Vereinbarkeit im Journalismus

Im Juli hat ein Bericht des Branchendienstes kress bei vielen für Empörung gesorgt: Chefredakteur Bülend Ürük hatte gefragt, ob man eine Redaktion in Teilzeit führen könne. Auslöser seiner „Sorge“ war die Ankündigung der Chefredakteurin des Magazins Grazia, Claudia ten Hoevel, nach der Elternzeit ihren Posten wieder aufnehmen und dabei mehr Zeit mit ihrem Kind verbringen zu wollen. Ich fand den Subtext in dem kress-Text ebenfalls sehr abseitig und habe mich entsprechend auf Twitter geäußert:

Einige Tage später rief Bülend Ürük an und wollte tatsächlich gerne mehr wissen – er bat um einen Gastbeitrag zum Thema. Der erschien am 13. Juli und eröffnete eine Reihe von Meinungstexten verschiedener Autor*innen. Alle sind sich einig, dass sich etwas ändern muss. Verschiedene Aspekte der Debatte um Vereinbarkeit im Journalismus werden aufgegriffen. Hier noch einmal meinen Beitrag, der am 13. Juli erstmals bei kress erschienen ist, darunter Links zu den der anderen Autor*innen.

Ich finde, dass Bülend Ürük produktiv mit der Kritik an seinem Text umgegangen ist. Ob die Debatte irgendetwas bewirkt, möchte ich nicht fragen. Ich wundere mich auf jeden Fall schon länger darüber, dass gerade im Journalismus so viel von dem noch gar nicht geht, was in Spiegel, ZEIT und anderen Medien von Unternehmen vehement gefordert wird.


Wie man eine Redaktion auch in Teilzeit führen könnte

Vergangene Woche erschien auf kress.de ein Bericht über die Chefredakteurin des Lifestyle-Magazins „Grazia“ aus dem Hause Gruner und Jahr. Claudia ten Hoevel hatte nach Rückkehr aus ihrer Elternzeit angekündigt, ihre Position weiter zu behalten und auch ihr Kind noch sehen zu wollen. Wie kress.de heute Mittag meldet, ist ihr Arbeitgeber für solch ein Ansinnen abernoch nicht weit genug: Für die zwölf Monate, in denen ten Hoevel nicht in Vollzeit arbeiten will, darf sie nun als „Herausgeberin und Brand Ambassador“ für „Grazia“ „vermarktungsorientierte Termine“ wahrnehmen. Das klingt nach Abstellgleis. Die Leitung der Redaktion übernimmt der Gründungs-Chefredakteur von Grazia, Klaus Dahm – alleine.

Im Jahr 2016 scheint es also immer noch unvorstellbar, dass man eine Redaktion mit reduzierter Stundenzahl leiten kann. Auch Bülend Ürük, Chefredakteur von kress.de, hatte das hier angezweifelt: „Kann eine Kaufzeitschrift in Teilzeit geführt werden? Oder braucht eine Redaktion doch eine Führungskraft, die mit ganzer Kraft an Bord ist?“

Es gab zu Recht einige harsche Reaktionen darauf, in den Sozialen Netzwerken wie Twitter oder Facebook oder auch unter anderem von Lisa Seelig bei Edition_F. Dass niemand auf die Idee käme, die Führungsfähigkeit eines männlichen Chefredakteurs und jungen Vaters in Frage zu stellen, ist nur der eine Punkt. Dabei lassen doch auch die Väter vermehrt hören, sich mehr Zeit für die Familie nehmen zu wollen. Noch ärgerlicher ist die Unterstellung, eine Teilzeitführungskraft mit Kind sei nicht „mit ganzer Kraft“ an Bord. Sie offenbart überholte Rollenvorstellungen und wenig Vorstellungsvermögen in Bezug auf innovative Führungskonzepte. Es hat sich vielleicht noch nicht herumgesprochen, aber es gibt durchaus Familien, in denen der Mann der Frau „den Rücken frei hält“.

Aber Claudia ten Hoevel wollte ja offenbar mehr – sie möchte, so heißt es bei Bülend Ürük, „ihr Amt behalten, aber mehr Zeit mit ihrem Kind verbringen“. Und so abseitig die Mutmaßungen von Ürük auch herüberkommen – er bringt leider genau die Zweifel zum Ausdruck, die sicher viele Verantwortliche teilen und hinter vorgehaltener Hand auch äußern. Die aktuelle Entscheidung von Gruner und Jahr spricht Bände. Was die „Grazia“-Chefredakteurin da angekündigt hatte, wäre ja gemessen an der Realität in deutschen Medienhäusern tatsächlich eine kleine Revolution gewesen: Führung in Teilzeit. Und beobachtet man den Alltag in den Redaktionen, ist die Frage fast schon wieder berechtigt, ob das eigentlich gut gehen könnte.

Aus eigener Erfahrung: Ja, ich bin fest davon überzeugt, dass Führung in Teilzeit funktioniert und im Hinblick auf die Zukunftsfähigkeit von Verlagen wie Gruner und Jahr auch ein gefragtes Modell sein wird. Wichtig ist, dass die Rahmenbedingungen stimmen.

Dazu gebe ich gerne ein paar Tipps, die auch in anderen fortschrittlichen Unternehmen schon viel möglich gemacht haben:

1. Vereinbarkeit wollen ist nur der Anfang – sie muss im gesamten Unternehmen gelebt werden, und zwar von Männern und Frauen.

2. Job und Familie stellen unterschiedliche, oftmals widersprüchliche Anforderungen an Mütter und Väter, die sich zudem noch verändern. Diese immer wieder auszubalancieren ist machbar, wenn man darüber reden kann.

3. Führungskräfte sind Vorbilder – gerade sie sollten sich für neue Arbeitsmodelle öffnen. Top-Sharing, also die Besetzung einer leitenden Position mit zwei fitten Köpfen, ist eine Alternative zum herkömmlichen Modell.

4. Wer vorausschauend plant, muss nicht immer vor Ort sein, damit der Laden läuft. Wichtig ist, in entscheidenden Situationen für sein Team da zu sein und klare Vorgaben zu machen.

5. Als Führungskraft in Teilzeit muss man delegieren können und dürfen – sonst wird das Modell zum Etikettenschwindel. Schon bevor die Elternzeit beginnt, sollte geprüft werden, welche Aufgaben von Kolleginnen oder Kollegen übernommen werden können – mit genug Zeit für die Übergabe.

6. Lasst das gesamte Team von familienfreundlichen Arbeitszeiten profitieren, auch die Männer – viele Widerstände lösen sich dann in Luft auf. Meetings bis in den späten Abend nerven auch die, die keine Kinder haben.

7. Nutzt die Flexibilität digitaler Kommunikationsmedien – wenn die Mitarbeiter darauf eingespielt sind, lässt sich vieles regeln, ohne dass man face-to-face miteinander spricht.

Nicht zu vergessen ist, dass jede Führungskraft mit Kind noch ein weiteres Team hat, das sich auf die Herausforderungen einlassen muss, nämlich die Familie zuhause, allen voran der Partner oder die Partnerin. Zu diesem Thema empfehle ich das Buch von Stefanie Lohaus (zusammen mit Tobias Scholz), der Chefredakteurin von Missy Magazine: „Papa kann auch stillen„.


Weitere Beiträge bei kress zur Debatte

Ich verlinke, wenn sie dort erschienen sind, auf die Blogs der Autor*innen, weil dort auch jeweils weitere lesenswerte Texte zum Thema Vereinbarkeit zu finden sind.

Robert Franken beschäftigt sich als Berater, Coach, Autor und Speaker mit Themen rund um Digitalität, Diversion und Publishing. In seinem Blog finden sich viele interessante Beiträge zu diesen Themen. In puncto Vereinbarkeit im Journalismus fordert er einen Perspektivwechsel: Nicht die Eltern, sondern die Arbeitgeber sollten ihre Bedürfnisse zurückstellen, Jobs müssten elternkompatibel werden – und nicht umgekehrt. Recht hat er – und wie weit sind viele Arbeitgeber aber von dieser Sichtweise noch entfernt.

Die Journalistin Tina Groll ist Expertin zum Thema Vereinbarkeit und hat ein wirklich gutes Buch dazu geschrieben. „Diese Personalentscheidung zeigt wieder einmal, wie stark die Medienbranche von patriarchalen Strukturen und Denkweisen durchzogen ist“, schreibt sie bei kress. Für „geradezu verrückt“ hält sie es, dass Medienschaffende immer noch glaubten, eine Führungsposition im Journalismus sei nicht in Teilzeit umsetzbar. In ihrem Blog Die Chefin mehr von Tina Groll und ihrer Kollegin zum Thema.

