Das neue Spiel: Michael Seemann über den Kontrollverlust

das_neue_spielIm letzten Jahr habe ich nach meiner ersten bereichernden Crowdfunding-Erfahrung im Jahr zuvor ein weiteres Buchprojekt unterstützt. Der Kulturwissenschaftler, Netztheoretiker und Blogger Michael Seemann hatte angekündigt, über den Kontrollverlust zu schreiben, die Erfahrung also, dass immer mehr Daten über uns erfasst, vorgehalten und miteinander verknüpft werden, ohne dass wir das beeinflussen oder gar kontrollieren könnten. Das Crowdfunding verlief sehr erfolgreich. Irgendwann lag „Das neue Spiel“ bei mir in der Post, handsigniert und sehr schön gestaltet, für die Unterstützer mit einem zusätzlichen Schmuckumschlag.

Rezension Monate nach Erscheinen des Buches

Es hat etwas gedauert, bis ich die notwendige Ruhe gefunden hatte, das Buch am Stück zu lesen. Um den Text über das Buch bin ich dann auch noch etwas herumgeschlichen, weil ich noch keine klare Position zu „Das neue Spiel“ bzw. zum Thema Kontrollverlust habe. So kommt mein Beitrag erst jetzt, Monate nach Erscheinen des Buches im vergangen Herbst. Aber ich berufe mich gerne auf Gunnar Sohn, der für eine Entschleunigung im Umgang mit Büchern plädiert:

„Es ist wohltuend, dass es Rezensenten gibt, die sich nicht an der gigantisch kurzen Halbwertzeit bei der Besprechung von Büchern orientieren. Das Zeitfenster für die Erwähnung neuer Werke wird immer kleiner. Man behandelt Sachbücher und literarische Werke wie heiße Kartoffeln, die sofort serviert werden müssen.“  (aus: „Besprechung unseres Live Streaming-Opus in Praxis der Wirtschaftsinformatik“)

„Das neue Spiel“ ist keine heiße Kartoffel, man kann es auch Monate nach Erscheinen noch servieren, denn es ist weiterhin von hoher Aktualität. Es ist als Lektüre auch – vielleicht sogar gerade – für die geeignet, die die netztheoretischen Debatten der letzten Jahre nicht im Detail verfolgt haben.

Die drei Grundbedingungen des Kontrollverlusts

Seemann hat sein Buch in zwei große Bereiche gegliedert und beschreibt im ersten Teil gut strukturiert und detailliert drei Grundbedingungen, die den Kontrollverlust über unsere Daten bedingen.

  1. die durchgehende Digitalisierung unserer Lebenswelt durch eine wachsende Anzahl von Sensoren
  2. die immer günstigere Speicherung von Daten und die schnellere Kopierbarkeit
  3. die sich kontinuierlich verbessernden Möglichkeiten, aus den Daten Schlüsse zu ziehen durch ihre Verknüpfungen.

„Daten, von denen wir nicht wussten, dass es sie gibt, finden Wege, die nicht vorgesehen waren, und offenbaren Dinge, auf die wir nie gekommen wären.“

Das alles ist sehr einleuchtend, an mehreren Stellen wohl schon bekannt, aber doch erkenntnisfördernd, die Entwicklungen in ihren Zusammenhängen zu durchdringen. Der erste Teil lohnt die Lektüre. Ich kann nicht beurteilen, ob es Ähnliches schon gibt, dazu fehlt mir der komplette Überblick über die entsprechende Literatur. Die Zusammenhänge zwischen Datenerfassung, -speicherung und -verknüpfung und den draus resultierenden Verlust der Kontrolle über die Informationen beschreibt Seemann hier ausführlich, nachvollziehbar und mit vielen konkreten Beispielen. Interessant ist dabei, dass er auch die medien- und informationstheoretischen Grundlagen der Digitalisierung heranzieht, ihre historische Entwicklung nachzeichnet und damit ein wirkliches Verständnis ermöglicht.

