbestand von Medien wie der Süddeutschen habe.
  • Und zum Schluss: Hilft der Ton, den Sascha Pallenberg in seinem Rant anschlägt, wirklich weiter, das Verhältnis zwischen Bloggern und Journalisten zu verbessern? Wohl nicht. Er könnte sich an seine eigene Empfehlung erinnern, die er in seinem ersten Beitrag ausgesprochen hatte, als er um mehr Verständnis gegenüber den Facebook-Mitarbeitern bat: „Generell die Betriebstemperatur ein wenig herunterfahren“.

    „Und wenn ihr mir darüber hinaus noch einen Gefallen tun wollt: Versucht, zu einem besseren Klima beizutragen.“

Die Kritik an der Aufmachung des SZ-Beitrags hat leider von seinem eigentlichen Inhalt und auch von dem des Textes bei Mobilegeeks abgelenkt – was schade ist. Denn eigentlich haben ja alle Autoren ein gemeinsames Anliegen. Und eigentlich könnte ein kollaboratives Arbeiten zwischen Bloggern und Journalisten bereichernd sein – dass es hier nicht funktioniert hat, dazu haben aus meiner Sicht beide Seiten beigetragen.

Wie es besser funktionieren könnte, zeigt Max Hoppenstedt von Motherboard Deutschland: Er nennt und verlinkt beide Beiträge, nimmt die Recherchen auf und geht einen nächsten Schritt, wenn er fragt, was höher gestellte Arvarto-Mitarbeiter zu den Berichten sagen. So entwickelt sich eine Geschichte weiter, die übrigens jetzt auch von anderen Medien aufgegriffen wird – in der Zusammenarbeit von Bloggern und Journalisten.

Update 17.12.: Sascha Pallenberg hat mich gerade auf Twitter darauf hingewiesen, dass er sich seit Jahren für das bessere Verhältnis zwischen Bloggern und klassischen Medien stark macht und jetzt einfach mal einen Rant loswerden wollte.

Den Impuls kann ich nachvollziehen, glaube aber dennoch nicht, dass diese Form des „draufhauen“ hilft. Hier ein Beitrag aus 2012, auf den er mich aufmerksam gemacht hat.

Diskussion ohne Ende: Journalismus und PR.

160820_Journalisten_PR_PlakatBei der letzten Jahrestagung des Netzwerks Recherche Anfang Juli ging es in einer Diskussion (mal wieder) darum, ob der Paragraph 5 des Kodex des Vereins: „Journalisten machen keine PR“ eigentlich noch zeitgemäß sei (hier die aktuelle Fassung, die beschlossen wurde und nicht mehr durchnummeriert ist). Hamburger Studierende hatten sich zeitgemäße Vorgaben gewünscht und einen Gegenentwurf ausgearbeitet. Der entscheidende Satz sollte danach lauten: „Journalisten sollen keine PR machen müssen.“ Aus meiner Sicht eine sinnvolle Änderung, weil deutlich wird, dass es nicht nur im Entscheidungsbereich des Einzelnen liegt, zwischen PR und Journalismus einen sichtbaren Unterschied zu machen. Der Satz wurde jedoch in seiner alten Form beibehalten.

Lange Zeit habe ich den ursprünglichen Paragraphen in Diskussionen verteidigt. Ich habe die Forderung in ihrer Radikalität grundsätzlich unterstützt, denn ich war und bin mehr denn je für eine möglichst klare Trennung von PR und Journalismus. Aus meiner Sicht profitieren davon beide Seiten. Der Satz formuliert ein Leitbild, ein Ideal – das betont auch Netzwerk Recherche.

Aber sind die Grenzen zwischen PR und Journalismus eigentlich noch so eindeutig, dass die Forderung überhaupt Bestand haben könnte? Oder erwartet man von einzelnen Akteur*innen, was in den Strukturen beider Systeme längst schon nicht mehr funktioniert? Ist es richtig, die Trennung von PR und Journalismus an einzelnen Menschen festzumachen – oder ist es nicht auch hier so, dass es kein richtiges Leben im falschen geben kann?

Zwei Punkte für die Debatte

  1. Was verstehen die, die diesen Punkt des Kodex verteidigen, unter PR?
  2. Wie sieht es aus, wenn Journalist*innen PR machen?

Zum ersten Punkt erklärt Julia Stein, NDR-Journalistin und Vorsitzende des Netzwerks Recherche, im Interview mit dem Medienmagazin Zapp, warum PR und Journalismus für sie in einer Person nicht vereinbar sind:

„Die einen sind auf der Suche nach der Wahrheit und die anderen verführen eher, um eine bestimmte Information irgendwo unterzubringen.“
Julia Stein, Vorsitzende Netzwerk Recherche

Und das geht natürlich nicht zusammen – wenn die Dinge denn so klar zu trennen wären. Die Abgrenzung ist hier recht eindeutig: Das „Gute“ – nicht weniger als „die Wahrheit“ – wird der Kunst der „Verführung“ gegenübergestellt. Da schwingen das Unseriöse und unlautere Methoden im Unterton gleich mit.

Damit lässt sich ein Teil von PR-Aktivitäten wohl auch beschreiben. Es ist vermutlich diese Art von PR, die insbesondere Journalist*innen vor Augen haben, die sich weniger intensiv damit beschäftigen, wie PR funktioniert.

Was aber, wenn die Beschreibung das umfassende Phänomen PR gar nicht trifft? Wenn auch PR-Menschen sich wie Journalist*innen verhalten, gar nicht verführen, sondern seriös und neutral berichten – und dabei dennoch interessensgeleitet kommunizieren? Es ist dann zunächst einmal noch schwieriger, PR und Journalismus auseinanderzuhalten, und zwar nicht nur für die Rezipient*innen, sondern auch für die Journalist*innen selbst.

Julia Stein wird wohl von sich behaupten, dem Paragraphen zu folgen. Dabei macht auch sie PR. Sie spricht im Interview als Vorsitzende für das Netzwerk Recherche, also für eine Interessensorganisation. Sie verteidigt im TV-Beitrag ihres Journalisten-Kollegen eine umstrittene Position, für die das Netzwerk sich stark macht. Ihre Kommunikation in diesem Zusammenhang ist interessensgeleitet, und dabei spielt es zunächst keine Rolle, dass dieses Interesse aus journalistischer Sicht eher nachvollziehbar und verdienstvoller erscheint als etwa die Gewinnmaximierung eines Pharma-Konzerns. Genauso irrelevant ist es, dass sie für ihr Engagement nicht bezahlt wird. Wichtig ist aber: Es wird deutlich, in welcher Funktion sie spricht, im Insert des Beitrags wird sie nicht als Journalistin, sondern als Vorsitzende des Netzwerks Recherche vorgestellt.

NDR_ZAPP_Beitrag

Freie Journalist*innen in der Kritik

Das Zugeständnis, dass man auch als Journalist*in in durchaus verschiedenen Rollen öffentlich auftreten kann, fällt Freien gegenüber offenbar schwerer. Bei den Diskussionen scheint es oft so, als richte sich die Forderung vor allem an sie – weil die sich auch am häufigsten dagegen wehren. Immer mehr übernehmen PR-Aufträge parallel zu ihrer journalistischen Tätigkeit, um bei der schlechten Bezahlung der journalistischen Arbeit ihren Lebensunterhalt überhaupt noch finanzieren zu können. In der Diskussion bei Netzwerk Recherche wurde ihnen empfohlen, andere Jobs anzunehmen.

„Warum muss es ausgerechnet PR sein? Kann man nicht putzen oder kellnern?“
Tom Schimmeck, Netzwerk Recherche

Mal abgesehen davon, dass das in den Ohren von hochqualifizierten und vielfach unterbezahlten Journalist*innen nur zynisch klingen kann: Ich hoffe, man hat in diesem Zusammenhang auch darüber gesprochen, ob bei einem Festhalten am Punkt 5 des Kodex nicht parallel ergänzt werden sollte: Verlage und andere Arbeitgeber im Journalismus bezahlen freie Mitarbeiter*innen angemessen ihrer Ausbildung und ihres Aufwands.

