Podcast-Liebe

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  • Gibt es seit letztem Jahr einen neuen Podcast-Hype in Deutschland oder hat die dpa einfach eine Studie nicht richtig gelesen?
  • Sieben gute Gründe für Podcasts
  • Absage an den allwissenden Sender
  • Gute Podcasts finden: Empfehlungen zum Einstieg

Ende letzten Jahres habe ich eine neue Leidenschaft entdeckt, und eigentlich erstaunt mich daran vor allem eines: Warum bin ich erst so spät darauf gekommen? Es geht um Podcasts, die ich theoretisch schon Jahre auf dem weiteren Schirm habe, erst seit einigen Monaten aber regelmäßig auf den Ohren: Beim Spazierengehen, Einkaufen und Kartoffelschälen, beim Joggen und auf dem Weg zur Arbeit. Ich höre Hintergrundinformationen zu Trump und Bannon, Debatten über Fakenews, New Work und Datenschutz, erfahre Details zu spannenden Innovationen aus der medizinischen Versorgungsforschung und lausche einem schönen Gespräch über die verschiedenen Facetten von Luxus.

Podcast-Hype in Deutschland?

Bin ich einfach „Opfer“ eines Trends, gar Booms, von dem im letzten Jahr immer wieder zu lesen war? Die dpa schrieb in einem Bericht (hier SZ) im Februar 2016, die Zahl der Podcast-Nutzer*innen habe sich von 2014 auf 2015 von 7 auf 13 Prozent erhöht, also nahezu verdoppelt. Als Quelle wird die ARD/ZDF-Online-Studie 2015 (S. 443) genannt. dpa wertet den Anstieg als eines von mehreren Indizien für eben jenen angeblichen „anhaltenden Podcast-Trend“. Übersehen worden ist dabei aber, dass man in der Studie 2015 im Vergleich zu 2014 die Frage geändert hatte (sichtbar in der Tabelle vermerkt) und nicht mehr ausschließlich nach abonnierten Podcasts gefragt hatte. Das alleine mag den Anstieg schon erklären. Schon 2016 stagnierte die so deutlich gestiegene Zahl dann auch weiter bei 13 Prozent. Viele Medien, von taz bis Spiegel, haben diesen vermeintlichen Anstieg von Hörer*innen in ihren Texten über einen angeblichen  Podcast-Boom übernommen.

Auslöser: Wissenschaftspodcasts

Kein Hype, kein Trend: Der Auslöser meiner neuen Podcast-Liebe ist klar zurückzuverfolgen. Der Funke sprang über beim „Stammtisch Wissenschaftskommunikation“, einer Veranstaltungsreihe, bei der es im November um Wissenschaftspodcasts ging. Referenten waren Daniel Meßner, der zusammen mit Richard Hemmer den empfehlenswerten Geschichts-Podcast „Zeitsprung“ herausgibt und damit historisches Storytelling praktiziert, und die  Kommunikationswissenschaftlerin und Podcast-Expertin Nele Heise. Zur Vorbereitung hatte ich gleich mehrere Podcasts in relativ kurzer Zeit angehört, u.a. den Bredow-Cast vom Hans-Bredow-Institut für Medienforschung und den Resonator-Podcast der Helmholtz-Gesellschaft.

Auf der Suche nach meiner persönlichen Podcast-Roll

Danach habe ich erst einmal in vieles hineingehört, was mir zufällig begegnete. So bin ich vorrangig auf die schon recht bekannten Podcasts gestoßen, von denen diese aktuell zu meinen Favoriten gehören:

3_bild_lageLage der Nation: Polit-Podcast mit dem Deutschlandfunk-Journalisten Philip Banse und dem Juristen Ulf Duermeyer. Kenntnisreicher Hintergrund, Analyse zum aktuellen Geschehen. Ich schätze besonders die Tiefe, die vielen Details und besonders die juristische Perspektive auf die Dinge, die im Gespräch auch für Laien gut verständlich gemacht wird. Spannend, den beiden zuzuhören, die sich offenbar sehr gut vorbereiten und gute Links zum jeweiligen Podcast ergänzen.

7_bild_lila_podcastLila Podcast – ebenfalls ein Podcast zum aktuellen Geschehen, hier mit feministischer Perspektive auf die Themen. Susanne Klingner, Katrin Rönicke und Barbara Steril, Journalistinnen / Autorinnen, sprechen über „aktuelle Themen, Debatten und interessante Gedanken, die aufgefallen und hängengeblieben sind“. Erhellend, den „Lila Podcast“ und „die Lage der Nation“ mal im Vergleich zu hören – jeweils anders und beide gut. Der Lila Podcast wird herausgegeben von Frau Lila, einer feministischen Initiative, die Frauen vernetzt und  Bildungsangebote, vor allem für die digitale Welt, macht.

8_wirmussenreden„Wir müssen reden“ – Max von Webel, der in den USA lebt und als Softwareentwickler bei Facebook arbeitet, und der Internettheoretiker Michael Seemann aus Deutschland treffen sich in ca. zweimal im Monat zum Gespräch und reden ausgiebig, recht frei und intuitiv über das, was im Netz passiert – mit einer kulturell-politischen Perspektive. Beide stecken recht tief in aktuellen Netzdebatten und haben meist eine klare Meinung. Die muss man nich immer teilen, um von diesem Podcast profitieren zu können.

1_bild_systemfehler Systemfehler – einer der Podcasts, die der zu Anfang des letzten Jahres gegründeten professionellen Podacast-Plattform Viertausendhertz angehören. Der Autor Christian Conradi ist Gründer von Viertausendherz, Redakteur bei Deutschlandradio und Producer. Bei Systemfehler geht er Fehlern, Defekten und Abweichungen in unserer Gesellschaft nach und fragt, wie viel Platz dafür eigentlich bleibt, wenn in sämtlichen Bereichen nach Perfektion gestrebt wird. Mir gefällt besonders der sensible und gute Umgang mit den Gästen, die unaufgeregte Art von Christian Conradi und die ganz unterschiedlichen Themen, die er unter dieser Fragestellung aufspürt, von Künstlicher Intelligenz bishin zum Thema Inklusion. Unter den Podcasts von Viertausendhertz gibt es sicher noch weitere Entdeckungen zu machen, und auch das Konzept der Plattform  werde ich mir noch mal genauer ansehen.

2_bild_piqdpiqd-Podcast: Als Fan der Plattform für gute, ausgewählte Texte, die Expert*innen in ihren Themengebieten bei Piqd kuratieren, also auswählen, empfehlen und  in einen größeren Zusammenhang stellen, gefallen mir auch die Piqd-Podcasts gut. Über Piqd habe ich hier schon mal ausführlicher geschrieben – wer sich für Hintergründe und die Entstehung interessiert, sollte sich den ersten piqd-Podcast anhören, in dem die Verantwortlichen Idee und das Konzept sehr gut herüberbringen.

Bewusst habe ich dann nach Podcasts von Frauen gesucht, die mit Politik/Medien/Internet zu tun haben. Hilfreich dabei war neben einem Austausch mit Anne Peters auf Twitter die umfangreiche Liste von Nele Heise, die Podcasts von Frauen zu allen möglichen Themen kollaborativ sammelt. Podcasts, die ich regelmäßig höre, unterstütze ich mit einem kleinen Obulus. Denn alle Podcasts entstehen erst einmal als Hobby der Macher*innen, und selbst die bekannteren werden ihren zeitlichen Aufwand höchstens in Ausnahmen durch die Zahlungen ihrer Hörer*innen begleichen können.

Neben den Podcast von einzelnen Menschen höre ich immer wieder auch die Podcast-Angebote der öffentlich-rechtlichen Hörfunksender, die ich zum Teil schon länger kenne. Favoriten sind:

Sieben gute Gründe für Podcasts

Je intensiver ich gehört habe, desto bewusster wurden mir die großen Vorteile – so ist diese Liste mit  guten Gründen für Podcasts entstanden, die sicher noch zu ergänzen ist:

Unbegrenzte Verfügbarkeit: Podcast lassen sich überall und jederzeit hören. Mit dem Smartphone haben wir sie quasi immer in der Tasche – über die Apps lassen sich abonnierte Podcasts automatisch aktualisieren und – einmal heruntergeladen – auch offline hören.

Eine andere Sinneswahrnehmung: Informationen nehmen die meisten Menschen vorrangig visuell auf: über Texte, Bilder und Zeichnungen in Zeitungen, Büchern, Blogs und in Filmen. Beim E-Mail-Lesen, beim Schreiben, bei der Arbeit, aber auch in der Freizeit. Experten schätzen, „dass etwas 85-90 Prozent der aufgenommenen Informationen über die Augen in den Organismus gelangen.“ (Kroeber-Riel 1987, zitiert in Informationspsychologie, S. 13). Es ist geradezu erholsam, wenn zur Abwechslung einmal nur der Hörsinn gefordert ist.

Bessere Konzentration: In einem Alltag voller visueller Eindrücke fällt es mir beim Hören leichter, konzentriert zu sein, auch, weil ich Podcasts fast ausschließlich über Kopfhörer höre. Während ich beim Lesen immer wieder andere visuelle Reize und Informationen ausschalten muss – vor allem online –, so ist es bei Hören einfacher, sich auf eine Quelle zu konzentrieren.

Hören und bewegen: Eines der für mich ausschlaggebenden Argumente für Podcasts ist, dass man sich bewegen kann, während man sie hört. Lernpsychologen werden vermutlich schon untersucht haben, ob man Informationen nachhaltiger aufnehmen kann, während man körperlich aktiv ist. Ich glaube ja und habe den Eindruck, das, was ich gehört habe, besser zu behalten, als wenn ich es gelesen hätte. Was noch mehr zählt: Es ist mir vor allem nach viel Arbeit am Schreibtisch ein großes Bedürfnis, mich zu bewegen. Lesen beim Joggen oder Spazierengehen funktioniert einfach nicht – Podcast hören dagegen sehr gut.

