Nach der Flucht ist vor der Trennung

Ali Hassan und sein Neffe Hussam Hamad aus Syrien haben Ende August die Flucht nach Deutschland geschafft. Warum es ihnen bis jetzt noch nicht vergönnt ist, wirklich in Hamburg anzukommen.

Leider ist es nur ja vermutlich nur einer von vielen Fällen, in denen die deutsche Bürokratie in der aktuellen Flüchtlingskrise unglaubliche Geschichten schreibt. Umso wichtiger, sie zu erzählen und die ganze Absurdität im Konkreten zu zeigen.

30.8.2016 Update: Für alle, die die Geschichte von Ali und Husam verfolgt haben – es gibt sehr gute Neuigkeiten. Ende letzter Woche kam die gute Nachricht, dass endlich die Asylanträge der beiden anerkannt sind – nachdem sie nun ein Jahr in Deutschland darauf gewartet haben. Das bringt eine Menge guter Perspektiven, die beste: Es kann ein Antrag auf Familiennachzug gestellt werden. Es gibt durchaus berechtigte Hoffnung, dass Husam seine Mutter in absehbarerer Zeit wiedersehen wird – hier in Deutschland. Es gibt inzwischen viele, die mit ihm diesen Tag herbeisehnen.

5. 3. 2016 Update: Vor etwa zwei Wochen endlich kam der Bescheid: Ali erhält die Vormundschaft für seinen Neffen Husam, eine Trennung ist damit endlich vom Tisch. Was jetzt aber beginnt, ist ein Irrsinnslauf durch diverse Behörden mit vielen Anträgen, damit es überhaupt erst einmal zum Asylverfahren kommt. Zum Glück hat sich inzwischen ein kleines Netzwerk gebildet, das die zwei darin unterstützt, anders wäre es gar nicht machbar. Sie leben noch immer in dem Wohnprojekt. Hussam geht weiter jeden Tag zur Schule und spricht schon erstaunlich gut Deutsch.  Allen ist klar, dass es noch lange dauern wird, bis ein Antrag auf Familiennachzug gestellt werden kann, denn dazu müsste erst mal ein Asylantrag durch sein. Das Asylpaket II trägt nicht zur Beruhigung bei. Die Sorge der beiden um ihre Familie wächst. Die Nachrichten aus Syrien sind beunruhigend – weiterhin.

8. 2. 2016 Update : Noch immer hat sich nichts getan – der „Fall“ liegt weiter beim Amtsgericht, bei Nachfragen werden immer neue Termine in Aussicht gestellt. Natürlich bekommt Ali mit, was gerade im Asylpaket II verhandelt wird. Wie soll man ihm nun noch Zuversicht geben? Was nur kann man Hussam sagen, wenn er nach seiner Mutter fragt?

15. 12. 2015 Update: Große Hoffnungen hatten sich auf den heutigen Tag gerichtet, denn gestern tagte erneut der Eingabeausschuss, der über den Antrag, die beiden in Hamburg zusammen zu lassen, entscheiden könnte. Der Ausschuss aber wartet auf das Amtsgericht, das die Vormundschaft anerkennen soll. Das Amtsgericht hat den Fall offenbar noch nicht bearbeitet.

So lange die Eingabe nicht verhandelt wird, haben Ali und Husam keinen offiziellen Status als Flüchtling, können ihre Familie nicht nachholen, beziehen keine Leistungen und sind auf die Unterstützung anderer angewiesen. Seit August hat Hussam seine Mutter nicht mehr gesehen, die Sorge um sie wächst, er vermisst sie sehr.  Auch Ali verzweifelt langsam daran, seine Frau und seine Schwägerin alleine im Krieg in Syrien zu wissen.

Es ist die Geschichte des 32jährigen Ali Hassan und seines neunjährigen Neffen Husam Hamad. Ende August kamen die beiden aus Syrien nach Deutschland. Registriert wurden sie am 14. September in der Erstaufnahme Asyl/Flüchtlinge in der Harburger Poststraße. Hier erfuhren sie, was geschehen sollte: Die Hamburger Behörden wollten sie trennen. Nach dem aktuellen Quotensystem wiesen die Behörden Ali Hassan Friedland in Niedersachsen zu. Sein Neffe Husam dagegen ist in den Augen der Ausländerbehörde ein unbegleiteter Minderjähriger – mit diesem Status sollte er in Hamburg bleiben.