Aber das Problem der Abgrenzung von PR und Journalismus betrifft ja nicht nur freie Journalist*innen. Auch Festangestellte machen PR – nur ist das nicht immer so offensichtlich. Weitere Beispiele:

  • Zum 20. Geburtstag von tagesschau.de berichtet das Online-Nachrichtenportal in diesem Sommer umfangreich über seine eigene Geschichte. Auch in den Nachrichtensendungen im Fernsehen erscheinen Beiträge. Ein klassischer Fall von Jubiläums-PR, umgesetzt von den ARD-Journalist*innen. Vier Beiträge zum Thema erscheinen auf der Startseite von tagesschau.de am Geburtstag.

    Es ist durchaus kein Einzelfall, dass die ARD und auch das ZDF ihre eigenen Kanäle für Eigen-PR nutzen. Und es sind die bei den Anstalten angestellten Journalist*innen, die diese umsetzen und den Platz im Programm dafür einplanen – in einem Umfang, den man einem Jubiläum in anderen Fällen niemals zugestehen würde.

  • Ein weites Feld sind die Beilagen, die Zeitungen produzieren, um für Anzeigenkunden ein „redaktionelles Umfeld“ zu schaffen. Auch hier sind die Grenzen zwischen PR und Journalismus fließend, umso mehr, wenn die Inhalte von Journalist*innen produziert werden, die auch den journalistischen Teil des Mediums verantworten – was immer wieder vorkommt.
  • Journalisten machen regelmäßig PR für eigene Bücher, Veranstaltungen, bei denen sie auftreten, oder für ihre Seminare – unter anderem über ihre Social-Media-Kanäle. Vermutlich schicken sie als Autor*innen auch Rezensionsexemplare an Kolleg*innen – und unterstützen damit aus eigenem Interesse die Buch-PR des Verlags. Das ist verständlich, grundsätzlich nicht verwerflich – aber es ist eben PR. Viele weisen deshalb mit einem Disclaimer darauf hin: „In eigener Sache“.
  • Fest angestellte Journalist*innen moderieren Diskussionsrunden oder Veranstaltungen, mit denen ein Auftraggeber sich in der Öffentlichkeit positioniert. Die Veranstalter profitieren vom bekannten Namen des Moderators/der Moderatorin sowie von der Seriosität des Mediums, für das sie oder er arbeitet.

Wer macht hier PR?

Auf einer höheren Ebene greifen die Systeme längst ineinander. Advertorials gehören seit Ewigkeiten zum festen Geschäftsmodell von Verlagen – sie werden im besten Fall gekennzeichnet, erscheinen aber in einem journalistischen Medium, das ein Chefredakteur oder eine Chefredakteurin verantwortet. Alle größeren Medienhäuser haben inzwischen ihre eigene Corporate Publishing Agenturen gegründet, die von der Stärke und Strahlkraft der journalistischen Marke profitieren: zum Beispiel Gruner + Jahr, der Süddeutsche Verlag und auch der ZEIT-Verlag. Sie holen sich ihren Teil des großen Kuchens Content Marketing, das der Autor einer Studie der Otto-Brenner-Stiftung, Lutz Frühbrodt, als „Sargnagel des Journalismus“ bezeichnet. Kann man da freien Journalist*innen als Kleinstunternehmen vorhalten, dass sie neben journalistischen auch PR-Auftraggeber zu ihren Kunden zählen? Und so konsequent die Trennung aus journalistischer Sicht sicherlich ist: Ist es nicht auch schräg, wenn der ZEIT-Verlag mit seinem Jugendmagazin ze.tt über Native Advertising Geld verdient, aber freie Journalist*innen, die die Beiträge produzieren, deshalb nicht für DIE ZEIT als Journalist*innen schreiben dürfen?

Die entscheidende Frage ist wohl weniger, ob Journalist*innen PR machen, sondern eher, wie sie es machen. Hier ist Transparenz das entscheidende Kriterium. Sie garantiert, dass ich als Leser/in oder Zuschauer/in erkennen kann, ob ein Beitrag journalistisch ausgerichtet ist und zum Ziel hat, möglichst objektiv zu informieren, oder aus einer interessensgeleiteten Position heraus veröffentlicht wird. Im besten Fall halten sich beide Seiten daran, das klar zu kennzeichnen – Journalismus und PR.

Es erfordert einiges von allen Beteiligten, diese Transparenz immer wieder einzuhalten – vor allem ein klares Bewusstsein über die jeweils eigene Rolle. Viele freie Journalist*innen machen sich intensiv Gedanken darüber, wie sie damit umgehen können und entwickeln eigene Strategien. So schreibt zum Beispiel die Journalistin Silke Burmester unter Pseudonym, wenn sie PR-Aufträge übernimmt, wie sie bei einer zurückliegenden Veranstaltung von Netzwerk Recherche berichtete. Nicht, um ihre PR-Aufträge geheim zu halten – sie macht kein Geheimnis daraus. Sie trennt ihre beiden verschiedenen Rollen und damit klar die PR-Texte von denen, die sie als Journalistin unter ihrem eigenen Namen veröffentlicht. Andere Journalisten berichten, dass sie nicht über Themen schreiben, in deren Umfeld sie PR-Aufträge annehmen. Konsequent ist das kaum einzuhalten, da immer entscheidend ist, wie weit der Begriff „Thema“ zu fassen ist. Unter dieser Vorgabe ist es aber nicht mehr möglich, für journalistische Beiträge beim Medium und beim PR-Auftraggeber doppelt abzukassieren.

Gut, wenn die Diskussion weitergeht

Die Diskussion um die Trennung von PR und Journalismus wird und darf nicht aufhören. Beide Kommunikationssysteme entwickeln sich weiter, rücken näher zusammen. Umso größer muss das gesellschaftliche Interesse sein, dass Autor*innen ihre Position transparent machen und Rezipient*innen nachvollziehen können, wer gerade spricht. Und um es noch einmal klar zu betonen: Es wäre in einem guten Leben für den Journalismus, für die PR und für das Publikum wünschenswert, dass Journalist*innen keine PR machen (müssten).

Am Ende hat es aber gerade deshalb vielleicht auch etwas Gutes, dass das Netzwerk Recherche den Paragraphen 5 nicht ändert, sich auch in Zukunft bestimmt immer wieder Betroffene daran reiben werden und damit das Thema auf der Agenda bleibt.

Mehr dazu:

Prof. Lutz Frühbrot (s.o.) fasst die Diskussion bei der Jahrestagung zum Leitsatz zusammen: Journalisten machen keine PR. Sie gehen putzen.

Das Medienmagazin ZAPP berichtet über die Diskussion – im Interview u.a. die nr-Vorsitzende Julia Stein und die Studentin Daniela Friedrich.

Botox für den Kodex – Alternativentwurf der Hamburger Studierenden mit Kommentaren aus der Diskussion.

Vereinbarkeit im Journalismus

Im Juli hat ein Bericht des Branchendienstes kress bei vielen für Empörung gesorgt: Chefredakteur Bülend Ürük hatte gefragt, ob man eine Redaktion in Teilzeit führen könne. Auslöser seiner „Sorge“ war die Ankündigung der Chefredakteurin des Magazins Grazia, Claudia ten Hoevel, nach der Elternzeit ihren Posten wieder aufnehmen und dabei mehr Zeit mit ihrem Kind verbringen zu wollen. Ich fand den Subtext in dem kress-Text ebenfalls sehr abseitig und habe mich entsprechend auf Twitter geäußert:

Einige Tage später rief Bülend Ürük an und wollte tatsächlich gerne mehr wissen – er bat um einen Gastbeitrag zum Thema. Der erschien am 13. Juli und eröffnete eine Reihe von Meinungstexten verschiedener Autor*innen. Alle sind sich einig, dass sich etwas ändern muss. Verschiedene Aspekte der Debatte um Vereinbarkeit im Journalismus werden aufgegriffen. Hier noch einmal meinen Beitrag, der am 13. Juli erstmals bei kress erschienen ist, darunter Links zu den der anderen Autor*innen.