Routinearbeiten aufpimpen: Gemüse schnippeln, einkaufen, Wäsche aufhängen: Tätigkeiten, die ich ausführe, ohne groß darüber nachzudenken. Podcast hören ist eine wundervolle Ergänzung. Es stimmt zwar: Das geht an die Zeit, in der man seinen eigenen Gedanken nachsinnt oder einfach einmal an gar nichts denkt, vielleicht Musik hört. Aber es kann auch ganz erholsam sein, über Podcasts wieder auf andere Gedanken zu kommen als die, um die man gerade kreist.

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Podcast hören beim Kartoffelschälen: Die Macher von „Lage der Nation“ haben kürzlich gebeten, Aufnahmen davon zu machen, was man sieht, während man ihren Podcast hört.

Geschlossenes Ganzes mit Dialogpotenzial: Die Diskussionen über Podcasts starten in der Regel erst dann, wenn die Nutzer*innen sie gehört haben, auf den zugehörigen Websites in den Kommentaren. Über Texte im Netz dagegen wird oftmals diskutiert, ohne dass alle Beteiligten sie ganz oder überhaupt gelesen hätten. Auch Hatespeech oder Trolle scheinen eher keine Probleme zu sein. Beides ist mir zumindest in den Kommentaren der Podcast-Websites noch nicht begegnet.

Freie Formate: Podcast zeichnet eine  Form von „Unprofessionalität“ aus, im positiven Sinne des Wortes, dass es keine standardisierten Beitragslängen gibt, keine zurechtgeschnittenen Statements, dass Pausen beim Reden erlaubt genauso erlaubt sind wie unfertige Sätze und Slang. Einige Podcaster*innen schätzen es explizit, im Podcast Gedanken entwickeln und zur Diskussion stellen zu können, die vielleicht noch nicht zu Ende gedacht sind, hier aber ihren Raum finden und im besten Fall weiter wachsen und reifen können. Ein weiterer guter Effekt ist, dass auch Menschen, die beruflich nicht journalistisch arbeiten, ans Mikro kommen, ihre fachliche Kompetenz einbringen oder einfach mal eine andere Herangehensweise an Themen: als Autorin, Juristin etc.. Im klassischen Radio sind sie meist nur als Gäste zu hören, in Podcast werde sie zu Macher*innen. Interessant finde ich, dass es einzelnen Autor*innen offensichtlich auch ein Anliegen ist, aus der Nische des Phänomens Podcasting herauszukommen. Philipp Banse sagte zum Beispiel in der letzten „Lage der Nation“ vom 24. Februar, er möchte den Begriff „Podcast“ am liebsten durch „Radio“ ersetzen – vielleicht weil Podcasts von vielen immer noch als umprofessionell im Sinne von „laienhaft“ wahrgenommen werden? Nicht nur angesichts der vielen Journalist*innen, die sich in Podcasts in alternativen Formaten ausprobieren, passt diese Zuschreibung aber nicht (mehr). Dass sich auch die deutsche Podcast-Szene weiterentwickelt, zeigt auch der Einblick in die deutsche Podcast-Szene bei t3n.

Verantwortung: Faktchecking im Podcast?

Ein anderer Aspekt von „Unprofessionalität“ ist Thema einer Diskussion, die Michael Seemann in „Wir müssen reden“ aufmacht. Er fragt am Anfang der 108. Folge, ob vor dem Hintergrund eines polarisierenden Meinungskampfes in den Medien, angesichts des Abdriftens verschiedener Gruppierungen in ihren Diskursen, die Sorgfaltspflicht, der Anspruch auf Wahrhaftigkeit und Professionalität nicht auch für Podcaster*innen wachsen müsse. „Wir müssen reden“ ist als Kneipengespräch konzipiert, dem man vom Nebentisch zuhören kann – aber natürlich erwächst mit einer gewissen Zahl an Hörer*innen auch eine Verantwortung. Michael Seemann ist es eher unangenehm, über Dinge zu sprechen, die man „im Vorbeigehen gelesen hat und nur zu 75 Prozent straight bekommt“.

Vielleicht aber haben gerade Podcasts ein gutes Potenzial mit dieser Verantwortung umzugehen und eine gewisse Fehlbarkeit transparent zu machen? Gerade weil sich die Autor*innen im Podcast – anders als bei vielen journalistischen Beiträgen – erlauben können, auch einmal zu sagen: „Ich bin mir da gerade nicht so sicher“ ist die Gefahr der Desinformation per se eigentlich geringer, die Verantwortung der Hörer*innen explizit größer. Unvorstellbar, dass ein Radiomoderator in laufender Sendung sagt: „Das muss ich mal eben im Internet nachschauen“, oder „ich weiß es gerade nicht, vielleicht weiß es jemand von euch“. Im Podcasts kommt das immer mal wieder vor, genau wie der Hinweis an die Hörerschaft, man müsse sich erst noch einmal schlau machen und werde das Thema noch einmal aufgreifen oder in den Kommentaren Hinweise geben. Fehler sind erlaubt – Hinweise von Hörer*innen gewünscht. Es wird erst gar nicht der Eindruck erweckt, hier sitze ein allwissender Sender von gesicherten Informationen am Mikrofon.

Ich würde mir wünschen, dass etwas mehr von dieser Offenheit, etwas mehr vom Eingeständnis der eigenen Fehlbarkeit sich auch im klassischen Journalismus durchsetzen könnte. Denn diese klar kommunizierte Haltung überlässt eine Restverantwortung dem Publikum, das aufgefordert ist, wachsam zu bleiben, auch andere Informationsquellen heranzuziehen und gegebenenfalls Zweifel zu äußern, Informationen zu hinterfragen, vielleicht auch eigenes Wissen beizutragen.

Wie finde ich gute Podcasts?

Meine eigene Podcast-Roll ist erst im Entstehen. Weit entfernt davon, einen wirklichen Überblick zu haben oder gar Geheimtipps geben zu können, möchte ich hier – als Ergänzung zu den bereits im Text genannten Podcasts – noch ein paar weitere Empfehlungen loswerden – eine Liste die sicher noch wachsen wird. Auf Twitter habe ich vor Kurzem eine Liste mit den Podcasts angelegt, die einen eigenen Twitter-Account haben, bei einigen habe ich den der Macher*innen gelistet. Es sind Podcasts, über die ich weiter auf dem Laufenden bleiben möchte, weil sie mich gleich beim ersten Hören angesprochen haben, oder solche, die ich noch höre möchte.

Erste Empfehlungen

Kleiner drei: Der Podcast zur Autor*inneplattform <3, mit Themen rund um Politik und Popkultur und Herzensthemen von Menschen mit feministischer Haltung. In den Folgen, die ich gehört habe, ging es um den Women’s March in Washington: Die Aktivistin Deanna Zandt im Gespräch mit Anne Wizorek. In der aktuellsten Folge geht es um eine Abkehr von Twitter und Alternativen für das soziale Netzwerk – zum Beispiel einfach mal analog sein.

Anekdotisch Evident: Mit reinen „Laber-Podcasts“ kann ich weniger anfangen, mit Podcasts wie diesen, die mir soziologisch-philosophisch gefärbte Einblicke die Alltagskultur bieten, dagegen sehr viel. Das Konzept der Journalistin/Autorin Katrin Rönicke (die auch beim Lila Podcast und bei piqd zum Team gehört) und der Autorin Alexandra Tabor liegt in der Konkretisierung  wissenschaftlicher Erkenntnisse durch die Verknüpfung mit Anekdoten aus der persönlichen Erfahrung. Der Podcast ist gerade erst gestartet, die erste Folge handelt von Luxus und ist hörenswert. Ich habe Alexandra Tabor schon in einem anderen Podcast gehört – und ihre schwungvolle, pointierte Art zu reden von Anfang an gemocht- im Duo mit Katrin Rönicke noch mal hörenswerter.

Mutti und ichDie Journalistin /Autorin Marietta spricht mit ihrer Mutter – am Telefon, bei Besuchen. „Wir sollten unsere Mütter befragen, solange sie leben. Denn jede hat ihre eigene Geschichte. Und vielleicht kennen wir sie gar nicht so gut, wie wir denken“, sagt Marietta Schwarz. Den Gesprächen mit ihrer Mutter kann man stundenlang lauschen, was sicher auch viel mit dieser eben besonderen Mutter zu tun hat. Weitere Gespräche sollen folgen, von anderen Kindern über andere Mütter. Irgendwann, so heißt es auf der Website, könnte so ein Mütter-Archiv entstehen. Ein schönes, inspirierendes Projekt.

Übermedien: Der Podcast zum Medienblog von Stefan Niggemeier und Boris Rosenkranz. In den Podcasts unterhalten sich Stefan Niggemeier und Sascha Lobo. Meine Lieblingsfolge ist die Nummer drei (von insgesamt vier, mit Abständen, die immer größer werden) „Mehr Ächtung wagen“, in der die beiden über den „richtigen“ journalistischen Umgang mit der AfD diskutieren. Sehr gute Gedanken, zwei unterschiedliche Herangehensweisen an das Thema, die gerade dadurch besonders sichtbar werden, dass die zwei sich im Gespräch ganz schön im Kreis drehen.

Reihen

Böll Spezial: Themenreihen der Heinrich-Böll-Stiftung, mich hat besonders das aktuelle über Digitalen Wahlkampf interessiert, von Social Bots bis Microtargeting.

New Work: Zehnteilige Serie bei Deutschlandradio Kultur: Inga Höltmann gibt Einblicke in die durch Digitalisierung geprägte Arbeitswelt und spricht mit Menschen, die neue Modelle erproben oder die Entwicklungen analysieren – von digitalen Nomaden über Personalberaterinnen für Jobsharing bis hin zu Experten für digitale Führungsmodelle.

Wer selbst suchen möchte: Es gibt die Podcast-Suchmaschine fyyd, noch in der Beta-Phase, in der sich nach Stichworten und einzelnen Gebieten wie Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur suchen lässt. Auf der Seite Wissenschaftspodcasts.de kuratiert ein Team von Wissenschaftspodcaster*innen das Angebot aus dem Bereich Wissen und Wissenschaft.