Ali_Husam

Fotos: NDR Hamburg Journal

Was die Behörde sagt:

„Herr Ali Hassan hat keinen Anspruch auf eine Zuweisung nach Hamburg… Da Husam nicht von einem Erziehungsberechtigten begleitet worden ist, gilt er als minderjähriger unbegleiteter Flüchtling.“

Eine Abweichung vom Quotensystem und damit die Erlaubnis, dass Ali Hassan in Hamburg bleiben kann, will die Behörde bis heute nicht gewähren.

Hilfe in der Notsituation

Einem engagierten Menschen, Fathi Abu Toboul vom Verein „Deutsch-Jordanische Gesellschaft“, ist es zu verdanken, dass zumindest die Trennung der beiden bis heute verhindert werden konnte. Fathi beriet die beiden und empfahl Ali, die Unterschrift unter dem Asylantrag zunächst zu verweigern. Die NDR-Journalistin Lara Straatmann berichtete über Ali und Hussam im NDR-Hamburg-Journal. Durch den Beitrag wurde eine Hamburgerin auf das Schicksal der beiden aufmerksam, die Onkel und Neffe spontan bei sich zuhause aufnahm. Es war eine Vorsichtsmaßnahme, um sie dem Zugriff der Behörden zu entziehen und damit ihre Trennung zu verhindern. Inzwischen leben die beiden in einem Zimmer in einem Hamburger Wohnprojekt.

Allen Beteiligten war klar, dass das, was die Behörden vorhatten, auf jeden Fall verhindert werden musste: Die beiden durften nicht getrennt werden, auch nicht für einen einzigen Tag.

Fathi sagt:

FAthi

 

Sie haben alles überlebt, sie haben es geschafft, nach Deutschland zu kommen – und jetzt sollen sie hier getrennt werden!

 

Traumatisiert durch Erlebnisse in Syrien

Man muss nicht die ganze Geschichte der beiden kennen, um zu ahnen, was eine Trennung für Hussam bedeuten würde, was sie in ihm anrichten würde. Durch die Flucht aus Syrien und die Erlebnisse in seiner Heimat ist er bereits traumatisiert. Es ist nicht auszudenken, wie er es erleben würde, wenn man ihm seinen Onkel nimmt.

Ali sagt:

Ali

„Ich habe seiner Mutter versprochen, immer auf ihn aufzupassen. Seine Schwestern sind noch in Damaskus. Wir waren wochenlang zu Fuß unterwegs. Deutschland hilft doch den Syrern – warum das? Ich kann ihn doch nicht alleine lassen!

Husams Vater ist vor etwa zwei Jahren bei einem Bombenangriff auf das Flüchtlingslager Jarmuk in Damaskus ums Leben gekommen. Auch sein Onkel Ali lebte dort seit seiner Geburt, seine Eltern waren aus Palästina nach Syrien geflüchtet. Das Lager ist nacheinander von Assads Truppen und dem IS belagert worden, die Süddeutsche schreibt von „der Hölle auf Erden“.

Irgendwann, so berichtet Ali, habe er mit seinem Neffen Jarmuk verlassen, um einkaufen zu gehen. Die Rückkehr war dann plötzlich unmöglich, das Lager war für sie gesperrt.

Ali sagt:

„Es erschien mir in dieser Situation einfacher, nach Deutschland zu fliehen, als die Absperrungen zu überwinden und mit Hussam zurück ins Lager zu kommen.“

Husams Mutter blieb zurück mit seiner kleinen Schwester, die drei Jahre alt ist. Zwei weitere ältere Geschwister von Hussam leben ebenfalls noch dort.

Nach dem NDR-Beitrag und einem weiteren Bericht auf RTL-Nord sah es zunächst so aus, als würden die Behörden Einsicht zeigen. Ali konnte ein beglaubigtes Schreiben von Hussams Mutter vorweisen, die ihm die Vormundschaft überträgt. Es sollte sich nur noch um Tage handeln, so dachte Fathi, dachte die Frau, die sie aufgenommen hatte, dachten die Bewohner des Wohnprojekts, die ein freies Zimmer angeboten hatten, um die restlichen Tage bis zur endgültigen Entscheidung zu überbrücken.

