Gegen die „Digitale Paranoia“ – oder wie wir mit dem Internet leben wollen

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17.1., aktueller Terminhinweis: Am Dienstag, den 7.2., 18.30 Uhr, moderiere ich eine Lesung mit Gespräch mit Jan Kalbitzer in den Hamburger Bücherhallen in der Zentralbibliothek. Es wird sicher auch um die Experimente im Buch gehen, von denen ich inzwischen erste getestet habe. Die Veranstaltung ist für alle offen.


„Kein Arzt, kein Wissenschaftler kann derzeit eine seriöse Aussage darüber treffen, wie das Leben mit den digitalen Medien uns beeinflusst“.

Mit dieser Aussage zitieren Kerstin Kullmann und Hilmar Schmundt den Psychiater Jan Kalbitzer im SPIEGEL-Interview (Print- Ausgabe 38/2016). Die Studien seien zu undifferenziert, sagt der Wissenschaftler, und man müsse zuerst fragen, was die Menschen im Internet machten, bevor man bewerte, dass sie zu viel Zeit darin verbrächten. Psychiater, so seine Einschätzung, hätten in der „großen, gesellschaftlichen Debatte, wie wir gemeinsam leben möchten (…) kein Anrecht auf Expertenstatus.“

Es waren diese Sätze, die mich neugierig auf das Buch gemacht haben, weil sie sich auf angenehm differenzierte Art von dem abheben, was in letzter Zeit so oft zu hören ist, wenn Mediziner, Psychologen oder Psychiater uns vor den negativen Auswirkungen des Internets warnen. Die sich daraus entwickelnde Haltung in unserer Gesellschaft ist das, was Kalbitzer als „digitale Paranoia“ bezeichnet: das übermäßige Misstrauen gegenüber dem Internet.

Es ist überfällig, dass sich endlich einmal ein Psychiater zu der vermeintlichen Internetsucht äußert, die in letzter Zeit populistisch durch die Medien getragen wird. So war zum Beispiel im letzten Jahr in bundesweit von einer Studie zu lesen, in der ein Hamburger Wissenschaftler Alarm schlug: „Fünf Prozent aller Kinder sind internetsüchtig“, behauptet er. Die Zahlen basierten auf einer repräsentativen Befragung von 1000 Eltern!

Kalbitzer geht hart ins Gericht mit diesen Experten, die umso vehementer vor dem Internet warnen, je weniger sie davon wissen. Anders als viele seiner Kolleg*innen sieht er, dass Angstmache zu keiner Lösung führt. Stattdessen plädiert er dafür, unser Verhalten im Netz zu beobachten, zu verstehen, als Folge davon vielleicht auch zu ändern. Als Psychiater gehört Kalbitzer mit seiner Sicht auf das Netz zu den Ausnahmen seiner Zunft, keineswegs aber zu den Netz-Euphorikern. Er verschweigt nicht, dass auch er Anlass zur Sorge sieht, weil die grundsätzlich positiven Potenziale des Netzes eben „Nebenwirkungen“ zeigten – unter anderem den Verlust der Privatsphäre und der Kontrolle über unsere Daten. Mit seinem Buch möchte er verhindern, dass aus diesen Nebenwirkungen irrationale Ängste entstehen.

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Mit einem psychiatrischen Blick auf die Welt des Digitalen will ich unserer digitalen Paranoia, unserem irrationalen Verhältnis zur Technik Internet, die Möglichkeit eines reflektierten Umgangs gegenüberstellen. (S.17)

Zwölf Experimente schlägt Kalbitzer vor, die uns genau zu diesem reflektierten Umgang führen sollen. Hier fand ich das Buch schwach: Sie haben mich nicht wirklich überzeugt. Vielleicht gehöre ich nicht zur Zielgruppe. Ich halte allerdings auch einige Hoffnungen, die Kalbitzer mit diesen Versuchsanleitungen verbindet, für unrealistisch. So ist ein eigenes Netzwerk über ein Open-Source-Angebot aufzubauen keine wirkliche Alternative zu Facebook, wenn Menschen dort einen wichtigen Raum für Information und Austausch gefunden haben, den sie vielleicht auch beruflich nutzen. In einem anderen Experiment will Kalbitzer Verschwörungstheoretiker durch Befreiung aus ihrer Filterblase und ein offenes, zugewandtes Gespräch „in die aufgeklärte demokratische Gesellschaft“ integrieren. Verschwörungstheoretiker sind aber nicht erst als Opfer der Filterblase auf ihre absurden Ideen gekommen – sie haben hier nur gute Möglichkeiten gefunden, sie zu verbreiten.

Die Experimente überzeugen mich auch deshalb nicht, weil in den Anleitungen immer wieder ein Dualismus von Realität und virtueller Welt zu Grunde gelegt wird. Der Kulturwissenschaftler Philippe Wampfler hat in einem Blogbeitrag einmal sehr gut auf den Punkt gebracht, warum das nicht weiter führt: „Wir können ‚das Reale’ nicht länger als Gegensatz zu „Online“ denken, zitiert er. Beides bedinge sich gegenseitig. Kalbitzer jedoch bestärkt diesen Gegensatz: Die Umgangsformen, an die wir uns im realen Leben hielten, seien über Jahrtausende kultiviert. Im Netz dagegen seien diese Umgangsformen nur rudimentär existent, und man müsse „Rituale und Übereinkünfte wieder etwas mehr der Realität außerhalb des Internets annähern“. Das ist aus der Sicht und Lebenswelt eines kultivierten Menschen gedacht. Es gibt aber natürlich auch Rituale und Übereinkünfte im realen Leben, zu beobachten etwa bei Volksfesten und manchmal auch bei Fußballspielen, von denen man sich nur wünschen kann, dass man ihnen im Netz nicht auch noch begegnen muss. Und vieles, was uns im Internet irritiert, ist eigentlich nur ein Abbild dessen, was auch im realen Leben passiert – hier aber sichtbar wird.

Abgesehen davon beschreibt Kalbitzer sehr gut die Umbruchsituation, in der wir uns bewegen: Viele Fragen sind noch nicht geklärt, wenn es darum geht, wie wir mit dem Internet leben wollen.

In der Tat sind wir von den Veränderungen, die die Digitalisierung in den letzten 20 Jahren ausgelöst hat, quasi überrollt worden. Um einen Umgang damit zu finden, müssen wir uns im Netz selbst beobachten und anderen zusehen, wir müssen experimentieren. Wir müssen vor allem auch eine Diskussion über Grundwerte führen und uns gemeinsam fragen, wie wir diese in einer Gesellschaft gewährleisten wollen, in der das Netz neue Bedingungen für die Kommunikation und unser Zusammenleben geschaffen hat.

Kalbitzer beschreibt, wie das Internet Grenzen auflöst, die uns in der Vergangenheit eine Stütze und Orientierung gegeben haben. Diese neue Grenzenlosigkeit bietet einerseits die Möglichkeit, auf alles von überall jederzeit Zugriff zu haben. Andererseits fordert genau das ein hohes Maß an Selbstregulation, die nicht jeder aus eigener Kraft aufbringen kann oder – wie Kinder – dabei zumindest intensive Begleitung braucht. Kalbitzers Hinweise an Eltern sind gut und greifen das auf, was die besseren pädagogischen Ratgeber empfehlen: Die Kinder begleiten, mitmachen, sich informieren, was sie fasziniert.

Es gibt aber auch Situationen, in denen Einzelne die notwendigen Grenzen nicht mehr alleine setzen können – hier sind wir als Gemeinschaft gefragt, auch darauf verweist Kalbitzer in einer grundsätzlich optimistischen Haltung. Der Schutz vor Hatespeech etwa ist eine Herausforderung, mit der Betroffene ab einem gewissen Punkt überfordert sind. Sehr eindrucksvoll hat das kürzlich Anne Matuschek in einem Gastbeitrag für die Süddeutsche beschrieben. Sie hatte sich nach heftigen Anfeindungen und Bedrohungen von der Plattform Twitter zurückgezogen. Um Einzelne zu schützen, sind auch die Betreiber von Plattformen dafür verantwortlich, die Grenzen zu setzen und dafür zu sorgen, dass sich Menschen frei und ohne Angst in den Netzwerken bewegen können.

Ob das Buch wirklich helfen kann, eine vermeintliche digitale Paranoia zu überwinden, vermag ich nicht zu sagen. Viele Fragen, die wohl auch in der Forschung noch eine Rolle spielen werden, bleiben offen, und sicher müssen die Diskussionen darüber, wie wir im und mit dem Netz leben wollen, fortgesetzt und in weiteren Dimensionen geführt werden. Kalbitzer, der am Institut für Internet und seelische Gesundheit in Berlin an der Charité forscht, lädt dazu explizit ein: Er beschreibt sein Buch als „Essenz der spannenden Anfangszeit dieses Projekts“, das er im Netzwerk mit ganz unterschiedlichen Menschen betreibt – vor allem aber auch als Einladung an seine Leser*innen, sich an der Diskussion zu beteiligen.

„Digitale Paranoia – Online bleiben, ohne den Verstand zu verlieren“ von Jan Kalbitzer, C. H. Beck, München, 208 Seiten, 16,95 Euro. Auf der Verlagsseite gibt es eine Leseprobe.