Ich finde, dass Bülend Ürük produktiv mit der Kritik an seinem Text umgegangen ist. Ob die Debatte irgendetwas bewirkt, möchte ich nicht fragen. Ich wundere mich auf jeden Fall schon länger darüber, dass gerade im Journalismus so viel von dem noch gar nicht geht, was in Spiegel, ZEIT und anderen Medien von Unternehmen vehement gefordert wird.


Wie man eine Redaktion auch in Teilzeit führen könnte

Vergangene Woche erschien auf kress.de ein Bericht über die Chefredakteurin des Lifestyle-Magazins „Grazia“ aus dem Hause Gruner und Jahr. Claudia ten Hoevel hatte nach Rückkehr aus ihrer Elternzeit angekündigt, ihre Position weiter zu behalten und auch ihr Kind noch sehen zu wollen. Wie kress.de heute Mittag meldet, ist ihr Arbeitgeber für solch ein Ansinnen abernoch nicht weit genug: Für die zwölf Monate, in denen ten Hoevel nicht in Vollzeit arbeiten will, darf sie nun als „Herausgeberin und Brand Ambassador“ für „Grazia“ „vermarktungsorientierte Termine“ wahrnehmen. Das klingt nach Abstellgleis. Die Leitung der Redaktion übernimmt der Gründungs-Chefredakteur von Grazia, Klaus Dahm – alleine.

Im Jahr 2016 scheint es also immer noch unvorstellbar, dass man eine Redaktion mit reduzierter Stundenzahl leiten kann. Auch Bülend Ürük, Chefredakteur von kress.de, hatte das hier angezweifelt: „Kann eine Kaufzeitschrift in Teilzeit geführt werden? Oder braucht eine Redaktion doch eine Führungskraft, die mit ganzer Kraft an Bord ist?“

Es gab zu Recht einige harsche Reaktionen darauf, in den Sozialen Netzwerken wie Twitter oder Facebook oder auch unter anderem von Lisa Seelig bei Edition_F. Dass niemand auf die Idee käme, die Führungsfähigkeit eines männlichen Chefredakteurs und jungen Vaters in Frage zu stellen, ist nur der eine Punkt. Dabei lassen doch auch die Väter vermehrt hören, sich mehr Zeit für die Familie nehmen zu wollen. Noch ärgerlicher ist die Unterstellung, eine Teilzeitführungskraft mit Kind sei nicht „mit ganzer Kraft“ an Bord. Sie offenbart überholte Rollenvorstellungen und wenig Vorstellungsvermögen in Bezug auf innovative Führungskonzepte. Es hat sich vielleicht noch nicht herumgesprochen, aber es gibt durchaus Familien, in denen der Mann der Frau „den Rücken frei hält“.

Aber Claudia ten Hoevel wollte ja offenbar mehr – sie möchte, so heißt es bei Bülend Ürük, „ihr Amt behalten, aber mehr Zeit mit ihrem Kind verbringen“. Und so abseitig die Mutmaßungen von Ürük auch herüberkommen – er bringt leider genau die Zweifel zum Ausdruck, die sicher viele Verantwortliche teilen und hinter vorgehaltener Hand auch äußern. Die aktuelle Entscheidung von Gruner und Jahr spricht Bände. Was die „Grazia“-Chefredakteurin da angekündigt hatte, wäre ja gemessen an der Realität in deutschen Medienhäusern tatsächlich eine kleine Revolution gewesen: Führung in Teilzeit. Und beobachtet man den Alltag in den Redaktionen, ist die Frage fast schon wieder berechtigt, ob das eigentlich gut gehen könnte.

Aus eigener Erfahrung: Ja, ich bin fest davon überzeugt, dass Führung in Teilzeit funktioniert und im Hinblick auf die Zukunftsfähigkeit von Verlagen wie Gruner und Jahr auch ein gefragtes Modell sein wird. Wichtig ist, dass die Rahmenbedingungen stimmen.

Dazu gebe ich gerne ein paar Tipps, die auch in anderen fortschrittlichen Unternehmen schon viel möglich gemacht haben:

1. Vereinbarkeit wollen ist nur der Anfang – sie muss im gesamten Unternehmen gelebt werden, und zwar von Männern und Frauen.

2. Job und Familie stellen unterschiedliche, oftmals widersprüchliche Anforderungen an Mütter und Väter, die sich zudem noch verändern. Diese immer wieder auszubalancieren ist machbar, wenn man darüber reden kann.

3. Führungskräfte sind Vorbilder – gerade sie sollten sich für neue Arbeitsmodelle öffnen. Top-Sharing, also die Besetzung einer leitenden Position mit zwei fitten Köpfen, ist eine Alternative zum herkömmlichen Modell.

4. Wer vorausschauend plant, muss nicht immer vor Ort sein, damit der Laden läuft. Wichtig ist, in entscheidenden Situationen für sein Team da zu sein und klare Vorgaben zu machen.

5. Als Führungskraft in Teilzeit muss man delegieren können und dürfen – sonst wird das Modell zum Etikettenschwindel. Schon bevor die Elternzeit beginnt, sollte geprüft werden, welche Aufgaben von Kolleginnen oder Kollegen übernommen werden können – mit genug Zeit für die Übergabe.

6. Lasst das gesamte Team von familienfreundlichen Arbeitszeiten profitieren, auch die Männer – viele Widerstände lösen sich dann in Luft auf. Meetings bis in den späten Abend nerven auch die, die keine Kinder haben.

7. Nutzt die Flexibilität digitaler Kommunikationsmedien – wenn die Mitarbeiter darauf eingespielt sind, lässt sich vieles regeln, ohne dass man face-to-face miteinander spricht.

Nicht zu vergessen ist, dass jede Führungskraft mit Kind noch ein weiteres Team hat, das sich auf die Herausforderungen einlassen muss, nämlich die Familie zuhause, allen voran der Partner oder die Partnerin. Zu diesem Thema empfehle ich das Buch von Stefanie Lohaus (zusammen mit Tobias Scholz), der Chefredakteurin von Missy Magazine: „Papa kann auch stillen„.


Weitere Beiträge bei kress zur Debatte

Ich verlinke, wenn sie dort erschienen sind, auf die Blogs der Autor*innen, weil dort auch jeweils weitere lesenswerte Texte zum Thema Vereinbarkeit zu finden sind.

Robert Franken beschäftigt sich als Berater, Coach, Autor und Speaker mit Themen rund um Digitalität, Diversion und Publishing. In seinem Blog finden sich viele interessante Beiträge zu diesen Themen. In puncto Vereinbarkeit im Journalismus fordert er einen Perspektivwechsel: Nicht die Eltern, sondern die Arbeitgeber sollten ihre Bedürfnisse zurückstellen, Jobs müssten elternkompatibel werden – und nicht umgekehrt. Recht hat er – und wie weit sind viele Arbeitgeber aber von dieser Sichtweise noch entfernt.

Die Journalistin Tina Groll ist Expertin zum Thema Vereinbarkeit und hat ein wirklich gutes Buch dazu geschrieben. „Diese Personalentscheidung zeigt wieder einmal, wie stark die Medienbranche von patriarchalen Strukturen und Denkweisen durchzogen ist“, schreibt sie bei kress. Für „geradezu verrückt“ hält sie es, dass Medienschaffende immer noch glaubten, eine Führungsposition im Journalismus sei nicht in Teilzeit umsetzbar. In ihrem Blog Die Chefin mehr von Tina Groll und ihrer Kollegin zum Thema.