So dachten aber vor allem Ali und Husam. Für sie bedeutet die offizielle Anerkennung als Flüchtlinge alles: Sie brauchen sie, um Papiere zu bekommen, Leistungen beziehen zu können, um offiziell krankenversichert zu sein. Sie brauchen den Flüchtlingsstatus aber vor allem, um einen Antrag stellen zu können auf den Nachzug ihrer Familienangehörigen: Hussams Mutter, seine Geschwister und Alis Ehefrau, die ebenfalls in Jarmuk lebt. Alle sind in dem Lager großen Gefahren ausgesetzt, jeden Tag riskieren sie ihr Leben bei weiteren Angriffen. Husams Mutter ist tief verzweifelt darüber, nach dem Tod ihres Mannes nun auch noch von ihrem Sohn getrennt zu sein.

Quälendes Warten

Inzwischen warten Ali und Husam und die Menschen, die sich hier in Deutschland um sie sorgen, schon über zwei Monate. Tagtäglich fragen sich die beiden und ihre Unterstützer/innen sich, warum nichts passiert. Weder wurden zwei Eingaben an die Bürgerschaft bearbeitet, die Fathi Abu Toboul und eine der Hamburger Wohnungsgeberinnen verfasst hatten. Noch gab es Rückmeldungen zu den Anträgen auf Krankenkassen- und Sozialleistungen. 

Erste Schritte zur Integration

Das einzige, was in Hamburg funktioniert: Husam geht seit Mitte Oktober in eine Aufnahmeklasse an einer Grundschule. Er macht sehr gute Fortschritte in Deutsch, seine Lehrerin ist begeistert von ihm und will sich ebenfalls dafür stark machen, dass er mit seinem Onkel in der Stadt bleiben kann. Husam spielt Schach und Karten mit den Kindern, die in dem Haus wohnen, in dem er nun seit Wochen mit seinem Onkel lebt. An Halloween ist er verkleidet mit ihnen durchs Viertel gezogen. Die Bewohner sorgen gemeinsam dafür, dass die beiden das bekommen, was sie zum Leben brauchen, dass sie gesundheitlich versorgt werden. Ali Hassan litt wochenlang unter heftigem Zahnschmerzen. Ohne irgendeinen Nachweis in der Hand war es ein großer Aufwand, einen Arzt zu finden, der ihn behandeln wollte.

Gemeinsam mit Fathi und der ersten Wohnungsgeberin bündeln nun die Unterstützer/innen aus dem Wohnprojekt ihre Kräfte dafür, dass Ali und Husam endlich offiziell in Hamburg leben dürfen – zusammen. Alle Beteiligten sehen, wie belastend die Situation für die beiden ist, wie sehr vor allem Ali das Warten lähmt und er immer mehr daran verzweifelt, nichts unternehmen zu können.

Ali sagt:

„Ich bin mein ganzes Leben lang ein Flüchtling gewesen. Hier fühle ich mich wie ein Flüchtling zweiter Klasse. Jeden Tag, an dem ich wach werde, hoffe ich, dass er bald vorbei geht – bis endlich etwas geschieht. Die Zeit läuft und nichts ändert sich für uns. Es ist so gut, dass wir hier aufgenommen wurden und Hilfe erhalten, aber warum ist das notwendig? Warum dürfen wir hier nicht leben wie alle anderen Flüchtlinge auch?“

Husam sagt:

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„Ich fühle mich sicher hier, ich gehe zur Schule, ich habe sogar schon Freunde gefunden. Aber ich vermisse meine Mutter und Geschwister sehr. Ich habe große Angst, dass ihnen etwas passiert. Ich wünsche mir sehr, dass sie auch nach Deutschland kommen können!“

Fathi sagt:

„Die Menschen in Deutschland engagieren sich sehr dafür, dass die Flüchtlinge hier gut aufgenommen werden. Die Hilfsbereitschaft der Menschen ist sehr beeindruckend. Aber die Behörden machen das kaputt, wenn sie in Fällen wie bei Ali und Hussam nur die Bürokratie regieren lassen.“

Eine Bewohnerin des Hauses sagt:

„Bei allem Verständnis für die hohe Belastung in den Behörden: Wie kann man nur auf die Idee kommen, diese beiden Menschen zu trennen? Warum gibt es keinen Widerstand bei den Mitarbeitern gegen eine Regelung, die so etwas vorsieht? In diesen Tagen ist Bürokratieabbau mehr denn je gefragt. Wir erwarten von den Behörden, dass sie hier die Menschen sehen und nicht die Vorschriften. Sie hätten sogar rechtliche Grundlagen dafür*.
Wir werden nicht zulassen, dass man die beiden trennt. Wir möchten nicht länger unsere Kraft dafür verschwenden, GEGEN eine irrsinnige Regelung anzugehen. Wir möchten uns endlich DAFÜR engagieren, dass diese beiden Menschen hier richtig ankommen können und ihre Familie hoffentlich bald nachziehen wird.

*Inzwischen gibt es neben einer UN-Kinderrechtskonvention, die für Vertragsstaaten den Schutz der Familie vorsieht, auch ein Gesetz, das zum 1.11. erlassen worden ist: In § 42a (5) heißt es dort:

„Hält sich eine mit dem Kind oder dem Jugendlichen verwandte Person im Inland oder im Ausland auf, hat das Jugendamt auf eine Zusammenführung des Kindes oder des Jugendlichen mit dieser Person hinzuwirken, wenn dies dem Kindeswohl entspricht.“

Absurderweise haben viele Menschen im Augenblick die Sorge, dass nicht das Zusammenbleiben, sondern im Gegenteil die Trennung das ist, worauf die Ausländerbehörde „hinwirkt“.

 

Vom ungeliebten Publikum und neuen Aufgaben für Journalisten

Legopublikum

Bei einer Tagung Anfang November mit dem schönen Namen „Digitaler Journalismus: Disruptive Praxis eines neuen Paradigmas“ ging es erfreulicherweise viel um die Leserinnen und Leser, die Zuschauerinnen, User: das Publikum. Eingeladen hatte Prof. Volker Lilienthal vom Hamburger Institut für Journalistik und Kommunikationswissenschaft an der Uni Hamburg, zusammen mit Prof. Stephan Weichert von der Macromedia University und der Hamburg Media School. Durchaus kontrovers wurde die Rolle des Publikums am ersten Tag diskutiert – am zweiten konnte ich leider nicht mehr teilnehmen. Weiterbeschäftigt haben mich folgende Gedanken:

  1. Warum geht es bei Diskussionen um die Rolle des Publikums in letzter Zeit nach mindestens fünf Minuten fast ausschließlich um Hatespeech?
  2. Warum wird die Einbindung des Publikums in den Produktionsprozess so oft vom Status Quo und so selten von den Potenzialen her diskutiert?
  3. Welches journalistische Selbstverständnis steht eigentlich dahinter, wenn in der Branche Leserkommentare auch als „Schleppscheiße“ bezeichnet werden?

Kommentare – die Pest im digitalen Journalismus

Zum Ersten: Ohne Frage bedeutet es für Redaktionen eine große Herausforderung, mit der Fülle und dem immer wieder abgründigen Stil der Kommentare umzugehen – es reicht, mal reinzusehen, um sich das vor Augen zu führen. Es geht nicht nur um personelle Ressourcen, die investiert werden müssen, um das Schlimmste herauszunehmen und Menschen zu schützen, die in ihrer Würde verletzt werden. Es geht auch darum, welche Auswirkungen diese Art von Kommentaren auf die Rezeption der journalistischen Beiträge haben. Dazu berichtete der Kommunikationswissenschaftler Marco Dohle bei der Tagung aus seiner Forschung:

Die sichtbare Publikumsbeteiligung beeinflusse die Wahrnehmung der Leistungen des digitalen Journalismus – und zwar negativ, wenn die Kommentare negativ ausfallen.

Da wundert es nicht, dass der Wunsch in immer mehr Redaktionen wächst, sich vom lästigen Übel zu befreien, die Kommentarfunktionen ein für alle Male zu sperren. Es gab in den letzten Monaten immer wieder Meldungen von Medien, die darin einen Ausweg aus der Misere gesehen haben.