Weitere Rezensionen:

  • Spiegel Online, 19.9.2016: „Digitale Paranoia“ von Jan Kalbitzer: Warum uns das Internet Angst einjagt. Von Angela Gruber
  • FAS, 9.9.2016: Digitaler Stress. Wir finden kaum inneren Abstand. Von Karen Krüger

Eine gute Zusammenfassung der Gedanken aus dem Buch auch im Interview mit Jan Kalbitzer bei WDR 5 aus der Reihe „Neugier genügt – Freifläche“ (29.6.2016)

Wohin führt die „Kultur der Digitalität“?

Felix Stalder, Professor für digitale Kultur an der Zürcher Hochschule der Künste und Forscher am World-Information Institut in Wien, hat ein Buch darüber geschrieben, wie die Ausweitung immer komplexer werdender Technologien in alle Lebensbereiche unser gesamtes Handeln als Gesellschaft wie auch die Konstruktion unserer Selbst als Subjekte erfasst und verändert. Ich fand es sehr bereichernd, „Kultur der Digitalität“ zu lesen (und habe etwas mehr dafür gebraucht als „kaum einen Tag“).

In Diskussionen über die Bedeutung des digitalen Wandels für unser Zusammenleben war und ist immer wieder zu erleben, wie sich Kulturpessimisten und -optimisten unversöhnlich gegenüber stehen. Beide Haltungen sind hilflos, denn weder lassen sich die Entwicklungen aufhalten, noch gibt es aktuell Anlass für Euphorie.

Felix Stalder zeigt in seinem Anfang Mai erschienenen Buch „Kultur der Digitalität“, warum alle Diskussionen, die sich auf diese beiden Pole zurückführen lassen, ins Leere laufen. Das ist sehr lesenswert, weil Stalder weit ausholt und historisch sowie an aktuellen Entwicklungen nachvollziehbar belegt, wie unsere Kultur durch ein „Neben-, Mit- und Gegeneinander von Prozessen der Auflösung und Konstitution“ geprägt ist. Stalders Begriff von Kultur umfasst dabei weitaus mehr als „symbolisches Beiwerk“, mehr als Bücher, Kunstwerke oder Theaterstücke. Kultur ist für ihn, einfach gesagt, alles, was unsere Handlungen bestimmt und unsere Gesellschaft formt, uns letztlich als Subjekte konstituiert.

Die theoretische Herleitung ermöglicht ein gutes Verständnis dieser Prozesse, verlangt den Leser*innen aber auch einiges ab. Ich habe mir beim Lesen mehr anschauliche Bilder gewünscht wie das, mit dem Stalder sein Buch beginnt – sie könnten die anspruchsvollen Verweise und Analysen noch verständlicher machen und vor allem besser verankern.

Conchita Wurst

© CEphoto, Uwe Aranas

Stalder beschreibt im Einstieg zu seinem Buch den bewegenden Sieg der Conchita Wurst beim Eurovision Song Contest 2014 als Sinnbild eines tiefgreifenden Wandels unserer Kultur: Ehemals subversive Nischenphänomene wie etwa die Auflösung der Geschlechteridentität werden als Mainstream im traditionellen Medium Fernsehen als widerspruchsfreies Ganzes präsentiert. Beachtlich ist, dass dieses als Event von einem breiten Publikum nicht nur begeistert rezipiert wird, sondern die Zuschauer*innen das Ereignis in den sozialen Netzwerken in produktiver Form weiterverarbeiten, in Form von Tausenden von Tweets, Memen und Kommentaren.Stalder zeigt mit diesem Bild, wie das Digitale immer auch das Nicht-Digitale beeinflusst, verändert und erweitert hat. Gleichzeitig habe das Netz Entwicklungen verstärkt, aber keinesfalls hervorgebracht, die schon vor seiner Ausbreitung entstanden seien: die Ausweitung der Wissensökonomie, den Verfall der Heteronormativität und den Postkolonialismus. Diese Beobachtung finde ich bemerkenswert, denn sie unterstreicht, dass der digitale Wandel neben den immer wieder zitierten disruptiven, also auflösenden, auch Momente der Kontinuität und der Weiterentwicklung in sich trägt.

Drei Formen löst Stalder in der Vielschichtigkeit der Prozesse als konstante Größen für die Kultur der Digitalität heraus:

  • Referentialität
  • Gemeinschaftlichkeit
  • Algorithmen

Mit diesen drei Mechanismen als Grundlage befördert und stärkt die Kultur der Digitalität gleichzeitig postdemokratische, kapitalistische auf der einen und partizipative, gemeinschaftliche Entwicklungen auf der anderen Seite. Durch unser Handeln bestimmen wir mit, in welche Richtung sich unsere digitale Gesellschaft entwickelt, so Stalders zentrale These. Er zeichnet nach, wie beide Tendenzen parallel unsere aktuelle Kultur der Digitalität bestimmen. Dafür stellt er unter anderem der kapitalistisch geprägten Übermacht von Facebook, Google und Co. die beachtliche Entwicklung der Gemeinschaften gegenüber, die durch direkte soziale Koopperation funktionieren, als so genannte Commons –  bekannteste unter ihnen ist die Wikipedia, aber auch die Entwicklung freier Software basierte auf diesem Organisationsmodell.

Wie müsste unser Handeln aussehen, um das Ruder herumzureißen in dieser Kultur der Digitalität, also wegzukommen von der Vormacht kapitalistischer Unternehmen und postdemokratisch geprägter staatlicher Institutionen? Stalder vermeidet konkrete Handlungsempfehlungen, weist aber in die Richtung der gemeinschaftlichen, partizipativen Ansätze. Bei mir hat sich der Eindruck, dass wir gerade direkt in die andere Richtung laufen, durch sein Buch allerdings noch weiter gefestigt.

Veränderungen würden ein besseres Bewusstsein über die geschilderten Entwicklungen und Zusammenhänge in breiten Teilen der Gesellschaft voraussetzen. Die umfassende Ausbildung einer kritisch geprägten Medienkompetenz wäre dafür notwendig. Für beide Voraussetzungen fehlen aktuell wichtige Grundlagen: Ein Großteil der Schulen macht um das Thema einen großen Bogen, im Alltag kommt man mit einer gut ausgebildeten Anwendungskompetenz bestens zurecht. Die Technologien und Strukturen hinter den Anwendungen zu durchdringen, ist anstrengend, die Motivation nicht für alle sofort nachzuvollziehen. Die Unternehmen, die sie bereitstellen, haben kein Interesse daran, Aufklärung zu leisten, im Gegenteil verschleiern sie die Hintergründe – auch darauf verweist Stalder.

Am Ende bleibt die Frage: „Und was machen wir nun damit?“ Was können wir denn konkret unternehmen, wenn es doch an uns liegt, wie wir uns als Gesellschaft entwickeln? Stalders Buch hat mich erinnert an einen Aufsatz aus dem Sammelband „Das Netz – Jahresrück­blick Netzpolitik 2015/16“ (bei irights.media, herausgegeben von Philipp Otto). Darin entwerfen Petra Grimm, Tobias O. Kehre und Oliver Zöllner die Notwendigkeit einer „neuen Ethik der Algorithmen“ – für mich eine direkte Fortsetzung der Analyse Stalders. In ihren konkreten Forderungen nennen die Autor*innen nicht nur die Ausbildung einer Medienkompetenz, sondern unter anderem auch ein öffentlich-rechtliches soziales Netzwerk – leider ohne genauer aufzuschreiben, wie ein solches wohl aussehen könnte.

Diesen letzten Gedanken finde ich besonders interessant. Mit den Gebühren aus dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk verfügen wir im weiteren Sinne über das, was Stalder als „common pool ressources“ bezeichnet. Über den Umgang mit diesen Ressourcen müsste neu verhandelt werden. Wie  wäre das Modell der Öffentlich-Rechtlichen anzupassen, wenn man sich auf die Grundlagen der „Kultur der Digitalität“ beriefe? Man könnte zum Beispiel fragen, ob die aktuellen Möglichkeiten der (Nicht-)Partizipation eigentlich im Einklang stehen mit dem Modell der Finanzierung, ob sich der öffentlich-rechtliche-Rundfunk nicht ganz anders als bislang als Gemeinschaft begreifen könnte, sogar müsste: Eine Gemeinschaft von Menschen, die Ressourcen zur Information und Kommunikation bereitstellen, diese verwalten, damit Inhalte produzieren und diese rezipieren. Bislang haben die, die die Ressourcen bereitstellen, wenig bis keinen direkten Einfluss auf deren Verwaltung, Nutzung oder die Produktion von Inhalten. Und würde es dem öffentlich-rechtlichen Bildungsauftrag nicht viel mehr entsprechen, Strukturen für ein öffentlich-rechtliches soziales Netzwerk zu schaffen als die bestehenden Netzwerke durch die Fütterung mit öffentlich-rechtlich produzierten Inhalten zu stärken? (Ein aktuelles Interview in der Print-ZEIT vom 19. Mai mit dem Intendanten des Bayerischen Rundfunks, Ulrich Wilhelm, der mit einem Jahresgrundgehalt von 325.000 Euro deutlich mehr verdient als der bayerische Ministerpräsident, lässt ahnen, wo ein Umbau auf Widerstände stoßen würde). Das alles ist schon wieder ein neues Thema – falls es dazu schon konkretere Gedanken oder Modelle gibt, bin ich dankbar für Hinweise.