Wie Tina Groll ist auch Wolfgang Lünenburger-Reidenbach, Chef einer PR-Agentur, davon überzeugt: Jeder Job ist in Teilzeit machbar. Er berichtet in seinem Blog von seinen persönlichen Erfahrungen und betont dabei auch, dass Führung in Teilzeit immer wieder zur Zerreißprobe werde: zwischen Anspruch, Wirklichkeit und den verschiedenen Verantwortungen, die man im Leben so trägt.

Susanne Garsoffky und Britta Sembach, ebenfalls zwei Journalistinnen, die ein Buch zum Thema veröffentlicht haben (ist eben kein Zufall, dass so viele Medienschaffende dazu Bücher herausgeben), möchten mit ihrem Text die Debatte darauf lenken, was Unternehmen – und auch Medienhäuser – gewinnen, wenn Mitarbeiter und Führungskräfte Eltern werden. Sie wehren sich wie andere Kritiker des Textes von Ürük gegen seine Behauptung, Teilzeitkräfte seien nicht mit „voller Kraft“ dabei. Das Gegenteil sei der Fall, Eltern arbeiteten oftmals effektiver, so ihre Meinung.

Die Medienjournalistin Anna von Garmissen geht in ihrem Beitrag davon aus, dass ten Hoevel „kein Einzelfall“ sei: Wenn Journalistinnen Mütter werden, müssten sie die Spitze frei machen. Sie vermutet, dass das nicht immer freiwillig geschehe. Die ehemalige Chefredakteurin der Fachzeitschrift „journalist“ stellt die für mich entscheidende Frage: „Wie wollen wir (als Journalist*innen) glaubwürdig gesellschaftliche Missstände kritisieren, wenn wir selbst in alten Rollenbildern steckenbleiben?“ Ihre These:  „Frauen werden nicht ausgebremst, weil sie Frauen sind. Sondern weil sie Mütter sind – oder werden könnten“.

Kuratieren im Journalismus: Nach dem Hype wird’s spannend

6.1.2016: Update: Frederik Fischer von piqd hat den folgenden Text dort kuratiert – in den Kommentaren ist eine kleine Diskussion zur Relevanzfrage, die ich hier aufgeworfen habe, entstanden – mit interessanten Gedanken.

Kuratieren wurde im vergangenen Jahr als einer der Trends des digitalen Journalismus gefeiert. Diskutiert wird das Sammeln, Ordnen und Empfehlen von Texten schon seit einigen Jahren. Der Hype wurde vermutlich durch einige Start-ups ausgelöst, die das Kuratieren von Texten zur Unternehmensidee gemacht und auf Plattformen gebracht haben. Einiges war von ihnen zu lesen: niuws und blendle, nachfolgend zu Ende des Jahres noch piqd. Gemeinsam ist allen die Idee, die Relevanz von Texten nicht durch Algorithmen bestimmen zu lassen, sondern Menschen die Auswahl zu übergeben. Als Expert*innen für bestimmte Themenbereiche heben diese aus dem Meer der Texte Schätze, die sie für so relevant halten, dass sie sie empfehlen möchten.

niuws und piqd habe ich mir im letzten Jahr genauer angesehen, auch blendle nutze ich. In der Süddeutschen Zeitung erschien zu Ende des Jahres ein Text von Kathrin Hollmer, der die neuen Angebote ganz gut beschreibt. Nach einigen Wochen Erfahrungen als Userin glaube ich, dass die Idee noch nicht ausgereizt ist. Nach dem großen Hype wird es nun spannend werden, was sich von den Ansätzen des kuratierten Journalismus durchsetzen kann – und wie. Noch werfen die neuen Angebote erst einmal viele interessante Fragen auf – diese zumindest stelle ich mir:

  1. Was eigentlich macht einen Text zu einem relevanten Text? Welche Kriterien führen dazu, dass jemand aus der Unmenge von Texten einen oder auch drei pro Tag / pro Woche auswählt, um sie einem Publikum zu empfehlen? Wer definiert die Kriterien?
  2. Was bedeutet Kuratieren im digitalen Journalismus bei niuws, piqd & Co. im Vergleich zum Kuratieren in der Kunst? Wird die eigentliche Idee übernommen oder nur der gut klingende Begriff?
  3. Wenn sich das Kuratieren mehr und mehr zu einer der journalistischen Grundtätigkeit entwickelt – welche Auswirkung hat das auf das Aufgabenprofil und Selbstverständnis einzelner Journalist*innen? Was bedeutet es für Medien insgesamt?

Diskutiert wird das Kuratieren als journalistische Tätigkeit schon seit einigen Jahren. Bereits 2011 hat Christoph Kappes eine schöne Definition geschrieben und auf Google+ zur Debatte vorgeschlagen – ich zitiere sie ganz :

“Zu kuratieren heißt nur vordergründig, eine kleine Link-Reise zu schreiben. Es ist im Grunde eine Haltung, fremde Texte nicht geringer zu schätzen als eigene, fremde Meinungen und fremde Kontrolle zu tolerieren und Aufmerksamkeit zu verschenken in der Erwartung, sie auch dadurch zu bekommen, dass man sich selbst ein wenig zurücknimmt. Das Wort heißt im Grunde, den Journalismus wieder an eine Wurzel zu führen: Wer publiziert, eröffnet dem Leser verlässlich einen Inhalte-Raum, in dem der Leser am Ende selbst die Grundkompetenz hat, Werke Dritter zu würdigen. Das hässliche Wort „Kuratieren“ hat viel mit dem hässlichen Wort „Empowerment“ zu tun und mit der Zurücknahme des Journalisten-Egos“.

Was macht einen Text zu einem relevanten Beitrag?

Interessant ist, dass für niuws und piqd aber durchaus eine wichtige Rolle spielt, wer da kuratiert. Bei niuws hat man laut Gründer Peter Hogenkamp schon mit dem Gedanken gespielt, Prominente zu Kurator*innen zu machen, und piqd beeindruckt mit vielen bekannten Journalist*innen und anderen Persönlichkeiten. Es macht den Reiz des Angebots aus, dass sie dabei sind.

Ihre Relevanz gewinnen die Texte also erst einmal dadurch, dass sie etwa bei piqd u.a. von Stefanie Lohaus, Theresa Enzensberger, Anke Domscheit-Berg, Dirk von Gehlen oder von Konstantin von Notz empfohlen werden. Die Macher*innen von piqd haben darüber hinaus klare Vorstellungen, welche Kriterien für die Auswahl eine Rolle spielen sollten. Noch sind die auf der Website allerdings nicht zu finden. Der Chefredakteur Frederik Fischer erklärt auf meine Anfrage das piqd-Konzept so:

„Die ganz allgemein formulierte Aufgabe für die piqer ist es, anspruchsvolle aber auch für Laien verständliche Texte zu empfehlen, einzuordnen und zu bewerten. Zusätzlich zur Vorgabe, nicht mehr als einen Link pro Tag zu posten, raten wir unseren piqern auch dazu, im Zweifel keine aktuellen Inhalte zu empfehlen, sondern in die Vergangenheit zu blicken. Was waren herausragende und auch heute noch relevante „Evergreens“? Auch Texte zu ganz grundlegenden Konzepte und Theorien sind gerne gesehen (z.B. Imagined Communities von Benedict Anderson in Medien und Gesellschaft) Nachrichtenwerte sind für uns nur dann relevant, wenn es nachvollziehbar bedeutsame Entwicklungen in einem Themenbereich gibt (z.B. die Klimakonferenz für Klima und Wandel oder Wiedereinführung der Vorratsdatenspeicherung in Netzpolitik).“

Mir gefällt, dass den piqern (so heißen hier die Kurator*innen) ausreichend Raum bleibt, ihre Auswahl für jeden einzelnen Text zu erklären – ein Schwachpunkt bei niuws, wo jeweils nur ein bis zwei Sätze reichen müssen, um die Relevanz zu begründen. Wenn diese sich auf eine reine Inhaltsangabe beschränken, fällt eine Einordnung ganz weg.