Umgekehrt, und das wurde in den Diskussionen viel weniger aufgegriffen, gilt aber genauso: Positive Kommentare beeinflussen die Rezeption positiv.

Lieblose Einbindung des Publikums

Beide Forschungsergebnisse beziehen sich auf die Standardvariante der Publikumsbeteiligung: Ich stelle meinen Beitrag ins Netz, öffne die Kommentarspalten und warte ab, was so kommt. Jede und jeder darf seinen Meinung dazu kundtun, so lange, wann und wie viel er möchte, unabhängig davon, ob sie oder er den Text überhaupt gelesen hat. Eigentlich ist das doch eine sehr lieb- und einfallslose Variante der Publikumsbeteiligung. Kein Wunder also, dass sich niemand so richtig gerne in den Kommentaren aufhält, am wenigsten die Journalisten selbst. Aber diese Lieblosigkeit ist auch Ausdruck einer Haltung, die in vielen Redaktionen bis heute offenbar gängig ist: Das Publikum nervt. Das, was es zu sagen hat, bedeutet vor allem eines: weiteren Aufwand. Die Wissenschaftlerin Wiebke Loosen sprach bezeichnenderweise von „Anschlusskommunikation“, schnell kommt die Frage auf, ob das alles nicht auf die Qualität gehe:

Experimente im Dialog mit den Leserinnen

Dabei könnte es sich lohnen, sich andere Formen der Einbindung des Publikums anzusehen. Leider nur kurz erwähnt hat Dirk von Gehlen, Leiter Social Media/Innovation Süddeutsche Zeitung, sein Projekt „Lesesalon“: 100 Leserinnen und Leser der Süddeutschen Zeitung haben in einem abgesteckten Zeitraum gemeinsam ein Buch gelesen, aus den Diskussionen darüber entstand eine gemeinsame Rezension, die wiederum in der Süddeutschen Zeitung erschienen ist. Hier mündet die produktive Rezeption tatsächlich in einem neuen Beitrag. Natürlich ist dieses Experiment vom Aufwand her ungleich höher, als der, den eine Journalistin oder ein Journalist in eine Buchbesprechung investiert. Aber es ist ja durchaus vorstellbar, dass sich aus solchen Experimenten auch standardisierte Formate entwickeln mit weniger Aufwand, aber eben auch ganz neuen Rollen von Journalisten und Publikum.

Die Empfänger senden mit, die Sender empfangen

Das, was da passiert, ist dann eben nicht mehr „Anschlusskommunikation“, denn hier ist das Publikum schon in den journalistischen Produktionsprozess einbezogen. Die klassische Rollenverteilung von Sender und Empfänger löst sich auf. Und eigentlich muss man dafür gar nicht mehr auf Experimente schauen – in Zügen ist das ja schon heute journalistische Praxis. Journalisten bedienen sich gerne der Tweets mit Meinungsäußerungen oder lustigen, klugen Kommentaren. Bei Live Events wie auch bei Katastrophen wird Filmmaterial, das Laien mit ihren Smartphones produziert haben, in die Berichte eingebunden. Es ist eben auch eine Folge der Digitalisierung, dass Journalisten heute kaum noch technischen Vorsprung haben gegenüber denen, für die sie produzieren. Ein Lokalsender in der Schweiz hat vor einiger Zeit komplett auf die Produktion mit dem Smartphone umgestellt – das Gerät, das ein Großteil der erwachsenen und jugendlichen Menschen heute regelmäßig bei sich trägt.

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Communities mit Voraussetzungen

Es lohnt sich aber, sich das Experiment Lesesalon noch mal genauer anzusehen, denn hier ist das Konzept gewesen, was sich viele Redaktionen aus Angst vor dem Vorwurf der Zensur (der ja irrigerweise auch kommt) oftmals nicht trauen: Die Verantwortlichen erlaubten sich einen Selektionsprozess, der die Beteiligung von Anfang an in eine gewünschte Richtung lenkte und der gewissen Anforderungen an die so entstandene Community richtete:

  • gleiches Interesse am Thema: Die Menschen einigen sich auf ein gemeinsames Buch
  • Aufwand: Wer mitmacht, hat zuvor das Buch gelesen
  • Beschränkung der Teilnehmer: die Zahl war auf 100 begrenzt
  • Beschränkung der Zeit: es gab einen festen Zeitrahmen für die Lektüre genau wie eine Frist, bis zu der man sich beworben konnte

Mit dem Lesesalon hat Dirk von Gehlen das in die Praxis umgesetzt, worauf er auch bei der Tagung hinwies: Räume zu öffnen für Produzenten und Rezipienten sei die eigentliche neue Aufgabe des Journalismus.

