Debatten gegen die Meinungsvielfalt und -freiheit

Auf Twitter hat es am Wochenende eine sehr unschöne Debatte gegeben. Ich versuche die ganze Diskussion zusammenfassen, genauer beschrieben und aus meiner Sicht sehr gut analysiert hat sie Annette Baumkreuz.

In Kürze war das so (auf Namen verzichte ich, sie spielen hier keine Rolle): Eine Social-Media-Redakteurin diffamiert die Entscheidung der Jury des Bachmann-Preises, eine bestimmte freie Journalistin nominiert zu haben. Diese hatte  für ihre journalistische Arbeit, einen feminismusfeindlichen Text in einer Tageszeitung, Zuspruch von einer rechtsextremen Frauengruppe bekommen. Nominiert worden war sie allerdings für einen ganz anderen Text, den sie bereits früher geschrieben hatte. Viele andere greifen die Kritik der Social-Media-Redakteurin auf, es entsteht eine erste Hetzwelle gegen die freie Journalistin, die in einer vermeintlichen „Morddrohung“ mündet. Dann wendet sich das Blatt: Die Social-Media-Redakteurin selbst wird Gegenstand gesammelter Hass- und Hetztweets, es gehen sogar Anfragen an ihren Arbeitgeber.

Das Ergebnis der Auseinandersetzung: Die Journalistin deaktiviert ihr Blog, die Social-Media-Redakteurin hat Tweets zum Thema gelöscht und schweigt. Nach der Diskussion ist beides verständlich.

Es geht mir nicht um die Frage, wer Schuld oder Recht hatte, sondern was aus einer Meinungsverschiedenheit entsteht, wenn die Meinung des anderen nicht respektiert wird und sie eine gewisse Dynamik entwickelt. Eine Dynamik, die auch daraus erwächst, weil andere sich die Diskussion aneignen. Aus meiner Sicht ist genau das hier geschehen. Und es ist, wie Annette Baumkreuz schreibt, sehr bedenklich, dass es keineswegs nur die Hetzer von der Straße waren, sondern eben auch ein Teil einer vermeintlichen Elite der Medien, die dazu beigetragen hat.

„Man fragt sich dann schon: Ist das die Diskussionskultur unter den „Eliten“, die uns als Vorbild dienen soll?“ (Annette Baumkreuz)

Die Art, wie hier diskutiert worden ist, führt zu Meinungsunterdrückung, zu Einschüchterung, zum Schweigen. Also genau das Gegenteil von dem, wozu unser doch so meinungsvielfaltsförderndes Netz gedacht und grundsätzlich auch angelegt ist. Ich finde es wichtig, sich die Mechanismen anzusehen, die hier wirksam waren – auch um sich selbst im eigenen Diskussionsverhalten kritisch hinterfragen zu können. Die, die die Debatte ausgelöst haben, sind übrigens nicht nur Objekte, sondern haben sich selbst dieser Mechanismen auch bedient.

1. Nicht beim Text bleiben
Der erste, auslösende Tweet argumentiert mit der Rezeption eines Textes gegen die Entscheidung der Jury für einen ganz anderen Text und diffamiert damit die Autorin dieser beiden Texte. Wer Texte zum Anlass seiner Kritik nimmt, sollte auch mit ihnen argumentieren – oder es eben lassen.

2. In Sippenhaft nehmen
Der gleiche Mechanismus, den die Social-Media-Redakteurin nutzt, um ihre Meinung gegen einen Text oder auch ihre Verfasserin kundzutun – nämlich die ungewollten Claqueure zum Beweis seiner politischen Richtung zu machen – schlägt gegen sie zurück: Als die vermeintliche „Morddrohung“ auftaucht, wird sie plötzlich dafür verantwortlich gemacht. So kann man jeden Gegner ins Aus bringen, der Zuspruch aus ungewolltem Lager bekommt. Wobei jede/r sich schon kritisch hinterfragen könnte, ob sie oder er in ihren Argumenten vielleicht auch Anlass dazu gegeben hat. Darauf hat die kluge Antje Schrupp hingewiesen, als es in einer Debatte um genau die Frage ging:

3. Einschüchterung
Bestimmte Sachverhalte haben in einer Debatte nichts zu suchen – wie hier zum Beispiel die Information über den Arbeitgeber der Social-Media-Redakteurin. Dass darauf in der Hetzkampagne gegen sie immer wieder abgehoben wird, ist ein klarer Versuch von Einschüchterung. In der Diskussion ist diese Information irrelevant, zumal sie ihre Meinung explizit als private erklärt. Ich sehe die Nennung ihres Arbeitgebers in der Twitter-Bio nicht als Legitimation dafür, ihn in die Debatte hineinzuziehen. Auch die vermeintliche „Morddrohung“ ist natürlich auf der anderen Seite eine besonders perfide Art, Menschen einzuschüchtern.

4. Draufhauen statt nachfragen
Viele Menschen möchten nicht diskutieren, sondern draufhauen. Gerade auf Twitter wäre es meiner Meinung nach richtig, immer erst nachzufragen, und zwar direkt: Wirklich? Warum äußerst du dich so oder so? Damit hat die oder der Zitierte noch einmal Gelegenheit, zu korrigieren, vielleicht auch Missverständnisse oder gar Fehler zu korrigieren, bevor ihre Aussage die große Runde macht. Bei 140 Zeichen sind Missverständnisse keine Seltenheit.

5. Diskutieren um des Mitmachens willen
Je größer eine Debatte sich in Social Media entwickelt, desto mehr Menschen fühlen sich aufgerufen, mitzumachen. Kein Name darf fehlen. Statt „me, too!“ wäre wohl häufiger angesagt, zu fragen, um wie viel weiter der eigene Beitrag die Debatte noch dreht und ob das nötig ist. Ich gebe zu, dass ich mit diesem Beitrag genau diese Frage auch auf mich beziehen muss, habe mich aber dafür entschieden.

Letztendlich führt alles zurück zu einer Grundhaltung, in der wir uns, die wir in Social Media diskutieren, auch stets hinterfragen müssen. Will ich wirklich Meinungen austauschen, bin ich interessiert daran, was andere denken, möchte ich die Argumente anderer kennen lernen, meine eigenen vielleicht hinterfragen oder meine Meinung auch revidieren? Oder will ich mich der eigenen vielleicht nur vergewissern, meine Position stärken, eine Bühne haben? Die Grenzen sind sicher sehr fließend, das, worum es geht, ist aber fundamental: es geht um die freie Meinungsäußerung.

Dass beide Frauen jetzt schweigen (müssen?), halte ich für den denkbar schlechtesten Ausgang, den diese Auseinandersetzung nehmen konnte. Ich würde mir sehr wünschen, dass sie noch Gelegenheit hätten, öffentlich zu zweit zu diskutieren, ohne die Einmischung von gewollten und ungewollten Unterstützerinnen. Ich denke, einigen der Claqueure beider Richtungen würde damit ein gutes Maß ihres Empörungswindes aus den Segeln genommen. (Der Meinung bin ich inzwischen nicht mehr, eine Verlängerung der Diskussion würde nichts bringen.)

Update 23.30 Uhr: Es stimmt nicht ganz, die Journalistin schweigt nicht – sie hat sich noch ausführlicher auf Facebook geäußert und distanziert sich deutlich von dem, was sich aus der Debatte zwischen ihr und der Social-Media-Redakteurin im Netz entwickelt hat. Und das immerhin ist gut so.