Bei allen Angeboten vermisse ich die grundsätzliche Dikussion um die Frage nach Relevanz von Texten. Sie könnte ein bestehendes Konzept transparent machen – Varianten sind ja denkbar:

  1. Kurator*innen arbeiten wie Trüffelschweine, spüren die guten Texte auf, die bislang noch unentdeckt sind und präsentieren sie hier als Fundstücke einem breiteren Publikum. Interessant für Menschen, die sowieso schon viel lesen und auf der Suche nach Inspirationen und neuen Quellen sind.
  2. Die Kurator*innen empfehlen nur die Texte, die die User*innen auf keinen Fall verpassen sollte, um auf dem Laufenden zu bleiben. Das ist die Idee, die  Peter Hogenkamp einmal formuliert hat, als er niuws als Service für Manager*innen vorstellte, die eine tägliche Übersicht über die wichtigsten Beiträge zu ihren Themen wünschen.
  3. Die Relevanz eines Textes ergibt sich erst aus seiner Rezeption – also etwa dadurch, dass er eine Diskussion auslöst, viel kommentiert wird, neue Texte als Repliken oder Weiterentwicklungen provoziert. Die Idee von piqd, sich vom Nachrichtenwert Aktualität nicht treiben zu lassen, passt ganz gut dazu – denn es lässt sich sich diese Qualität eines Textes erst nach einer Zeit einschätzen. Auch blendle berücksichtigt diesen Ansatz in gewisser Weise, wenn neben den persönlichen Vorschlägen der Kurator*innen auch die Zahl der Leser*innen eine Rolle spielt, um einen Text hervorzuheben.

Diese und sicher noch weitere Ansätze sind für verschiedene  Zielgruppen unterschiedlich interessant – vorstellbar sind sie alle, auch als Mischung. Vor dem Hintergrund einer erweiterten Idee des Kuratierens sehe ich selbst das größte Potenzial in der dritten Variante.

Kuratieren: Wenn mehr entsteht als die Summe der einzelnen Teile

Der Begriff „Kuratieren“ beschreibt in der Kunst die Konzpetion und Organisation einer Austellung. Ralf Schlüter beklagt in der Zeitschrift art, die eigentliche Idee dieser Tätigkeit gehe verloren, seit das Wort in der digitalen Welt so inflationär verwendet werde. Interessanter als seine Beschwerde finde ich, was für ihn das Kuratieren in einer idealen Vorstellung bedeutet:

„Heimliches oder offenes Vorbild der meisten Kuratoren ist der Schweizer Harald Szeemann (1933 bis 2005), der sich ironisch „Agentur für Geistige Gastarbeit“ nannte. Er prägte das Berufsbild, nach dem der Kurator eben nicht nur ein Ausstellungsmacher war, sondern eine Art Meta-Künstler: Verstreute Kunstwerke führte er zusammen und ging mit ihnen um wie ein Erzähler mit seinen Figuren. Im besten Fall war das ganze mehr als die Summe der einzelnen Teile.“

Ich möchte mir die journalistischen Kurator*innen gerne als Meta-Texter*innen vorstellen, die verstreute Texte zusammenführen, mit ihnen eine neue Geschichte erzählen, die dann noch größer ist als die Summe ihrer einzelnen Teile. Das Mehr, das die Journalist*innen einbringen können, ist ihre Kompetenz, die Texte einzuordnen, zu bewerten, die Stücke zusammenzustellen, die sich aufeinander beziehen oder ein gleiches Thema haben, eine gleiche Frage erörtern. Dabei muss es sich – wie in einer Ausstellung – nicht nur um aktuelle Texte handeln, aber diese könnten durch die Kombination mit älteren in einem neuen Kontext neue Zusammenhänge offenbaren. Noch spannender wird es, wenn die Leser*innen ihre Kommentare ergänzen oder selbst weitere Texte empfehlen. So entständen die von Christoph Kappes beschriebenen Inhalte-Räume, in denen User*innen sich bewegen und ihrerseits aus dem Angebot ihre eigene Geschichte entwickeln.

Die aktuelle Praxis des Kuratierens erscheint im Vergleich zu dieser Vision noch recht eindimensional. Es werden in der Regel einzelne Texte vorgestellt, statt verschiedene zu komponieren. Bei niuws beschränkt sich die Einbindung der Leser*innen auf Likes für einzelne Textvorschläge. Bei piqd wird die Kommentarfunktion immerhin als so wertvoll geschätzt, dass man User*innen dafür bezahlen lässt, um sie vor Trollen zu schützen. Aber wie bei so vielen Angeboten ist die Anzahl der Kommentare zumindest in den ersten Wochen seit dem Launch noch sehr überschaubar. In meiner Idealvorstellung bedeutet das Kuratieren auch, sich darum zu kümmern, dass die Texte in einer Community produktiv rezipiert werden. Dieser Community anzugehören, wäre Teil des Angebots.

Neue Ansprüche an Journalisten und Medien

Kuratierende Journalist*innen benötigen besondere Kompetenzen um die beschriebenen Räume zu gestalten. Vor allem brauchen sie einen guten Überblick über Texte – aktuelle wie alte, viel zitierte wie unentdeckte. Sie müssen Texte aufspüren, einordnen, bestehende Verbindungen erkennen und erklären können, neue herstellen. In diesen Tätigkeiten nehmen sie ihr Ego als produzierende Journalist*innen tatsächlich zurück – aber es entwickelt sich ein neues. Kuratierende Journalist*innen sind Netzwerker und als solche Persönlichkeiten – wenn auch anderer Art als wir sie aus dem klassischen Jorunalismus kennen.

Medien werden vielleicht in Zukunft nicht mehr vorrangig die Produkte einer festen Redaktion publizieren. Sie könnten sich zu Orten entwickeln, an denen besonders herausragende Netzwerker*innen ihre Texte kuratieren, die eine ausgewählte Community rezipiert, diskutiert, ergänzt. Bei einem erweiterten Begriff von Text sind auch Hörstücke und Filmbeiträge dabei eingeschlossen. Ein Medium zeichnet sich damit künftig weniger dadurch aus, welche „Edelfedern“ es für sich gewinnen kann. Es braucht viel mehr Persönlichkeiten, die ein gutes Gespür für Themen und Texte haben und auf ein breites Netzwerk setzen können, das sie selbst mit Quellen, Ideen und Anregungen speist. Um dieses aufzubauen und eine aktive Community zu managen, sind sie vor allem auch in ihren sozialen Kompetenzen gefragt. Mir fällt Frank Schirrmacher ein, der für das gute Themengespür, das Anzetteln von Debatten ein gutes Vorbild ist. Interessanterweise spricht auch Wolfgang Michal in seinem Text über das Kuratieren davon, dass die journalistische Tätigkeit mehr und mehr zu einer herausgebenden wird, während die produktive Tätigkeit der Redaktion in den Hintergrund tritt. Er sieht das kritisch.

Spannend wird sein, wie sich die Dienste wie niuws und piqd, sollten sie sich durchsetzen, zu den klassischen Medien verhalten. Für mich ist gut vorstellbar, dass sie irgendwann einmal in den Medien wieder aufgehen, wenn diese sich so weiterentwickeln, wie ich es beschrieben habe. Dazu passt, dass die Dienste in direkter Verbindung zu größeren Verlagen stehen: Investor bei piqd ist Konrad Schwingenstein, ein Enkel des Mitgründers des Süddeutschen Verlags, niuws wurde von Peter Hagenkamp gegründet, ehemaliger Leiter Digitale Medien bei der NZZ-Mediengruppe. Die Verbindungen bestehen.

Hier nun einige kuratierte Links zu Texten über das Kuratieren, die in den Kommentaren gerne ergänzt werden können.

