Gedanken zu Hausaufgaben

Hausaufgaben_BuchEnde letzten Jahres hat der Bildungsjournalist Armin Himmelrath sein Buch „Hausaufgaben – Nein danke!“ veröffentlicht. Es hat eine in Medien und Fachkreisen recht intensive Debatte über die Berechtigung von Hausaufgaben ausgelöst, die  Himmelrath in seiner regelmäßigen Rückschau „Bildungswoche“ am vergangenen Freitag zusammengefasst hat. Ich habe gerade beruflich mit dem Thema zu tun und auch bei der Wahl der weiterführenden Schule für unseren Sohn kam es auf den Tisch, als sich eine der Einrichtungen mit dem Konzept „ohne Hausaufgaben“ präsentierte.

Über welche Form von Hausaufgaben reden wir?

Grundsätzlich gehöre ich  zu denen, die Hausaufgaben in der real existierenden Form kritisch sehen und eher abschaffen wollen. Aber ich finde, man könnte es noch differenzierter diskutieren: Über welche Schulform sprechen wir, geht es um die reine Vormittags- oder Ganztagsschule? Und wie sehen eigentlich die Hausaufgaben aus, über die hier gestritten wird?

In der Ganztagsschule verbringen Kinder in der Regel bis zu acht Stunden am Tag. In Hamburg sieht so der Alltag eines stetig wachsenden Teils aller Schüler*innen aus – der Ausbau der Ganztagsschule ist das erklärte Ziel der Stadt gewesen und bereits nahezu flächendeckend umgesetzt. Immer mehr Schüler*innen erledigen ihre „Hausaufgaben“ also in der Schule. Ob das sinnig ist, wirklich klappt und Erfolg hat, hängt stark von den Rahmenbedingungen ab: Gibt es genug Ruhe, haben sie eine/n Ansprechpartner/in, wenn sie nicht weiterkommen? Sind die Aufgaben so konzipiert, dass sie in dieser Zeit auch zu schaffen sind? Viele Ganztagsschulen bieten diese Rahmenbedingungen offensichtlich nicht – wenn die Kinder dann nachmittags nach Hause kommen und das erledigen müssen, was sie in der Schule nicht geschafft haben, bleibt zu wenig Zeit für das, was sie genauso brauchen: Abhängen, Zeit für Verabredungen, Hobbys und Spaß.

Alternativen zu den klassischen Hausaufgaben

Eine der Schulen, die wir uns für unseren Sohn angesehen haben, arbeitet mit einem Konzept, das mich in der Theorie erst mal überzeugt hat: Die Schüler*innen lernen in der ersten Stunde des Tages eigenverantwortlich. Sie haben einen individuellen Lernplan, der mit den Lehrkräften abgestimmt wird. In Absprache mit den Lehrer*innen wird entschieden, ob die Aufgaben alleine im „Silentium“ oder im“Tandem“ mit einem/einer anderen Schüler/in erledigt werden, oder ob noch Unterstützung ansteht, das so genannte „Coaching“. Aufgaben werden also individuell gestellt und umgesetzt. Vokabeln lernen müssen die Jungen und Mädchen dieser Schule auch zuhause, ebenso wie sie sich auf Klassenarbeiten vorbereiten. Mehr aber nicht. Es ist nicht die einzige Schule, die die „Hausaufgaben“ in dieser Form gestaltet. Mit dem, was man in der klassischen Vorstellung damit verbindet, haben sie allerdings nicht mehr viel zu tun.

Individualisiertes Lernen kommt zu kurz

Ein wichtiger Aspekt, den diese Schule berücksichtigt, ist neben dem eigenverantwortlichen Lernen das individuelle Tempo. Das klassische Konzept der Hausaufgaben ignoriert dieses: Alle erhalten die gleichen Aufgaben, die, die den Lernstoff in der Schule schon kapiert haben, müssen nachmittags noch mal ran. Und wer schon in der Schule damit überfordert war, muss hoffen, dass zuhause jemanden da ist, der oder die hilft. Chancenungleichheiten werden damit verstärkt, das wird in der Debatte immer wieder hervorgehoben – und es ist ein sehr wichtiges Argument, nicht erst, seit immer mehr Kinder in den Schulen lernen, die mit ihren Eltern nach Deutschland geflüchtet sind. Während der Unterricht mehr und mehr differenziert gestaltet wird und unterschiedliche Lernvoraussetzungen sowie Lernstände der Schüler*innen berücksichtigt, ist das Konzept der klassischen Hausaufgaben darauf nicht ausgerichtet.

Work-Life-Balance auch für Schüler*innen

Hausaufgaben in die Schule zu verlagern hat für mich einen weiteren großen Vorteil: Schule und Freizeit lassen sich klarer trennen, genau das also, was wir Erwachsenen uns wünschen, wenn wir die „Work-Life-Balance“ fordern. Gerade weil die in der Realität immer schwieriger umzusetzen ist, halte ich es für besonders wichtig, dass Kinder sie von Anfang an lernen – und schätzen. Und da muss man sich nur die vielen guten Ratschläge durchlesen, die man den Arbeitnehmer*innen gibt: Keine Arbeit mit nach Hause nehmen, E-Mails ausschalten, Schreibtisch raus aus dem Schlafzimmer. Schüler*innen können das nicht, wenn Eltern abends nach den Hausaufgaben fragen, sie überprüfen wollen oder wenn es Streit gibt, weil sie noch nicht fertig sind.