Die Analyse läuft unweigerlich auf die Grundthese Seemanns hinaus: Die Digitalisierung hat unser Leben vom Kopf auf die Füße gestellt, Denkweisen und Regeln aus dem 20. Jahrhundert laufen ins Leere. Wir sind nicht mehr in der Lage, unsere Daten zu schützen, weil wir gar nicht mehr den Überblick darüber haben, an welchen Stellen sie erhoben werden und was damit geschieht. Und wir können uns nicht dagegen wehren, dass diese Daten erfasst werden.

Der Kontrollverlust ist irreversibel

Während der Lektüre wurde ich zunehmend neugierig auf den zweiten Teil, denn je überzeugender die Darstellung des Kontrollverlustes gelingt, desto interessanter, ja drängender erscheint die Frage, wie denn nun damit umzugehen ist.

Für Seemann gibt es kein Zurück mehr. Er verwehrt sich dennoch gegen die Zuschreibung des Technologiedeterminismus und spricht stattdessen von einem „sanften Druck in eine bestimmte Richtung“. Und er betont, dass er die Regeln, die er im zweiten Teil aufstellt, – anders als die Analyse im ersten Teil – nicht mit einem Anspruch auf Allgemeingültigkeit verbindet.

Neue Spielregeln – noch nicht zu Ende gedacht

Um es vorwegzunehmen: Für mich gibt dieser zweite Teil keine befriedigende Anleitung zum Umgang mit dem Kontrollverlust. Ich folge Seemann nicht in seinem Optimismus, dass es ein gutes Spiel wird, wenn wir die Realität nur anerkennen und uns von der Illusion verabschieden, wir könnten unsere Daten noch schützen. Für mich ist – wie für viele – die totale Transparenz,  die Seemann wie weitere Anhänger der so genannten Post-Privacy-Bewegung als Ausweg postulieren, eine abschreckende Vorstellung. Ich bin in eine andere Richtung hoffnungsvoll: Ich möchte mir vorstellen, dass sich aus einem breiteren Konsens heraus, dass es Daten gibt, die wir schützen müssen, Regeln zu einem verantwortlichen Umgang damit entwickeln. Dass Individuen, Unternehmen und Staaten sich zur Einhaltung dieser Regeln verpflichten und dabei keine Ausnahmen gelten. Es gibt aktuell wenig Anlass, darauf zu hoffen, aber Grund, dafür zu kämpfen. Das müsste bedeuten, dass man sich darauf einigt, bestimmte Daten nicht zu nutzen, auch wenn sie verfügbar sind. Ich denke auch, dass gerade mit der Einsicht in den Kontrollverlust  ein bewusster, sensibler und verantwortungsvoller Umgang mit Daten gefordert ist – und dass wir erst noch lernen müssten, wie das aussehen kann. Vielleicht bin ich mit dieser Vision tatsächlich noch dem 20. Jahrhundert verhaftet. Zwangsläufig kann ich Seemann deshalb im zweiten Teil nur noch bedingt folgen.

Sensible Bereiche erfordern sensiblere Regeln

Es liegt aber auch daran, dass  er seine Ansätze hier – anders als im ersten Teil – weniger fundiert begründet. So ausführlich und umfassend er die Sachverhalte im ersten Teil ausbreitet und so vielseitig er argumentiert, so oberflächlich empfinde ich seine Darstellung an einigen für mich zentralen Stellen im zweiten Teil. Etwa dann, wenn es um das Gesundheitssystem geht:

„In einem Gesundheitssystem, das solidarisch für alle funktioniert, wäre es weniger bedrohlich, wenn meine Gesundheitsdaten in fremde Hände fallen“ (S. 165).

Auch in einem solidarisch organisierten Gesundheitssystem gibt es wohl gleich mehrere Gründe, die wichtig machen, unsere Daten geschützt zu wissen. Ich möchte zum Beispiel selbst entscheiden, ob und wann ich meinem Umfeld von der Diagnose einer schwerwiegenden Krankheit oder auch einer Schwangerschaft berichte. Und wer garantiert selbst in einem solidarisch organisierten System, dass ein potenzieller Arbeitgeber mich nicht doch ablehnt, wenn er erfährt, dass ich unter einer Krankheit leide, von der er meint, sie könnte mich einschränken?

