Das ärgerliche Quartett oder über die vergebene Chance, Literatur im TV zu diskutieren

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6. November im ZDF, mit Maxim Biller, Christine Westermann, Volker Weidermann und Ursula März.

Vorgestern gab es die zweite Ausgabe des Literarischen Quartetts im ZDF. Die Premiere vor vier Wochen hatte mich noch nicht wirklich überzeugt, aber gut – es war eben die erste Sendung. Nach gestern aber ärgere ich mich. Am meisten darüber, dass mich das Quartett als Zuschauerin jetzt schon fast verloren hat. Dabei zähle ich mich zur potenziellen Zielgruppe, überzeugt von der Idee, über Bücher im Fernsehen zu diskutieren. Ich höre gerne anderen zu, die über Literatur sprechen, vor allem, wenn sie unterschiedlicher Meinung sind. Und es ist ja grundsätzlich bereichernd, wenn Menschen, die über Bücher debattieren, schon viel gelesen haben, einordnen können, Bezüge herstellen und Vergleiche ziehen. Gerade die verschiedenen Lesarten sind doch das Spannende, der Disput könnte erkenntnissteigernd sein, die Debatte auf die Bücher neugierig machen.

Könnte. Dieses Literarische Quartett aber verspielt einen Großteil seines Potenzials. Nach der zweiten Sendung habe ich den Verdacht, dass das so bleiben wird, weil offensichtlich das, was mich ärgert, zum Konzept dieser Sendung gehört:

  • Der Dissens wird inszeniert. Man fällt sich ins Wort, wird persönlich, teils auch beleidigend, vermutlich hat sich jemand überlegt, dass das am späten Freitagabend aufrüttelt. Auf mich wirkt es aufgesetzt.
  • Die Bücher werden durchgehechelt. Vier Titel in einer Stunde, jeder soll etwas dazu sagen: Vorhersehbar, dass es um Pointen statt um Austausch geht. Das Bemühen darum ist durchschaubar und vor allem bei Maxim Bieler: anstrengend.
  • Hier werden Menschen inszeniert, nicht Bücher. Nach zwei Sendungen sind die Rollen verteilt genau wie die Konstellationen, in denen sie interagieren. Da eröffnen sich keine großen Spielräume.
  • Ärgerlich finde ich, wie die Rollen besetzt sind. Warum ist es mit Christine Westermann die einzige Frau im festen Trio, die durchgängig den emotionalen Zugang zu den Büchern repräsentiert?
  • Fraglich auch, warum man in einer Sendung, die so offensichtlich auf Krawall gebürstet ist, einen Moderator wie Volker Weidermann an die Spitze setzt, dem das sichtlich so gar nicht behagt? Die Doppelrolle der Diskussionsleitung und -teilnahme verlangt einiges ab – vor allem, dass man Kritik an einem Buch, das man vorstellt, nicht als persönliche Kränkung auffasst.

Gerne wüsste ich, wie die Auswahl zustande kommt: Warum ist es dieses und kein anderes Buch, das hier besprochen wird? Aber die Zeit reicht ja kaum, um die Auswahl jeweils inhaltlich kurz vorzustellen. So bleibt wenig hängen, wenn man die Autoren nicht vorher schon kannte.

Ein paar Ideen, was man verändern könnte:

  • Man gebe dem Quartett 30 Minuten mehr und ein Buch weniger – damit wäre schon einiges gewonnen.
  • Die Teilnehmenden respektieren sich untereinander.
  • Die Bücher werden auch unter dem Aspekt vorgestellt, warum sie es unter den vielen anderen Titeln in die Sendung geschafft haben.
  • Es gibt Regeln für die Diskussion, an die sich alle halten, zum Beispiel: Solange ein Titel nicht eingeführt ist, halten die anderen still. Das Ende eines Buches darf nicht verraten werden, auch von Gästen nicht.
  • Die Diskussion wird ins Netz verlängert, nach der Sendung öffnet sich die Runde für eine online-Diskussion, an der sich auch Zuschauer beteiligen können.
  • Die Moderation wechselt. Wer dran ist, hält sich raus aus der Debatte, stellt kein eigenes Buch vor und konzentriert sich auf eine gute Gesprächsführung.
  • Die Besetzung wird überdacht – aber das ist wohl Geschmacksache. Ich persönlich halte die Konstellation Biller/Westerman für unglücklich und befürchte in ihr weitere Anlässe für Fremdscham.

Ich hoffe, dass das ZDF sich den Mut nimmt, Veränderungen vorzunehmen. Damit diese Sendung nicht als weiterer Beweis zitiert wird, dass Literaturkritik im Fernsehen halt nicht funktioniere. Damit über Bücher gestritten wird, statt sie wahlweise anzubeten oder in die Tonne zu schmeißen, wie bei Denis Scheck. Damit wir alle mehr über Bücher reden (und weniger über die Menschen, die über sie diskutieren), auch wenn oder gerade weil wir sie sowieso nicht alle lesen können.

Traut sich das ZDF nicht ran, hier ein guter Tipp:

Oder eben Fernsehen Fernsehen sein lassen und sich im Netz umsehen. Da stößt man zum Beispiel auf ein schönes Projekt verschiedener Literaturbloggerinnen und -blogger: „Let’s talk about books“. Im initiierenden Beitrag, den ich nur empfehlen kann, fragt Tobias Lindemann: „Können wir bitte endlich wieder über Literatur reden?“ und verwehrt sich gegen die vielen Meta-Diskussionen.

Tobias Lindemann fügt seinem Beitrag das hinzu, was ich hier bewusst ausgelassen habe: einen Link zu einer legendären Sendung des ursprünglichen Literarischen Quartetts. Ich bin überzeugt davon, dass es noch viele andere Formen gibt, über Bücher zu diskutieren als diese eine, die vor allem wegen ihrer Besetzung vor Jahren so erfolgreich war. Vielleicht ist aber das Fernsehen doch nicht mehr der richtige Ort – oder man hat noch nicht die richtigen Menschen dafür gefunden. So lange das nicht klar ist, könnten wir uns ja auch weiter im Netz umsehen, es gibt sicher noch weitere Fundstellen. Ich bin dankbar für Hinweise.

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