Vorbilder für Vereinbarkeit

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Bei der lange Nacht der ZEIT wurde im Körber-Forum am vergangenen Donnerstag wieder einmal über das Thema „Vereinbarkeit“ diskutiert. Es ging um das Buch der beiden ZEIT-Journalisten Marc Brost und Heinricht Wefing „Geht alles gar nicht“. Darüber habe ich hier schon ausführlich geschrieben. Was mich aufhorchen ließ in der Diskussion, war gegen Ende das Thema Vorbilder. Andrea Nahles äußerte sich dazu, eine der „ersten Spitzenpolitikerinnen, die während sie Generalsekretärin war ein Kind bekommen hat“. Sie stellt fest, dass es für Frauen wie sie noch keine Vorbilder gebe. Andererseits will sie sich auch gar nicht an anderen orientieren, weil sie das „affig“ findet:

„Vorbilder sind immer was Schräges – lieber selber machen“.

Das finde ich schwach – und glaube genau das Gegenteil. Wir sollten uns gut umgucken, nach Männern und Frauen, die Lösungen entwickelt haben und von sich behaupten können, dass Kinder und ein erfüllter Job sich in ihrem Leben nicht ausschließen. Im Sinne einer best practice könnte man von ihren Erfahrungen profitieren und sie auch zitieren, wenn andere nicht daran glauben wollen. Das setzt auch voraus, dass man sich die Umstände genauer ansieht, unter denen in bestimmten Konstellationen manchen Paaren der Alltag mit Kindern und Job besser gelingt. Ich bin mir sicher, dass sich dabei gemeinsame Strategien ableiten lassen, die auch in politische Forderungen münden könnten. So zum Beispiel die Idee des Teilens, der gelebten Gleichberechtigung, die Möglichkeiten des flexiblen Arbeitens, eine gewisse finanzielle Unabhängigkeit, nicht zuletzt auch Gelassenheit – um nur einige Beispiele zu nennen, die mir in Schilderungen von Paaren immer wieder auffallen, die sich mir selbst als Vorbilder präsentieren.

Wir brauchen in unserer aktuellen Umbruchsituation zuallererst Vorbilder, die uns zeigen, wie es gehen könnte. Die kreative Ideen entwickeln, wie es denn aussehen könnte, wenn Männer und Frauen sich die Aufgaben in der Familie teilen und zugleich im Beruf erfüllend arbeiten können. Die konkrete Forderungen stellen. Und solche Vorbilder sollte es auch und gerade unter Politikerinnen und Politikern geben. Ich warte noch auf den Tag, an dem eine Ministerin oder ein Minister zumindest einmal den Antrag stellt, das Amt mit jemandem zu teilen. Job-Sharing auf höchster Ebene vorgelebt – sollte das nicht Nachahmer finden?

In diesem Zusammenhang bin ich gespannt auf den nächsten Digitalen Elternabend von scoyo zum Thema Vereinbarkeit in der kommenden Woche am 19. Mai ab 21 Uhr. (Disclaimer: in unserer Agentur Mann beißt Hund betreue ich im Team mit Kolleginnen diesen Elternabend für unseren Kunden scoyo). Als Experten sind zwei Frauen und zwei Männer eingeladen, die sich Gedanken darüber gemacht haben, wie es gehen könnte mit der Vereinbarkeit, und zwar aus ganz verschiedenen Lebenssituationen heraus. Sie werden dazu aus ihrem eigenen Leben berichten, aber auch Forderungen an Wirtschaft und Politik nicht auslassen. Ich bin gespannt auf die Diskussion. Alle, die möchten, können live oder nachher zugucken und sich mit Fragen via Twitter, Facebook oder Mail auch beteiligen.

Teilnehmer/innen am Digitalen Elternabend zu Vereinbarkeit:

  • Susanne Garsoffky, eine der Autorinnen von „Die Alles-ist-möglich-Lüge“
  • Patricia Cammarata, Bloggerin (dasnuf.de), Diplom-Psychologin und IT-Projektleiterin
  • Wolfgang Lünenbürger-Reidenbach, Managing Director bei Cohn & Wolfe Public Relations, Blogger (Haltungsturnen)
  • Mathias Voelchert, Gründer und Leiter von familylab.de
  • Daniel Bialecki, Geschäftsführer von scoyo (Moderation)