In Zukunft möchte ich meine Fühler noch in Richtung USA ausstrecken. Dort spielen Podcasts eine viel wichtigere Rolle als bei uns  – sicher auch deshalb, weil es kein so umfangreiches Angebot an öffentlich-rechtlichen Sendern gibt. Darauf neugierig gemacht hat mich übrigens die aktuelle Folge von Frequenz 4000, in der Christian Conradi mit der Produzentin, Reporterin und Journalistin Luisa Beck über die US-Podcastszene und Unterschiede zu Deutschland spricht. Frequenz 4000 ist der Meta-Podcast von Viertausendhertz, in dem die Gründer*innen des Labels berichten, wie es ist, ein Podcast-Label zu betreiben und weiterzuentwickeln.

Was andere empfehlen

Die Journalistin und Bloggerin Eva Schulz hat ein paar gute Fundstücke in ihrer Blogroll, die vor allem englischsprachige Podcasts enthält – ihr verdanke ich den Hinweis auf den Mutti-Podcast.

„Diese Podcasts sollten Sie hören“ – findet die Süddeutsche Zeitung, mit 50 Podcast-Tipps zum Sommer 2016, sortiert nach Themenbereichen

5 empfehlenswerte Literaturpodcasts aus dem Blog Literaturtourismus (April 2016)

 

 

Warum „Schmalbart“ unterstützen: Netzwerk für den fairen, offenen, kritischen Diskurs

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Ende November vergangenen Jahres hatte Christoph Kappes, Digitalexperte und Publizist, in einer öffentlichen Einladung zur Unterstützung eines Projekts aufgerufen: Angesichts der durchaus realistischen Befürchtung, dass das US-rechtspopulistische Online-Magazin „Breitbart News Network“ einen Ableger für Deutschland plant, wollte er eine Art „Breitbart-Watch“ ins Leben rufen, dem Portal auf die Finger schauen und Gegenstimmen laut werden lassen, wenn Tatsachen bewusst verfälscht, rechte Ideologien transportiert oder Menschen diskriminiert und in ihrer Würde verletzt werden.

Diese Einladung stieß bei mir auf ein Bedürfnis, das im letzten Jahr mit der sichtbaren Ausweitung populistischer Strömungen im öffentlichen Diskurs stetig gewachsen ist. Auch andere nannten es so oder anders als ihr Motiv, bei Schmalbart mitzumachen: Aktiv werden, konkret etwas dagegen unternehmen, dass Hetze, Pöbeleien und das Verdrehen von Fakten nicht mehr die Ausnahme, sondern mehr und mehr zur Normalität werden und den freien öffentlichen Diskurs immer mehr gefährden. Einer Stimmung entgegenwirken, in der er es plötzlich für bestimmte Menschen akzeptabel sein kann, dass Grundwerte wie Menschenwürde und Solidarität, Vielfalt und Toleranz gegenüber Andersdenkenden mit den Füßen getreten werden und man sich dessen nicht einmal mehr schämt.

Ich habe das Projekt zunächst nur passiv verfolgen können und war angetan davon, wie viele Menschen sich in kurzer Zeit schon gesammelt hatten, wie aktiv und konkret sie das Anliegen verfolgten.

Bei einem Auftakt-Barcamp Mitte Januar in Berlin stand schon eine Website, eine erste finanzielle Unterstützung durch Spenden, konkrete Projekte, denen man sich anschließen konnte, unter anderem eine Online-Datenbank zum Factcheck, Datenvisualisierungen, Gesprächsregeln für Diskussionen in Social-Media oder ein Ansatz zur Förderung der Medienkompetenz in der Schule.

Das Treffen im realen Leben mit den Menschen, die sich um „Schmalbart“ sammeln, hat mich noch einmal bestätigt, hier genau richtig zu sein. Mich hat die reflektierte Herangehensweise genauso überzeugt wie die unterschiedlichen sozialen und auch politischen Milieus, die sich hier in den rund 100 Menschen repräsentierten – „queer beet im demokratischen Spektrum“, wie Christoph Kappes es formulierte. Vielversprechend fand ich auch, dass sich einzelne Initiativen hier vorstellten, die schon in ähnlicher Mission unterwegs sind – wenn Schmalbart Vernetzung leisten kann, so wird das ein Gewinn.

Vor allem aber teile ich den grundsätzlichen Ansatz der Schmalbart-Aktivist*innen: für eine freie, offene, pluralistische und diverse Gesellschaft zu kämpfen, indem wir der sachlichen Debatte wieder mehr Raum verschaffen, den Austausch von Argumenten stärken und gegenseitige Anfeindungen unterlassen. Klar ist dabei allen: Das erfordert vor allem die kritische Selbstbeobachtung. Wer Menschen von den Rändern des politischen Diskurses holen will, darf nicht dazu beitragen, dass diese sich in Schmuddelecken zurückziehen und dort in Gemeinschaft auch irgendwann ganz wohl fühlen können.

Mit dem Barcamp als erstem öffentlichen Auftritt verbunden waren Interviews von Christoph Kappes in klassischen Medien. Auf  Twitter folgte der Versuch, das lose Netzwerk in eine Ecke zu drängen. „Linksversiffte Gutmenschen“, das ist so der ungefähr größte gemeinsame Nenner der höhnischen Kommentare auf Social-Media-Kanälen. Die Medien, in denen Berichte und Interviews erschienen, waren, wenn natürlich auf ganz anderem Niveau, ebenfalls um eine Ein- oder Zuordnung bemüht. „200 Journalisten“ hätten sich unter Schmalbart gefunden, hieß es am Vortag des Barcamps bei detector.fm – zum Glück ist das Spektrum viel breiter: Es sind unter anderen einige Leute dabei, die viel von Technik/Programmierung wissen, von strategischer Kommunikationsplanung, Agenda-Setting und -Monitoring, Soziologen, die mit Statistiken umgehen können, und auch Expert*innen für Fundraising und Rhetorik. „Kommunikationsexpert*innen“ wäre die wohl bessere Klammer, die die Schmalbart-Menschen einigermaßen beschreibt.

Die Frage nach der Finanzierung, die Journalist*innen aber auch diverse „kritische Stimmen“ immer wieder stellten, offenbarte die Vorstellung, es gebe jemanden, der „dahintersteckt“. Gibt es nicht. Es gibt mit Christoph Kappes einen engagierten, gut vernetzten Initiator, der den Anstoß gegeben hat, Leute zusammentrommelt und dem man für sein Engagement zunächst einmal nur danken und ihn auch dafür bewundern kann. Es hat sich um ihn ein Kreis von Aktiven gefunden, die sich ebenfalls in beachtenswerter Weise ehrenamtlich engagieren. Erste Spenden von vielen einzelnen Menschen können verbucht werden, die die gute Idee unterstützen möchten.

Und sehr wichtig: Es wurden ein grundsätzlicher Konsens über gemeinsame Werte und erste Ansätze für eine Strategie formuliert, genauso wie ein klares Ziel: eine frei, pluralistische und diverse Gesellschaft, die für sachliche Debatten Raum schafft und den Austausch verschiedener Meinungen fördert, die zu demokratischer Teilhabe motiviert und diese möglich macht.

Irgendwo habe ich gelesen, dass es ja noch gar nicht sicher sei, ob es wirklich einen deutschen Ableger von Breitbart geben werde. Ich habe nicht den Eindruck, dass damit die Arbeit von Schmalbart hinfällig würde, denn Breitbart in Deutschland wäre ja nur eine Eskalationsstufe einer Entwicklung, die jetzt schon seit langem in vollem Gang ist, ihre Auswüchse zeigt und gegen die das Projekt ankämpfen will.

Wie geht es nun weiter und was kann jede/r Einzelne/r tun?

Es steht sicher noch ein gutes Stück Arbeit an, bis das Projekt so handlungsfähig ist, wie es wünschenswert ist. Es wird weiteren Austausch über das Selbstverständnis geben, über die Organisationsform, über die Finanzierung und eine kontinuierliche Überprüfung, ob man den gestellten Ansprüchen auch selbst genügt – jeder für sich wie die Organisation als Ganzes.

Ich selbst habe meine konkrete Rolle bei Schmalbart noch nicht gefunden und frage mich, wie ich ein Engagement mit dem in Einklang bringen könnte, was sonst noch so ansteht im Leben – wohl die größte Herausforderung für alle Beteiligten, vor allem, wenn es um eine langfristige Perspektive geht.

Aber das wird mich nicht und sollte auch niemanden anderen davon abhalten, das Projekt zu verfolgen, seinen Platz darin zu suchen und auch die niedrigschwelligen Möglichkeiten zu nutzen, dabei zu sein:

  • eine Spende, die hilft, Strukturen aufzubauen, die eine kontinuierliche Arbeit ermöglichen
  • die Arbeit von Schmalbart über die Social-Media Kanäle verfolgen, sich auf dem Laufenden halten
  • dafür sorgen, dass die Botschaften und Kommentare von Schmalbart im Netz eine stärkere Stimme bekommen, sie liken, teilen
  • anderen von Schmalbart erzählen, für die das Projekt interessant sein könnte: vielleicht ist ihre Kompetenz gefragt, vielleicht haben sie Kapazitäten frei
  • die Grundidee von Schmalbart leben, in Diskussionen auf Angriffe gegenüber Andersdenkende verzichten, auf den sachlichen Austausch pochen, sich informieren und Gerüchten und Falschmeldungen mit Fakten kontern

Wer noch nicht so viel von Schmalbart weiß, findet in den Berichten über das Projekt weitere Informationen:

  • Die Deutsche Welle begleitet das Projekt mit einer Serie. Erschienen sind bislang Teil eins und Teil zwei.
  • Ein Interview mit Christoph Kappes im Deutschlandfunk.
  • Ein Beitrag in der Rubrik 10 nach 8 bei ZEIT online von Caroline Kraft

Über diese Kanäle kann man Schmalbart folgen:

#insidefacebook: Wem gehört die Story?

Die Ankündigung des SZ-Magazins vom heutigen Freitag hat den Tech-Blogger Sascha Pallenberg von Mobilegeeks in Rage versetzt:

„Die Titelgeschichte des SZ-Magazins (€-Link) ist der erste Einblick in das verschwiegene Geschäft der Facebook-Content-Moderatoren in Berlin“.