Wie Tina Groll ist auch Wolfgang Lünenburger-Reidenbach, Chef einer PR-Agentur, davon überzeugt: Jeder Job ist in Teilzeit machbar. Er berichtet in seinem Blog von seinen persönlichen Erfahrungen und betont dabei auch, dass Führung in Teilzeit immer wieder zur Zerreißprobe werde: zwischen Anspruch, Wirklichkeit und den verschiedenen Verantwortungen, die man im Leben so trägt.

Susanne Garsoffky und Britta Sembach, ebenfalls zwei Journalistinnen, die ein Buch zum Thema veröffentlicht haben (ist eben kein Zufall, dass so viele Medienschaffende dazu Bücher herausgeben), möchten mit ihrem Text die Debatte darauf lenken, was Unternehmen – und auch Medienhäuser – gewinnen, wenn Mitarbeiter und Führungskräfte Eltern werden. Sie wehren sich wie andere Kritiker des Textes von Ürük gegen seine Behauptung, Teilzeitkräfte seien nicht mit „voller Kraft“ dabei. Das Gegenteil sei der Fall, Eltern arbeiteten oftmals effektiver, so ihre Meinung.

Die Medienjournalistin Anna von Garmissen geht in ihrem Beitrag davon aus, dass ten Hoevel „kein Einzelfall“ sei: Wenn Journalistinnen Mütter werden, müssten sie die Spitze frei machen. Sie vermutet, dass das nicht immer freiwillig geschehe. Die ehemalige Chefredakteurin der Fachzeitschrift „journalist“ stellt die für mich entscheidende Frage: „Wie wollen wir (als Journalist*innen) glaubwürdig gesellschaftliche Missstände kritisieren, wenn wir selbst in alten Rollenbildern steckenbleiben?“ Ihre These:  „Frauen werden nicht ausgebremst, weil sie Frauen sind. Sondern weil sie Mütter sind – oder werden könnten“.

Geht ja doch: Das Buch über Vereinbarkeit

Wieder hat eine Journalistin das Thema „Kinder und Karriere“ angepackt. Und das ist gut so.

cover.groll_Irgendwann im letzten Jahr ist mir die Lust am Diskutieren über Vereinbarkeit abhanden gekommen. Ausgelöst durch zwei Bücher ging es neben der grundsätzlichen Debatte vor allem um die Frage, ob Kinder und Karriere sich nicht grundsätzlich ausschließen. Nach einer Zeit hat es mich angestrengt, dass da viel Klage, viel persönliche Betroffenheit zu hören war, aber aufrichtige Bemühungen, Lösungen zu entwickeln, zu kurz kamen – wie ich fand. „Vorbilder finde ich doof“ sagte Andrea Nahles bezeichnenderweise in einer Runde, in der es um das Buch zweier Väter ging. Sie wollte sich lieber darüber amüsieren, wie sehr sie sich persönlich in den Klagen der beiden ZEIT-Journalisten Marc Brost und Heinrich Wefing wiedererkannt hatte.

Neuer Anlauf für das Dauerbrenner-Thema

Nun hat Tina Groll, die ebenfalls bei der ZEIT für das Online-Ressort Karriere zuständig ist, das Dauerbrenner-Thema erneut aufgegriffen und ein Fragezeichen hinter die These über die Vereinbarkeitslüge gesetzt. „Kinder + Karriere = Konflikt? Denkanstöße für eine deutsche Debatte“ heißt ihr neues Buch. Mit diesem Titel und als Frau wird sie es ungleich schwerer haben als ihre beiden männlichen Kollegen, in der breiten Öffentlichkeit Gehör zu finden – was sehr schade ist und auch ärgerlich.

„Warum noch ein Vereinbarkeitsbuch?“ heißt ihr erstes Kapitel – genau die Frage hat mich neugierig gemacht. Tina Groll geht von einer Prämisse aus, die ich uneingeschränkt teile: Frauen und Männern muss es möglich sein, beides zu leben: Kind und Beruf. Wenn das nicht geht, dann hat nicht der Plan einen Fehler, sondern die Gesellschaft, die ihn unmöglich macht.
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„Ich  schreibe dieses Buch, weil ich mich nicht damit abfinden möchte, dass Erfolg im Beruf und Familienglück gleichzeitig nicht möglich sind.“ (Tina Groll)

 

Zahlen und Fakten zeigen den Fehler im System

Die Autorin hat gefühlt noch mehr Studien und Zahlen recherchiert als ihre Kollegen (sie zitiert das Buch von Britta Sembach und Susanne Garsoffky: „Die Alles-ist-möglich-Lüge“), um zu zeigen, wo diese Fehler im System wirken: Wir sind weit entfernt von einer Geschlechtergerechtigkeit. Frauen verdienen weniger als ihre männlichen Kollegen, arbeiten als Mütter häufiger in Teilzeit und kommen aus der Nummer schlecht wieder heraus, wenn die Kinder größer sind. Männer, die wollen, haben es bis heute schwer, sich für ihre Kinder zu engagieren und im Beruf zurückzutreten. Viele Unternehmen machen es Eltern unmöglich, Kinder und Karriere zu vereinbaren.

Aber es tut sich was: Immer mehr Arbeitgeber entwickeln familienfreundliche Angebote, die Politik hat neben nach dem Elterngeld nun das Elterngeld plus durchgesetzt, immer mehr Männer wollen ihre Frauen mit Kindern und Haushalt nicht mehr alleine lassen. Das alles untermauern die Zahlen im Buch, das man gut als aktuelles Nachschlagewerk zum Thema empfehlen könnte, wenn dieses ganze Material etwas übersichtlicher als im Fließtext präsentiert würde.

Geht nämlich doch

Viel interessanter und wofür ich das Buch wirklich sehr mag, ist der entschiedene Wille von Tina Groll, etwas zu verändern. Sie belässt es nicht dabei, Missstände zu benennen, sondern zitiert Beispiele aus anderen Ländern, in denen einige Dinge besser klappen. Und sie macht vor allem in den sehr aufschlussreichen Interviews mit Eltern und Experten deutlich, was passieren muss, damit Väter und Mütter zugleich als erfüllte Eltern und beruflich erfolgreich leben können. Das geht nämlich unter bestimmten Umständen doch, wie die konkreten und persönlichen Berichte der Frauen und auch Männer zeigen. Das lesenswerte Interview mit der Burnout-Expertin Karola Kleinschmidt ist auch bei zeit-online erschienen.

Alleine wegen der Gespräche lohnt sich das Buch. Neben Carola Kleinschmidt, die berichtet, warum beim zweiten Kind in puncto Vereinbarkeit wirklich alles besser lief, schildert zum Beispiel die Rechtsanwältin Nina Diercks, wie sie es gemeinsam mit ihrem Mann schafft, Kindern und Beruf in ihrem gemeinsamen Leben einen gleichwertigen Platz einzuräumen. Stark beeindruckt hat mich die Geschichte der Journalistin Mareice Kaiser, deren erstes Kind seit der Geburt mehrfach behindert war und die auch dann wieder gearbeitet hat, als noch ein zweites Kind kam – entgegen aller Widerstände.

In den Interviews wird deutlich, unter welchen Umständen es Frauen und Männern heute gelingt, Familie und Beruf nach eigenen Vorstellungen zu vereinbaren. Sehr individuelle Faktoren spielen da eine Rolle, ein wichtiger davon ist der finanzielle Hintergrund der Paare. Tina Groll betont, dass die Debatte über Vereinbarkeit eher eine Mittelschichtsdebatte sei und umfassender geführt werden müsste – was ihr allerdings selbst auf 255 Seiten auch noch nicht wirklich gelingt.

Sich engagieren statt zu lamentieren

„Doch die Klage darüber löst das Problem nicht. Es scheint, als warte jeder darauf, dass eine höhere Instanz daherkommt und Arbeit oder Aufgaben an einer Stelle wegnimmt.“ (Tina Groll)

Tina Groll hat eine Vision – und auch recht konkrete Vorstellungen, wie die zu verwirklichen ist. Sie schlägt vor, sich wieder auf die Idee der Gewerkschaften zurückzubesinnen, eine Arbeitnehmervertretung zu gründen oder zu unterstützen, die sich für familienfreundliche Angebote einsetzt. Sie erinnert an die erfolgreichen Kampagnen der Vergangenheit, zum Beispiel die für die 5-Tage Woche: „Samstags gehört Vati mir“. Sie appelliert an den Gemeinschaftssinn, weil das Thema Vereinbarkeit nicht nur ein Thema für Eltern sei , sondern eines, für das sich die Gesellschaft stark machen sollte – im eigenen Interesse auch diejenigen, die keine Kinder haben. Und sie bleibt bei all ihren Ideen und Forderungen angenehm sachlich und macht immer wieder klar, wie ihr persönlicher Standpunkt aussieht.

