Vorsicht mit den „klaren Worten“ – zum Umgang mit dem „Pack“

„Pack“: Sigmar Gabriel hat sich für diesen Ausdruck entschieden, um bei seinem Besuch in Heidenau klare Worte an die zu richten, die für die rechtsextremen Ausschreitungen verantwortlich sind. Ich verspürte Unbehagen, als ich das erste Mal davon hörte. Zwar war ich fast erleichtert, nach den Tagen des Schweigens von Angela Merkel überhaupt etwas von Seiten unserer Regierung zu hören. Aber Gabriel hat es sich meiner Meinung nach zu leicht gemacht. Er hat sich auf die Seite von uns Empörten gestellt. Von der öffentlichen Ansprache eines Politikers ist in dieser Situation aber mehr zu erwarten.

Ich zweifele genauso, ob es gut ist, dass nun gleich mehrere, zum Teil prominente Menschen in der Öffentlichkeit mit ebenso „klaren Worten“ gegen die schrecklichen und unerträglichen Anschläge auf Unterkünfte für Flüchtlinge Stellung beziehen. Es ist richtig und gut, überhaupt die Stimme zu erheben, unser Entsetzen zu formulieren und unsere klare Solidarität mit den Menschen auszudrücken, die in unser Land kommen und um Unterstützung brauchen. Aber es ist sehr wichtig, dabei auf die Wahl der Worte zu achten, wenn es um den öffentlichen Diskurs geht.

Die Schriftstellerin Juli Zeh hat genau dazu ein gutes Interview gegeben und mahnt, die Emotionalität aus der Sprache herauszulassen. Ein ziemlich hoher Anspruch – aber sie hat Recht. Und wenn wir über die öffentlichen Diskurse sprechen, so kann der Anspruch nicht hoch genug sein. Im Privaten mag das anders sein: Manchmal muss es wohl raus, Juli Zeh spricht von einem Akt der Befreiung.

„… weil so sehr es einerseits ja auch immer erfrischend und befreiend ist, wenn einer mal so ein klares Wort spricht, Pack oder so, dann haut man auch wieder auf den Tisch und denkt, endlich sagt es mal einer.“ (Interview im Deutschlandfunk, 28. August)

Aber kann das die Funktion einer öffentlichen Ansprache eines Politikers oder auch Prominenten sein, sich selbst damit zu befreien, quasi zu entladen?  Und ist auszuschließen, dass da Menschen auch deshalb das deftige Wort ergreifen, um Punkte für sich selbst zu sammeln, weil sie sich einer breiten Zustimmung sicher sein können? Bedenklich ist, dass sie sich mit diesen „klaren Worten“ der Rhetorik der Menschen bedienen, von denen wir uns doch eigentlich abgrenzen wollen, wie Juli Zeh sehr treffend sagt.

Eine deutliche Absage an den Terror ist natürlich immens wichtig, weil so etwas eine affirmative Wirkung hat und wir uns untereinander versichern: „Nein, wir wollen diese Anschläge nicht, wir wollen nicht, dass man so wie in Sachsen mit Menschen umgeht, die unsere Hilfe brauchen. Wir wollen den Terror nicht, die Hasskommentare und die Parolen.

Aber: Wenn wir diese klare Botschaft formulieren, so sollte sie mehr bewirken. So schwer es vorstellbar ist, dass Worte das auslösen könnten, aber sie muss – und sei es nur theoretisch – eine Rückkehr offen halten für die, die sich in rechtsradikalen und rechtsnationalistischen Hasstiraden verloren haben. Wer als Pack diffamiert wird, fühlt sich noch freier darin, jetzt erst recht die Sau herauszulassen. Jan Philipp Reemtsma spricht in einem Vortrag von „Gewalt als attraktiver Lebensform“. (vlg. Rezension von Gustav Seibt in Süddeutsche Zeitung, 29.8.2015)

Genau das aber sollten Worte verhindern. Es muss gelingen, zugleich die Solidarität mit denen auszudrücken, gegen die sich der Terror richtet, und zu verhindern, dass diejenigen, die ihn ausüben, für immer in einer Ecke bleiben. Denn darin werden sie sich um so wohler abgrenzen, je klarer sie vom Rest der Gesellschaft ausgeschlossen sind. Wir sollten deshalb auf Diffamierungen verzichten, wenn wir uns zu Wort melden, dennoch aber deutlich Haltung zeigen. Ein klares Bekenntnis zu Solidarität mit den Flüchtlingen, Taten, die ein klares Zeichen gegen rechtsradikalen Terror setzen – das sind da aus meiner Sicht die besseren „deutlichen Worte“ in diesen Tagen.