Was Pallenberg so wütend macht: Er selbst hatte bereits vor drei Wochen über das Facebook-Löschteam berichtet. Und schließt daraus: Die SZ-Geschichte verkaufe Einblicke, die gar nicht exklusiv seien. Er habe sich zumindest eine Erwähnung in dem Longread aus dem SZ-Magazin und auf sueddeutsche.de gewünscht, sagt er, und spricht von „Story-Klau“. Am Ende seines Beitrags fordert er Leser*innen dazu auf, den Hashtag #insidefacebook zu „kapern“, auf sein Posting zu verlinken und die eigene Meinung dazu zu äußern, was man vom Umgang der Süddeutschen mit der Geschichte halte.

Der Vorfall sagt viel über das Verhältnis zwischen Bloggern und klassischen Medien aus, die immer wieder als feindliche Lager inszeniert werden oder sich selbst so präsentieren – wie hier. Beide Seiten tragen dazu bei, und vielleicht würde es einfach helfen, wenn man sich gegenseitig mehr in seinen jeweiligen Rollen sehen und schätzen könnte.

Einige Punkte, die mir zu der Geschichte eingefallen sind, bzw. Fragen, die ich mir gestellt habe:

  • Da die beiden Autoren des SZ-Magazins den Beitrag von Sascha Pallenberg offensichtlich kannten, ist mir nicht verständlich, warum sie nicht darauf verwiesen haben. Für mich als Leserin zählt übrigens nicht, wer die Geschichte zuerst „gehabt“ hat, sondern was die Autoren jeweils dazu zu erzählen haben. Hier waren es unterschiedliche Ansätze, beide wichtig.
  • Was war an der Geschichte exklusiv? Die SZ schreibt von der „Exklusiv-Recherche“ – tatsächlich aber waren es die Facebook-Regeln zum Löschen von Beiträgen, die nach Angaben der Autoren nur ihnen vorlagen. Recherchiert haben mehrere.
  • Welches Verständnis von Eigentum an Geschichten offenbart es, wenn Sascha Pallenberg von „Story-Klau“ spricht und dieser Begriff nun im Netz die Runde macht? Widerspricht der Blogger sich in dieser Anschuldigung nicht selbst schon im eigenen Text, wo er zu Recht darauf hinweist, dass die Information über Arvarto als Löschkolonne für Facebook schon Anfang des Jahres bekannt war, also auch vor seinem Beitrag? Dass auch über die psychischen Belastungen schon zu hören war – am Beispiel von Kommentarreinigern auf den Philippinen? Man sollte mit solchen Ausdrücken vorsichtig umgehen – mich erinnert dieser an den Begriff vom „geistigen Eigentum“ in der leidigen Urheberrechtsdebatte.
  • Hätte die ganze Sache nicht auch ein gutes Beispiel dafür werden können, wie Blogger und Journalisten zusammenarbeiten und sich ergänzen? Sascha Pallenberg hat ein Thema aufgegriffen, das wichtig ist, uns betrifft, die wir uns auf Social-Media-Kanälen bewegen, und das auch den politisch Verantwortlichen bewusst sein sollte. Aber: Sein Beitrag hat bis heute noch keine größeren Kreise gezogen (was sich gerade ändert durch seinen Rant…). Es ist für mich auch fraglich, ob die Aussagen eines einzelnen Ex-Mitarbeiters von Arvarto ausreichen, um wirklich größeren Wind in die Sache zu bringen. Die SZ-Autoren hatten mit der Süddeutschen im Hintergrund andere Möglichkeiten für die Recherche und auch Verbreitung: Sie konnten länger und intensiver recherchieren, haben gleich mehrere Mitarbeiter*innen, aktuelle wie gekündigte, befragen können, und auch Stellungnahmen von den Unternehmen Arvarto und Facebook eingeholt. Im Zweifelsfall hätten sie den Rechtsbeistand einer juristischen Abteilung hinter sich gehabt – bei dem Thema nicht ganz unwichtig. Wenn es rein um die Aufklärung geht, dann hat es der Sache gut getan, dass die SZ das Thema aufgegriffen hat.
  • Ist es angemessen, der Süddeutschen vorzuwerfen, dass sie ihre Zeitungen verkaufen will? „Exklusiv ist sowas von 60er Jahre, ausser… ja ausser du arbeitest bei der Sueddeutschen Zeitung, denn da muss man noch ordentlich für die Auflage trommeln. Schließlich kennen die Zahlen seit Jahren nur noch eine Richtung“ (dazu Abbildung eines Säulendiagramm, das sinkende Absätze zeigt).
    Ich bin froh um jedes Qualitätsmedium, dem es gelingt, ein funktionierendes Geschäftsmodell zu entwickeln. Dass man einige Instrumente dabei hinterfragen kann, sei dahingestellt. Das „Exklusiv“-Label, da gebe ich Pallenberg wiederum Recht, ist überholt, mir ist bei dem Thema die Ankündigung auch eher unangenehm aufgefallen. Wenn es den Verkauf aber hebt, würde ich es trotzdem hinnehmen, weil ich ein Interesse am Fortbestand von Medien wie der Süddeutschen habe.
  • Und zum Schluss: Hilft der Ton, den Sascha Pallenberg in seinem Rant anschlägt, wirklich weiter, das Verhältnis zwischen Bloggern und Journalisten zu verbessern? Wohl nicht. Er könnte sich an seine eigene Empfehlung erinnern, die er in seinem ersten Beitrag ausgesprochen hatte, als er um mehr Verständnis gegenüber den Facebook-Mitarbeitern bat: „Generell die Betriebstemperatur ein wenig herunterfahren“.

    „Und wenn ihr mir darüber hinaus noch einen Gefallen tun wollt: Versucht, zu einem besseren Klima beizutragen.“

Die Kritik an der Aufmachung des SZ-Beitrags hat leider von seinem eigentlichen Inhalt und auch von dem des Textes bei Mobilegeeks abgelenkt – was schade ist. Denn eigentlich haben ja alle Autoren ein gemeinsames Anliegen. Und eigentlich könnte ein kollaboratives Arbeiten zwischen Bloggern und Journalisten bereichernd sein – dass es hier nicht funktioniert hat, dazu haben aus meiner Sicht beide Seiten beigetragen.

Wie es besser funktionieren könnte, zeigt Max Hoppenstedt von Motherboard Deutschland: Er nennt und verlinkt beide Beiträge, nimmt die Recherchen auf und geht einen nächsten Schritt, wenn er fragt, was höher gestellte Arvarto-Mitarbeiter zu den Berichten sagen. So entwickelt sich eine Geschichte weiter, die übrigens jetzt auch von anderen Medien aufgegriffen wird – in der Zusammenarbeit von Bloggern und Journalisten.

Update 17.12.: Sascha Pallenberg hat mich gerade auf Twitter darauf hingewiesen, dass er sich seit Jahren für das bessere Verhältnis zwischen Bloggern und klassischen Medien stark macht und jetzt einfach mal einen Rant loswerden wollte.

Den Impuls kann ich nachvollziehen, glaube aber dennoch nicht, dass diese Form des „draufhauen“ hilft. Hier ein Beitrag aus 2012, auf den er mich aufmerksam gemacht hat.

Gegen die „Digitale Paranoia“ – oder wie wir mit dem Internet leben wollen

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17.1., aktueller Terminhinweis: Am Dienstag, den 7.2., 18.30 Uhr, moderiere ich eine Lesung mit Gespräch mit Jan Kalbitzer in den Hamburger Bücherhallen in der Zentralbibliothek. Es wird sicher auch um die Experimente im Buch gehen, von denen ich inzwischen erste getestet habe. Die Veranstaltung ist für alle offen.


„Kein Arzt, kein Wissenschaftler kann derzeit eine seriöse Aussage darüber treffen, wie das Leben mit den digitalen Medien uns beeinflusst“.

Mit dieser Aussage zitieren Kerstin Kullmann und Hilmar Schmundt den Psychiater Jan Kalbitzer im SPIEGEL-Interview (Print- Ausgabe 38/2016). Die Studien seien zu undifferenziert, sagt der Wissenschaftler, und man müsse zuerst fragen, was die Menschen im Internet machten, bevor man bewerte, dass sie zu viel Zeit darin verbrächten. Psychiater, so seine Einschätzung, hätten in der „großen, gesellschaftlichen Debatte, wie wir gemeinsam leben möchten (…) kein Anrecht auf Expertenstatus.“

Es waren diese Sätze, die mich neugierig auf das Buch gemacht haben, weil sie sich auf angenehm differenzierte Art von dem abheben, was in letzter Zeit so oft zu hören ist, wenn Mediziner, Psychologen oder Psychiater uns vor den negativen Auswirkungen des Internets warnen. Die sich daraus entwickelnde Haltung in unserer Gesellschaft ist das, was Kalbitzer als „digitale Paranoia“ bezeichnet: das übermäßige Misstrauen gegenüber dem Internet.

Es ist überfällig, dass sich endlich einmal ein Psychiater zu der vermeintlichen Internetsucht äußert, die in letzter Zeit populistisch durch die Medien getragen wird. So war zum Beispiel im letzten Jahr in bundesweit von einer Studie zu lesen, in der ein Hamburger Wissenschaftler Alarm schlug: „Fünf Prozent aller Kinder sind internetsüchtig“, behauptet er. Die Zahlen basierten auf einer repräsentativen Befragung von 1000 Eltern!

Kalbitzer geht hart ins Gericht mit diesen Experten, die umso vehementer vor dem Internet warnen, je weniger sie davon wissen. Anders als viele seiner Kolleg*innen sieht er, dass Angstmache zu keiner Lösung führt. Stattdessen plädiert er dafür, unser Verhalten im Netz zu beobachten, zu verstehen, als Folge davon vielleicht auch zu ändern. Als Psychiater gehört Kalbitzer mit seiner Sicht auf das Netz zu den Ausnahmen seiner Zunft, keineswegs aber zu den Netz-Euphorikern. Er verschweigt nicht, dass auch er Anlass zur Sorge sieht, weil die grundsätzlich positiven Potenziale des Netzes eben „Nebenwirkungen“ zeigten – unter anderem den Verlust der Privatsphäre und der Kontrolle über unsere Daten. Mit seinem Buch möchte er verhindern, dass aus diesen Nebenwirkungen irrationale Ängste entstehen.

