Als satter Gast am Buffet der Krautreporter

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Ein Jahr nach dem Start der Krautreporter steht es an, Bilanz zu ziehen. Ich habe das Projekt vor einem Jahr im Crowdfunding unterstützt und muss nun entscheiden, ob ich mein Abo verlängere. Um es kurz zu machen: Ich bin zwar nicht wirklich enttäuscht, da die Krautreporter ja im Vorfeld kein Konzept präsentiert hatten, das konkrete Erwartungen in mir hätte wecken können. Für mich persönlich ist das Projekt aber gescheitert. Denn ich habe viel zu wenig Zeit investiert, um die Texte zu lesen. Das hat sicherlich mit der Umsetzung zu tun, und ich schließe mich einfach der Kritik von Thomas Knüwer an, die ich in Vielem teile, um das alles hier nicht noch einmal ausbreiten zu müssen.

Warum ich die Krautreporter nicht wirklich unterstützt habe

Interessanter als zu sammeln, was die Krautreporter vielleicht alles falsch gemacht haben, ist für mich ein Wechsel der Perspektive: die Frage, warum ich sie nicht bzw. so selten gelesen habe. Warum hat es ein so gut ausgestattetes Projekt offenbar nicht geschafft, mich als Teil seiner Community mitzureißen, zu begeistern oder – etwas bescheidener – zumindest bei der Stange zu halten? Grundsätzlich bedeutet für mich Crowdfunding weniger die finanzielle, sondern vielmehr die ideelle Unterstützung, die Auseinandersetzung mit dem Projekt. Genau diese ideelle Unterstützung ist mir aber bei den Krautreportern recht früh abhanden gekommen. Ich habe mich selten auf der Seite aufgehalten und nur einzelne der Texte gelesen.

Zu viele Texte für zu wenig Zeit

Das erlebe ich immer wieder auch mit anderen Medien so, die ich abonniert habe oder mal kaufe. Aber es gibt einen Unterschied: Zu meinen Tageszeitungen, Wochenzeitungen, Magazinen und einigen Fachmedien habe ich eine Bindung entwickelt. Sie begleiten mich oft schon viele Jahre meines Lebens, einige der Autorinnen und Autoren kommen mir durch ihre Texte wie gute Bekannte vor. Die Krautreporter kamen immer erst danach dran, anfangs, weil ich neugierig war, später, wenn ich mal in den sozialen Netzwerken von Texten erfahren habe. Insgesamt aber sehr selten. Es ist so banal wie wichtig und betrifft uns alle: Es gibt einfach mehr gute, interessante Texte als Zeit, die zum Lesen bleibt. Da schreiben so viele, gute Autorinnen und Autoren in Medien und Blogs, die ich gerne lese. Ich brauche die Krautreporter also offenbar gar nicht.

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Wie hätten die Krautreporter meine Zeit gewinnen können?

  • Ihre Texte werden mir empfohlen.
  • Es gibt eine breite Diskussion zu einem Text, die mich neugierig macht.
  • Die Autoren interessieren mich (von den wenigen Texten, die ich bei den Krautreportern gelesen habe, erfüllen die meisten diesen Punkt).
  • Die Texte behandeln ein Thema, das mich gerade interessiert (schwer zu erfüllen, weil sehr vielfältig und situationsabhängig)
  • Sie experimentieren mit Darstellungsformen.
  • Ich werde als Leserin einbezogen.
  • Ich habe eine Beziehung zu dem Medium

Den letzten Punkt haben die Krautreporter bei mir nicht erreicht, einfach, weil es mit den meisten der vorangegangenen zu oft nicht geklappt hat.

Satter Gast mit schlechtem Gewissen

Aber ich möchte das dem Team gar nicht vorwerfen. Denn ich fühle mich wie ein Gast, der gesättigt an ein reichlich gefülltes Buffet kommt und einfach nichts mehr nehmen mag. Am Ende überwiegt das schlechte Gewissen gegenüber dem Gastgeber. Mag ich ihn da kritisieren, für Speisen, die ich nicht mal richtig probiert habe? Man kann schon fragen, warum dieser Gastgeber mich überhaupt eingeladen hat. Er hätte wissen können, dass ich satt bin. Ich selbst hätte die Einladung ablehnen können.

Bei der Rückschau auf ein Jahr Krautreporter habe ich mich gefragt, was mir denn eigentlich Appetit machen könnte. Einer Leserin, die an jeder Ecke im Netz, zu einem großen Teil immer noch kostenlos, bestes Lesefutter bekommt und die auch zu einem nicht unbeachtlichen Teil des kostenpflichtigen Angebots Zugang hat?