Ich kann mir vorstellen, dass Stalder mit seinem Buch viele weitere Diskussionen, im besten Fall Veränderungen anstößt, bin gespannt darauf und hoffe nicht nur deshalb, dass viele „Kultur der Digitalität“ lesen werden.

Eine Randbemerkung: Es ist ja immer vielsagend, wie sich Autor*innen bei denen bedanken, die die Entstehung eines Buches möglich gemacht haben. Die Danksagung von Stalder ist mir sehr sympathisch.

Felix Stalder, „Kultur der Digitalität“, edition suhrkamp 2679, 200 Seiten,
ISBN: 978-3-518-12679-0, erschienen erschienen: 09.05.2016

Weitere Rezensionen:

Stalder verweigere sich dem Hang prominenter Netzversteher wie Lanier und Morozov zur Dystopie, ohne gleichzeitig ein rosiges Bild zu zeichnen – sagt  in seiner Besprechung des Buches bei netzpolitik.org

Viele der in „Kultur der Digitalität“ beschriebenen Entwicklungen und Phänomene seien – isoliert betrachtet – nicht neu, schreibt David Pachali bei iRights.info, Felix Stalder aber  verknüpfe sie zu einem neuen Bild. 

Auch Philippe Wampfler kommt in seiner Rezension zu dem Ergebnis, dass sich die Lektüre lohne, u.a. weil Stalder „begriffliche Fallen auslotet und nach präzisen Bestimmungen dessen sucht, was er untersucht“.

Vom ratlosen und vom gleichgültigen Shruggie

Dirk von Gehlen hat heute auf der Direttissima-Konferenz eine Keynote zum so genannten Shruggie-Prinzip vorgestellt, das für ihn die (angemessene) digitale Lebenshaltung visualisiert. Der Shruggie ist ein Emoji, das eine Art Schulterzucken symbolisiert – die Handteller seitwärts im fast rechten Winkel nach oben gestreckt, dazu ein Lächeln: „Ich weiß es doch auch nicht“.

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Der Shruggie steht für eine produktive Ratlosigkeit, deren Eingeständnis uns davor schützt, alles sofort zu bewerten, eine Meinung zu haben.

  • fröhlich
  • ratlos
  • gelassen
  • digital

sind die Eckpfeiler dieses Lebensgefühls, wie Dirk es beschreibt. „Social Media Gelassenheit“ nennt er es in einem anderen Beitrag – und ich bin fest davon überzeugt, dass es einige der aktuellen Diskussionen bereichern würde, würde sich diese Gelassenheit  durchsetzen.

Ratlos oder gleichgültig?

Ich mag diesen ratlosen Shruggie auch, aber irgendetwas an ihm hat mich von Anfang an irritiert. Als ich heute die Folien des Vortrags gesehen habe, wurde mir klar, was das war. Schulterzucken steht eben nicht nur für Ratlosigkeit, sondern auch für Gleichgültigkeit. Beides liegt nahe beieinander: Das „Ich-weiß-es doch-auch-nicht“ lässt sich auch interpretieren als ein „Ist-mir-doch-egal“.

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Die Nuance ist bedeutend. In Gesprächen mit Menschen, die unserer digitalen Gegenwart und Zukunft eher kritisch, ängstlich bis ablehnend gegenüberstehen, ist der Unterschied zu spüren. Diskussionen über die Chancen des digitalen Wandels bewerten sie immer wieder als Gleichgültigkeit gegenüber denen, die davon erst einmal negativ betroffen scheinen: Künstler*innen, die merken, dass ihnen ihr Geschäftsmodell abhanden kommt, Menschen, die Sorge haben, ihren Job zu verlieren, weil ein Computer sie schon bald ersetzen wird, Eltern, die nicht mehr verstehen, in welchen digitalen Welten sich ihre Kinder bewegen. Wir haben ja noch nicht wirklich befriedigende Antworten auf die Fragen, die sie bewegen.

Man kann diesen Besorgten sagen, dass Ängste sie nicht weiter bringen, man kann aber auch fragen, was dahinter steckt. Es ist vielleicht die Befürchtung, dass im Prozess der digitalen Disruption auch Werte flöten gehen, für die viele in unserer Gesellschaft sich stark machen. Zum Beispiel: Solidarität. Die Verantwortung eines Arbeitgebers für seine Angestellten. Die Wertschätzung von Kunst und Kultur und der Menschen, die sie schaffen. Das Recht auf Privatsphäre.

Wie wir leben wollen

Ich glaube, dass wir  noch viel intensiver diskutieren könnten, „wie wir leben wollen“, welche Werte wir bewahren möchten, welche neuen Regeln es braucht, um sie in ein digitales Zeitalter zu transformieren. Dafür ist der Blick „in den Rückspiegel“ dann schon einmal sinnvoll, um weiter nach vorne fahren zu können.

In diesem Prozess identifiziere ich mich selbst allerdings auch wieder eher mit dem ratlosen Shruggie. Ich habe die Lösungen noch nicht vor Augen. Bin nicht nur fröhlich, aber insgesamt verhalten optimistisch. Ich glaube, dass wir mit der Zeit welche finden werden. Weil wir sie brauchen.

Und hier gibt es die Folien des Vortrags von Dirk von Gehlen, die Ausgang für diese Überlegungen waren. Hier ein kurzes Interview dazu.

Kuratieren im Journalismus: Nach dem Hype wird’s spannend

6.1.2016: Update: Frederik Fischer von piqd hat den folgenden Text dort kuratiert – in den Kommentaren ist eine kleine Diskussion zur Relevanzfrage, die ich hier aufgeworfen habe, entstanden – mit interessanten Gedanken.

Kuratieren wurde im vergangenen Jahr als einer der Trends des digitalen Journalismus gefeiert. Diskutiert wird das Sammeln, Ordnen und Empfehlen von Texten schon seit einigen Jahren. Der Hype wurde vermutlich durch einige Start-ups ausgelöst, die das Kuratieren von Texten zur Unternehmensidee gemacht und auf Plattformen gebracht haben. Einiges war von ihnen zu lesen: niuws und blendle, nachfolgend zu Ende des Jahres noch piqd. Gemeinsam ist allen die Idee, die Relevanz von Texten nicht durch Algorithmen bestimmen zu lassen, sondern Menschen die Auswahl zu übergeben. Als Expert*innen für bestimmte Themenbereiche heben diese aus dem Meer der Texte Schätze, die sie für so relevant halten, dass sie sie empfehlen möchten.

niuws und piqd habe ich mir im letzten Jahr genauer angesehen, auch blendle nutze ich. In der Süddeutschen Zeitung erschien zu Ende des Jahres ein Text von Kathrin Hollmer, der die neuen Angebote ganz gut beschreibt. Nach einigen Wochen Erfahrungen als Userin glaube ich, dass die Idee noch nicht ausgereizt ist. Nach dem großen Hype wird es nun spannend werden, was sich von den Ansätzen des kuratierten Journalismus durchsetzen kann – und wie. Noch werfen die neuen Angebote erst einmal viele interessante Fragen auf – diese zumindest stelle ich mir:

  1. Was eigentlich macht einen Text zu einem relevanten Text? Welche Kriterien führen dazu, dass jemand aus der Unmenge von Texten einen oder auch drei pro Tag / pro Woche auswählt, um sie einem Publikum zu empfehlen? Wer definiert die Kriterien?
  2. Was bedeutet Kuratieren im digitalen Journalismus bei niuws, piqd & Co. im Vergleich zum Kuratieren in der Kunst? Wird die eigentliche Idee übernommen oder nur der gut klingende Begriff?
  3. Wenn sich das Kuratieren mehr und mehr zu einer der journalistischen Grundtätigkeit entwickelt – welche Auswirkung hat das auf das Aufgabenprofil und Selbstverständnis einzelner Journalist*innen? Was bedeutet es für Medien insgesamt?

Diskutiert wird das Kuratieren als journalistische Tätigkeit schon seit einigen Jahren. Bereits 2011 hat Christoph Kappes eine schöne Definition geschrieben und auf Google+ zur Debatte vorgeschlagen – ich zitiere sie ganz :

“Zu kuratieren heißt nur vordergründig, eine kleine Link-Reise zu schreiben. Es ist im Grunde eine Haltung, fremde Texte nicht geringer zu schätzen als eigene, fremde Meinungen und fremde Kontrolle zu tolerieren und Aufmerksamkeit zu verschenken in der Erwartung, sie auch dadurch zu bekommen, dass man sich selbst ein wenig zurücknimmt. Das Wort heißt im Grunde, den Journalismus wieder an eine Wurzel zu führen: Wer publiziert, eröffnet dem Leser verlässlich einen Inhalte-Raum, in dem der Leser am Ende selbst die Grundkompetenz hat, Werke Dritter zu würdigen. Das hässliche Wort „Kuratieren“ hat viel mit dem hässlichen Wort „Empowerment“ zu tun und mit der Zurücknahme des Journalisten-Egos“.

Was macht einen Text zu einem relevanten Beitrag?

Interessant ist, dass für niuws und piqd aber durchaus eine wichtige Rolle spielt, wer da kuratiert. Bei niuws hat man laut Gründer Peter Hogenkamp schon mit dem Gedanken gespielt, Prominente zu Kurator*innen zu machen, und piqd beeindruckt mit vielen bekannten Journalist*innen und anderen Persönlichkeiten. Es macht den Reiz des Angebots aus, dass sie dabei sind.