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Mit einem psychiatrischen Blick auf die Welt des Digitalen will ich unserer digitalen Paranoia, unserem irrationalen Verhältnis zur Technik Internet, die Möglichkeit eines reflektierten Umgangs gegenüberstellen. (S.17)

Zwölf Experimente schlägt Kalbitzer vor, die uns genau zu diesem reflektierten Umgang führen sollen. Hier fand ich das Buch schwach: Sie haben mich nicht wirklich überzeugt. Vielleicht gehöre ich nicht zur Zielgruppe. Ich halte allerdings auch einige Hoffnungen, die Kalbitzer mit diesen Versuchsanleitungen verbindet, für unrealistisch. So ist ein eigenes Netzwerk über ein Open-Source-Angebot aufzubauen keine wirkliche Alternative zu Facebook, wenn Menschen dort einen wichtigen Raum für Information und Austausch gefunden haben, den sie vielleicht auch beruflich nutzen. In einem anderen Experiment will Kalbitzer Verschwörungstheoretiker durch Befreiung aus ihrer Filterblase und ein offenes, zugewandtes Gespräch „in die aufgeklärte demokratische Gesellschaft“ integrieren. Verschwörungstheoretiker sind aber nicht erst als Opfer der Filterblase auf ihre absurden Ideen gekommen – sie haben hier nur gute Möglichkeiten gefunden, sie zu verbreiten.

Die Experimente überzeugen mich auch deshalb nicht, weil in den Anleitungen immer wieder ein Dualismus von Realität und virtueller Welt zu Grunde gelegt wird. Der Kulturwissenschaftler Philippe Wampfler hat in einem Blogbeitrag einmal sehr gut auf den Punkt gebracht, warum das nicht weiter führt: „Wir können ‚das Reale’ nicht länger als Gegensatz zu „Online“ denken, zitiert er. Beides bedinge sich gegenseitig. Kalbitzer jedoch bestärkt diesen Gegensatz: Die Umgangsformen, an die wir uns im realen Leben hielten, seien über Jahrtausende kultiviert. Im Netz dagegen seien diese Umgangsformen nur rudimentär existent, und man müsse „Rituale und Übereinkünfte wieder etwas mehr der Realität außerhalb des Internets annähern“. Das ist aus der Sicht und Lebenswelt eines kultivierten Menschen gedacht. Es gibt aber natürlich auch Rituale und Übereinkünfte im realen Leben, zu beobachten etwa bei Volksfesten und manchmal auch bei Fußballspielen, von denen man sich nur wünschen kann, dass man ihnen im Netz nicht auch noch begegnen muss. Und vieles, was uns im Internet irritiert, ist eigentlich nur ein Abbild dessen, was auch im realen Leben passiert – hier aber sichtbar wird.

Abgesehen davon beschreibt Kalbitzer sehr gut die Umbruchsituation, in der wir uns bewegen: Viele Fragen sind noch nicht geklärt, wenn es darum geht, wie wir mit dem Internet leben wollen.

In der Tat sind wir von den Veränderungen, die die Digitalisierung in den letzten 20 Jahren ausgelöst hat, quasi überrollt worden. Um einen Umgang damit zu finden, müssen wir uns im Netz selbst beobachten und anderen zusehen, wir müssen experimentieren. Wir müssen vor allem auch eine Diskussion über Grundwerte führen und uns gemeinsam fragen, wie wir diese in einer Gesellschaft gewährleisten wollen, in der das Netz neue Bedingungen für die Kommunikation und unser Zusammenleben geschaffen hat.

Kalbitzer beschreibt, wie das Internet Grenzen auflöst, die uns in der Vergangenheit eine Stütze und Orientierung gegeben haben. Diese neue Grenzenlosigkeit bietet einerseits die Möglichkeit, auf alles von überall jederzeit Zugriff zu haben. Andererseits fordert genau das ein hohes Maß an Selbstregulation, die nicht jeder aus eigener Kraft aufbringen kann oder – wie Kinder – dabei zumindest intensive Begleitung braucht. Kalbitzers Hinweise an Eltern sind gut und greifen das auf, was die besseren pädagogischen Ratgeber empfehlen: Die Kinder begleiten, mitmachen, sich informieren, was sie fasziniert.

Es gibt aber auch Situationen, in denen Einzelne die notwendigen Grenzen nicht mehr alleine setzen können – hier sind wir als Gemeinschaft gefragt, auch darauf verweist Kalbitzer in einer grundsätzlich optimistischen Haltung. Der Schutz vor Hatespeech etwa ist eine Herausforderung, mit der Betroffene ab einem gewissen Punkt überfordert sind. Sehr eindrucksvoll hat das kürzlich Anne Matuschek in einem Gastbeitrag für die Süddeutsche beschrieben. Sie hatte sich nach heftigen Anfeindungen und Bedrohungen von der Plattform Twitter zurückgezogen. Um Einzelne zu schützen, sind auch die Betreiber von Plattformen dafür verantwortlich, die Grenzen zu setzen und dafür zu sorgen, dass sich Menschen frei und ohne Angst in den Netzwerken bewegen können.

Ob das Buch wirklich helfen kann, eine vermeintliche digitale Paranoia zu überwinden, vermag ich nicht zu sagen. Viele Fragen, die wohl auch in der Forschung noch eine Rolle spielen werden, bleiben offen, und sicher müssen die Diskussionen darüber, wie wir im und mit dem Netz leben wollen, fortgesetzt und in weiteren Dimensionen geführt werden. Kalbitzer, der am Institut für Internet und seelische Gesundheit in Berlin an der Charité forscht, lädt dazu explizit ein: Er beschreibt sein Buch als „Essenz der spannenden Anfangszeit dieses Projekts“, das er im Netzwerk mit ganz unterschiedlichen Menschen betreibt – vor allem aber auch als Einladung an seine Leser*innen, sich an der Diskussion zu beteiligen.

„Digitale Paranoia – Online bleiben, ohne den Verstand zu verlieren“ von Jan Kalbitzer, C. H. Beck, München, 208 Seiten, 16,95 Euro. Auf der Verlagsseite gibt es eine Leseprobe.

Weitere Rezensionen:

  • Spiegel Online, 19.9.2016: „Digitale Paranoia“ von Jan Kalbitzer: Warum uns das Internet Angst einjagt. Von Angela Gruber
  • FAS, 9.9.2016: Digitaler Stress. Wir finden kaum inneren Abstand. Von Karen Krüger

Eine gute Zusammenfassung der Gedanken aus dem Buch auch im Interview mit Jan Kalbitzer bei WDR 5 aus der Reihe „Neugier genügt – Freifläche“ (29.6.2016)

Diskussion ohne Ende: Journalismus und PR.

160820_Journalisten_PR_PlakatBei der letzten Jahrestagung des Netzwerks Recherche Anfang Juli ging es in einer Diskussion (mal wieder) darum, ob der Paragraph 5 des Kodex des Vereins: „Journalisten machen keine PR“ eigentlich noch zeitgemäß sei (hier die aktuelle Fassung, die beschlossen wurde und nicht mehr durchnummeriert ist). Hamburger Studierende hatten sich zeitgemäße Vorgaben gewünscht und einen Gegenentwurf ausgearbeitet. Der entscheidende Satz sollte danach lauten: „Journalisten sollen keine PR machen müssen.“ Aus meiner Sicht eine sinnvolle Änderung, weil deutlich wird, dass es nicht nur im Entscheidungsbereich des Einzelnen liegt, zwischen PR und Journalismus einen sichtbaren Unterschied zu machen. Der Satz wurde jedoch in seiner alten Form beibehalten.

Lange Zeit habe ich den ursprünglichen Paragraphen in Diskussionen verteidigt. Ich habe die Forderung in ihrer Radikalität grundsätzlich unterstützt, denn ich war und bin mehr denn je für eine möglichst klare Trennung von PR und Journalismus. Aus meiner Sicht profitieren davon beide Seiten. Der Satz formuliert ein Leitbild, ein Ideal – das betont auch Netzwerk Recherche.

Aber sind die Grenzen zwischen PR und Journalismus eigentlich noch so eindeutig, dass die Forderung überhaupt Bestand haben könnte? Oder erwartet man von einzelnen Akteur*innen, was in den Strukturen beider Systeme längst schon nicht mehr funktioniert? Ist es richtig, die Trennung von PR und Journalismus an einzelnen Menschen festzumachen – oder ist es nicht auch hier so, dass es kein richtiges Leben im falschen geben kann?

Zwei Punkte für die Debatte

  1. Was verstehen die, die diesen Punkt des Kodex verteidigen, unter PR?
  2. Wie sieht es aus, wenn Journalist*innen PR machen?

Zum ersten Punkt erklärt Julia Stein, NDR-Journalistin und Vorsitzende des Netzwerks Recherche, im Interview mit dem Medienmagazin Zapp, warum PR und Journalismus für sie in einer Person nicht vereinbar sind:

„Die einen sind auf der Suche nach der Wahrheit und die anderen verführen eher, um eine bestimmte Information irgendwo unterzubringen.“
Julia Stein, Vorsitzende Netzwerk Recherche

Und das geht natürlich nicht zusammen – wenn die Dinge denn so klar zu trennen wären. Die Abgrenzung ist hier recht eindeutig: Das „Gute“ – nicht weniger als „die Wahrheit“ – wird der Kunst der „Verführung“ gegenübergestellt. Da schwingen das Unseriöse und unlautere Methoden im Unterton gleich mit.

Damit lässt sich ein Teil von PR-Aktivitäten wohl auch beschreiben. Es ist vermutlich diese Art von PR, die insbesondere Journalist*innen vor Augen haben, die sich weniger intensiv damit beschäftigen, wie PR funktioniert.