Christoph Kappes hat mir in einem Tweet im Juni den Hinweis auf blende und niuws gegeben. Interessant ist, wie starke Gegenstimmen es in der schon 2011 von ihm angeregten Diskussion bei Google+ noch gibt. In meinem eigenen Text über die Krautreporter und warum ich mich von ihnen verabschiedet habe, glaube ich, dass wir weniger neue Magazine und mehr von Diensten wie niuws und blende brauchen.

Der schon erwähnte Journalist Wolfgang Michal hat im Februar 2015 einen grundlegenden Text über das Kuratieren verfasst und sieht darin vor allem einen Bedeutungsverlust der redaktionellen Tätigkeit und eine Entmachtung der Journalisten – einer der wenigen Autoren, die den Hype um das Kuratieren in dieser Interpretation eher kritisch beurteilen.

Peter Hogenkamp, der Gründer von niuws und Pionier des neuen Kuratierens, schreibt in der Netzwoche selbst über „Hype oder Zukunft der news“. Er macht in seinem Beitrag aus, was wirklich neu war in diesem Jahr 2015: Während die bisherigen Sammlungen in Newslettern statisch seien und die Mailboxen verstopften, sind die neuen Plattformen interaktiv, können direkt kommentiert und geteilt werden. Interessant ist seine Einschätzung dazu, wie sich die klassischen Medien zum Trend verhalten: Sie seien noch zu sehr in der alten Welt verhaftet um seine Bedeutung wirklich zu erfassen, so sein Fazit.

In einem Interview in der Schweizer Werbewoche zieht Peter Hogenkamp im Oktober Fazit nach einem Dreiviertel Jahr niuws und spricht dabei über die interessante Frage, welches Geschäftsmodell mit den neuen Angeboten verbunden sein könnte und wie es um das Verhältnis zur PR bestellt ist.

Philippe Wampfler, dessen Box „Kompetenzen fürs 21. Jahrhundert“ bei niuws neben der von Nick Lüthi „Medienwandel“ zu meinen Favoriten zählt, bloggte im Juni über den Workflow seiner Auswahl und seine Erfahrungen als Kurator – und gibt damit als einer der wenigen Einblick in die Frage nach der Relevanz von Texten: „Kriterien sind Aktualität, frische Perspektiven auf das Thema sowie eine gewisse Breite“.

Max Buddenbohm  kuratiert in seinem sowieso lesenswerten Blog „Herzdamengeschichten“ regelmäßig Links in der  Rubrik „Woanders“ und – als gesponserte Sonderedition – in „Woanders – der Wirtschaftsteil“. Ich habe keinen anderen Kurator gefunden, der seine Arbeit so schön detailliert beschreibt wie Buddenbohm in „Die Timeline als Milchvieh betrachtet“: Wie er seine Auswahl trifft und welcher Tools er sich dafür bedient. Empfehlenswert vor allem für diejenigen, die selbst Ambitionen entwickeln – oder einfach Sehnsucht nach einer gewissen Systematik in der Auswahl ihrer Lektüre verspüren.

Hendrik Geister hat sich Ende November letzten Jahres in seiner Kolumne Mediendschungel im Blog Basic-Thinking mit seinem Text „Piqd: Die Rosinenpicker im Netz“  vor allem piqd genauer angesehen – und ist recht angetan von Konzept, Design und Unaufgeregtheit der Plattform. Erweiterungsmöglichkeiten sieht er vor allem in den Funktionalitäten.

Kathrin Hollmer stellt in der Süddeutschen Ende Dezember niuws, piqd und blende vor und ruft vom Gegentrend aus: User*innen wollten vielleicht wieder selbst herausfinden, was ihnen gefällt.

Update: Weitere Texte zum Kuratieren

Daniela Späth hat sich piqd ebenfalls genauer angesehen – auch sie kann damit etwas anfangen und findet viel Lobenswertes. Danielas Beitrag ist auch deshalb einen Klick wert, weil sie und Michael in ihrem Blog „Bleiwüsten“ ebensolchen den Kampf angesagt haben und die piqd-Kritik gleich wieder ein gutes Beispiel dafür ist, wie man Texte leserfreundlicher macht. Ich folge dem Blog schon länger und habe spätestens jetzt einen guten Vorsatz für 2016…

In einem Interview in seinem Blog fragt Dirk von Gehlen Michaël Jarjour, den Redaktionsleiter von Blendle, ob sich die Menschen, die dort täglich Beiträge auswählen, als Journalisten begreifen. Für mich die interessanteste Aussage des Interviepartners: Am meisten lernen die Kurator*innen bei Blendle aus den Artikeln, die zurückgegeben werden (bei  dem Dienst werden Artikel bei Nichtgefallen tatsächlich rückerstattet:“supernett“)

Vom ungeliebten Publikum und neuen Aufgaben für Journalisten

Legopublikum

Bei einer Tagung Anfang November mit dem schönen Namen „Digitaler Journalismus: Disruptive Praxis eines neuen Paradigmas“ ging es erfreulicherweise viel um die Leserinnen und Leser, die Zuschauerinnen, User: das Publikum. Eingeladen hatte Prof. Volker Lilienthal vom Hamburger Institut für Journalistik und Kommunikationswissenschaft an der Uni Hamburg, zusammen mit Prof. Stephan Weichert von der Macromedia University und der Hamburg Media School. Durchaus kontrovers wurde die Rolle des Publikums am ersten Tag diskutiert – am zweiten konnte ich leider nicht mehr teilnehmen. Weiterbeschäftigt haben mich folgende Gedanken:

  1. Warum geht es bei Diskussionen um die Rolle des Publikums in letzter Zeit nach mindestens fünf Minuten fast ausschließlich um Hatespeech?
  2. Warum wird die Einbindung des Publikums in den Produktionsprozess so oft vom Status Quo und so selten von den Potenzialen her diskutiert?
  3. Welches journalistische Selbstverständnis steht eigentlich dahinter, wenn in der Branche Leserkommentare auch als „Schleppscheiße“ bezeichnet werden?

Kommentare – die Pest im digitalen Journalismus

Zum Ersten: Ohne Frage bedeutet es für Redaktionen eine große Herausforderung, mit der Fülle und dem immer wieder abgründigen Stil der Kommentare umzugehen – es reicht, mal reinzusehen, um sich das vor Augen zu führen. Es geht nicht nur um personelle Ressourcen, die investiert werden müssen, um das Schlimmste herauszunehmen und Menschen zu schützen, die in ihrer Würde verletzt werden. Es geht auch darum, welche Auswirkungen diese Art von Kommentaren auf die Rezeption der journalistischen Beiträge haben. Dazu berichtete der Kommunikationswissenschaftler Marco Dohle bei der Tagung aus seiner Forschung:

Die sichtbare Publikumsbeteiligung beeinflusse die Wahrnehmung der Leistungen des digitalen Journalismus – und zwar negativ, wenn die Kommentare negativ ausfallen.

Da wundert es nicht, dass der Wunsch in immer mehr Redaktionen wächst, sich vom lästigen Übel zu befreien, die Kommentarfunktionen ein für alle Male zu sperren. Es gab in den letzten Monaten immer wieder Meldungen von Medien, die darin einen Ausweg aus der Misere gesehen haben.

Umgekehrt, und das wurde in den Diskussionen viel weniger aufgegriffen, gilt aber genauso: Positive Kommentare beeinflussen die Rezeption positiv.