Ein anderer Podiumsteilnehmer, der SPIEGEL-Redakteur Cordt Schnibben, hat die klassischen Muster des Publikumsdialogs ebenfalls aufgebrochen, Leserinnen und Leser des Magazins zu einem Essen eingeladen und damit viel mehr Nähe zugelassen als es sonst üblich ist. Und auch beim Online-Magazin aus Hamburg „mittendrin“ denke man über neue Formate nach, kündigte die Mitgründerin Isabella David an. Es ist sicherlich kein Zufall, dass es gerade im hyperlokalen Journalismus viele Verfechterinnen der Publikumsbeteiligung und oftmals eine grundsätzlich positivere Haltung dazu gibt.

Die beteiligten Journalisten sind jünger und damit der klassischen Rolle von Journalisten vielleicht weniger verhaftet als Menschen mit zwanzig Jahren Berufspraxis (allerdings kein automatischer Zusammenhang). Sie haben oftmals viel weniger Ressourcen als öffentlich-rechtliche Sender oder große Verlage – und gerade deshalb sollte man sich um so genauer ansehen, wie sie arbeiten. Sie binden das Publikum auch deshalb ein, weil sie auf Hinweise und Mitarbeit angewiesen sind. Und weil Mitarbeit, Mitdenken und Feedback hier als erstrebenswert im Sinne eines aufgeklärten Publikums gesehen werden.

Verhandlung des journalistischen Selbstverständnisses

Vermutlich ist das, was über die Haltung zum Publikum gerade verhandelt wird, eigentlich ein Ringen um ein neues journalistisches Selbstverständnis. Natürlich stellt sich die Arbeit durch die im Zuge der Digitalisierung veränderten Produktionsbedingungen ganz anders dar. Davon ist viel zu hören. Aber der Wandel hat eben auch damit zu tun, dass die Leserin, der Leser von heute nicht mehr zu vergleichen mit den Autoren der Leserbriefe, über die sich Journalisten so gerne erhoben haben: Wer sich damit beschäftigt habe, habe früher als „Weichei“ gegolten, erinnert sich Cordt Schnibben in seinem Vortrag auf der Tagung. Das Publikum von heute ist aber nicht mehr darauf angewiesen, dass eine Redaktion sich mit seiner Meinung beschäftigt oder sie gar veröffentlicht. Es kommentiert, meint, schreibt und veröffentlicht ungefragt einfach selbst: in den sozialen Netzwerken, in eigenen Blogs oder in selbst produzierten Online-Magazinen. Der Dialog findet also längst statt und klugen Redaktionen gelingt es, davon zu profitieren.

„Die Leser sind schlauer als wir“ – sagte Cordt Schnibben. Das stimmt, denn das Publikum sind viele: Expertinnen, denkende, erfahrene Menschen. Man muss keine großer Anhängerin der Schwarmintellingenz sein, um sich vorstellen zu können, dass es viel bringt, sich einem Thema in der Diskussion mit Menschen zu nähern, die in der Lage sind, verschiedenes Hintergrundwissen, neue Perspektiven und vielleicht einfach auch gute Fragen einzubringen.

Und es ist unserer Zeit angemessen, in der Journalisten neben dem technischen Vorsprung auch ihren Wissensvorsprung an vielen Stellen nicht mehr halten können. Der Zugang zu Informationen ist nicht mehr exklusiv den Medien vorbehalten, wenn beispielsweise Politiker/innen ihre Ansichten oder aktuelle Beschlüsse als erstes auf Twitter heraushauen, wenn Entscheidungsprozesse der Behörden der Transparenzpflicht unterliegen und einem breiten Publikum zugänglich sind.