Informelles Lernen zuhause braucht Zeit

In der Diskussion um das Buch von Armin Himmelrath wurde auch behauptet, Eltern seien zu faul oder zu unfähig, ihre Kinder zu begleiten, oder sie hätten keine Zeit dazu. Ich erlebe viele Eltern, die durchaus mit ihren Kindern lernen möchten. Aber nicht abends nach der Arbeit, am Schreibtisch abgekämpfter Kinder, über Aufgaben, die ihnen die Schule vorschreibt. Sondern lieber beiläufig, in Gesprächen beim Essen: Über das, was im Radio zu hören ist, was in der Zeitung steht, was auf dem Schulhof passiert ist. All das kommt zu kurz, wenn Kinder nach der Schule noch ein Paket unerledigter Aufgaben mit nach Hause bringen, die sie ohne Unterstützung der Eltern nicht bewältigen können. Und wenn diese Aufgaben das Thema beim Abendessen sind. Für das so genannte informelle Lernen bleibt dann zuhause keine Zeit mehr.

Schule kann nicht die Erziehung der Eltern reparieren – und umgekehrt

Wenn die Schule sich zu Recht dagegen wehrt, dass immer mehr dessen, was eigentlich zur Erziehung durch die Eltern gehört, in den Unterricht verlagert werden soll, so ist das richtig. Es muss den Eltern dann aber auch die Zeit bleiben: um gemeinsam mit ihren Kindern zu kochen, zu backen, ein Fahrrad zu reparieren, zu erklären, warum sie sich über die Steuererklärung ärgern und wie man im Internet nach Informationen sucht. All das kommt in vielen Schulen zu kurz und es ist gut und elementar wichtig, wenn Zeit bleibt, sich darüber zu Hause auszutauschen.

Diskussion über Hausaufgaben zielt auf Ganztagsschulen

Man kommt bei der Diskussion über Hausaufgaben nicht darum herum, über den Sinn und die Ausgestaltung der Ganztagsschulen zu diskutieren, sowie die Ressourcen, die sie erfordern. Sie sind meiner Ansicht nach das zeitgemäße Modell von Schule. Wenn es im Rahmen dieser Ganztagsschule aber nicht gelingt, eigenständiges Lernen im Tagesablauf unterzubringen und den Lernstoff in der Zeit zu bearbeiten, in der die Kinder in der Schule sind, so muss am Konzept gearbeitet werden. Das Manko darf nicht über die Freizeit der Kinder ausglichen werden.

Wer sich mit dem Thema intensiver beschäftigen möchte, kann das Buch lesen, die Diskussion zwischen Armin Himmelrath und Christian Füller verfolgen, oder die auf Twitter beim #EDchatDE am Dienstag, 9.2. ab 20 Uhr.

Auch zu empfehlen: sich den Online-Elternabend der Online-Lernplattform scoyo ansehen (Achtung, Werbung: scoyo ist ein Kunde in unserer Agentur): Am Montag, 22. Februar, ab 2o Uhr live oder danach jederzeit die Aufzeichnung, die unter dem Link oben abrufbar sein wird. Einer der Teilnehmer am Abend ist Armin Himmelrath – diskutiert werden soll vor allem darüber, wie Eltern und die Kinder selbst die Hausaufgaben sehen.

Einige Beiträge aus der Debatte: 

Meine Schule ohne Hausaufgaben: Rosa, 11 Jahre, aus Hamburg, berichtet aus dem Schulalltag in einer Stadtteilschule

Wir müssen weg von der Hausaufgaben-Schule – von Nina Giaramita, ein Beitrag mit Diskussion auf dem WDR, mit verschiedenen Experten zum Thema, die sich unter anderem zur Rolle der Eltern (interessant) äußern: „Wenn eine Schule nun entscheidet, Hausaufgaben abzuschaffen, dann bricht bei vielen ein Weltbild zusammen.“

„Hausaufgaben machen die Klugen klüger – und die Dummen dümmer“ – Heike Schmoll berichtet in der FAZ über aktuelle Studien zum Thema Hausaufgaben, die unter anderem zeigen, dass die Unterstützung durch die Eltern mehr schadet als hilft

„Hausaufgaben abschaffen? Gefährlicher Unsinn.“ – Christian Füller mit einer Replik auf die Thesen von Armin Himmelrath in Cicero – ich habe einiges davon allerdings eher als Bestätigung gelesen.

„Hausaufgaben neu erfinden“. ebenfalls Christian Füller, der hier in seinem Blog fragt, wie zeitgemäß der Begriff „Hausaufgaben“ in der Schule 2.0. noch sei (eine Schule, von der wir in der breiten Fläche natürlich in der Praxis noch weit entfernt sind).