Mich hat sie mit ihrem Buch durchaus etwas angepiekst. Vielleicht haben auch oder sogar gerade die Eltern, die Beruf und Karriere gut vereinbaren können, Mit-Verantwortung, dafür zu sorgen, dass ihre Erfahrung kein Ausnahmefall bleibt.

Schön auch, dass Tina Groll am Ende die wortreiche Debatte auf drei Gesetzesmäßigkeiten konzentriert, die sie Männern und Frauen an die Hand gibt und die man bei weiteren Diskussionen sowie auch bei der persönlichen Lebensplanung immer im Hinterkopf behalten sollte. Sie treffen das Thema Vereinbarkeit besser als viele lange Abhandlungen:

  1. „Der Interessensgegensatz von zeitlicher Beanspruchung als Arbeitnehmer und zeitlicher Beanspruchung als Eltern bleibt unlösbar.“
  2. „Wie bei jedem Interessensgegensatz muss die Balance immer wieder neu ausverhandelt werden.“
  3. „Der zentrale, selbst zu beeinflussende Schlüssel für eine Lösung ist die persönliche Partnerwahl. Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist nur im Team, in einer gleichberechtigten Partnerschaft zu schaffen.“

Tina Groll: Kinder und Karriere = Konflikt? Denkanstöße für eine deutsche Debatte. Stark Verlagsgesellschaft 2016.

Im Blog der Autorin „die Chefin“ kann man das Gespräch mit der Rechtsanwältin Nina Diercks über ihre Erfahrungen mit einer „gleichberechtigten Doppel-Karriere-Partnerschaft“ nachlesen – der Praxisteil zur zweiten und dritten, oben genannten Gesetzesmäßigkeit.

Ein weiteres Interview aus dem Buch, das Gespräch mit Ralf Wetters, Personalverantwortlicher in einer mittelständischen Unternehmensgruppe, findet sich im WiWo-Blog von Claudia Tödtmann.

Auch im Blog Karrierebibel wird das Buch mit einem Auszug – dem Interview mit Coach und Aktivist Volker Bausch – vorgestellt.

 

Gedanken zu Hausaufgaben

Hausaufgaben_BuchEnde letzten Jahres hat der Bildungsjournalist Armin Himmelrath sein Buch „Hausaufgaben – Nein danke!“ veröffentlicht. Es hat eine in Medien und Fachkreisen recht intensive Debatte über die Berechtigung von Hausaufgaben ausgelöst, die  Himmelrath in seiner regelmäßigen Rückschau „Bildungswoche“ am vergangenen Freitag zusammengefasst hat. Ich habe gerade beruflich mit dem Thema zu tun und auch bei der Wahl der weiterführenden Schule für unseren Sohn kam es auf den Tisch, als sich eine der Einrichtungen mit dem Konzept „ohne Hausaufgaben“ präsentierte.

Über welche Form von Hausaufgaben reden wir?

Grundsätzlich gehöre ich  zu denen, die Hausaufgaben in der real existierenden Form kritisch sehen und eher abschaffen wollen. Aber ich finde, man könnte es noch differenzierter diskutieren: Über welche Schulform sprechen wir, geht es um die reine Vormittags- oder Ganztagsschule? Und wie sehen eigentlich die Hausaufgaben aus, über die hier gestritten wird?

In der Ganztagsschule verbringen Kinder in der Regel bis zu acht Stunden am Tag. In Hamburg sieht so der Alltag eines stetig wachsenden Teils aller Schüler*innen aus – der Ausbau der Ganztagsschule ist das erklärte Ziel der Stadt gewesen und bereits nahezu flächendeckend umgesetzt. Immer mehr Schüler*innen erledigen ihre „Hausaufgaben“ also in der Schule. Ob das sinnig ist, wirklich klappt und Erfolg hat, hängt stark von den Rahmenbedingungen ab: Gibt es genug Ruhe, haben sie eine/n Ansprechpartner/in, wenn sie nicht weiterkommen? Sind die Aufgaben so konzipiert, dass sie in dieser Zeit auch zu schaffen sind? Viele Ganztagsschulen bieten diese Rahmenbedingungen offensichtlich nicht – wenn die Kinder dann nachmittags nach Hause kommen und das erledigen müssen, was sie in der Schule nicht geschafft haben, bleibt zu wenig Zeit für das, was sie genauso brauchen: Abhängen, Zeit für Verabredungen, Hobbys und Spaß.

Alternativen zu den klassischen Hausaufgaben

Eine der Schulen, die wir uns für unseren Sohn angesehen haben, arbeitet mit einem Konzept, das mich in der Theorie erst mal überzeugt hat: Die Schüler*innen lernen in der ersten Stunde des Tages eigenverantwortlich. Sie haben einen individuellen Lernplan, der mit den Lehrkräften abgestimmt wird. In Absprache mit den Lehrer*innen wird entschieden, ob die Aufgaben alleine im „Silentium“ oder im“Tandem“ mit einem/einer anderen Schüler/in erledigt werden, oder ob noch Unterstützung ansteht, das so genannte „Coaching“. Aufgaben werden also individuell gestellt und umgesetzt. Vokabeln lernen müssen die Jungen und Mädchen dieser Schule auch zuhause, ebenso wie sie sich auf Klassenarbeiten vorbereiten. Mehr aber nicht. Es ist nicht die einzige Schule, die die „Hausaufgaben“ in dieser Form gestaltet. Mit dem, was man in der klassischen Vorstellung damit verbindet, haben sie allerdings nicht mehr viel zu tun.

Individualisiertes Lernen kommt zu kurz

Ein wichtiger Aspekt, den diese Schule berücksichtigt, ist neben dem eigenverantwortlichen Lernen das individuelle Tempo. Das klassische Konzept der Hausaufgaben ignoriert dieses: Alle erhalten die gleichen Aufgaben, die, die den Lernstoff in der Schule schon kapiert haben, müssen nachmittags noch mal ran. Und wer schon in der Schule damit überfordert war, muss hoffen, dass zuhause jemanden da ist, der oder die hilft. Chancenungleichheiten werden damit verstärkt, das wird in der Debatte immer wieder hervorgehoben – und es ist ein sehr wichtiges Argument, nicht erst, seit immer mehr Kinder in den Schulen lernen, die mit ihren Eltern nach Deutschland geflüchtet sind. Während der Unterricht mehr und mehr differenziert gestaltet wird und unterschiedliche Lernvoraussetzungen sowie Lernstände der Schüler*innen berücksichtigt, ist das Konzept der klassischen Hausaufgaben darauf nicht ausgerichtet.

Work-Life-Balance auch für Schüler*innen

Hausaufgaben in die Schule zu verlagern hat für mich einen weiteren großen Vorteil: Schule und Freizeit lassen sich klarer trennen, genau das also, was wir Erwachsenen uns wünschen, wenn wir die „Work-Life-Balance“ fordern. Gerade weil die in der Realität immer schwieriger umzusetzen ist, halte ich es für besonders wichtig, dass Kinder sie von Anfang an lernen – und schätzen. Und da muss man sich nur die vielen guten Ratschläge durchlesen, die man den Arbeitnehmer*innen gibt: Keine Arbeit mit nach Hause nehmen, E-Mails ausschalten, Schreibtisch raus aus dem Schlafzimmer. Schüler*innen können das nicht, wenn Eltern abends nach den Hausaufgaben fragen, sie überprüfen wollen oder wenn es Streit gibt, weil sie noch nicht fertig sind.

Informelles Lernen zuhause braucht Zeit

In der Diskussion um das Buch von Armin Himmelrath wurde auch behauptet, Eltern seien zu faul oder zu unfähig, ihre Kinder zu begleiten, oder sie hätten keine Zeit dazu. Ich erlebe viele Eltern, die durchaus mit ihren Kindern lernen möchten. Aber nicht abends nach der Arbeit, am Schreibtisch abgekämpfter Kinder, über Aufgaben, die ihnen die Schule vorschreibt. Sondern lieber beiläufig, in Gesprächen beim Essen: Über das, was im Radio zu hören ist, was in der Zeitung steht, was auf dem Schulhof passiert ist. All das kommt zu kurz, wenn Kinder nach der Schule noch ein Paket unerledigter Aufgaben mit nach Hause bringen, die sie ohne Unterstützung der Eltern nicht bewältigen können. Und wenn diese Aufgaben das Thema beim Abendessen sind. Für das so genannte informelle Lernen bleibt dann zuhause keine Zeit mehr.

Schule kann nicht die Erziehung der Eltern reparieren – und umgekehrt

Wenn die Schule sich zu Recht dagegen wehrt, dass immer mehr dessen, was eigentlich zur Erziehung durch die Eltern gehört, in den Unterricht verlagert werden soll, so ist das richtig. Es muss den Eltern dann aber auch die Zeit bleiben: um gemeinsam mit ihren Kindern zu kochen, zu backen, ein Fahrrad zu reparieren, zu erklären, warum sie sich über die Steuererklärung ärgern und wie man im Internet nach Informationen sucht. All das kommt in vielen Schulen zu kurz und es ist gut und elementar wichtig, wenn Zeit bleibt, sich darüber zu Hause auszutauschen.