Ihre Relevanz gewinnen die Texte also erst einmal dadurch, dass sie etwa bei piqd u.a. von Stefanie Lohaus, Theresa Enzensberger, Anke Domscheit-Berg, Dirk von Gehlen oder von Konstantin von Notz empfohlen werden. Die Macher*innen von piqd haben darüber hinaus klare Vorstellungen, welche Kriterien für die Auswahl eine Rolle spielen sollten. Noch sind die auf der Website allerdings nicht zu finden. Der Chefredakteur Frederik Fischer erklärt auf meine Anfrage das piqd-Konzept so:

„Die ganz allgemein formulierte Aufgabe für die piqer ist es, anspruchsvolle aber auch für Laien verständliche Texte zu empfehlen, einzuordnen und zu bewerten. Zusätzlich zur Vorgabe, nicht mehr als einen Link pro Tag zu posten, raten wir unseren piqern auch dazu, im Zweifel keine aktuellen Inhalte zu empfehlen, sondern in die Vergangenheit zu blicken. Was waren herausragende und auch heute noch relevante „Evergreens“? Auch Texte zu ganz grundlegenden Konzepte und Theorien sind gerne gesehen (z.B. Imagined Communities von Benedict Anderson in Medien und Gesellschaft) Nachrichtenwerte sind für uns nur dann relevant, wenn es nachvollziehbar bedeutsame Entwicklungen in einem Themenbereich gibt (z.B. die Klimakonferenz für Klima und Wandel oder Wiedereinführung der Vorratsdatenspeicherung in Netzpolitik).“

Mir gefällt, dass den piqern (so heißen hier die Kurator*innen) ausreichend Raum bleibt, ihre Auswahl für jeden einzelnen Text zu erklären – ein Schwachpunkt bei niuws, wo jeweils nur ein bis zwei Sätze reichen müssen, um die Relevanz zu begründen. Wenn diese sich auf eine reine Inhaltsangabe beschränken, fällt eine Einordnung ganz weg.

Bei allen Angeboten vermisse ich die grundsätzliche Dikussion um die Frage nach Relevanz von Texten. Sie könnte ein bestehendes Konzept transparent machen – Varianten sind ja denkbar:

  1. Kurator*innen arbeiten wie Trüffelschweine, spüren die guten Texte auf, die bislang noch unentdeckt sind und präsentieren sie hier als Fundstücke einem breiteren Publikum. Interessant für Menschen, die sowieso schon viel lesen und auf der Suche nach Inspirationen und neuen Quellen sind.
  2. Die Kurator*innen empfehlen nur die Texte, die die User*innen auf keinen Fall verpassen sollte, um auf dem Laufenden zu bleiben. Das ist die Idee, die  Peter Hogenkamp einmal formuliert hat, als er niuws als Service für Manager*innen vorstellte, die eine tägliche Übersicht über die wichtigsten Beiträge zu ihren Themen wünschen.
  3. Die Relevanz eines Textes ergibt sich erst aus seiner Rezeption – also etwa dadurch, dass er eine Diskussion auslöst, viel kommentiert wird, neue Texte als Repliken oder Weiterentwicklungen provoziert. Die Idee von piqd, sich vom Nachrichtenwert Aktualität nicht treiben zu lassen, passt ganz gut dazu – denn es lässt sich sich diese Qualität eines Textes erst nach einer Zeit einschätzen. Auch blendle berücksichtigt diesen Ansatz in gewisser Weise, wenn neben den persönlichen Vorschlägen der Kurator*innen auch die Zahl der Leser*innen eine Rolle spielt, um einen Text hervorzuheben.

Diese und sicher noch weitere Ansätze sind für verschiedene  Zielgruppen unterschiedlich interessant – vorstellbar sind sie alle, auch als Mischung. Vor dem Hintergrund einer erweiterten Idee des Kuratierens sehe ich selbst das größte Potenzial in der dritten Variante.

Kuratieren: Wenn mehr entsteht als die Summe der einzelnen Teile

Der Begriff „Kuratieren“ beschreibt in der Kunst die Konzpetion und Organisation einer Austellung. Ralf Schlüter beklagt in der Zeitschrift art, die eigentliche Idee dieser Tätigkeit gehe verloren, seit das Wort in der digitalen Welt so inflationär verwendet werde. Interessanter als seine Beschwerde finde ich, was für ihn das Kuratieren in einer idealen Vorstellung bedeutet:

„Heimliches oder offenes Vorbild der meisten Kuratoren ist der Schweizer Harald Szeemann (1933 bis 2005), der sich ironisch „Agentur für Geistige Gastarbeit“ nannte. Er prägte das Berufsbild, nach dem der Kurator eben nicht nur ein Ausstellungsmacher war, sondern eine Art Meta-Künstler: Verstreute Kunstwerke führte er zusammen und ging mit ihnen um wie ein Erzähler mit seinen Figuren. Im besten Fall war das ganze mehr als die Summe der einzelnen Teile.“

Ich möchte mir die journalistischen Kurator*innen gerne als Meta-Texter*innen vorstellen, die verstreute Texte zusammenführen, mit ihnen eine neue Geschichte erzählen, die dann noch größer ist als die Summe ihrer einzelnen Teile. Das Mehr, das die Journalist*innen einbringen können, ist ihre Kompetenz, die Texte einzuordnen, zu bewerten, die Stücke zusammenzustellen, die sich aufeinander beziehen oder ein gleiches Thema haben, eine gleiche Frage erörtern. Dabei muss es sich – wie in einer Ausstellung – nicht nur um aktuelle Texte handeln, aber diese könnten durch die Kombination mit älteren in einem neuen Kontext neue Zusammenhänge offenbaren. Noch spannender wird es, wenn die Leser*innen ihre Kommentare ergänzen oder selbst weitere Texte empfehlen. So entständen die von Christoph Kappes beschriebenen Inhalte-Räume, in denen User*innen sich bewegen und ihrerseits aus dem Angebot ihre eigene Geschichte entwickeln.

Die aktuelle Praxis des Kuratierens erscheint im Vergleich zu dieser Vision noch recht eindimensional. Es werden in der Regel einzelne Texte vorgestellt, statt verschiedene zu komponieren. Bei niuws beschränkt sich die Einbindung der Leser*innen auf Likes für einzelne Textvorschläge. Bei piqd wird die Kommentarfunktion immerhin als so wertvoll geschätzt, dass man User*innen dafür bezahlen lässt, um sie vor Trollen zu schützen. Aber wie bei so vielen Angeboten ist die Anzahl der Kommentare zumindest in den ersten Wochen seit dem Launch noch sehr überschaubar. In meiner Idealvorstellung bedeutet das Kuratieren auch, sich darum zu kümmern, dass die Texte in einer Community produktiv rezipiert werden. Dieser Community anzugehören, wäre Teil des Angebots.

Neue Ansprüche an Journalisten und Medien

Kuratierende Journalist*innen benötigen besondere Kompetenzen um die beschriebenen Räume zu gestalten. Vor allem brauchen sie einen guten Überblick über Texte – aktuelle wie alte, viel zitierte wie unentdeckte. Sie müssen Texte aufspüren, einordnen, bestehende Verbindungen erkennen und erklären können, neue herstellen. In diesen Tätigkeiten nehmen sie ihr Ego als produzierende Journalist*innen tatsächlich zurück – aber es entwickelt sich ein neues. Kuratierende Journalist*innen sind Netzwerker und als solche Persönlichkeiten – wenn auch anderer Art als wir sie aus dem klassischen Jorunalismus kennen.

Medien werden vielleicht in Zukunft nicht mehr vorrangig die Produkte einer festen Redaktion publizieren. Sie könnten sich zu Orten entwickeln, an denen besonders herausragende Netzwerker*innen ihre Texte kuratieren, die eine ausgewählte Community rezipiert, diskutiert, ergänzt. Bei einem erweiterten Begriff von Text sind auch Hörstücke und Filmbeiträge dabei eingeschlossen. Ein Medium zeichnet sich damit künftig weniger dadurch aus, welche „Edelfedern“ es für sich gewinnen kann. Es braucht viel mehr Persönlichkeiten, die ein gutes Gespür für Themen und Texte haben und auf ein breites Netzwerk setzen können, das sie selbst mit Quellen, Ideen und Anregungen speist. Um dieses aufzubauen und eine aktive Community zu managen, sind sie vor allem auch in ihren sozialen Kompetenzen gefragt. Mir fällt Frank Schirrmacher ein, der für das gute Themengespür, das Anzetteln von Debatten ein gutes Vorbild ist. Interessanterweise spricht auch Wolfgang Michal in seinem Text über das Kuratieren davon, dass die journalistische Tätigkeit mehr und mehr zu einer herausgebenden wird, während die produktive Tätigkeit der Redaktion in den Hintergrund tritt. Er sieht das kritisch.