Was aber, wenn die Beschreibung das umfassende Phänomen PR gar nicht trifft? Wenn auch PR-Menschen sich wie Journalist*innen verhalten, gar nicht verführen, sondern seriös und neutral berichten – und dabei dennoch interessensgeleitet kommunizieren? Es ist dann zunächst einmal noch schwieriger, PR und Journalismus auseinanderzuhalten, und zwar nicht nur für die Rezipient*innen, sondern auch für die Journalist*innen selbst.

Julia Stein wird wohl von sich behaupten, dem Paragraphen zu folgen. Dabei macht auch sie PR. Sie spricht im Interview als Vorsitzende für das Netzwerk Recherche, also für eine Interessensorganisation. Sie verteidigt im TV-Beitrag ihres Journalisten-Kollegen eine umstrittene Position, für die das Netzwerk sich stark macht. Ihre Kommunikation in diesem Zusammenhang ist interessensgeleitet, und dabei spielt es zunächst keine Rolle, dass dieses Interesse aus journalistischer Sicht eher nachvollziehbar und verdienstvoller erscheint als etwa die Gewinnmaximierung eines Pharma-Konzerns. Genauso irrelevant ist es, dass sie für ihr Engagement nicht bezahlt wird. Wichtig ist aber: Es wird deutlich, in welcher Funktion sie spricht, im Insert des Beitrags wird sie nicht als Journalistin, sondern als Vorsitzende des Netzwerks Recherche vorgestellt.

NDR_ZAPP_Beitrag

Freie Journalist*innen in der Kritik

Das Zugeständnis, dass man auch als Journalist*in in durchaus verschiedenen Rollen öffentlich auftreten kann, fällt Freien gegenüber offenbar schwerer. Bei den Diskussionen scheint es oft so, als richte sich die Forderung vor allem an sie – weil die sich auch am häufigsten dagegen wehren. Immer mehr übernehmen PR-Aufträge parallel zu ihrer journalistischen Tätigkeit, um bei der schlechten Bezahlung der journalistischen Arbeit ihren Lebensunterhalt überhaupt noch finanzieren zu können. In der Diskussion bei Netzwerk Recherche wurde ihnen empfohlen, andere Jobs anzunehmen.

„Warum muss es ausgerechnet PR sein? Kann man nicht putzen oder kellnern?“
Tom Schimmeck, Netzwerk Recherche

Mal abgesehen davon, dass das in den Ohren von hochqualifizierten und vielfach unterbezahlten Journalist*innen nur zynisch klingen kann: Ich hoffe, man hat in diesem Zusammenhang auch darüber gesprochen, ob bei einem Festhalten am Punkt 5 des Kodex nicht parallel ergänzt werden sollte: Verlage und andere Arbeitgeber im Journalismus bezahlen freie Mitarbeiter*innen angemessen ihrer Ausbildung und ihres Aufwands.

Aber das Problem der Abgrenzung von PR und Journalismus betrifft ja nicht nur freie Journalist*innen. Auch Festangestellte machen PR – nur ist das nicht immer so offensichtlich. Weitere Beispiele:

  • Zum 20. Geburtstag von tagesschau.de berichtet das Online-Nachrichtenportal in diesem Sommer umfangreich über seine eigene Geschichte. Auch in den Nachrichtensendungen im Fernsehen erscheinen Beiträge. Ein klassischer Fall von Jubiläums-PR, umgesetzt von den ARD-Journalist*innen. Vier Beiträge zum Thema erscheinen auf der Startseite von tagesschau.de am Geburtstag.

    Es ist durchaus kein Einzelfall, dass die ARD und auch das ZDF ihre eigenen Kanäle für Eigen-PR nutzen. Und es sind die bei den Anstalten angestellten Journalist*innen, die diese umsetzen und den Platz im Programm dafür einplanen – in einem Umfang, den man einem Jubiläum in anderen Fällen niemals zugestehen würde.

  • Ein weites Feld sind die Beilagen, die Zeitungen produzieren, um für Anzeigenkunden ein „redaktionelles Umfeld“ zu schaffen. Auch hier sind die Grenzen zwischen PR und Journalismus fließend, umso mehr, wenn die Inhalte von Journalist*innen produziert werden, die auch den journalistischen Teil des Mediums verantworten – was immer wieder vorkommt.
  • Journalisten machen regelmäßig PR für eigene Bücher, Veranstaltungen, bei denen sie auftreten, oder für ihre Seminare – unter anderem über ihre Social-Media-Kanäle. Vermutlich schicken sie als Autor*innen auch Rezensionsexemplare an Kolleg*innen – und unterstützen damit aus eigenem Interesse die Buch-PR des Verlags. Das ist verständlich, grundsätzlich nicht verwerflich – aber es ist eben PR. Viele weisen deshalb mit einem Disclaimer darauf hin: „In eigener Sache“.
  • Fest angestellte Journalist*innen moderieren Diskussionsrunden oder Veranstaltungen, mit denen ein Auftraggeber sich in der Öffentlichkeit positioniert. Die Veranstalter profitieren vom bekannten Namen des Moderators/der Moderatorin sowie von der Seriosität des Mediums, für das sie oder er arbeitet.

Wer macht hier PR?

Auf einer höheren Ebene greifen die Systeme längst ineinander. Advertorials gehören seit Ewigkeiten zum festen Geschäftsmodell von Verlagen – sie werden im besten Fall gekennzeichnet, erscheinen aber in einem journalistischen Medium, das ein Chefredakteur oder eine Chefredakteurin verantwortet. Alle größeren Medienhäuser haben inzwischen ihre eigene Corporate Publishing Agenturen gegründet, die von der Stärke und Strahlkraft der journalistischen Marke profitieren: zum Beispiel Gruner + Jahr, der Süddeutsche Verlag und auch der ZEIT-Verlag. Sie holen sich ihren Teil des großen Kuchens Content Marketing, das der Autor einer Studie der Otto-Brenner-Stiftung, Lutz Frühbrodt, als „Sargnagel des Journalismus“ bezeichnet. Kann man da freien Journalist*innen als Kleinstunternehmen vorhalten, dass sie neben journalistischen auch PR-Auftraggeber zu ihren Kunden zählen? Und so konsequent die Trennung aus journalistischer Sicht sicherlich ist: Ist es nicht auch schräg, wenn der ZEIT-Verlag mit seinem Jugendmagazin ze.tt über Native Advertising Geld verdient, aber freie Journalist*innen, die die Beiträge produzieren, deshalb nicht für DIE ZEIT als Journalist*innen schreiben dürfen?

Die entscheidende Frage ist wohl weniger, ob Journalist*innen PR machen, sondern eher, wie sie es machen. Hier ist Transparenz das entscheidende Kriterium. Sie garantiert, dass ich als Leser/in oder Zuschauer/in erkennen kann, ob ein Beitrag journalistisch ausgerichtet ist und zum Ziel hat, möglichst objektiv zu informieren, oder aus einer interessensgeleiteten Position heraus veröffentlicht wird. Im besten Fall halten sich beide Seiten daran, das klar zu kennzeichnen – Journalismus und PR.

Es erfordert einiges von allen Beteiligten, diese Transparenz immer wieder einzuhalten – vor allem ein klares Bewusstsein über die jeweils eigene Rolle. Viele freie Journalist*innen machen sich intensiv Gedanken darüber, wie sie damit umgehen können und entwickeln eigene Strategien. So schreibt zum Beispiel die Journalistin Silke Burmester unter Pseudonym, wenn sie PR-Aufträge übernimmt, wie sie bei einer zurückliegenden Veranstaltung von Netzwerk Recherche berichtete. Nicht, um ihre PR-Aufträge geheim zu halten – sie macht kein Geheimnis daraus. Sie trennt ihre beiden verschiedenen Rollen und damit klar die PR-Texte von denen, die sie als Journalistin unter ihrem eigenen Namen veröffentlicht. Andere Journalisten berichten, dass sie nicht über Themen schreiben, in deren Umfeld sie PR-Aufträge annehmen. Konsequent ist das kaum einzuhalten, da immer entscheidend ist, wie weit der Begriff „Thema“ zu fassen ist. Unter dieser Vorgabe ist es aber nicht mehr möglich, für journalistische Beiträge beim Medium und beim PR-Auftraggeber doppelt abzukassieren.

Gut, wenn die Diskussion weitergeht

Die Diskussion um die Trennung von PR und Journalismus wird und darf nicht aufhören. Beide Kommunikationssysteme entwickeln sich weiter, rücken näher zusammen. Umso größer muss das gesellschaftliche Interesse sein, dass Autor*innen ihre Position transparent machen und Rezipient*innen nachvollziehen können, wer gerade spricht. Und um es noch einmal klar zu betonen: Es wäre in einem guten Leben für den Journalismus, für die PR und für das Publikum wünschenswert, dass Journalist*innen keine PR machen (müssten).

Am Ende hat es aber gerade deshalb vielleicht auch etwas Gutes, dass das Netzwerk Recherche den Paragraphen 5 nicht ändert, sich auch in Zukunft bestimmt immer wieder Betroffene daran reiben werden und damit das Thema auf der Agenda bleibt.

Mehr dazu:

Prof. Lutz Frühbrot (s.o.) fasst die Diskussion bei der Jahrestagung zum Leitsatz zusammen: Journalisten machen keine PR. Sie gehen putzen.

Das Medienmagazin ZAPP berichtet über die Diskussion – im Interview u.a. die nr-Vorsitzende Julia Stein und die Studentin Daniela Friedrich.

Botox für den Kodex – Alternativentwurf der Hamburger Studierenden mit Kommentaren aus der Diskussion.

Vereinbarkeit im Journalismus

Im Juli hat ein Bericht des Branchendienstes kress bei vielen für Empörung gesorgt: Chefredakteur Bülend Ürük hatte gefragt, ob man eine Redaktion in Teilzeit führen könne. Auslöser seiner „Sorge“ war die Ankündigung der Chefredakteurin des Magazins Grazia, Claudia ten Hoevel, nach der Elternzeit ihren Posten wieder aufnehmen und dabei mehr Zeit mit ihrem Kind verbringen zu wollen. Ich fand den Subtext in dem kress-Text ebenfalls sehr abseitig und habe mich entsprechend auf Twitter geäußert:

Einige Tage später rief Bülend Ürük an und wollte tatsächlich gerne mehr wissen – er bat um einen Gastbeitrag zum Thema. Der erschien am 13. Juli und eröffnete eine Reihe von Meinungstexten verschiedener Autor*innen. Alle sind sich einig, dass sich etwas ändern muss. Verschiedene Aspekte der Debatte um Vereinbarkeit im Journalismus werden aufgegriffen. Hier noch einmal meinen Beitrag, der am 13. Juli erstmals bei kress erschienen ist, darunter Links zu den der anderen Autor*innen.