Diskussion über Hausaufgaben zielt auf Ganztagsschulen

Man kommt bei der Diskussion über Hausaufgaben nicht darum herum, über den Sinn und die Ausgestaltung der Ganztagsschulen zu diskutieren, sowie die Ressourcen, die sie erfordern. Sie sind meiner Ansicht nach das zeitgemäße Modell von Schule. Wenn es im Rahmen dieser Ganztagsschule aber nicht gelingt, eigenständiges Lernen im Tagesablauf unterzubringen und den Lernstoff in der Zeit zu bearbeiten, in der die Kinder in der Schule sind, so muss am Konzept gearbeitet werden. Das Manko darf nicht über die Freizeit der Kinder ausglichen werden.

Wer sich mit dem Thema intensiver beschäftigen möchte, kann das Buch lesen, die Diskussion zwischen Armin Himmelrath und Christian Füller verfolgen, oder die auf Twitter beim #EDchatDE am Dienstag, 9.2. ab 20 Uhr.

Auch zu empfehlen: sich den Online-Elternabend der Online-Lernplattform scoyo ansehen (Achtung, Werbung: scoyo ist ein Kunde in unserer Agentur): Am Montag, 22. Februar, ab 2o Uhr live oder danach jederzeit die Aufzeichnung, die unter dem Link oben abrufbar sein wird. Einer der Teilnehmer am Abend ist Armin Himmelrath – diskutiert werden soll vor allem darüber, wie Eltern und die Kinder selbst die Hausaufgaben sehen.

Einige Beiträge aus der Debatte: 

Meine Schule ohne Hausaufgaben: Rosa, 11 Jahre, aus Hamburg, berichtet aus dem Schulalltag in einer Stadtteilschule

Wir müssen weg von der Hausaufgaben-Schule – von Nina Giaramita, ein Beitrag mit Diskussion auf dem WDR, mit verschiedenen Experten zum Thema, die sich unter anderem zur Rolle der Eltern (interessant) äußern: „Wenn eine Schule nun entscheidet, Hausaufgaben abzuschaffen, dann bricht bei vielen ein Weltbild zusammen.“

„Hausaufgaben machen die Klugen klüger – und die Dummen dümmer“ – Heike Schmoll berichtet in der FAZ über aktuelle Studien zum Thema Hausaufgaben, die unter anderem zeigen, dass die Unterstützung durch die Eltern mehr schadet als hilft

„Hausaufgaben abschaffen? Gefährlicher Unsinn.“ – Christian Füller mit einer Replik auf die Thesen von Armin Himmelrath in Cicero – ich habe einiges davon allerdings eher als Bestätigung gelesen.

„Hausaufgaben neu erfinden“. ebenfalls Christian Füller, der hier in seinem Blog fragt, wie zeitgemäß der Begriff „Hausaufgaben“ in der Schule 2.0. noch sei (eine Schule, von der wir in der breiten Fläche natürlich in der Praxis noch weit entfernt sind).

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Vorbilder für Vereinbarkeit

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Bei der lange Nacht der ZEIT wurde im Körber-Forum am vergangenen Donnerstag wieder einmal über das Thema „Vereinbarkeit“ diskutiert. Es ging um das Buch der beiden ZEIT-Journalisten Marc Brost und Heinricht Wefing „Geht alles gar nicht“. Darüber habe ich hier schon ausführlich geschrieben. Was mich aufhorchen ließ in der Diskussion, war gegen Ende das Thema Vorbilder. Andrea Nahles äußerte sich dazu, eine der „ersten Spitzenpolitikerinnen, die während sie Generalsekretärin war ein Kind bekommen hat“. Sie stellt fest, dass es für Frauen wie sie noch keine Vorbilder gebe. Andererseits will sie sich auch gar nicht an anderen orientieren, weil sie das „affig“ findet:

„Vorbilder sind immer was Schräges – lieber selber machen“.

Das finde ich schwach – und glaube genau das Gegenteil. Wir sollten uns gut umgucken, nach Männern und Frauen, die Lösungen entwickelt haben und von sich behaupten können, dass Kinder und ein erfüllter Job sich in ihrem Leben nicht ausschließen. Im Sinne einer best practice könnte man von ihren Erfahrungen profitieren und sie auch zitieren, wenn andere nicht daran glauben wollen. Das setzt auch voraus, dass man sich die Umstände genauer ansieht, unter denen in bestimmten Konstellationen manchen Paaren der Alltag mit Kindern und Job besser gelingt. Ich bin mir sicher, dass sich dabei gemeinsame Strategien ableiten lassen, die auch in politische Forderungen münden könnten. So zum Beispiel die Idee des Teilens, der gelebten Gleichberechtigung, die Möglichkeiten des flexiblen Arbeitens, eine gewisse finanzielle Unabhängigkeit, nicht zuletzt auch Gelassenheit – um nur einige Beispiele zu nennen, die mir in Schilderungen von Paaren immer wieder auffallen, die sich mir selbst als Vorbilder präsentieren.

Wir brauchen in unserer aktuellen Umbruchsituation zuallererst Vorbilder, die uns zeigen, wie es gehen könnte. Die kreative Ideen entwickeln, wie es denn aussehen könnte, wenn Männer und Frauen sich die Aufgaben in der Familie teilen und zugleich im Beruf erfüllend arbeiten können. Die konkrete Forderungen stellen. Und solche Vorbilder sollte es auch und gerade unter Politikerinnen und Politikern geben. Ich warte noch auf den Tag, an dem eine Ministerin oder ein Minister zumindest einmal den Antrag stellt, das Amt mit jemandem zu teilen. Job-Sharing auf höchster Ebene vorgelebt – sollte das nicht Nachahmer finden?

In diesem Zusammenhang bin ich gespannt auf den nächsten Digitalen Elternabend von scoyo zum Thema Vereinbarkeit in der kommenden Woche am 19. Mai ab 21 Uhr. (Disclaimer: in unserer Agentur Mann beißt Hund betreue ich im Team mit Kolleginnen diesen Elternabend für unseren Kunden scoyo). Als Experten sind zwei Frauen und zwei Männer eingeladen, die sich Gedanken darüber gemacht haben, wie es gehen könnte mit der Vereinbarkeit, und zwar aus ganz verschiedenen Lebenssituationen heraus. Sie werden dazu aus ihrem eigenen Leben berichten, aber auch Forderungen an Wirtschaft und Politik nicht auslassen. Ich bin gespannt auf die Diskussion. Alle, die möchten, können live oder nachher zugucken und sich mit Fragen via Twitter, Facebook oder Mail auch beteiligen.

Teilnehmer/innen am Digitalen Elternabend zu Vereinbarkeit:

  • Susanne Garsoffky, eine der Autorinnen von „Die Alles-ist-möglich-Lüge“
  • Patricia Cammarata, Bloggerin (dasnuf.de), Diplom-Psychologin und IT-Projektleiterin
  • Wolfgang Lünenbürger-Reidenbach, Managing Director bei Cohn & Wolfe Public Relations, Blogger (Haltungsturnen)
  • Mathias Voelchert, Gründer und Leiter von familylab.de
  • Daniel Bialecki, Geschäftsführer von scoyo (Moderation)

„Geht alles gar nicht!“ Zwei müde Väter zur Vereinbarkeit

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Foto: Rowohlt

„Wir sind permanent müde, haben Ringe unter den Augen und schlafen schlecht“ (Marc Brost, Heinrich Wefing)

Es ist ein gutes halbes Jahr vergangen, seit die beiden Journalistinnen Britta Sembach und Susanne Garsoffky die „Alles-ist-möglich-Lüge“ entlarvt haben und mit ihrem erfolgreichen Buch analysierten, wo es ihrer Meinung nach hakt bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Jetzt legen zwei Männer nach, die als Väter ebenso desillusioniert zu dem Fazit kommen: „Geht alles gar nicht“. Marc Brost und Heinrich Wefing sind ebenfalls Journalisten, beide bei der ZEIT. Anders als die beiden Autorinnen haben sie ihren Job jedoch trotz des erlebten Scheiterns offensichtlich weder gekündigt, noch haben sie ihre Arbeitszeit reduziert. Geht das in ihrem Job gar nicht? Brost ist Leiter des Hauptstadtbüros, Wefing arbeitet in der Redaktion Politik.