Unter diesen Voraussetzungen erscheint es mir sehr sinnvoll, Journalisten eher als moderierende Verteiler von Informationen zu sehen, die aber durchaus weiterhin eine wichtige Funktion haben: Sie wählen aus, sie bringen Menschen zusammen,  prüfen Informationen auf ihre Qualität, sie bringen sie in einen Kontext – sie kuratieren Informationen.

Wissensvermittlung im allgemeinen Wandel

Journalisten sind übrigens nicht die einzigen, die hier gerade vom Thron der Allwissenheit fallen. Fast die gleiche Diskussion kann man in der Bildung verfolgen, wo die Rolle der Lehrkraft in digitalen Lernumgebungen neu definiert wird und fortschrittliche Lehrerinnen und Lehrer sich längst als Moderatoren begreifen. In der Wissenschaft gibt es ähnliche Auseinandersetzungen wie im Journalismus, wenn über Sinn und Zweck von Wissenschaftskommunikation mit einem breiten Publikum debattiert wird. Auch hier gehen die Meinungen weit darüber auseinander, ob die breite Masse einzubeziehen ist, im Sinne einer Citizen Science sogar eine Bereicherung darstellt, oder aber vielleicht doch nur stört und Wissenschaftlerinnen von ihrer eigentlichen Arbeit abhält.

In allen Bereichen fällt es vermutlich auch deshalb schwer, sich mit veränderten Rollen abzufinden, weil in der Ausbildung noch viel zu wenig darauf eingegangen wird – sei es bei Journalisten, Lehrern oder Wissenschaftlern. Dabei könnte die Rolle der Moderation von Wissenden doch auch sehr reizvoll sein und mindestens genauso herausforderungsvoll.

Bei der Tagung selbst gab es übrigens eine glaubhafte Wertschätzung des Publikums, und die Fragerunden zu den Podien waren bereichernd – eine interessierte Community eben.

Und nicht zuletzt war es auch eine produktive Community: Neben einem Beitrag im NDR-Medienmagazin ZAPP hat sich auch Dirk Hansen in seinem Blog Gedanken gemacht, mit ganz anderen Ideen zum Publikum als meine – sehr lesenswert.

Und wer sich für das Thema interessiert, ist sicherlich auch am Forschungsprojekt des Hans-Bredow-Instituts zum Thema interessiert: Die Wiederentdeckung des Publikums.

Das ärgerliche Quartett oder über die vergebene Chance, Literatur im TV zu diskutieren

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6. November im ZDF, mit Maxim Biller, Christine Westermann, Volker Weidermann und Ursula März.

Vorgestern gab es die zweite Ausgabe des Literarischen Quartetts im ZDF. Die Premiere vor vier Wochen hatte mich noch nicht wirklich überzeugt, aber gut – es war eben die erste Sendung. Nach gestern aber ärgere ich mich. Am meisten darüber, dass mich das Quartett als Zuschauerin jetzt schon fast verloren hat. Dabei zähle ich mich zur potenziellen Zielgruppe, überzeugt von der Idee, über Bücher im Fernsehen zu diskutieren. Ich höre gerne anderen zu, die über Literatur sprechen, vor allem, wenn sie unterschiedlicher Meinung sind. Und es ist ja grundsätzlich bereichernd, wenn Menschen, die über Bücher debattieren, schon viel gelesen haben, einordnen können, Bezüge herstellen und Vergleiche ziehen. Gerade die verschiedenen Lesarten sind doch das Spannende, der Disput könnte erkenntnissteigernd sein, die Debatte auf die Bücher neugierig machen.

Könnte. Dieses Literarische Quartett aber verspielt einen Großteil seines Potenzials. Nach der zweiten Sendung habe ich den Verdacht, dass das so bleiben wird, weil offensichtlich das, was mich ärgert, zum Konzept dieser Sendung gehört:

  • Der Dissens wird inszeniert. Man fällt sich ins Wort, wird persönlich, teils auch beleidigend, vermutlich hat sich jemand überlegt, dass das am späten Freitagabend aufrüttelt. Auf mich wirkt es aufgesetzt.
  • Die Bücher werden durchgehechelt. Vier Titel in einer Stunde, jeder soll etwas dazu sagen: Vorhersehbar, dass es um Pointen statt um Austausch geht. Das Bemühen darum ist durchschaubar und vor allem bei Maxim Bieler: anstrengend.
  • Hier werden Menschen inszeniert, nicht Bücher. Nach zwei Sendungen sind die Rollen verteilt genau wie die Konstellationen, in denen sie interagieren. Da eröffnen sich keine großen Spielräume.
  • Ärgerlich finde ich, wie die Rollen besetzt sind. Warum ist es mit Christine Westermann die einzige Frau im festen Trio, die durchgängig den emotionalen Zugang zu den Büchern repräsentiert?
  • Fraglich auch, warum man in einer Sendung, die so offensichtlich auf Krawall gebürstet ist, einen Moderator wie Volker Weidermann an die Spitze setzt, dem das sichtlich so gar nicht behagt? Die Doppelrolle der Diskussionsleitung und -teilnahme verlangt einiges ab – vor allem, dass man Kritik an einem Buch, das man vorstellt, nicht als persönliche Kränkung auffasst.

Gerne wüsste ich, wie die Auswahl zustande kommt: Warum ist es dieses und kein anderes Buch, das hier besprochen wird? Aber die Zeit reicht ja kaum, um die Auswahl jeweils inhaltlich kurz vorzustellen. So bleibt wenig hängen, wenn man die Autoren nicht vorher schon kannte.

Ein paar Ideen, was man verändern könnte:

  • Man gebe dem Quartett 30 Minuten mehr und ein Buch weniger – damit wäre schon einiges gewonnen.
  • Die Teilnehmenden respektieren sich untereinander.
  • Die Bücher werden auch unter dem Aspekt vorgestellt, warum sie es unter den vielen anderen Titeln in die Sendung geschafft haben.
  • Es gibt Regeln für die Diskussion, an die sich alle halten, zum Beispiel: Solange ein Titel nicht eingeführt ist, halten die anderen still. Das Ende eines Buches darf nicht verraten werden, auch von Gästen nicht.
  • Die Diskussion wird ins Netz verlängert, nach der Sendung öffnet sich die Runde für eine online-Diskussion, an der sich auch Zuschauer beteiligen können.
  • Die Moderation wechselt. Wer dran ist, hält sich raus aus der Debatte, stellt kein eigenes Buch vor und konzentriert sich auf eine gute Gesprächsführung.
  • Die Besetzung wird überdacht – aber das ist wohl Geschmacksache. Ich persönlich halte die Konstellation Biller/Westerman für unglücklich und befürchte in ihr weitere Anlässe für Fremdscham.

Ich hoffe, dass das ZDF sich den Mut nimmt, Veränderungen vorzunehmen. Damit diese Sendung nicht als weiterer Beweis zitiert wird, dass Literaturkritik im Fernsehen halt nicht funktioniere. Damit über Bücher gestritten wird, statt sie wahlweise anzubeten oder in die Tonne zu schmeißen, wie bei Denis Scheck. Damit wir alle mehr über Bücher reden (und weniger über die Menschen, die über sie diskutieren), auch wenn oder gerade weil wir sie sowieso nicht alle lesen können.

Traut sich das ZDF nicht ran, hier ein guter Tipp:

Oder eben Fernsehen Fernsehen sein lassen und sich im Netz umsehen. Da stößt man zum Beispiel auf ein schönes Projekt verschiedener Literaturbloggerinnen und -blogger: „Let’s talk about books“. Im initiierenden Beitrag, den ich nur empfehlen kann, fragt Tobias Lindemann: „Können wir bitte endlich wieder über Literatur reden?“ und verwehrt sich gegen die vielen Meta-Diskussionen.

Tobias Lindemann fügt seinem Beitrag das hinzu, was ich hier bewusst ausgelassen habe: einen Link zu einer legendären Sendung des ursprünglichen Literarischen Quartetts. Ich bin überzeugt davon, dass es noch viele andere Formen gibt, über Bücher zu diskutieren als diese eine, die vor allem wegen ihrer Besetzung vor Jahren so erfolgreich war. Vielleicht ist aber das Fernsehen doch nicht mehr der richtige Ort – oder man hat noch nicht die richtigen Menschen dafür gefunden. So lange das nicht klar ist, könnten wir uns ja auch weiter im Netz umsehen, es gibt sicher noch weitere Fundstellen. Ich bin dankbar für Hinweise.