Lieblose Einbindung des Publikums

Beide Forschungsergebnisse beziehen sich auf die Standardvariante der Publikumsbeteiligung: Ich stelle meinen Beitrag ins Netz, öffne die Kommentarspalten und warte ab, was so kommt. Jede und jeder darf seinen Meinung dazu kundtun, so lange, wann und wie viel er möchte, unabhängig davon, ob sie oder er den Text überhaupt gelesen hat. Eigentlich ist das doch eine sehr lieb- und einfallslose Variante der Publikumsbeteiligung. Kein Wunder also, dass sich niemand so richtig gerne in den Kommentaren aufhält, am wenigsten die Journalisten selbst. Aber diese Lieblosigkeit ist auch Ausdruck einer Haltung, die in vielen Redaktionen bis heute offenbar gängig ist: Das Publikum nervt. Das, was es zu sagen hat, bedeutet vor allem eines: weiteren Aufwand. Die Wissenschaftlerin Wiebke Loosen sprach bezeichnenderweise von „Anschlusskommunikation“, schnell kommt die Frage auf, ob das alles nicht auf die Qualität gehe:

Experimente im Dialog mit den Leserinnen

Dabei könnte es sich lohnen, sich andere Formen der Einbindung des Publikums anzusehen. Leider nur kurz erwähnt hat Dirk von Gehlen, Leiter Social Media/Innovation Süddeutsche Zeitung, sein Projekt „Lesesalon“: 100 Leserinnen und Leser der Süddeutschen Zeitung haben in einem abgesteckten Zeitraum gemeinsam ein Buch gelesen, aus den Diskussionen darüber entstand eine gemeinsame Rezension, die wiederum in der Süddeutschen Zeitung erschienen ist. Hier mündet die produktive Rezeption tatsächlich in einem neuen Beitrag. Natürlich ist dieses Experiment vom Aufwand her ungleich höher, als der, den eine Journalistin oder ein Journalist in eine Buchbesprechung investiert. Aber es ist ja durchaus vorstellbar, dass sich aus solchen Experimenten auch standardisierte Formate entwickeln mit weniger Aufwand, aber eben auch ganz neuen Rollen von Journalisten und Publikum.

Die Empfänger senden mit, die Sender empfangen

Das, was da passiert, ist dann eben nicht mehr „Anschlusskommunikation“, denn hier ist das Publikum schon in den journalistischen Produktionsprozess einbezogen. Die klassische Rollenverteilung von Sender und Empfänger löst sich auf. Und eigentlich muss man dafür gar nicht mehr auf Experimente schauen – in Zügen ist das ja schon heute journalistische Praxis. Journalisten bedienen sich gerne der Tweets mit Meinungsäußerungen oder lustigen, klugen Kommentaren. Bei Live Events wie auch bei Katastrophen wird Filmmaterial, das Laien mit ihren Smartphones produziert haben, in die Berichte eingebunden. Es ist eben auch eine Folge der Digitalisierung, dass Journalisten heute kaum noch technischen Vorsprung haben gegenüber denen, für die sie produzieren. Ein Lokalsender in der Schweiz hat vor einiger Zeit komplett auf die Produktion mit dem Smartphone umgestellt – das Gerät, das ein Großteil der erwachsenen und jugendlichen Menschen heute regelmäßig bei sich trägt.

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Communities mit Voraussetzungen

Es lohnt sich aber, sich das Experiment Lesesalon noch mal genauer anzusehen, denn hier ist das Konzept gewesen, was sich viele Redaktionen aus Angst vor dem Vorwurf der Zensur (der ja irrigerweise auch kommt) oftmals nicht trauen: Die Verantwortlichen erlaubten sich einen Selektionsprozess, der die Beteiligung von Anfang an in eine gewünschte Richtung lenkte und der gewissen Anforderungen an die so entstandene Community richtete:

  • gleiches Interesse am Thema: Die Menschen einigen sich auf ein gemeinsames Buch
  • Aufwand: Wer mitmacht, hat zuvor das Buch gelesen
  • Beschränkung der Teilnehmer: die Zahl war auf 100 begrenzt
  • Beschränkung der Zeit: es gab einen festen Zeitrahmen für die Lektüre genau wie eine Frist, bis zu der man sich beworben konnte

Mit dem Lesesalon hat Dirk von Gehlen das in die Praxis umgesetzt, worauf er auch bei der Tagung hinwies: Räume zu öffnen für Produzenten und Rezipienten sei die eigentliche neue Aufgabe des Journalismus.

Ein anderer Podiumsteilnehmer, der SPIEGEL-Redakteur Cordt Schnibben, hat die klassischen Muster des Publikumsdialogs ebenfalls aufgebrochen, Leserinnen und Leser des Magazins zu einem Essen eingeladen und damit viel mehr Nähe zugelassen als es sonst üblich ist. Und auch beim Online-Magazin aus Hamburg „mittendrin“ denke man über neue Formate nach, kündigte die Mitgründerin Isabella David an. Es ist sicherlich kein Zufall, dass es gerade im hyperlokalen Journalismus viele Verfechterinnen der Publikumsbeteiligung und oftmals eine grundsätzlich positivere Haltung dazu gibt.

Die beteiligten Journalisten sind jünger und damit der klassischen Rolle von Journalisten vielleicht weniger verhaftet als Menschen mit zwanzig Jahren Berufspraxis (allerdings kein automatischer Zusammenhang). Sie haben oftmals viel weniger Ressourcen als öffentlich-rechtliche Sender oder große Verlage – und gerade deshalb sollte man sich um so genauer ansehen, wie sie arbeiten. Sie binden das Publikum auch deshalb ein, weil sie auf Hinweise und Mitarbeit angewiesen sind. Und weil Mitarbeit, Mitdenken und Feedback hier als erstrebenswert im Sinne eines aufgeklärten Publikums gesehen werden.

Verhandlung des journalistischen Selbstverständnisses

Vermutlich ist das, was über die Haltung zum Publikum gerade verhandelt wird, eigentlich ein Ringen um ein neues journalistisches Selbstverständnis. Natürlich stellt sich die Arbeit durch die im Zuge der Digitalisierung veränderten Produktionsbedingungen ganz anders dar. Davon ist viel zu hören. Aber der Wandel hat eben auch damit zu tun, dass die Leserin, der Leser von heute nicht mehr zu vergleichen mit den Autoren der Leserbriefe, über die sich Journalisten so gerne erhoben haben: Wer sich damit beschäftigt habe, habe früher als „Weichei“ gegolten, erinnert sich Cordt Schnibben in seinem Vortrag auf der Tagung. Das Publikum von heute ist aber nicht mehr darauf angewiesen, dass eine Redaktion sich mit seiner Meinung beschäftigt oder sie gar veröffentlicht. Es kommentiert, meint, schreibt und veröffentlicht ungefragt einfach selbst: in den sozialen Netzwerken, in eigenen Blogs oder in selbst produzierten Online-Magazinen. Der Dialog findet also längst statt und klugen Redaktionen gelingt es, davon zu profitieren.

„Die Leser sind schlauer als wir“ – sagte Cordt Schnibben. Das stimmt, denn das Publikum sind viele: Expertinnen, denkende, erfahrene Menschen. Man muss keine großer Anhängerin der Schwarmintellingenz sein, um sich vorstellen zu können, dass es viel bringt, sich einem Thema in der Diskussion mit Menschen zu nähern, die in der Lage sind, verschiedenes Hintergrundwissen, neue Perspektiven und vielleicht einfach auch gute Fragen einzubringen.

Und es ist unserer Zeit angemessen, in der Journalisten neben dem technischen Vorsprung auch ihren Wissensvorsprung an vielen Stellen nicht mehr halten können. Der Zugang zu Informationen ist nicht mehr exklusiv den Medien vorbehalten, wenn beispielsweise Politiker/innen ihre Ansichten oder aktuelle Beschlüsse als erstes auf Twitter heraushauen, wenn Entscheidungsprozesse der Behörden der Transparenzpflicht unterliegen und einem breiten Publikum zugänglich sind.

Unter diesen Voraussetzungen erscheint es mir sehr sinnvoll, Journalisten eher als moderierende Verteiler von Informationen zu sehen, die aber durchaus weiterhin eine wichtige Funktion haben: Sie wählen aus, sie bringen Menschen zusammen,  prüfen Informationen auf ihre Qualität, sie bringen sie in einen Kontext – sie kuratieren Informationen.