Spannend wird sein, wie sich die Dienste wie niuws und piqd, sollten sie sich durchsetzen, zu den klassischen Medien verhalten. Für mich ist gut vorstellbar, dass sie irgendwann einmal in den Medien wieder aufgehen, wenn diese sich so weiterentwickeln, wie ich es beschrieben habe. Dazu passt, dass die Dienste in direkter Verbindung zu größeren Verlagen stehen: Investor bei piqd ist Konrad Schwingenstein, ein Enkel des Mitgründers des Süddeutschen Verlags, niuws wurde von Peter Hagenkamp gegründet, ehemaliger Leiter Digitale Medien bei der NZZ-Mediengruppe. Die Verbindungen bestehen.

Hier nun einige kuratierte Links zu Texten über das Kuratieren, die in den Kommentaren gerne ergänzt werden können.

Christoph Kappes hat mir in einem Tweet im Juni den Hinweis auf blende und niuws gegeben. Interessant ist, wie starke Gegenstimmen es in der schon 2011 von ihm angeregten Diskussion bei Google+ noch gibt. In meinem eigenen Text über die Krautreporter und warum ich mich von ihnen verabschiedet habe, glaube ich, dass wir weniger neue Magazine und mehr von Diensten wie niuws und blende brauchen.

Der schon erwähnte Journalist Wolfgang Michal hat im Februar 2015 einen grundlegenden Text über das Kuratieren verfasst und sieht darin vor allem einen Bedeutungsverlust der redaktionellen Tätigkeit und eine Entmachtung der Journalisten – einer der wenigen Autoren, die den Hype um das Kuratieren in dieser Interpretation eher kritisch beurteilen.

Peter Hogenkamp, der Gründer von niuws und Pionier des neuen Kuratierens, schreibt in der Netzwoche selbst über „Hype oder Zukunft der news“. Er macht in seinem Beitrag aus, was wirklich neu war in diesem Jahr 2015: Während die bisherigen Sammlungen in Newslettern statisch seien und die Mailboxen verstopften, sind die neuen Plattformen interaktiv, können direkt kommentiert und geteilt werden. Interessant ist seine Einschätzung dazu, wie sich die klassischen Medien zum Trend verhalten: Sie seien noch zu sehr in der alten Welt verhaftet um seine Bedeutung wirklich zu erfassen, so sein Fazit.

In einem Interview in der Schweizer Werbewoche zieht Peter Hogenkamp im Oktober Fazit nach einem Dreiviertel Jahr niuws und spricht dabei über die interessante Frage, welches Geschäftsmodell mit den neuen Angeboten verbunden sein könnte und wie es um das Verhältnis zur PR bestellt ist.

Philippe Wampfler, dessen Box „Kompetenzen fürs 21. Jahrhundert“ bei niuws neben der von Nick Lüthi „Medienwandel“ zu meinen Favoriten zählt, bloggte im Juni über den Workflow seiner Auswahl und seine Erfahrungen als Kurator – und gibt damit als einer der wenigen Einblick in die Frage nach der Relevanz von Texten: „Kriterien sind Aktualität, frische Perspektiven auf das Thema sowie eine gewisse Breite“.

Max Buddenbohm  kuratiert in seinem sowieso lesenswerten Blog „Herzdamengeschichten“ regelmäßig Links in der  Rubrik „Woanders“ und – als gesponserte Sonderedition – in „Woanders – der Wirtschaftsteil“. Ich habe keinen anderen Kurator gefunden, der seine Arbeit so schön detailliert beschreibt wie Buddenbohm in „Die Timeline als Milchvieh betrachtet“: Wie er seine Auswahl trifft und welcher Tools er sich dafür bedient. Empfehlenswert vor allem für diejenigen, die selbst Ambitionen entwickeln – oder einfach Sehnsucht nach einer gewissen Systematik in der Auswahl ihrer Lektüre verspüren.

Hendrik Geister hat sich Ende November letzten Jahres in seiner Kolumne Mediendschungel im Blog Basic-Thinking mit seinem Text „Piqd: Die Rosinenpicker im Netz“  vor allem piqd genauer angesehen – und ist recht angetan von Konzept, Design und Unaufgeregtheit der Plattform. Erweiterungsmöglichkeiten sieht er vor allem in den Funktionalitäten.

Kathrin Hollmer stellt in der Süddeutschen Ende Dezember niuws, piqd und blende vor und ruft vom Gegentrend aus: User*innen wollten vielleicht wieder selbst herausfinden, was ihnen gefällt.

Update: Weitere Texte zum Kuratieren

Daniela Späth hat sich piqd ebenfalls genauer angesehen – auch sie kann damit etwas anfangen und findet viel Lobenswertes. Danielas Beitrag ist auch deshalb einen Klick wert, weil sie und Michael in ihrem Blog „Bleiwüsten“ ebensolchen den Kampf angesagt haben und die piqd-Kritik gleich wieder ein gutes Beispiel dafür ist, wie man Texte leserfreundlicher macht. Ich folge dem Blog schon länger und habe spätestens jetzt einen guten Vorsatz für 2016…

In einem Interview in seinem Blog fragt Dirk von Gehlen Michaël Jarjour, den Redaktionsleiter von Blendle, ob sich die Menschen, die dort täglich Beiträge auswählen, als Journalisten begreifen. Für mich die interessanteste Aussage des Interviepartners: Am meisten lernen die Kurator*innen bei Blendle aus den Artikeln, die zurückgegeben werden (bei  dem Dienst werden Artikel bei Nichtgefallen tatsächlich rückerstattet:“supernett“)

Vom ungeliebten Publikum und neuen Aufgaben für Journalisten

Legopublikum

Bei einer Tagung Anfang November mit dem schönen Namen „Digitaler Journalismus: Disruptive Praxis eines neuen Paradigmas“ ging es erfreulicherweise viel um die Leserinnen und Leser, die Zuschauerinnen, User: das Publikum. Eingeladen hatte Prof. Volker Lilienthal vom Hamburger Institut für Journalistik und Kommunikationswissenschaft an der Uni Hamburg, zusammen mit Prof. Stephan Weichert von der Macromedia University und der Hamburg Media School. Durchaus kontrovers wurde die Rolle des Publikums am ersten Tag diskutiert – am zweiten konnte ich leider nicht mehr teilnehmen. Weiterbeschäftigt haben mich folgende Gedanken:

  1. Warum geht es bei Diskussionen um die Rolle des Publikums in letzter Zeit nach mindestens fünf Minuten fast ausschließlich um Hatespeech?
  2. Warum wird die Einbindung des Publikums in den Produktionsprozess so oft vom Status Quo und so selten von den Potenzialen her diskutiert?
  3. Welches journalistische Selbstverständnis steht eigentlich dahinter, wenn in der Branche Leserkommentare auch als „Schleppscheiße“ bezeichnet werden?

Kommentare – die Pest im digitalen Journalismus

Zum Ersten: Ohne Frage bedeutet es für Redaktionen eine große Herausforderung, mit der Fülle und dem immer wieder abgründigen Stil der Kommentare umzugehen – es reicht, mal reinzusehen, um sich das vor Augen zu führen. Es geht nicht nur um personelle Ressourcen, die investiert werden müssen, um das Schlimmste herauszunehmen und Menschen zu schützen, die in ihrer Würde verletzt werden. Es geht auch darum, welche Auswirkungen diese Art von Kommentaren auf die Rezeption der journalistischen Beiträge haben. Dazu berichtete der Kommunikationswissenschaftler Marco Dohle bei der Tagung aus seiner Forschung:

Die sichtbare Publikumsbeteiligung beeinflusse die Wahrnehmung der Leistungen des digitalen Journalismus – und zwar negativ, wenn die Kommentare negativ ausfallen.

Da wundert es nicht, dass der Wunsch in immer mehr Redaktionen wächst, sich vom lästigen Übel zu befreien, die Kommentarfunktionen ein für alle Male zu sperren. Es gab in den letzten Monaten immer wieder Meldungen von Medien, die darin einen Ausweg aus der Misere gesehen haben.

Umgekehrt, und das wurde in den Diskussionen viel weniger aufgegriffen, gilt aber genauso: Positive Kommentare beeinflussen die Rezeption positiv.

Lieblose Einbindung des Publikums

Beide Forschungsergebnisse beziehen sich auf die Standardvariante der Publikumsbeteiligung: Ich stelle meinen Beitrag ins Netz, öffne die Kommentarspalten und warte ab, was so kommt. Jede und jeder darf seinen Meinung dazu kundtun, so lange, wann und wie viel er möchte, unabhängig davon, ob sie oder er den Text überhaupt gelesen hat. Eigentlich ist das doch eine sehr lieb- und einfallslose Variante der Publikumsbeteiligung. Kein Wunder also, dass sich niemand so richtig gerne in den Kommentaren aufhält, am wenigsten die Journalisten selbst. Aber diese Lieblosigkeit ist auch Ausdruck einer Haltung, die in vielen Redaktionen bis heute offenbar gängig ist: Das Publikum nervt. Das, was es zu sagen hat, bedeutet vor allem eines: weiteren Aufwand. Die Wissenschaftlerin Wiebke Loosen sprach bezeichnenderweise von „Anschlusskommunikation“, schnell kommt die Frage auf, ob das alles nicht auf die Qualität gehe:

Experimente im Dialog mit den Leserinnen

Dabei könnte es sich lohnen, sich andere Formen der Einbindung des Publikums anzusehen. Leider nur kurz erwähnt hat Dirk von Gehlen, Leiter Social Media/Innovation Süddeutsche Zeitung, sein Projekt „Lesesalon“: 100 Leserinnen und Leser der Süddeutschen Zeitung haben in einem abgesteckten Zeitraum gemeinsam ein Buch gelesen, aus den Diskussionen darüber entstand eine gemeinsame Rezension, die wiederum in der Süddeutschen Zeitung erschienen ist. Hier mündet die produktive Rezeption tatsächlich in einem neuen Beitrag. Natürlich ist dieses Experiment vom Aufwand her ungleich höher, als der, den eine Journalistin oder ein Journalist in eine Buchbesprechung investiert. Aber es ist ja durchaus vorstellbar, dass sich aus solchen Experimenten auch standardisierte Formate entwickeln mit weniger Aufwand, aber eben auch ganz neuen Rollen von Journalisten und Publikum.