Ich finde, dass Bülend Ürük produktiv mit der Kritik an seinem Text umgegangen ist. Ob die Debatte irgendetwas bewirkt, möchte ich nicht fragen. Ich wundere mich auf jeden Fall schon länger darüber, dass gerade im Journalismus so viel von dem noch gar nicht geht, was in Spiegel, ZEIT und anderen Medien von Unternehmen vehement gefordert wird.


Wie man eine Redaktion auch in Teilzeit führen könnte

Vergangene Woche erschien auf kress.de ein Bericht über die Chefredakteurin des Lifestyle-Magazins „Grazia“ aus dem Hause Gruner und Jahr. Claudia ten Hoevel hatte nach Rückkehr aus ihrer Elternzeit angekündigt, ihre Position weiter zu behalten und auch ihr Kind noch sehen zu wollen. Wie kress.de heute Mittag meldet, ist ihr Arbeitgeber für solch ein Ansinnen abernoch nicht weit genug: Für die zwölf Monate, in denen ten Hoevel nicht in Vollzeit arbeiten will, darf sie nun als „Herausgeberin und Brand Ambassador“ für „Grazia“ „vermarktungsorientierte Termine“ wahrnehmen. Das klingt nach Abstellgleis. Die Leitung der Redaktion übernimmt der Gründungs-Chefredakteur von Grazia, Klaus Dahm – alleine.

Im Jahr 2016 scheint es also immer noch unvorstellbar, dass man eine Redaktion mit reduzierter Stundenzahl leiten kann. Auch Bülend Ürük, Chefredakteur von kress.de, hatte das hier angezweifelt: „Kann eine Kaufzeitschrift in Teilzeit geführt werden? Oder braucht eine Redaktion doch eine Führungskraft, die mit ganzer Kraft an Bord ist?“

Es gab zu Recht einige harsche Reaktionen darauf, in den Sozialen Netzwerken wie Twitter oder Facebook oder auch unter anderem von Lisa Seelig bei Edition_F. Dass niemand auf die Idee käme, die Führungsfähigkeit eines männlichen Chefredakteurs und jungen Vaters in Frage zu stellen, ist nur der eine Punkt. Dabei lassen doch auch die Väter vermehrt hören, sich mehr Zeit für die Familie nehmen zu wollen. Noch ärgerlicher ist die Unterstellung, eine Teilzeitführungskraft mit Kind sei nicht „mit ganzer Kraft“ an Bord. Sie offenbart überholte Rollenvorstellungen und wenig Vorstellungsvermögen in Bezug auf innovative Führungskonzepte. Es hat sich vielleicht noch nicht herumgesprochen, aber es gibt durchaus Familien, in denen der Mann der Frau „den Rücken frei hält“.

Aber Claudia ten Hoevel wollte ja offenbar mehr – sie möchte, so heißt es bei Bülend Ürük, „ihr Amt behalten, aber mehr Zeit mit ihrem Kind verbringen“. Und so abseitig die Mutmaßungen von Ürük auch herüberkommen – er bringt leider genau die Zweifel zum Ausdruck, die sicher viele Verantwortliche teilen und hinter vorgehaltener Hand auch äußern. Die aktuelle Entscheidung von Gruner und Jahr spricht Bände. Was die „Grazia“-Chefredakteurin da angekündigt hatte, wäre ja gemessen an der Realität in deutschen Medienhäusern tatsächlich eine kleine Revolution gewesen: Führung in Teilzeit. Und beobachtet man den Alltag in den Redaktionen, ist die Frage fast schon wieder berechtigt, ob das eigentlich gut gehen könnte.

Aus eigener Erfahrung: Ja, ich bin fest davon überzeugt, dass Führung in Teilzeit funktioniert und im Hinblick auf die Zukunftsfähigkeit von Verlagen wie Gruner und Jahr auch ein gefragtes Modell sein wird. Wichtig ist, dass die Rahmenbedingungen stimmen.

Dazu gebe ich gerne ein paar Tipps, die auch in anderen fortschrittlichen Unternehmen schon viel möglich gemacht haben:

1. Vereinbarkeit wollen ist nur der Anfang – sie muss im gesamten Unternehmen gelebt werden, und zwar von Männern und Frauen.

2. Job und Familie stellen unterschiedliche, oftmals widersprüchliche Anforderungen an Mütter und Väter, die sich zudem noch verändern. Diese immer wieder auszubalancieren ist machbar, wenn man darüber reden kann.

3. Führungskräfte sind Vorbilder – gerade sie sollten sich für neue Arbeitsmodelle öffnen. Top-Sharing, also die Besetzung einer leitenden Position mit zwei fitten Köpfen, ist eine Alternative zum herkömmlichen Modell.

4. Wer vorausschauend plant, muss nicht immer vor Ort sein, damit der Laden läuft. Wichtig ist, in entscheidenden Situationen für sein Team da zu sein und klare Vorgaben zu machen.

5. Als Führungskraft in Teilzeit muss man delegieren können und dürfen – sonst wird das Modell zum Etikettenschwindel. Schon bevor die Elternzeit beginnt, sollte geprüft werden, welche Aufgaben von Kolleginnen oder Kollegen übernommen werden können – mit genug Zeit für die Übergabe.

6. Lasst das gesamte Team von familienfreundlichen Arbeitszeiten profitieren, auch die Männer – viele Widerstände lösen sich dann in Luft auf. Meetings bis in den späten Abend nerven auch die, die keine Kinder haben.

7. Nutzt die Flexibilität digitaler Kommunikationsmedien – wenn die Mitarbeiter darauf eingespielt sind, lässt sich vieles regeln, ohne dass man face-to-face miteinander spricht.

Nicht zu vergessen ist, dass jede Führungskraft mit Kind noch ein weiteres Team hat, das sich auf die Herausforderungen einlassen muss, nämlich die Familie zuhause, allen voran der Partner oder die Partnerin. Zu diesem Thema empfehle ich das Buch von Stefanie Lohaus (zusammen mit Tobias Scholz), der Chefredakteurin von Missy Magazine: „Papa kann auch stillen„.


Weitere Beiträge bei kress zur Debatte

Ich verlinke, wenn sie dort erschienen sind, auf die Blogs der Autor*innen, weil dort auch jeweils weitere lesenswerte Texte zum Thema Vereinbarkeit zu finden sind.

Robert Franken beschäftigt sich als Berater, Coach, Autor und Speaker mit Themen rund um Digitalität, Diversion und Publishing. In seinem Blog finden sich viele interessante Beiträge zu diesen Themen. In puncto Vereinbarkeit im Journalismus fordert er einen Perspektivwechsel: Nicht die Eltern, sondern die Arbeitgeber sollten ihre Bedürfnisse zurückstellen, Jobs müssten elternkompatibel werden – und nicht umgekehrt. Recht hat er – und wie weit sind viele Arbeitgeber aber von dieser Sichtweise noch entfernt.

Die Journalistin Tina Groll ist Expertin zum Thema Vereinbarkeit und hat ein wirklich gutes Buch dazu geschrieben. „Diese Personalentscheidung zeigt wieder einmal, wie stark die Medienbranche von patriarchalen Strukturen und Denkweisen durchzogen ist“, schreibt sie bei kress. Für „geradezu verrückt“ hält sie es, dass Medienschaffende immer noch glaubten, eine Führungsposition im Journalismus sei nicht in Teilzeit umsetzbar. In ihrem Blog Die Chefin mehr von Tina Groll und ihrer Kollegin zum Thema.

Wie Tina Groll ist auch Wolfgang Lünenburger-Reidenbach, Chef einer PR-Agentur, davon überzeugt: Jeder Job ist in Teilzeit machbar. Er berichtet in seinem Blog von seinen persönlichen Erfahrungen und betont dabei auch, dass Führung in Teilzeit immer wieder zur Zerreißprobe werde: zwischen Anspruch, Wirklichkeit und den verschiedenen Verantwortungen, die man im Leben so trägt.

Susanne Garsoffky und Britta Sembach, ebenfalls zwei Journalistinnen, die ein Buch zum Thema veröffentlicht haben (ist eben kein Zufall, dass so viele Medienschaffende dazu Bücher herausgeben), möchten mit ihrem Text die Debatte darauf lenken, was Unternehmen – und auch Medienhäuser – gewinnen, wenn Mitarbeiter und Führungskräfte Eltern werden. Sie wehren sich wie andere Kritiker des Textes von Ürük gegen seine Behauptung, Teilzeitkräfte seien nicht mit „voller Kraft“ dabei. Das Gegenteil sei der Fall, Eltern arbeiteten oftmals effektiver, so ihre Meinung.

Die Medienjournalistin Anna von Garmissen geht in ihrem Beitrag davon aus, dass ten Hoevel „kein Einzelfall“ sei: Wenn Journalistinnen Mütter werden, müssten sie die Spitze frei machen. Sie vermutet, dass das nicht immer freiwillig geschehe. Die ehemalige Chefredakteurin der Fachzeitschrift „journalist“ stellt die für mich entscheidende Frage: „Wie wollen wir (als Journalist*innen) glaubwürdig gesellschaftliche Missstände kritisieren, wenn wir selbst in alten Rollenbildern steckenbleiben?“ Ihre These:  „Frauen werden nicht ausgebremst, weil sie Frauen sind. Sondern weil sie Mütter sind – oder werden könnten“.

Wohin führt die „Kultur der Digitalität“?