Relevante journalistische Aktivitäten

Das Experiment Krautreporter zeigt mir ein weiteres Mal, dass man sich eben nicht darauf beschränken kann, den vielen Texten im Netz weitere hinzuzufügen, wenn man vorhat, ein neues journalistisches Produkt zu entwickeln – so gut die Texte auch sein mögen. Ein neues Magazin muss heute schon eine sehr spitze Positionierung haben, um sich durchzusetzen, oder ein Spezialthema besetzen, für das es eine Community gibt.

In der breiten Masse aber, in der sich die Krautreporter aufgestellt haben, gibt es wohl weniger ein Bedürfnis nach noch mehr Texten als vielmehr den Wunsch, diese Massen an Informationen irgendwie noch in den Griff zu bekommen. Es wird mehr und mehr zur Herausforderung, das Relevante vom Irrelevanten zu trennen, wirklich gute Reportagen, Features oder Berichte, die mich interessieren könnten, nicht zu verpassen. Angesichts des stetig anschwellenden Contents im Netz gibt es zwei Prozesse, die neben der Produktion von Inhalten immer relevanter werden:

  1. Aggregieren, also das Sammeln, Aufbereiten und Kategorisieren von Inhalten
  2. Kuratieren – die konzeptionelle Zusammenstellung einer Auswahl und die Einordnung in einen Kontext

Es ist doch bezeichnend, dass der morgendliche Newsletter der Krautreporter von vielen immer wieder positiv hervorgehoben wird – sogar als Grund genannt wird, das Abo weiterzuführen. Darin sammelt Christian Fahrenbach jeden Morgen Themen des Tages und Links zu interessanten Berichten – aus den verschiedensten Medien. Er sucht für die Leser der Krautreporter aus der Masse an aktuellen Berichten und Reportagen das heraus, was er für erwähnenswert hält, was ungewöhnlich oder in irgendeiner Art bemerkenswert ist. Tatsächlich habe auch ich den Newsletter der Krautreporter noch am häufigsten gelesen.

Wenn ich die Dienste und Angebote ansehe, die die beiden genannten Verfahren aktuell für mich übernehmen – vor allem Newsletter, Twitter, Facebook, kuerzr-Alerts, RSS-Feeds von Blogs – glaube ich, dass genau hier die Musik spielen könnte und neue Produkte und Entwicklungen wirklich gefragt sind – vor allem, wenn sie nach journalistischen Kriterien funktionieren und nicht der Logik der Algorithmen einer Suchmaschine folgen.

Entdeckung: Niuws

Ist es Zufall, dass ich gerade im Zuge dieser Überlegungen auf Twitter einen Hinweis von Christoph Kappes gelesen habe, der mich dazu gebracht hat, mich mit Niuws eingehender zu beschäftigen?

Von diesem Start-up hatte ich bislang nur den Namen gehört. Niuws setzt genau das um, was ich mir als journalistische Neuentwicklung wünschen würde. Niuws ist eine App, die sich an Entscheider richtet, für die sie von real existierenden Menschen jeden Tag die wichtigsten Texte zu bestimmten Themengebieten kuratiert. Man kann sich sein eigenes Portfolio aus Themenschwerpunkten zusammenstellen, in einem Stream erscheinen dann die Texte, wählbar als Original- oder direkt als Reader-Sicht. Das ist alles noch am Anfang und hat bestimmt noch viel Verbesserungs-, vor allem Erweiterungspotenzial. Rein technisch aber finde ich es schon einmal vielversprechend komfortabel. Ob sich für eine große Menge bestimmen lässt, was relevant ist, und welche Menschen dort kuratieren, davon wird sich ein großer Teil des Erfolg von Niuws abhängen.

Viel Erfolg den Krautreportern

Ich möchte den Krautreportern nicht vorschlagen, ein zweites Niuws zu werden, ich möchte den Krautreportern eigentlich gar keine Verbesserungsvorschläge an die Hand geben – davon haben sie vielleicht schon genug. Ich hoffe, sie haben Erfolg und es geht weiter, denn wie im Anschreiben an die Unterstützer zu lesen war, gibt es ja auch noch neue Ideen. Ich wünsche ihnen vor allem Leser_innen, die hungrig sind.

Eine neue Beziehung

Für mich selbst wird die Suche weiter in Richtung von Produkten wie Blendle oder eben Niuws gehen. Mit meinem letzten Crowdfunding aber habe ich übrigens Missy Magazine unterstützt. Die gibt es schon länger, sie haben mit ihrer Kampagne dafür gesorgt, dass wir sie weiter lesen und sie besser arbeiten können. Missy Magazine hat für mich eine klare Positionierung und bietet neben den Mainstreammedien einfach eine deutlich andere, weil feministische Perspektive. Das macht mir noch Appetit.