Die Empfänger senden mit, die Sender empfangen

Das, was da passiert, ist dann eben nicht mehr „Anschlusskommunikation“, denn hier ist das Publikum schon in den journalistischen Produktionsprozess einbezogen. Die klassische Rollenverteilung von Sender und Empfänger löst sich auf. Und eigentlich muss man dafür gar nicht mehr auf Experimente schauen – in Zügen ist das ja schon heute journalistische Praxis. Journalisten bedienen sich gerne der Tweets mit Meinungsäußerungen oder lustigen, klugen Kommentaren. Bei Live Events wie auch bei Katastrophen wird Filmmaterial, das Laien mit ihren Smartphones produziert haben, in die Berichte eingebunden. Es ist eben auch eine Folge der Digitalisierung, dass Journalisten heute kaum noch technischen Vorsprung haben gegenüber denen, für die sie produzieren. Ein Lokalsender in der Schweiz hat vor einiger Zeit komplett auf die Produktion mit dem Smartphone umgestellt – das Gerät, das ein Großteil der erwachsenen und jugendlichen Menschen heute regelmäßig bei sich trägt.

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Communities mit Voraussetzungen

Es lohnt sich aber, sich das Experiment Lesesalon noch mal genauer anzusehen, denn hier ist das Konzept gewesen, was sich viele Redaktionen aus Angst vor dem Vorwurf der Zensur (der ja irrigerweise auch kommt) oftmals nicht trauen: Die Verantwortlichen erlaubten sich einen Selektionsprozess, der die Beteiligung von Anfang an in eine gewünschte Richtung lenkte und der gewissen Anforderungen an die so entstandene Community richtete:

  • gleiches Interesse am Thema: Die Menschen einigen sich auf ein gemeinsames Buch
  • Aufwand: Wer mitmacht, hat zuvor das Buch gelesen
  • Beschränkung der Teilnehmer: die Zahl war auf 100 begrenzt
  • Beschränkung der Zeit: es gab einen festen Zeitrahmen für die Lektüre genau wie eine Frist, bis zu der man sich beworben konnte

Mit dem Lesesalon hat Dirk von Gehlen das in die Praxis umgesetzt, worauf er auch bei der Tagung hinwies: Räume zu öffnen für Produzenten und Rezipienten sei die eigentliche neue Aufgabe des Journalismus.

Ein anderer Podiumsteilnehmer, der SPIEGEL-Redakteur Cordt Schnibben, hat die klassischen Muster des Publikumsdialogs ebenfalls aufgebrochen, Leserinnen und Leser des Magazins zu einem Essen eingeladen und damit viel mehr Nähe zugelassen als es sonst üblich ist. Und auch beim Online-Magazin aus Hamburg „mittendrin“ denke man über neue Formate nach, kündigte die Mitgründerin Isabella David an. Es ist sicherlich kein Zufall, dass es gerade im hyperlokalen Journalismus viele Verfechterinnen der Publikumsbeteiligung und oftmals eine grundsätzlich positivere Haltung dazu gibt.

Die beteiligten Journalisten sind jünger und damit der klassischen Rolle von Journalisten vielleicht weniger verhaftet als Menschen mit zwanzig Jahren Berufspraxis (allerdings kein automatischer Zusammenhang). Sie haben oftmals viel weniger Ressourcen als öffentlich-rechtliche Sender oder große Verlage – und gerade deshalb sollte man sich um so genauer ansehen, wie sie arbeiten. Sie binden das Publikum auch deshalb ein, weil sie auf Hinweise und Mitarbeit angewiesen sind. Und weil Mitarbeit, Mitdenken und Feedback hier als erstrebenswert im Sinne eines aufgeklärten Publikums gesehen werden.

Verhandlung des journalistischen Selbstverständnisses

Vermutlich ist das, was über die Haltung zum Publikum gerade verhandelt wird, eigentlich ein Ringen um ein neues journalistisches Selbstverständnis. Natürlich stellt sich die Arbeit durch die im Zuge der Digitalisierung veränderten Produktionsbedingungen ganz anders dar. Davon ist viel zu hören. Aber der Wandel hat eben auch damit zu tun, dass die Leserin, der Leser von heute nicht mehr zu vergleichen mit den Autoren der Leserbriefe, über die sich Journalisten so gerne erhoben haben: Wer sich damit beschäftigt habe, habe früher als „Weichei“ gegolten, erinnert sich Cordt Schnibben in seinem Vortrag auf der Tagung. Das Publikum von heute ist aber nicht mehr darauf angewiesen, dass eine Redaktion sich mit seiner Meinung beschäftigt oder sie gar veröffentlicht. Es kommentiert, meint, schreibt und veröffentlicht ungefragt einfach selbst: in den sozialen Netzwerken, in eigenen Blogs oder in selbst produzierten Online-Magazinen. Der Dialog findet also längst statt und klugen Redaktionen gelingt es, davon zu profitieren.

„Die Leser sind schlauer als wir“ – sagte Cordt Schnibben. Das stimmt, denn das Publikum sind viele: Expertinnen, denkende, erfahrene Menschen. Man muss keine großer Anhängerin der Schwarmintellingenz sein, um sich vorstellen zu können, dass es viel bringt, sich einem Thema in der Diskussion mit Menschen zu nähern, die in der Lage sind, verschiedenes Hintergrundwissen, neue Perspektiven und vielleicht einfach auch gute Fragen einzubringen.

Und es ist unserer Zeit angemessen, in der Journalisten neben dem technischen Vorsprung auch ihren Wissensvorsprung an vielen Stellen nicht mehr halten können. Der Zugang zu Informationen ist nicht mehr exklusiv den Medien vorbehalten, wenn beispielsweise Politiker/innen ihre Ansichten oder aktuelle Beschlüsse als erstes auf Twitter heraushauen, wenn Entscheidungsprozesse der Behörden der Transparenzpflicht unterliegen und einem breiten Publikum zugänglich sind.

Unter diesen Voraussetzungen erscheint es mir sehr sinnvoll, Journalisten eher als moderierende Verteiler von Informationen zu sehen, die aber durchaus weiterhin eine wichtige Funktion haben: Sie wählen aus, sie bringen Menschen zusammen,  prüfen Informationen auf ihre Qualität, sie bringen sie in einen Kontext – sie kuratieren Informationen.

Wissensvermittlung im allgemeinen Wandel

Journalisten sind übrigens nicht die einzigen, die hier gerade vom Thron der Allwissenheit fallen. Fast die gleiche Diskussion kann man in der Bildung verfolgen, wo die Rolle der Lehrkraft in digitalen Lernumgebungen neu definiert wird und fortschrittliche Lehrerinnen und Lehrer sich längst als Moderatoren begreifen. In der Wissenschaft gibt es ähnliche Auseinandersetzungen wie im Journalismus, wenn über Sinn und Zweck von Wissenschaftskommunikation mit einem breiten Publikum debattiert wird. Auch hier gehen die Meinungen weit darüber auseinander, ob die breite Masse einzubeziehen ist, im Sinne einer Citizen Science sogar eine Bereicherung darstellt, oder aber vielleicht doch nur stört und Wissenschaftlerinnen von ihrer eigentlichen Arbeit abhält.

In allen Bereichen fällt es vermutlich auch deshalb schwer, sich mit veränderten Rollen abzufinden, weil in der Ausbildung noch viel zu wenig darauf eingegangen wird – sei es bei Journalisten, Lehrern oder Wissenschaftlern. Dabei könnte die Rolle der Moderation von Wissenden doch auch sehr reizvoll sein und mindestens genauso herausforderungsvoll.

Bei der Tagung selbst gab es übrigens eine glaubhafte Wertschätzung des Publikums, und die Fragerunden zu den Podien waren bereichernd – eine interessierte Community eben.

Und nicht zuletzt war es auch eine produktive Community: Neben einem Beitrag im NDR-Medienmagazin ZAPP hat sich auch Dirk Hansen in seinem Blog Gedanken gemacht, mit ganz anderen Ideen zum Publikum als meine – sehr lesenswert.

Und wer sich für das Thema interessiert, ist sicherlich auch am Forschungsprojekt des Hans-Bredow-Instituts zum Thema interessiert: Die Wiederentdeckung des Publikums.

Debatten gegen die Meinungsvielfalt und -freiheit

Auf Twitter hat es am Wochenende eine sehr unschöne Debatte gegeben. Ich versuche die ganze Diskussion zusammenfassen, genauer beschrieben und aus meiner Sicht sehr gut analysiert hat sie Annette Baumkreuz.