Geschichten von Vätern

Beide hatten bereits Anfang letzten Jahres in der ZEIT über ihre eigene Zerrissenheit berichtet, von der Unmöglichkeit, ihre Rollen als aktive Väter, aufmerksame Partner und engagierte Arbeitnehmer auf einen Nenner zu bringen. „Geht alles gar nicht“ ist aber mehr als nur die Langversion ihres viel zitierten journalistischen Beitrags. Brost und Wefing haben sich umgehört, ausgehend von ihren eigenen desillusionierenden Erfahrungen mit anderen Vätern gesprochen. Grundsätzlich ein guter Ansatz, der die beiden von dem Verdacht befreit, hier hätten zwei Akademiker ihre persönliche Befindlichkeit zum gesellschaftlichen Missstand erhoben. Sie präsentieren allerdings keine einzige Familie, die in den Augen der beiden Autoren als Vorbild dienen dürfte. Aber so soll es eben sein: Geht ja auch alles gar nicht.

Gesellschaftliche Rahmenbedingungen für die Unvereinbarkeit

Ausgehend von diesen persönlichen, vielseitigen Geschichten skizzieren Brost und Wefing die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, die dazu führen, dass Frauen wie Männer sich heute permanent überlastet fühlen, sobald sie versuchen, Beruf und Familienleben zu vereinbaren. Viele Studien zitieren sie dafür und holen weit aus, um zu zeigen, was das Dasein für Familienväter und beruflich erfolgreiche Menschen aus ihrer Sicht so anstrengend macht: Sie leiden im Alltag einer durch Globalisierung und Digitalisierung beschleunigten Gesellschaft. Sie sehen sich verschiedenen und neuen Rollenerwartungen konfrontiert, für die die Vorbilder fehlen. Sie fühlen sich bedrängt, weil die Arbeit immer mehr in unser Privatleben drängt. Und sie kämpfen mit dem Perfektionismus der modernen Väter. Ihren eigenen Handlungsspielraum erleben die Autoren unter diesen Voraussetzungen offensichtlich als nicht existent: Handy am Wochenende ausschalten? Geht ja gar nicht. Im Hamsterrad blickt man immer nur auf die nächste Stufe:

„Und ob es dringend ist, entscheidet nur einer: dein Chef. Deswegen ist es auch eine Illusion zu glauben, du könntest das Smartphone übers Wochenende einfach mal ausschalten. Denn was würde geschehen? Du hättest zwar zwei Tage Ruhe. Deine Kollegen aber würden weitermailen, sie würden sich gegenseitig mit Ideen bombardieren, und dein Chef würde ständig neue Projekte anregen.“ 

Die Folgen seien fatal: permanente Überforderung in Job und Familie, erschöpftes Schweigen in der Partnerschaft und immer mehr Paare, die genau deshalb keine Kinder mehr wollten.

„Vereinbarkeitslügner“

Wer unter diesen Voraussetzungen noch die Vereinbarkeit propagiere, lüge, so die Autoren: die Arbeitgeber, die Politik und auch einige Frauen. Besonders mit der Familienpolitik gehen sie dabei zu Recht hart ins Gericht, wie auch schon Britta Sembach und Susanne Garsoffky in ihrem Buch. Gut und wichtig, dass auch sie hier die Schwachpunkte und Absurditäten – allen voran das Ehegattensplitting – klar benennen. Kann man gar nicht oft genug sagen und schreiben, so empörend ist das. Wer aber in diesem Kapitel noch fehlt, ist eine bestimmte Kategorie von Männern. Solche, die sich denken, „wird schon irgendwie gehen“ – wenn sie ihren Nachwuchs planen. Männer, die sich das theoretisch alles gut vorstellen können: toller Job, erfolgreiche Partnerin und dann auch noch Kinder, die man beim Aufwachsen begleiten möchte. Männer, die nichts in ihrem Leben ändern wollen und erst wach werden, wenn sie dann wirklich Väter sind, um erschöpft festzustellen: „Geht alles gar nicht“. Man hat den leisen Verdacht, ein wenig so könnte es auch bei den Autoren selbst gelaufen sein. Und vielleicht ist es einfach eine irrige Vorstellung von Vereinbarkeit, an der Brost und Wefing sich abarbeiten, aber zu diesem spannenden Punkt kommen die zwei dann leider nicht mehr. Sie stecken ihre Grenzen klar ab:

„Wenn wir ehrlich sind, ganz ehrlich, wollen wir keine Abstriche machen.“ 

Ein zentraler, aufrichtiger und der wohl wichtigste Satz im Buch. Man muss ihn sich vor Augen halten, um das schräge bis ärgerliche Kapitel „statt einer Lösung“ am Ende zu verstehen, in dem die Autoren versuchen zu erklären, warum ihre scharfe Analyse für ihren Alltag keine weiteren Konsequenzen haben wird. Denn die Ursachen für das, was ihnen das Leben schwer macht, liegen für Brost und Wefing außerhalb dessen, was sie beeinflussen könnten.

„Die Kräfte, die da draußen am Werk sind, übersteigen die Macht des Einzelnen“.

Aber wo, wenn nicht zuerst bei sich selbst, könnte man wohl ansetzen, um etwa der als Fessel empfundenen Beschleunigung zu entkommen? Und kann man es wirklich einfach so hinnehmen, dass dieses eine Leben mit Kindern, das ja nun unwiederbringlich ist, zur „Hölle“ wird? Kaum zu glauben, dass da nicht einmal die Frage aufkommt, was man selbst ändern müsste, damit „die Arbeit ins Leben passt und nicht umgekehrt“ (Marcus Flatten, Weihnachtskarte 2014 von „Mann beißt Hund“).

Warten auf den gesellschaftlichen Wandel

Brost und Wefing haben sich für das Hoffen und Warten auf morgen entschieden. Darauf, dass sich in einigen Jahren ein gesellschaftlicher Wandel vollzogen haben wird. Ihren eigenen Anteil sehen sie darin, die Geschichten ihres eigenen Leidens zu erzählen. Später wollen sie einmal ihren Enkeln davon berichten – für sie offensichtlich eine versöhnliche Vorstellung und Motivation genug, dieses Buch geschrieben zu haben. Dafür haben sie „auf einen Spaziergang im Morgennebel und das Lesen eines Romans“ verzichtet, sind morgens „noch ein paar Stunden früher aufgestanden“. Spätestens hier wird klar: Es ist nicht der Ansatz der beiden, gesellschaftliche Entwicklungen, deren Notwendigkeit sie klar erkennen, durch ihr eigenes Handeln voranzutreiben. Revolution von unten ist nicht ihre Sache. Sie wollen ihren Job nicht schmeißen, sagen sie. Das ist nachvollziehbar. Dass man jedoch auch im eigenen System Veränderungen einfordern und vorleben könnte, nicht zuletzt aus Solidarität mit den Frauen sogar müsste, scheint nicht einmal einen Satz oder eine Überlegung wert. Und genau das ist ärgerlich. Denn die müden Männer, die sich aufgerafft haben, ihr Leid niederzuschreiben, machen am Ende doch nur das, was so viele andere, viel weniger moderne Väter auch tun: Sie arbeiten mit Kindern so weiter, als habe sich nichts verändert in ihrem Leben. Abstriche zu machen, berufliche Veränderungen anzuschieben, bleibt meistens den Frauen überlassen. In gewisser Weise betreiben sie damit sogar eine Sabotage am gesellschaftlichen Wandel. Und sind damit keineswegs alleine: Gerade in dieser Woche meldet das Statistische Bundesamt, die Zahl der Männer, die bereit sind, Zeit mit ihrem Nachwuchs zu verbringen und dafür zumindest zeitweise im Job auszusetzen, habe sich sogar verringert. Im Schnitt bleiben die meisten Väter nur zwei Monate zuhause.

Wichtige Fragen erst gar nicht erst gestellt

Es ist gut und überfällig, dass hier endlich mal zwei Männer das Thema Vereinbarkeit aufgreifen. Und es ist hilfreich, dass sie beschreiben, dass auch sie unter den hohen Anforderungen von Job, Familie und Partnerschaft leiden. Aber das alleine reicht nicht aus, um von einem „Gleichberechtigungsbuch für Männer und Frauen“ sprechen zu können (Verlagswerbung).

Am Ende bleibt der Eindruck, hier wollten sich zwei aus ihrer selbst definierten Verantwortung frei schreiben. Wer so persönlich einsteigt, provoziert Fragen. Die Antworten fehlen: Haben Brost und Wefing zumindest darüber nachgedacht, haben sie versucht, ihre Arbeitszeit langfristig und entscheidend zu reduzieren? Selbst, wenn sie daran gescheitert sind: Gab es mal eine Diskussion darüber in der Redaktion? Könnte ein Büroleiter bei der ZEIT nicht bewirken, dass Mails an arbeitsfreien Tagen nicht zum Normalfall gehören? Welche Erfahrungen haben sie gemacht, als sie das Modell Jobsharing für ihre Position durchdekliniert haben? Fragen, die sich die Journalisten schon gefallen lassen sollten, wenn sie aus ihren eigenen Erfahrungen heraus schreiben. Aber sie umkreisen sie großzügig. Stattdessen tätscheln sie die überlasteten modernen Männer. Sie geben sich solidarisch mit den Frauen. Sie nehmen, ganz zu Recht,  Politiker und Unternehmern in die Pflicht. Aber – und da sind Buchtitel und vor allem das letzte Kapitel ja schon sehr ehrlich: Sie suchen nicht wirklich nach Lösungen, sondern haben sich offensichtlich erst einmal eingerichtet in der Unmöglichkeit der Vereinbarkeit.