Felix Stalder, Professor für digitale Kultur an der Zürcher Hochschule der Künste und Forscher am World-Information Institut in Wien, hat ein Buch darüber geschrieben, wie die Ausweitung immer komplexer werdender Technologien in alle Lebensbereiche unser gesamtes Handeln als Gesellschaft wie auch die Konstruktion unserer Selbst als Subjekte erfasst und verändert. Ich fand es sehr bereichernd, „Kultur der Digitalität“ zu lesen (und habe etwas mehr dafür gebraucht als „kaum einen Tag“).

In Diskussionen über die Bedeutung des digitalen Wandels für unser Zusammenleben war und ist immer wieder zu erleben, wie sich Kulturpessimisten und -optimisten unversöhnlich gegenüber stehen. Beide Haltungen sind hilflos, denn weder lassen sich die Entwicklungen aufhalten, noch gibt es aktuell Anlass für Euphorie.

Felix Stalder zeigt in seinem Anfang Mai erschienenen Buch „Kultur der Digitalität“, warum alle Diskussionen, die sich auf diese beiden Pole zurückführen lassen, ins Leere laufen. Das ist sehr lesenswert, weil Stalder weit ausholt und historisch sowie an aktuellen Entwicklungen nachvollziehbar belegt, wie unsere Kultur durch ein „Neben-, Mit- und Gegeneinander von Prozessen der Auflösung und Konstitution“ geprägt ist. Stalders Begriff von Kultur umfasst dabei weitaus mehr als „symbolisches Beiwerk“, mehr als Bücher, Kunstwerke oder Theaterstücke. Kultur ist für ihn, einfach gesagt, alles, was unsere Handlungen bestimmt und unsere Gesellschaft formt, uns letztlich als Subjekte konstituiert.

Die theoretische Herleitung ermöglicht ein gutes Verständnis dieser Prozesse, verlangt den Leser*innen aber auch einiges ab. Ich habe mir beim Lesen mehr anschauliche Bilder gewünscht wie das, mit dem Stalder sein Buch beginnt – sie könnten die anspruchsvollen Verweise und Analysen noch verständlicher machen und vor allem besser verankern.

Conchita Wurst

© CEphoto, Uwe Aranas

Stalder beschreibt im Einstieg zu seinem Buch den bewegenden Sieg der Conchita Wurst beim Eurovision Song Contest 2014 als Sinnbild eines tiefgreifenden Wandels unserer Kultur: Ehemals subversive Nischenphänomene wie etwa die Auflösung der Geschlechteridentität werden als Mainstream im traditionellen Medium Fernsehen als widerspruchsfreies Ganzes präsentiert. Beachtlich ist, dass dieses als Event von einem breiten Publikum nicht nur begeistert rezipiert wird, sondern die Zuschauer*innen das Ereignis in den sozialen Netzwerken in produktiver Form weiterverarbeiten, in Form von Tausenden von Tweets, Memen und Kommentaren.Stalder zeigt mit diesem Bild, wie das Digitale immer auch das Nicht-Digitale beeinflusst, verändert und erweitert hat. Gleichzeitig habe das Netz Entwicklungen verstärkt, aber keinesfalls hervorgebracht, die schon vor seiner Ausbreitung entstanden seien: die Ausweitung der Wissensökonomie, den Verfall der Heteronormativität und den Postkolonialismus. Diese Beobachtung finde ich bemerkenswert, denn sie unterstreicht, dass der digitale Wandel neben den immer wieder zitierten disruptiven, also auflösenden, auch Momente der Kontinuität und der Weiterentwicklung in sich trägt.

Drei Formen löst Stalder in der Vielschichtigkeit der Prozesse als konstante Größen für die Kultur der Digitalität heraus:

  • Referentialität
  • Gemeinschaftlichkeit
  • Algorithmen

Mit diesen drei Mechanismen als Grundlage befördert und stärkt die Kultur der Digitalität gleichzeitig postdemokratische, kapitalistische auf der einen und partizipative, gemeinschaftliche Entwicklungen auf der anderen Seite. Durch unser Handeln bestimmen wir mit, in welche Richtung sich unsere digitale Gesellschaft entwickelt, so Stalders zentrale These. Er zeichnet nach, wie beide Tendenzen parallel unsere aktuelle Kultur der Digitalität bestimmen. Dafür stellt er unter anderem der kapitalistisch geprägten Übermacht von Facebook, Google und Co. die beachtliche Entwicklung der Gemeinschaften gegenüber, die durch direkte soziale Koopperation funktionieren, als so genannte Commons –  bekannteste unter ihnen ist die Wikipedia, aber auch die Entwicklung freier Software basierte auf diesem Organisationsmodell.

Wie müsste unser Handeln aussehen, um das Ruder herumzureißen in dieser Kultur der Digitalität, also wegzukommen von der Vormacht kapitalistischer Unternehmen und postdemokratisch geprägter staatlicher Institutionen? Stalder vermeidet konkrete Handlungsempfehlungen, weist aber in die Richtung der gemeinschaftlichen, partizipativen Ansätze. Bei mir hat sich der Eindruck, dass wir gerade direkt in die andere Richtung laufen, durch sein Buch allerdings noch weiter gefestigt.

Veränderungen würden ein besseres Bewusstsein über die geschilderten Entwicklungen und Zusammenhänge in breiten Teilen der Gesellschaft voraussetzen. Die umfassende Ausbildung einer kritisch geprägten Medienkompetenz wäre dafür notwendig. Für beide Voraussetzungen fehlen aktuell wichtige Grundlagen: Ein Großteil der Schulen macht um das Thema einen großen Bogen, im Alltag kommt man mit einer gut ausgebildeten Anwendungskompetenz bestens zurecht. Die Technologien und Strukturen hinter den Anwendungen zu durchdringen, ist anstrengend, die Motivation nicht für alle sofort nachzuvollziehen. Die Unternehmen, die sie bereitstellen, haben kein Interesse daran, Aufklärung zu leisten, im Gegenteil verschleiern sie die Hintergründe – auch darauf verweist Stalder.

Am Ende bleibt die Frage: „Und was machen wir nun damit?“ Was können wir denn konkret unternehmen, wenn es doch an uns liegt, wie wir uns als Gesellschaft entwickeln? Stalders Buch hat mich erinnert an einen Aufsatz aus dem Sammelband „Das Netz – Jahresrück­blick Netzpolitik 2015/16“ (bei irights.media, herausgegeben von Philipp Otto). Darin entwerfen Petra Grimm, Tobias O. Kehre und Oliver Zöllner die Notwendigkeit einer „neuen Ethik der Algorithmen“ – für mich eine direkte Fortsetzung der Analyse Stalders. In ihren konkreten Forderungen nennen die Autor*innen nicht nur die Ausbildung einer Medienkompetenz, sondern unter anderem auch ein öffentlich-rechtliches soziales Netzwerk – leider ohne genauer aufzuschreiben, wie ein solches wohl aussehen könnte.

Diesen letzten Gedanken finde ich besonders interessant. Mit den Gebühren aus dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk verfügen wir im weiteren Sinne über das, was Stalder als „common pool ressources“ bezeichnet. Über den Umgang mit diesen Ressourcen müsste neu verhandelt werden. Wie  wäre das Modell der Öffentlich-Rechtlichen anzupassen, wenn man sich auf die Grundlagen der „Kultur der Digitalität“ beriefe? Man könnte zum Beispiel fragen, ob die aktuellen Möglichkeiten der (Nicht-)Partizipation eigentlich im Einklang stehen mit dem Modell der Finanzierung, ob sich der öffentlich-rechtliche-Rundfunk nicht ganz anders als bislang als Gemeinschaft begreifen könnte, sogar müsste: Eine Gemeinschaft von Menschen, die Ressourcen zur Information und Kommunikation bereitstellen, diese verwalten, damit Inhalte produzieren und diese rezipieren. Bislang haben die, die die Ressourcen bereitstellen, wenig bis keinen direkten Einfluss auf deren Verwaltung, Nutzung oder die Produktion von Inhalten. Und würde es dem öffentlich-rechtlichen Bildungsauftrag nicht viel mehr entsprechen, Strukturen für ein öffentlich-rechtliches soziales Netzwerk zu schaffen als die bestehenden Netzwerke durch die Fütterung mit öffentlich-rechtlich produzierten Inhalten zu stärken? (Ein aktuelles Interview in der Print-ZEIT vom 19. Mai mit dem Intendanten des Bayerischen Rundfunks, Ulrich Wilhelm, der mit einem Jahresgrundgehalt von 325.000 Euro deutlich mehr verdient als der bayerische Ministerpräsident, lässt ahnen, wo ein Umbau auf Widerstände stoßen würde). Das alles ist schon wieder ein neues Thema – falls es dazu schon konkretere Gedanken oder Modelle gibt, bin ich dankbar für Hinweise.

Ich kann mir vorstellen, dass Stalder mit seinem Buch viele weitere Diskussionen, im besten Fall Veränderungen anstößt, bin gespannt darauf und hoffe nicht nur deshalb, dass viele „Kultur der Digitalität“ lesen werden.

Eine Randbemerkung: Es ist ja immer vielsagend, wie sich Autor*innen bei denen bedanken, die die Entstehung eines Buches möglich gemacht haben. Die Danksagung von Stalder ist mir sehr sympathisch.

Felix Stalder, „Kultur der Digitalität“, edition suhrkamp 2679, 200 Seiten,
ISBN: 978-3-518-12679-0, erschienen erschienen: 09.05.2016

Weitere Rezensionen:

Stalder verweigere sich dem Hang prominenter Netzversteher wie Lanier und Morozov zur Dystopie, ohne gleichzeitig ein rosiges Bild zu zeichnen – sagt  in seiner Besprechung des Buches bei netzpolitik.org

Viele der in „Kultur der Digitalität“ beschriebenen Entwicklungen und Phänomene seien – isoliert betrachtet – nicht neu, schreibt David Pachali bei iRights.info, Felix Stalder aber  verknüpfe sie zu einem neuen Bild. 

Auch Philippe Wampfler kommt in seiner Rezension zu dem Ergebnis, dass sich die Lektüre lohne, u.a. weil Stalder „begriffliche Fallen auslotet und nach präzisen Bestimmungen dessen sucht, was er untersucht“.