In Kürze war das so (auf Namen verzichte ich, sie spielen hier keine Rolle): Eine Social-Media-Redakteurin diffamiert die Entscheidung der Jury des Bachmann-Preises, eine bestimmte freie Journalistin nominiert zu haben. Diese hatte  für ihre journalistische Arbeit, einen feminismusfeindlichen Text in einer Tageszeitung, Zuspruch von einer rechtsextremen Frauengruppe bekommen. Nominiert worden war sie allerdings für einen ganz anderen Text, den sie bereits früher geschrieben hatte. Viele andere greifen die Kritik der Social-Media-Redakteurin auf, es entsteht eine erste Hetzwelle gegen die freie Journalistin, die in einer vermeintlichen „Morddrohung“ mündet. Dann wendet sich das Blatt: Die Social-Media-Redakteurin selbst wird Gegenstand gesammelter Hass- und Hetztweets, es gehen sogar Anfragen an ihren Arbeitgeber.

Das Ergebnis der Auseinandersetzung: Die Journalistin deaktiviert ihr Blog, die Social-Media-Redakteurin hat Tweets zum Thema gelöscht und schweigt. Nach der Diskussion ist beides verständlich.

Es geht mir nicht um die Frage, wer Schuld oder Recht hatte, sondern was aus einer Meinungsverschiedenheit entsteht, wenn die Meinung des anderen nicht respektiert wird und sie eine gewisse Dynamik entwickelt. Eine Dynamik, die auch daraus erwächst, weil andere sich die Diskussion aneignen. Aus meiner Sicht ist genau das hier geschehen. Und es ist, wie Annette Baumkreuz schreibt, sehr bedenklich, dass es keineswegs nur die Hetzer von der Straße waren, sondern eben auch ein Teil einer vermeintlichen Elite der Medien, die dazu beigetragen hat.

„Man fragt sich dann schon: Ist das die Diskussionskultur unter den „Eliten“, die uns als Vorbild dienen soll?“ (Annette Baumkreuz)

Die Art, wie hier diskutiert worden ist, führt zu Meinungsunterdrückung, zu Einschüchterung, zum Schweigen. Also genau das Gegenteil von dem, wozu unser doch so meinungsvielfaltsförderndes Netz gedacht und grundsätzlich auch angelegt ist. Ich finde es wichtig, sich die Mechanismen anzusehen, die hier wirksam waren – auch um sich selbst im eigenen Diskussionsverhalten kritisch hinterfragen zu können. Die, die die Debatte ausgelöst haben, sind übrigens nicht nur Objekte, sondern haben sich selbst dieser Mechanismen auch bedient.

1. Nicht beim Text bleiben
Der erste, auslösende Tweet argumentiert mit der Rezeption eines Textes gegen die Entscheidung der Jury für einen ganz anderen Text und diffamiert damit die Autorin dieser beiden Texte. Wer Texte zum Anlass seiner Kritik nimmt, sollte auch mit ihnen argumentieren – oder es eben lassen.

2. In Sippenhaft nehmen
Der gleiche Mechanismus, den die Social-Media-Redakteurin nutzt, um ihre Meinung gegen einen Text oder auch ihre Verfasserin kundzutun – nämlich die ungewollten Claqueure zum Beweis seiner politischen Richtung zu machen – schlägt gegen sie zurück: Als die vermeintliche „Morddrohung“ auftaucht, wird sie plötzlich dafür verantwortlich gemacht. So kann man jeden Gegner ins Aus bringen, der Zuspruch aus ungewolltem Lager bekommt. Wobei jede/r sich schon kritisch hinterfragen könnte, ob sie oder er in ihren Argumenten vielleicht auch Anlass dazu gegeben hat. Darauf hat die kluge Antje Schrupp hingewiesen, als es in einer Debatte um genau die Frage ging:

3. Einschüchterung
Bestimmte Sachverhalte haben in einer Debatte nichts zu suchen – wie hier zum Beispiel die Information über den Arbeitgeber der Social-Media-Redakteurin. Dass darauf in der Hetzkampagne gegen sie immer wieder abgehoben wird, ist ein klarer Versuch von Einschüchterung. In der Diskussion ist diese Information irrelevant, zumal sie ihre Meinung explizit als private erklärt. Ich sehe die Nennung ihres Arbeitgebers in der Twitter-Bio nicht als Legitimation dafür, ihn in die Debatte hineinzuziehen. Auch die vermeintliche „Morddrohung“ ist natürlich auf der anderen Seite eine besonders perfide Art, Menschen einzuschüchtern.

4. Draufhauen statt nachfragen
Viele Menschen möchten nicht diskutieren, sondern draufhauen. Gerade auf Twitter wäre es meiner Meinung nach richtig, immer erst nachzufragen, und zwar direkt: Wirklich? Warum äußerst du dich so oder so? Damit hat die oder der Zitierte noch einmal Gelegenheit, zu korrigieren, vielleicht auch Missverständnisse oder gar Fehler zu korrigieren, bevor ihre Aussage die große Runde macht. Bei 140 Zeichen sind Missverständnisse keine Seltenheit.

5. Diskutieren um des Mitmachens willen
Je größer eine Debatte sich in Social Media entwickelt, desto mehr Menschen fühlen sich aufgerufen, mitzumachen. Kein Name darf fehlen. Statt „me, too!“ wäre wohl häufiger angesagt, zu fragen, um wie viel weiter der eigene Beitrag die Debatte noch dreht und ob das nötig ist. Ich gebe zu, dass ich mit diesem Beitrag genau diese Frage auch auf mich beziehen muss, habe mich aber dafür entschieden.

Letztendlich führt alles zurück zu einer Grundhaltung, in der wir uns, die wir in Social Media diskutieren, auch stets hinterfragen müssen. Will ich wirklich Meinungen austauschen, bin ich interessiert daran, was andere denken, möchte ich die Argumente anderer kennen lernen, meine eigenen vielleicht hinterfragen oder meine Meinung auch revidieren? Oder will ich mich der eigenen vielleicht nur vergewissern, meine Position stärken, eine Bühne haben? Die Grenzen sind sicher sehr fließend, das, worum es geht, ist aber fundamental: es geht um die freie Meinungsäußerung.

Dass beide Frauen jetzt schweigen (müssen?), halte ich für den denkbar schlechtesten Ausgang, den diese Auseinandersetzung nehmen konnte. Ich würde mir sehr wünschen, dass sie noch Gelegenheit hätten, öffentlich zu zweit zu diskutieren, ohne die Einmischung von gewollten und ungewollten Unterstützerinnen. Ich denke, einigen der Claqueure beider Richtungen würde damit ein gutes Maß ihres Empörungswindes aus den Segeln genommen. (Der Meinung bin ich inzwischen nicht mehr, eine Verlängerung der Diskussion würde nichts bringen.)

Update 23.30 Uhr: Es stimmt nicht ganz, die Journalistin schweigt nicht – sie hat sich noch ausführlicher auf Facebook geäußert und distanziert sich deutlich von dem, was sich aus der Debatte zwischen ihr und der Social-Media-Redakteurin im Netz entwickelt hat. Und das immerhin ist gut so.

Das neue Spiel: Michael Seemann über den Kontrollverlust

das_neue_spielIm letzten Jahr habe ich nach meiner ersten bereichernden Crowdfunding-Erfahrung im Jahr zuvor ein weiteres Buchprojekt unterstützt. Der Kulturwissenschaftler, Netztheoretiker und Blogger Michael Seemann hatte angekündigt, über den Kontrollverlust zu schreiben, die Erfahrung also, dass immer mehr Daten über uns erfasst, vorgehalten und miteinander verknüpft werden, ohne dass wir das beeinflussen oder gar kontrollieren könnten. Das Crowdfunding verlief sehr erfolgreich. Irgendwann lag „Das neue Spiel“ bei mir in der Post, handsigniert und sehr schön gestaltet, für die Unterstützer mit einem zusätzlichen Schmuckumschlag.

Rezension Monate nach Erscheinen des Buches

Es hat etwas gedauert, bis ich die notwendige Ruhe gefunden hatte, das Buch am Stück zu lesen. Um den Text über das Buch bin ich dann auch noch etwas herumgeschlichen, weil ich noch keine klare Position zu „Das neue Spiel“ bzw. zum Thema Kontrollverlust habe. So kommt mein Beitrag erst jetzt, Monate nach Erscheinen des Buches im vergangen Herbst. Aber ich berufe mich gerne auf Gunnar Sohn, der für eine Entschleunigung im Umgang mit Büchern plädiert:

„Es ist wohltuend, dass es Rezensenten gibt, die sich nicht an der gigantisch kurzen Halbwertzeit bei der Besprechung von Büchern orientieren. Das Zeitfenster für die Erwähnung neuer Werke wird immer kleiner. Man behandelt Sachbücher und literarische Werke wie heiße Kartoffeln, die sofort serviert werden müssen.“  (aus: „Besprechung unseres Live Streaming-Opus in Praxis der Wirtschaftsinformatik“)

„Das neue Spiel“ ist keine heiße Kartoffel, man kann es auch Monate nach Erscheinen noch servieren, denn es ist weiterhin von hoher Aktualität. Es ist als Lektüre auch – vielleicht sogar gerade – für die geeignet, die die netztheoretischen Debatten der letzten Jahre nicht im Detail verfolgt haben.