Lässt sich Journalismus nicht mit Familie vereinbaren?

Neben all dem wirft das Buch noch eine ganz andere Frage auf. Ist es denn nun Zufall, dass innerhalb weniger Monate gleich zweimal erfolgreiche Journalistinnen und Journalisten aufgrund persönlicher, schmerzlicher Erfahrungen zu dem Schluss kommen, Eltern würden durch die Vereinbarkeitslüge getäuscht? Offensichtlich geht in einigen Redaktionen viel von dem, was in journalistischen Berichten und Kommentaren genau dieser Medien immer wieder gefordert wird, lange noch nicht. Und man scheint bei der ZEIT und auch in anderen Redaktionen doch weit hinter dem zurück zu liegen, was in ersten fortschrittlichen Unternehmen und Organisationen heute schon möglich ist. Nach offiziellen Aussagen gibt es bei der ZEIT und beim Springer-Verlag Teilzeitstellen für Redakteure, auch in leitenden Stellen. Eine Recherche, wie das in der Realität aussieht, steht noch aus. Aber es gibt auch hier Licht am Horizont: Die freie (sic!) Journalistin und Herausgeberin sowie Redakteurin des Missy Magazine Stefanie Lohaus hat zusammen mit ihrem Partner Tobias Scholz auch ein Buch geschrieben: „Papa kann auch stillen“. Ich bin durch die Rezension von Lisa Seelig bei Edition F darauf aufmerksam geworden, und es gibt auch eine Website zum Buch – gelesen habe ich es noch nicht. Das Paar berichtet von den Erfahrungen einer gleichberechtigten Partnerschaft, und scheint dabei die Hürden und Tücken genauso wenig auszulassen wie die notwendigen politischen Forderungen. Noch ist das „ein Experiment“. Für die, die wirklich Lust auf Kinder, Liebe und Beruf haben, scheint es das bessere Buch zu sein.

Marc Brost, Heinrich Wefing: Geht alles gar nicht. Warum wir Kinder, Liebe und Beruf nicht vereinbaren können. Rowohlt, 240 Seiten, ISBN 978-3-498-00415-6, als E-Book; eine Leseprobe.

Stefanie Lohaus, Tobias Scholz: Papa kann auch stillen. Wie Paare Kind, Job & Abwasch unter einen Hut bekommen. Goldmann, 224 Seiten, ISBN: 978-3-442-15831-7, als E-BookLeseprobe bei Edition F.

Für alle, die die Diskussionen zum Buch und zum Thema weiterverfolgen möchten, sammele ich hier weitere Rezensionen.habe ich hier einen Monat lang weitere Rezensionen gesammelt. Viele schätzen das Buch, weil es offensichtlich einen Nerv trifft, Wahrheiten ausspricht und vor allem einigen Männern aus der Seele zu sprechen scheint. Die, die „Geht ja alles gar nicht“ wie ich kritischer sehen, stören sich an der unpolitischen Haltung der Autoren und immer wieder auch am larmoyanten Ton. Ich empfehle zur Lektüre den Beitrag im Blog von Thomas Zimmermann (7.4.) und in der SZ von Verena Mayer (20.4.).

Was mich bei der Rezeption nach den ersten Wochen am meisten wundert: Selbst die, die im Buch als „Vereinbarkeitslügner“ mit verantwortlich gemacht werden, empfehlen das Buch weiter. Wer fühlt sich eigentlich angesprochen von der Kritik, die hier doch recht deutlich wird? Brost und Wefing beschreiben ihr Leben als „Hölle“, weil sie sich aufgerieben fühlen zwischen Beruf und Familie. Was macht ihr Arbeitgeber? DIE ZEIT druckt ein Kapitel ab. Ohne Kommentar. Eher stolz, so scheint es. Heiko Maas empfiehlt das Buch auf Twitter am Tag des Buches (er empfiehlt es als Vater, wie er auf meine Nachfrage äußert, was er denn als Politiker zu den Vorwürfen und Fragen sage). Nun ist er nicht gerade für die Familienpolitik zuständig, aber als SPD-Mann doch immerhin an einer Regierung beteiligt, die mit der SPD-Ministerin Schwesig die Familienarbeitszeit propagiert – ein Modell, das Brost und Wefing als typisch für die fehlgeleitete Familienpolitik sehen. All das lässt mich ratlos zurück, und ich habe den Verdacht, dass es erst einmal reichen muss, „dass man mal darüber gesprochen hat“. Denen, die jetzt Kinder haben und die wirklich daran interessiert sind, mehr Zeit mit ihnen verbringen zu können, wird das nicht genügen.

31.1.2014: Geht alles doch von Wolfgang Lünenburger Reidenbach (Blog Haltungsturnen) Replik auf den Beitrag in „Die Zeit“ im Januar 2014

6.2.2015: Die Lüge von der Vereinbarkeit (Wirtschaftswoche) von Ferdinand Knauß

25.3.2015: Sex, Karriere und Familie passen nicht zusammen (Tagesspiegel) von Friehard Teuffel

27.3.2015: Gehetzte Eltern leiden unter Vereinbarkeitslüge (Deutschlandradio Kultur) von Marc Brost

27.3.2015: Warum das Gerede von der Vereinbarkeit ein Lüge ist (Die Welt) von Peter Praschl

28.3.2015: Familie und Karriere – Eltern können nicht alles haben (stern.de) von Viktoria Reinholz

ohne Datum: Zwei Väter packen aus: Geht alles gar nicht (Blog self lab) von Sascha Schmidt

31.3.2015: Alles ist möglich? Vereinbarkeitslüge, Feminismus und Fortschritt (Blog Digitale Tanzformation) von Robert Franken

31.3.2015: Kinder sind keine Privatsache (Deutschlandradio Kultur) von Barbara Sichtermann

1.4.2015: Ihr wollt Kinder? Dann bekommt sie doch einfach. Und: Hört auf zu jammern!  Ein Rant von Nina Diercks

7.4.2015: Zwischen Vereinbarkeitslüge und verlogener Betroffenheit im Blog von Thomas Zimmermann

8.4.2015: Familien: Das Hamsterrad als Dauerzustand bei Edition F – kurze Beschreibung von Lisa Seelig mit Auszug aus  Kapitel „Hypertasking“

13.4.2015: Jetzt reden die Väter, Kolumne „Frauensache“ bei Rheinische Post online

13.4.2015: Geht alles gar nicht … von Katri Kemppainen-Bertram (Blog KarriereFamilie)

17.4.2015: Die ewige Vereinbarkeitsdebatte. Und die Lösung. von Isabel Robles Salgado (Blog „little years)

20.4.2015: Männer-Dilemma: „Geht alles gar nicht“ , Interview mit Marc Brost in „Die Frühaufdreher“ bei Bayern 3.

20.4.2015: Erschöpfung von Verena Mayer in Süddeutsche Zeitung

ohne Datum: Geht alles gar nicht – Interview mit den Autoren im Debattenmagazin „Berliner Republik“ von Michael Miebach und Nane Retzlaff

Am 7. Mai gibt es im Forum der Körber-Stiftung eine Diskussion (auch per Livestream) mit den beiden Autoren, Andrea Nahles, Chris Köver (Missy Magazine) und Peter Lohmeyer: „Die Hölle der Vereinbarkeit“

Das männliche Alleinversorger-Modell als Sabotageakt

Vater_KindSeit Einführung der Elternzeit und der Vätermonate 2007 wird es ein wenig normaler, dass Männer eine Auszeit nehmen, wenn sie Kinder bekommen. Es sind in den meisten Fällen tatsächlich nicht mehr als diese zwei Monate, wobei sie grundsätzlich auch längere Zeit nehmen könnten – die Frauen dann entsprechend weniger. Eine Studie des Wissenschaftszentrum für Sozialforschung in Berlin belegt, dass sich die Elternzeit der Väter positiv auf die partnerschaftliche Betreuung der Kinder auswirkt.

Um mehr Zeit für ihre Kinder zu haben, reduzieren Väter nicht nur ihre Arbeitszeit, sondern auch ihre Freizeit und verbringen nach der Elternzeit durchschnittlich eine Stunde pro Werktag mehr mit ihren Kindern.