Wissensvermittlung im allgemeinen Wandel

Journalisten sind übrigens nicht die einzigen, die hier gerade vom Thron der Allwissenheit fallen. Fast die gleiche Diskussion kann man in der Bildung verfolgen, wo die Rolle der Lehrkraft in digitalen Lernumgebungen neu definiert wird und fortschrittliche Lehrerinnen und Lehrer sich längst als Moderatoren begreifen. In der Wissenschaft gibt es ähnliche Auseinandersetzungen wie im Journalismus, wenn über Sinn und Zweck von Wissenschaftskommunikation mit einem breiten Publikum debattiert wird. Auch hier gehen die Meinungen weit darüber auseinander, ob die breite Masse einzubeziehen ist, im Sinne einer Citizen Science sogar eine Bereicherung darstellt, oder aber vielleicht doch nur stört und Wissenschaftlerinnen von ihrer eigentlichen Arbeit abhält.

In allen Bereichen fällt es vermutlich auch deshalb schwer, sich mit veränderten Rollen abzufinden, weil in der Ausbildung noch viel zu wenig darauf eingegangen wird – sei es bei Journalisten, Lehrern oder Wissenschaftlern. Dabei könnte die Rolle der Moderation von Wissenden doch auch sehr reizvoll sein und mindestens genauso herausforderungsvoll.

Bei der Tagung selbst gab es übrigens eine glaubhafte Wertschätzung des Publikums, und die Fragerunden zu den Podien waren bereichernd – eine interessierte Community eben.

Und nicht zuletzt war es auch eine produktive Community: Neben einem Beitrag im NDR-Medienmagazin ZAPP hat sich auch Dirk Hansen in seinem Blog Gedanken gemacht, mit ganz anderen Ideen zum Publikum als meine – sehr lesenswert.

Und wer sich für das Thema interessiert, ist sicherlich auch am Forschungsprojekt des Hans-Bredow-Instituts zum Thema interessiert: Die Wiederentdeckung des Publikums.

Das ärgerliche Quartett oder über die vergebene Chance, Literatur im TV zu diskutieren

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6. November im ZDF, mit Maxim Biller, Christine Westermann, Volker Weidermann und Ursula März.

Vorgestern gab es die zweite Ausgabe des Literarischen Quartetts im ZDF. Die Premiere vor vier Wochen hatte mich noch nicht wirklich überzeugt, aber gut – es war eben die erste Sendung. Nach gestern aber ärgere ich mich. Am meisten darüber, dass mich das Quartett als Zuschauerin jetzt schon fast verloren hat. Dabei zähle ich mich zur potenziellen Zielgruppe, überzeugt von der Idee, über Bücher im Fernsehen zu diskutieren. Ich höre gerne anderen zu, die über Literatur sprechen, vor allem, wenn sie unterschiedlicher Meinung sind. Und es ist ja grundsätzlich bereichernd, wenn Menschen, die über Bücher debattieren, schon viel gelesen haben, einordnen können, Bezüge herstellen und Vergleiche ziehen. Gerade die verschiedenen Lesarten sind doch das Spannende, der Disput könnte erkenntnissteigernd sein, die Debatte auf die Bücher neugierig machen.

Könnte. Dieses Literarische Quartett aber verspielt einen Großteil seines Potenzials. Nach der zweiten Sendung habe ich den Verdacht, dass das so bleiben wird, weil offensichtlich das, was mich ärgert, zum Konzept dieser Sendung gehört:

  • Der Dissens wird inszeniert. Man fällt sich ins Wort, wird persönlich, teils auch beleidigend, vermutlich hat sich jemand überlegt, dass das am späten Freitagabend aufrüttelt. Auf mich wirkt es aufgesetzt.
  • Die Bücher werden durchgehechelt. Vier Titel in einer Stunde, jeder soll etwas dazu sagen: Vorhersehbar, dass es um Pointen statt um Austausch geht. Das Bemühen darum ist durchschaubar und vor allem bei Maxim Bieler: anstrengend.
  • Hier werden Menschen inszeniert, nicht Bücher. Nach zwei Sendungen sind die Rollen verteilt genau wie die Konstellationen, in denen sie interagieren. Da eröffnen sich keine großen Spielräume.
  • Ärgerlich finde ich, wie die Rollen besetzt sind. Warum ist es mit Christine Westermann die einzige Frau im festen Trio, die durchgängig den emotionalen Zugang zu den Büchern repräsentiert?
  • Fraglich auch, warum man in einer Sendung, die so offensichtlich auf Krawall gebürstet ist, einen Moderator wie Volker Weidermann an die Spitze setzt, dem das sichtlich so gar nicht behagt? Die Doppelrolle der Diskussionsleitung und -teilnahme verlangt einiges ab – vor allem, dass man Kritik an einem Buch, das man vorstellt, nicht als persönliche Kränkung auffasst.

Gerne wüsste ich, wie die Auswahl zustande kommt: Warum ist es dieses und kein anderes Buch, das hier besprochen wird? Aber die Zeit reicht ja kaum, um die Auswahl jeweils inhaltlich kurz vorzustellen. So bleibt wenig hängen, wenn man die Autoren nicht vorher schon kannte.

Ein paar Ideen, was man verändern könnte:

  • Man gebe dem Quartett 30 Minuten mehr und ein Buch weniger – damit wäre schon einiges gewonnen.
  • Die Teilnehmenden respektieren sich untereinander.
  • Die Bücher werden auch unter dem Aspekt vorgestellt, warum sie es unter den vielen anderen Titeln in die Sendung geschafft haben.
  • Es gibt Regeln für die Diskussion, an die sich alle halten, zum Beispiel: Solange ein Titel nicht eingeführt ist, halten die anderen still. Das Ende eines Buches darf nicht verraten werden, auch von Gästen nicht.
  • Die Diskussion wird ins Netz verlängert, nach der Sendung öffnet sich die Runde für eine online-Diskussion, an der sich auch Zuschauer beteiligen können.
  • Die Moderation wechselt. Wer dran ist, hält sich raus aus der Debatte, stellt kein eigenes Buch vor und konzentriert sich auf eine gute Gesprächsführung.
  • Die Besetzung wird überdacht – aber das ist wohl Geschmacksache. Ich persönlich halte die Konstellation Biller/Westerman für unglücklich und befürchte in ihr weitere Anlässe für Fremdscham.

Ich hoffe, dass das ZDF sich den Mut nimmt, Veränderungen vorzunehmen. Damit diese Sendung nicht als weiterer Beweis zitiert wird, dass Literaturkritik im Fernsehen halt nicht funktioniere. Damit über Bücher gestritten wird, statt sie wahlweise anzubeten oder in die Tonne zu schmeißen, wie bei Denis Scheck. Damit wir alle mehr über Bücher reden (und weniger über die Menschen, die über sie diskutieren), auch wenn oder gerade weil wir sie sowieso nicht alle lesen können.

Traut sich das ZDF nicht ran, hier ein guter Tipp:

Oder eben Fernsehen Fernsehen sein lassen und sich im Netz umsehen. Da stößt man zum Beispiel auf ein schönes Projekt verschiedener Literaturbloggerinnen und -blogger: „Let’s talk about books“. Im initiierenden Beitrag, den ich nur empfehlen kann, fragt Tobias Lindemann: „Können wir bitte endlich wieder über Literatur reden?“ und verwehrt sich gegen die vielen Meta-Diskussionen.

Tobias Lindemann fügt seinem Beitrag das hinzu, was ich hier bewusst ausgelassen habe: einen Link zu einer legendären Sendung des ursprünglichen Literarischen Quartetts. Ich bin überzeugt davon, dass es noch viele andere Formen gibt, über Bücher zu diskutieren als diese eine, die vor allem wegen ihrer Besetzung vor Jahren so erfolgreich war. Vielleicht ist aber das Fernsehen doch nicht mehr der richtige Ort – oder man hat noch nicht die richtigen Menschen dafür gefunden. So lange das nicht klar ist, könnten wir uns ja auch weiter im Netz umsehen, es gibt sicher noch weitere Fundstellen. Ich bin dankbar für Hinweise.