Die drei Grundbedingungen des Kontrollverlusts

Seemann hat sein Buch in zwei große Bereiche gegliedert und beschreibt im ersten Teil gut strukturiert und detailliert drei Grundbedingungen, die den Kontrollverlust über unsere Daten bedingen.

  1. die durchgehende Digitalisierung unserer Lebenswelt durch eine wachsende Anzahl von Sensoren
  2. die immer günstigere Speicherung von Daten und die schnellere Kopierbarkeit
  3. die sich kontinuierlich verbessernden Möglichkeiten, aus den Daten Schlüsse zu ziehen durch ihre Verknüpfungen.

„Daten, von denen wir nicht wussten, dass es sie gibt, finden Wege, die nicht vorgesehen waren, und offenbaren Dinge, auf die wir nie gekommen wären.“

Das alles ist sehr einleuchtend, an mehreren Stellen wohl schon bekannt, aber doch erkenntnisfördernd, die Entwicklungen in ihren Zusammenhängen zu durchdringen. Der erste Teil lohnt die Lektüre. Ich kann nicht beurteilen, ob es Ähnliches schon gibt, dazu fehlt mir der komplette Überblick über die entsprechende Literatur. Die Zusammenhänge zwischen Datenerfassung, -speicherung und -verknüpfung und den draus resultierenden Verlust der Kontrolle über die Informationen beschreibt Seemann hier ausführlich, nachvollziehbar und mit vielen konkreten Beispielen. Interessant ist dabei, dass er auch die medien- und informationstheoretischen Grundlagen der Digitalisierung heranzieht, ihre historische Entwicklung nachzeichnet und damit ein wirkliches Verständnis ermöglicht.

Die Analyse läuft unweigerlich auf die Grundthese Seemanns hinaus: Die Digitalisierung hat unser Leben vom Kopf auf die Füße gestellt, Denkweisen und Regeln aus dem 20. Jahrhundert laufen ins Leere. Wir sind nicht mehr in der Lage, unsere Daten zu schützen, weil wir gar nicht mehr den Überblick darüber haben, an welchen Stellen sie erhoben werden und was damit geschieht. Und wir können uns nicht dagegen wehren, dass diese Daten erfasst werden.

Der Kontrollverlust ist irreversibel

Während der Lektüre wurde ich zunehmend neugierig auf den zweiten Teil, denn je überzeugender die Darstellung des Kontrollverlustes gelingt, desto interessanter, ja drängender erscheint die Frage, wie denn nun damit umzugehen ist.

Für Seemann gibt es kein Zurück mehr. Er verwehrt sich dennoch gegen die Zuschreibung des Technologiedeterminismus und spricht stattdessen von einem „sanften Druck in eine bestimmte Richtung“. Und er betont, dass er die Regeln, die er im zweiten Teil aufstellt, – anders als die Analyse im ersten Teil – nicht mit einem Anspruch auf Allgemeingültigkeit verbindet.

Neue Spielregeln – noch nicht zu Ende gedacht

Um es vorwegzunehmen: Für mich gibt dieser zweite Teil keine befriedigende Anleitung zum Umgang mit dem Kontrollverlust. Ich folge Seemann nicht in seinem Optimismus, dass es ein gutes Spiel wird, wenn wir die Realität nur anerkennen und uns von der Illusion verabschieden, wir könnten unsere Daten noch schützen. Für mich ist – wie für viele – die totale Transparenz,  die Seemann wie weitere Anhänger der so genannten Post-Privacy-Bewegung als Ausweg postulieren, eine abschreckende Vorstellung. Ich bin in eine andere Richtung hoffnungsvoll: Ich möchte mir vorstellen, dass sich aus einem breiteren Konsens heraus, dass es Daten gibt, die wir schützen müssen, Regeln zu einem verantwortlichen Umgang damit entwickeln. Dass Individuen, Unternehmen und Staaten sich zur Einhaltung dieser Regeln verpflichten und dabei keine Ausnahmen gelten. Es gibt aktuell wenig Anlass, darauf zu hoffen, aber Grund, dafür zu kämpfen. Das müsste bedeuten, dass man sich darauf einigt, bestimmte Daten nicht zu nutzen, auch wenn sie verfügbar sind. Ich denke auch, dass gerade mit der Einsicht in den Kontrollverlust  ein bewusster, sensibler und verantwortungsvoller Umgang mit Daten gefordert ist – und dass wir erst noch lernen müssten, wie das aussehen kann. Vielleicht bin ich mit dieser Vision tatsächlich noch dem 20. Jahrhundert verhaftet. Zwangsläufig kann ich Seemann deshalb im zweiten Teil nur noch bedingt folgen.

Sensible Bereiche erfordern sensiblere Regeln

Es liegt aber auch daran, dass  er seine Ansätze hier – anders als im ersten Teil – weniger fundiert begründet. So ausführlich und umfassend er die Sachverhalte im ersten Teil ausbreitet und so vielseitig er argumentiert, so oberflächlich empfinde ich seine Darstellung an einigen für mich zentralen Stellen im zweiten Teil. Etwa dann, wenn es um das Gesundheitssystem geht:

„In einem Gesundheitssystem, das solidarisch für alle funktioniert, wäre es weniger bedrohlich, wenn meine Gesundheitsdaten in fremde Hände fallen“ (S. 165).

Auch in einem solidarisch organisierten Gesundheitssystem gibt es wohl gleich mehrere Gründe, die wichtig machen, unsere Daten geschützt zu wissen. Ich möchte zum Beispiel selbst entscheiden, ob und wann ich meinem Umfeld von der Diagnose einer schwerwiegenden Krankheit oder auch einer Schwangerschaft berichte. Und wer garantiert selbst in einem solidarisch organisierten System, dass ein potenzieller Arbeitgeber mich nicht doch ablehnt, wenn er erfährt, dass ich unter einer Krankheit leide, von der er meint, sie könnte mich einschränken?

Ähnliche Gedanken kommen mir zum Thema Homosexualität. Seemann schreibt, der Kampf für Toleranz und gegen homophobe Strukturen stärke die Einzelnen, so dass es irgendwann nicht mehr nötig sein sollte, eine sexuelle Neigung zu verbergen. Selbst wenn es stimmt und sich die Gemeinschaft irgendwann in diese Richtung entwickeln könnte: Die Sexualität ist für mich ein hoch privater Bereich, den ich schützen möchte, nicht zuletzt, weil Geheimnisse und Verborgenes einen sie konstituierenden Wert ausmachen.

Parallel zu Seemanns Buch habe ich übrigens „The Circle“ als Hörbuch gehört – auch das erst nach dem großen Hype um das Buch. Es war eine interessante Parallel-„Lektüre“, im doppelten Sinn: Einer der Gründer von „The Circle“ argumentiert zum transparenten Umgang mit Homosexualität wie Seemann: Wenn alle offen damit umgingen, so würde man die Menschen irgendwann davon befreien können, sie zu verbergen. Bei „The Circle“ habe ich es als naive Vision gelesen, darauf angelegt, Widerspruch bei Leserinnen und Lesern hervorzurufen.

Ein Buch, das auf die Suche schickt

Auf der anderen Seite entdecke ich bei Seemann auch im zweiten Teil wieder überzeugende Ansätze und Argumentationen. So kann ich unter anderem dem gut dem folgen, was er zu Plattformen schreibt und finde seinen Ansatz, für ein Mitspracherechts der Nutzerinnen und Nutzer zu kämpfen statt sie zu verlassen und sich damit zu schaden, richtig.

Der zweite Teil hat mich im Ganzen nicht überzeugt, aber die Lektüre lässt mich meine eigenen Überzeugungen auch hinterfragen. Denn im Moment fehlt mir ein konkreter Gegenentwurf zu den neuen Seemanschen Regeln des Spiels. Dass sie gefragt sind, ist für mich außer Frage. Sind es die, die Seemann entwirft? Ist er in seinen Überlegungen nur konsequenter und weiter als ich? Ich habe dazu noch keine fertige Meinung, und deshalb hat „Das neue Spiel“ mich in gewisser Weise erst einmal auf die Suche geschickt. Es ist nicht ganz das, was ich nach den Ankündigungen erwartet hatte, aber nicht einmal das Schlechteste, was man von einem Buch sagen kann.

Crowdfunding – nur ein erster Ansatz

Pitchvideo von Michael Seemann für die Crowdfunding-Kampagne

„Das neue Spiel“ kann man, da es durch das Crowdfunding bereits finanziert worden ist, bei irights media kostenlos lesen. Und es gibt bereits einige Besprechungen zum Buch, in der Bewertung gemischt. Lesenswert ist unter anderem die von Thomas Brasch, der nicht nur die Bücher liest, die ich lese, sondern auch die schon gelesen hat, die ich noch lesen möchte.

Seemann beschreibt übrigens auch den Prozess der Entstehung seines Buches als ein Weg, mit dem Kontrollverlust umzugehen. Er kann es als Autor kostenfrei ins Netz stellen, weil er sein Geld bereits vorher gesammelt hat. Dabei unterschlägt er aber die Tatsache, dass ein gut funktionierendes Netzwerk ihn dabei unterstützt hat – ein Netzwerk, auf das wohl nur einzelne potenzielle Autorinnen und Autoren in ähnlicher Weise setzen könnten. Von daher ein guter Ansatz für das neue Spiel, aber noch keine wirkliche Lösung.