Ein guter Anfang also, der aber längst noch keinen bahnbrechenden gesellschaftlichen Wandel markiert. In den meisten Familien ist immer noch Er für die Sicherung des Familieneinkommens zuständig und Sie hat höchstens die Aufgabe, dazuzuverdienen. Der Wandel ist – glaubt man den Verlautbarungen aus Politik und Gesellschaft – durchaus gewollt. Mehr Frauen sollen Familie und Beruf besser vereinbaren können. Warum kommt es nicht dazu?

Vereinbarkeit – ein Thema nur für Frauen?

Mein Sohn fragte mich neulich nach der Bedeutung von „Vereinbarkeit“. Als ich ihm erklärte, dass das meistens ein Thema für Frauen sei, die Kinder haben und gleichzeitig berufstätig sind und alle Aufgaben unter einen Hut bringen müssten, entgegnete er mir, dass das doch Männer auch betreffe – so wie er das aus unserer Familie und auch aus unserem Mehrfamilienhaus mit 22 Kindern und 30 Erwachsenen kaum anders kennt. Von dieser Selbstverständlichkeit, mit der mein Sohn die Verantwortung der Väter für Familienaufgaben sieht, sind wir gesellschaftlich offensichtlich noch weit entfernt. Es könnte sicher eine Menge der aktuellen Probleme lösen, wenn diese Selbstverständlichkeit sich weiter durchsetzte.

Männer, die auch mit Kindern weiterarbeiten wie vorher

Ich würde sogar noch einen Schritt weiter gehen und behaupten, dass die Männer, die nach der Geburt ihrer Kinder in Vollzeit und ohne Elternzeit zu nehmen, weiter arbeiten, den längst überfälligen gesellschaftlichen Wandel sabotieren. Sie stabilisieren eine Arbeitswelt, die so lange nach den alten Schemata funktioniert, wie sich die Arbeitnehmer und – oftmals gezwungenermaßen auch die Arbeitnehmerinnen – diesen immer wieder beugen. Sie machen es Unternehmen möglich, Frauen einen Korb zu geben, wenn sie ankündigen, „trotz Kindern“ weiter arbeiten zu wollen. Denn diese Männer arbeiten mit Kindern genauso weiter wie vorher. Das können Frauen in der Regel nicht leisten. Es ist aber das, was in der unternehmerischen Logik meistens noch wünschenswert ist. Es sind die Väter, die bis in die Puppen in Meetings verbringen, wegen der sich andere Väter verteidigen müssen, weil sie nicht bereit sind, das mitzumachen. Und es sind auch die Frauen, die zuhause bleiben, um diesen Vätern, die Vollzeit arbeiten, „den Rücken frei zu halten“, die dieses System stützen.

Auch Väter müssen zum „Risiko“ für Arbeitgeber werden

Ob sich das Problem mit dem demographischen Wandel nicht in einigen Jahren von selbst löst, wenn es sich nämlich kein Unternehmen mehr leisten kann, gut ausgebildete Frauen zu verlieren, wenn sie Mütter werden, möchte ich gar nicht abwarten. Es hilft auch denen nicht, die jetzt vor der Herausforderung stehen, Familie und Beruf zusammenbringen zu wollen. Wenn das für Männer und Frauen möglich werden soll, muss es für alle Arbeitgeber ein „Risiko“ sein, einen Mann einzustellen, weil er irgendwann als Vater vielleicht nicht mehr unbegrenzt verfügbar ist. Arbeitgeber müssen familienfreundlich als väter- und mütterfreundlich verstehen. Die, die argumentieren, dass es die persönliche Entscheidung einer jeden Familie sei, wie sie Beruf und Familie organisieren, haben grundsätzlich Recht. Aber diese persönliche Entscheidung ist eben immer in unserer aktuellen Situation noch immer zugleich eine politische.

Die Alles-ist-möglich-Lüge

Ein Buch über die gefühlte Unmöglichkeit, Beruf und Familie zu vereinbaren

Alles ist möglich lügeFrauen und Männer, die mit Kindern leben und dabei berufstätig sind, wird es nicht fremd sein: Dieses Gefühl, manchmal jenseits des eigenen Limits zu leben, im alltäglichen Wahnsinn zwischen Job und Familie. Die beiden Journalistinnen Britta Sembach und Susanne Garsoffky haben irgendwann „Stop“ gesagt. Sie sind zwischenzeitlich ausgestiegen aus ihrem festen Beruf, waren sie sich doch zunehmend vorgekommen wie im Hamsterrad. Die Absage an ihren Job und das neue Leben als Hausfrau und Mutter erschien ihnen aber keineswegs als reine Befreiung. Denn ihrem ursprünglichen Lebensentwurf entsprach es nicht, die Arbeit an den Nagel zu hängen, um für die Kinder da zu sein und den Haushalt zu managen. Und als gestandene Journalistinnen hatten sie offensichtlich auch mit Imageproblemen zu kämpfen. Desillusioniert, aber keineswegs frustriert, beschlossen sie, ihre persönlichen Erfahrungen, allgemeinen Beobachtungen und gesellschaftlichen Analysen aufzuschreiben.

Wenn uns jetzt jemand fragt: Und? Was machst du so? Können wir sagen: Wir schreiben ein Buch. Das klingt gut und wichtig – und nach Arbeit. Nach richtiger, echter, bezahlter Arbeit.“ (S.15)

Vereinbarkeit nur bei Selbstaufgabe

Die grundsätzliche These von Britta Sembach und Susanne Garsoffky: Die angebliche Vereinbarkeit von Familie und Beruf, die Politik und Gesellschaft vor allem den Frauen als Möglichkeit und zugleich Herausforderung mit auf dem Weg geben, ist eine Lüge. Eine Lüge, die so selbstverständlich wie penetrant kommuniziert werde, so dass keiner sich traue, sie zu hinterfragen oder gar aufzudecken. In unserer Gesellschaft lassen sich die Sorge um Kinder und Haushalt und Arbeit nur dann vereinbaren, wenn mindestens eine/r sich bis zur Selbstaufgabe opfert – so das Fazit der Autorinnen nach Jahren des gelebten Vereinbarkeitsversuchs. Ich glaube auch, dass es einige Berufe gibt, die als Mutter oder Vater nicht zu managen sind, wenn man seine Kinder nicht komplett in andere Hände geben möchte – und habe dazu hier schon geschrieben. Aber ich glaube nicht, dass es  eine Lösung ist, in klassische Rollenverteilungen zurückzufallen – auch nicht zeitweise.  Was nicht bedeutet, dass ich den Wunsch danach und auch die Entscheidung dafür unter den aktuellen Rahmenbedingungen auch respektieren kann.

Schon der Titel des Buches sei auf große Zustimmung gestoßen, berichten die beiden. Denn offenbar teilen viele die Erfahrungen und Einschätzungen der Journalistinnen – nur aussprechen möchte es niemand. Bevor man kapituliert, lieber noch mal die Zähne zusammen beißen, andere bekommen es ja auch hin. Das sind dann die so genannten Powerfrauen, für die die Autorinnen eher Mitleid als Bewunderung zeigen. Vielleicht wäre es gut gewesen, hier das Klischee hinter sich zu lassen und genauer hinzusehen, was bei den Frauen anders ist, denen der Spagat einigermaßen gelingt. Doch dazu später.

Hilflosigkeit und Schizophrenie der Familienpolitik

Das Buch ist gut, wenn es dem nachspürt, was in unserer Gesellschaft schief läuft. Es offenbart die Hilflosigkeit einer Familienpolitik, die seit Jahren auf der Stelle tritt, wenn es darum geht, die gesellschaftliche Realität abzubilden. Sehr treffend zeigen die Autorinnen die Schizophrenie einer Politik, die es über das Ehegattensplitting steuerlich belohnt, wenn Ehefrauen zuhause bleiben und nicht arbeiten, mit dem neuen Unterhaltsrecht aber genau von diesen Frauen erwartet, nach einer Trennung schnell wieder Arbeit zu finden.

Mit fünf Lügen zum Mythos Vereinbarkeit

Auch bei den weiteren Analysen, die das Buch als „Lüge Nummer eins bis Lüge Nummer fünf“ präsentiert, zeigt sich, dass die Autorinnen tief eingestiegen sind in ihre Materie. Immer wieder liefern sie Daten, Zahlen und Fakten, mit denen sie aktuelle Trends wie „Familienfreundlichkeit“ überzeugend hinterfragen. Sie entlarven die Fallstricke der Teilzeitarbeit, mögen noch nicht so recht an den „neuen Mann“ glauben und zeigen sich skeptisch gegenüber den so genannten „Powerfrauen“.