„Plan W“ – ein neues Magazin über Frauen in der Wirtschaft

Bild: Süddeutsche Zeitung

Bild: Süddeutsche Zeitung

Die Süddeutsche Zeitung hat ein neues Magazin gestartet – „Plan W“. Erst mal eine gute Idee, mehr von Frauen in der Wirtschaft sichtbar zu machen, auch wenn ich mich sofort gefragt habe, warum diese Berichterstattung dann in ein Supplement ausgelagert wird, und warum so etwas nicht im Wirtschaftsteil der SZ direkt stattfinden kann.

Guter Aufschlag mit Merkel-Porträt

Aber das Konzept von „Plan W“ ist es offensichtlich auch nicht, aktuelle Wirtschaftsthemen zu behandeln. Es geht um Allgemeineres, Übergreifendes. Macht ist das aktuelle Thema, aufgehängt an einem großen Porträt über Angela Merkel von Evelyn Roll. Das ist sicher großartig beobachtet und in Vielem treffend analysiert. Nur: Braucht ein Porträt über Angela Merkel wirklich so viel Gerhard Schröder? Ist diese Frau nicht deutlich vielschichtiger als das, was sich aus der Negativ-Definition eines längst von der Bühne verschwundenen Politikers beschreiben ließe? Ihr bescheidenes Auftreten in Abgrenzung zum Gockel Schröder könnte ebenso gut Helmut Schmidt charakterisieren und reicht sicher nicht aus, um zu beschreiben, wie unsere Bundeskanzlerin Macht ausübt. Wie gut, dass Evelyn Roll noch weiter geht und am Ende ihres Porträts dann genau das in Frage stellt, was sie eine andere Frau in ihrem Text zitieren lässt:

„Ob Lagarde recht hat und Frauen mit Macht besser umgehen können als Männer, wissen wir noch gar nicht, nur, dass Angela Merkel es anders macht als ihre Vorgänger.“

Das Schema der Definition ex negativo zieht sich aber durchs Heft. Warum muss immer der Mann her, wenn es darum geht, Frauen in der Wirtschaft zu beschreiben? Lassen sich Managerinnen und Politikerinnen wirklich nur durch die Abgrenzung zum Mann definieren? Reicht es nicht, zu beschreiben, dass und wie Frauen in der Wirtschaft agieren? Lohnt es sich nur dann, über eine Frau zu schreiben, wenn sie etwas anders macht als Männer?

Hinzu kommen Themen, bei denen ich den Eindruck habe, sie in Magazinen über Frauen im Beruf schon x-Mal gelesen zu haben, nahe am Klischee: Weibliches Netzwerken, weibliche Business-Kleidung und die Lufthansa-Vorstandsfrau, die sagt, dass Macht dann besser sei, wenn sie weiblich ist.

Draufhalten und beschreiben, was Frauen leisten

Gut finde ich „Plan W“ dann, wenn einfach draufgehalten wird, wenn beschrieben ist, wie es läuft, wenn Frauen an der Macht sind, wie zum Beispiel der Bericht über die Politikerinnen in New Hampshires. Sehr gut platziert fand ich auch die Analyse des Machtbegriffs von Hannah Arendt. Ihre Haltung charakterisiert das, wovon ich mir in einem Wirtschaftsmagazin für Frauen mehr wünschen würde, und zwar aus dem Grunde, der hier auch beschrieben wird:

„Hannah Ahrendt hat diese Theorie des Handelns nicht für Frauen geschrieben, und sie hat zeitlebens um ihr Frausein nicht viel Aufhebens gemacht. Und doch brauchte es vielleicht eine Außenstehende des politischen Geschäfts, eine Frau und Jüdin, die aus Nazi-Deutschland floh, um so radikal das übliche Oben-Unten-Denken komplett in Frage zu stellen. Und Macht einfach mal ganz neu zu spielen.“

Was fehlt und was „Plan W“ noch wichtiger machen könnte: Wie stehen Frauen aus der Wirtschaft zu drängenden aktuellen Fragen – zum Beispiel Griechenland, Globalisierung, Veränderung unserer Arbeitswelt durch Digitalisierung, um nur ein paar Schlagworte zu nennen? Zu diesen Themen kommen Frauen in der klassischen Berichterstattung noch zu selten zu Wort. Dabei müssen es nicht zwangsläufig die besseren oder richtigen Antworten sein, die wir dann hören werden, aber vielleicht einfach einmal andere. Und ich würde mir auch wünschen, dass Frauen berichten, wie sie  damit umgehen, wenn sie im Job benachteiligt werden. Die Hurra-wir-sind-die-Powerfrauen-Berichte alleine reichen mir persönlich nicht, um ein wirkliches Bild von Frauen in der Wirtschaft zu vermitteln.

Auch wenn ich mich nach der ersten Ausgabe für „Plan W“ noch nicht wirklich begeistern kann, so habe ich beim Lesen doch gemerkt, wie ungewöhnlich und wohltuend es ist, einmal so viel Geballtes über Frauen in der Wirtschaft zu lesen. Ich erwarte weitere Hefte deshalb mit Spannung.