Bei den letzten beiden Punkten wird es dann doch einseitig. Neben den vielen konkreten Beispielen, die zeigen, dass die Frauen am Ende in irgendeiner Weise immer auf der Strecke bleiben, wäre es doch hoch interessant gewesen zu sehen, was bei denen anders läuft, die Familie und Beruf leben können. Und dass nicht nur, weil sie sich durch eine höhere Leidensfähigkeit auszeichnen. Denn es gibt Frauen und Männer, denen das gelingt. So wie dieses Beispiel eines Paars, beide selbstständig (könnte übrigens ein Erfolgsrezept sein), erzählt aus der Sicht der Frau und des Mannes. Auch wenn es sicher Ausnahmen sind und nicht jeder ihr Modell für sich übernehmen möchte – im Sinne einer „Best Practice“ hätten sie dem Buch sehr gut getan. Schließlich ist es ja auch Anliegen der Autorinnen, Wege zu entdecken, mit denen Frauen und Männer zu so etwas wie einem Gleichgewicht von Beruf und Familie finden, wie immer das für sie persönlich aussehen mag.

Statt sich aber an konkreten Vorbildern zu orientieren, desillusionieren Britta Sembach und Susanne Garsoffky auch noch die, die glauben, woanders sei alles besser. Selbst das skandinavische Erfolgsmodell muss Federn lassen. „Schweden kann nicht unser Vorbild sein“ – heißt es. (S.204)

Wie wir leben wollen

Unter diesem schönen Tocotronic-Titel wird es dann im abschließenden Kapitel  konstruktiv. Hier listen die Autorinnen auf, was sich ändern müsste, damit Karriere und Familie unter einen zu Hut bringen sind. Dabei nennen sie einige gute Ansätze, von der Abschaffung der „Zwangsverrentung“, Zeitwertkonten für spätere Phasen der Aus- und Pflegezeiten bis hin zur Kindergrundsicherung – viel Stoff für Diskussionen. Und doch bleiben sie an dieser wichtigen Stelle für mich eher diffus, wenn sie mit ihren Forderungen „die Arbeitgeber“ oder „die Familienpolitik“ adressieren. So für die „späte Karriere“, die zur Regel und nicht zur Ausnahme werden solle, denn niemandem sei gedient, wenn Menschen in der Rush-Hour des Lebens (…) zerrieben werden. Das stimmt zwar. Und vermutlich haben die Autorinnen Recht, wenn sie sagen, dass Frauen in ihrer Elternzeit Kompetenzen erwerben, die für die Arbeitgeber wertvoll sind. Aber das ist nicht zwangsläufig so und es trifft eben nicht pauschal zu, „dass Menschen, die Familie haben, in der Tat sehr gut organisiert sind und einen untrüglichen Blick fürs Wesentliche haben“. (S.85)

Diese Verallgemeinerungen helfen aus meiner Sicht nicht wirklich weiter. Und – die Frage muss erlaubt sein: Reicht das, um nach drei oder fünf Jahren Auszeit zu sagen, „hier bin ich wieder“? Offensichtlich nicht, sonst wären Wiedereinsteigerinnen gesuchte Fach- und Führungskräfte. Vielleicht stimmt es auch gar nicht, dass man nach ein paar Jahren Pause einfach so wieder weitermachen kann? Was müsste geschehen, damit die Frauen den Anschluss finden – und den Aufwand dafür nicht das Unternehmen tragen muss, so dass deren Entscheidung für die Berufsrückkehrerinnen leichter fiele? Was müssten vielleicht auch die Frauen während ihrer Berufspause unternehmen, um den Anschluss nicht zu verlieren?

Impulse müssen aus den Familien kommen

Dass die Appelle der Autorinnen sich immer wieder an „Arbeitgeber“ und „Familienpolitik“ richten, überrascht mich, haben sie doch ausgiebig und überzeugend beschrieben, dass diese weder die Phantasie und Durchsetzungskraft haben und viel zu langsam reagieren (Politik), noch die Notwendigkeit sehen, irgendetwas zu ändern (Unternehmen). Warum sollte das in Zukunft anders sein? Zwar engagiert sich Familienministerin Manuela Schwesig aktuell stark für sinnvolle Reformen wie Elterngeld Plus, den Qualitätsausbau in den Kitas und die Familienarbeitszeit, aber auch ihr sind die Hände gebunden, wenn es um Länderentscheidungen geht bzw. ein Konsens in der Koalition gefunden werden muss.

Ich möchte weder Politik noch Unternehmen aus der Pflicht entlassen, aber ich glaube, dass die Impulse für Veränderungen aus den Familien kommen müssen. Es könnte sich etwas ändern, wenn das passieren würde, was in diesem Buch zwar thematisiert wird, aber noch viel zu kurz kommt. Wenn Eltern ihre Erwartungen an die Arbeitgeber formulieren – und zwar vor allem auch die Männer. Aktuell starten viele zu oft gar nicht erst den Versuch: „In meiner Position ist das undenkbar“. Da ist diese schöne Geschichte, von der die Autorinnen im Buch berichten: Ein erfolgreicher Kinderarzt machte den Schritt, er forderte, in Teilzeit arbeiten zu wollen – eigentlich in seiner Position unmöglich. Und Wunder: Es hat funktioniert. Mir ist klar, dass sich nicht alle Angestellten diesen Schritt leisten können, aber doch weitaus mehr als sie ihn bislang wagen.

Berufstätigkeit und Familie lassen sich dann am besten zusammen leben, wenn Männer und Frauen ihre Aufgaben gleichberechtigt teilen – und zwar die der finanziellen Absicherung genau wie die der Sorge um Kinder, um Eltern und um den Haushalt. Das ist meine Erfahrung und das sehen wohl auch grundsätzlich die beiden Journalistinnen so. Dabei geht es nicht nur um Gerechtigkeit, sondern auch um Flexibilität. Ein Mann, dem man nicht erst erklären muss, was zu tun ist, wenn das Kind krank ist, kommt gut alleine klar, wenn sie auf Geschäftsreise geht. Er seinerseits kann mit viel mehr Rückhalt Forderungen beim Arbeitgeber stellen, wenn er weiß, da ist noch eine zweite, die im Notfall für das Familieneinkommen sorgen kann. Deshalb widerspreche ich den Autorinnen, wenn sie meinen, dass es vollkommen in Ordnung sei, dass ein Großteil der Frauen es nach wie vor schätze, „wenn der Mann ein sicheres Gehalt nach Hause bringt und zumindest für einen großen Teil für den Unterhalt der Familie aufkommt“. Man kann es ihnen nicht zum Vorwurf machen, sagen die beiden. Sie müssen wissen, worauf sie sich einlassen, sage ich.

Wenn sich etwas ändern soll, dann sollten wir meiner Meinung nach hier anfangen

  1. Augen auf bei der Partnerwahl – es gibt Männer, mit denen die Entscheidung für Kinder absehbar zum Projekt der Frau wird – diese sollten überlegen, ob sie das wollen und leisten können.
  2. Augen auf bei der Wahl des Arbeitgebers: In manchen Unternehmen/Institutionen kämpfen Familien gegen Windmühlen. Wer darauf keine Lust hat, sollte von Anfang an einen großen Bogen um solche Arbeitgeber machen.
  3. Väter und Mütter müssen gemeinsam den Aufstand proben – so lange Männer nur verständnisvoll nicken und die Empörung den Frauen überlassen, wird sich nichts ändern. (an dieser Stelle: Warum hat an diesem Buch eigentlich kein Mann mitgeschrieben?)
  4. Mehr Anerkennung für die, die Beruf und Familie erfüllt leben, vor allem für Väter (die nach Auskünften von betroffenen Männern tatsächlich weder gefragt werden, wie sie ihre Doppelrolle denn so hinbekommen, noch dafür bewundert werden, wenn sie ihnen erfolgreich gelingt.)

Wir Eltern sollten dieses Buch lesen, die angesprochenen Modelle diskutieren, weiterdenken – und uns als Paar eine Meinung dazu bilden. Deshalb empfehle ich „Die-Alles-ist-Möglich-Lüge“ dringend zur gemeinsamen Lektüre. Ich befürchte ein wenig, dass es ein Frauen-Ratgeber werden wird, was ich sehr schade fände.

Weitere Berichte/Rezensionen gibt es zum Beispiel bei Deutschlandradio Kultur und Radio Bremen. Wer mit den Autorinnen diskutieren möchte, kann sie in einem Webinar der Zeitschrift Nido am 16.10. treffen.

Disclaimer: Eine der beiden Autorinnen ist meine Freundin, auf deren erstes Buchprojekt ich sehr gespannt war. Beide Autorinnen haben meine Anerkennung – nicht nur für ihr Buch, sondern auch für ihre persönliche Entscheidung, ihren Beruf zumindest zeitweise aufzugeben.

SUSANNE GARSOFFKY , BRITTA SEMBACH
Die Alles ist möglich-Lüge. Wieso Familie und Beruf nicht zu vereinbaren sind. Pantheon Verlag 2014, 256 Seiten, auch als E-Book erhältlich.