Ähnliche Gedanken kommen mir zum Thema Homosexualität. Seemann schreibt, der Kampf für Toleranz und gegen homophobe Strukturen stärke die Einzelnen, so dass es irgendwann nicht mehr nötig sein sollte, eine sexuelle Neigung zu verbergen. Selbst wenn es stimmt und sich die Gemeinschaft irgendwann in diese Richtung entwickeln könnte: Die Sexualität ist für mich ein hoch privater Bereich, den ich schützen möchte, nicht zuletzt, weil Geheimnisse und Verborgenes einen sie konstituierenden Wert ausmachen.

Parallel zu Seemanns Buch habe ich übrigens „The Circle“ als Hörbuch gehört – auch das erst nach dem großen Hype um das Buch. Es war eine interessante Parallel-„Lektüre“, im doppelten Sinn: Einer der Gründer von „The Circle“ argumentiert zum transparenten Umgang mit Homosexualität wie Seemann: Wenn alle offen damit umgingen, so würde man die Menschen irgendwann davon befreien können, sie zu verbergen. Bei „The Circle“ habe ich es als naive Vision gelesen, darauf angelegt, Widerspruch bei Leserinnen und Lesern hervorzurufen.

Ein Buch, das auf die Suche schickt

Auf der anderen Seite entdecke ich bei Seemann auch im zweiten Teil wieder überzeugende Ansätze und Argumentationen. So kann ich unter anderem dem gut dem folgen, was er zu Plattformen schreibt und finde seinen Ansatz, für ein Mitspracherechts der Nutzerinnen und Nutzer zu kämpfen statt sie zu verlassen und sich damit zu schaden, richtig.

Der zweite Teil hat mich im Ganzen nicht überzeugt, aber die Lektüre lässt mich meine eigenen Überzeugungen auch hinterfragen. Denn im Moment fehlt mir ein konkreter Gegenentwurf zu den neuen Seemanschen Regeln des Spiels. Dass sie gefragt sind, ist für mich außer Frage. Sind es die, die Seemann entwirft? Ist er in seinen Überlegungen nur konsequenter und weiter als ich? Ich habe dazu noch keine fertige Meinung, und deshalb hat „Das neue Spiel“ mich in gewisser Weise erst einmal auf die Suche geschickt. Es ist nicht ganz das, was ich nach den Ankündigungen erwartet hatte, aber nicht einmal das Schlechteste, was man von einem Buch sagen kann.

Crowdfunding – nur ein erster Ansatz

Pitchvideo von Michael Seemann für die Crowdfunding-Kampagne

„Das neue Spiel“ kann man, da es durch das Crowdfunding bereits finanziert worden ist, bei irights media kostenlos lesen. Und es gibt bereits einige Besprechungen zum Buch, in der Bewertung gemischt. Lesenswert ist unter anderem die von Thomas Brasch, der nicht nur die Bücher liest, die ich lese, sondern auch die schon gelesen hat, die ich noch lesen möchte.

Seemann beschreibt übrigens auch den Prozess der Entstehung seines Buches als ein Weg, mit dem Kontrollverlust umzugehen. Er kann es als Autor kostenfrei ins Netz stellen, weil er sein Geld bereits vorher gesammelt hat. Dabei unterschlägt er aber die Tatsache, dass ein gut funktionierendes Netzwerk ihn dabei unterstützt hat – ein Netzwerk, auf das wohl nur einzelne potenzielle Autorinnen und Autoren in ähnlicher Weise setzen könnten. Von daher ein guter Ansatz für das neue Spiel, aber noch keine wirkliche Lösung.

Crowdfunding als Marktforschung: Süddeutsche Zeitung Langstrecke

SZ_LangstreckeDer Süddeutsche Verlag hat heute den Startschuss für ein neues Experiment gegeben und holt Interessierte dafür auf die Crowdfunding-Plattform startnext. Ein neues Produkt soll hier von der Crowd getestet werden, die so genannte „Süddeutsche Zeitung Langstrecke“. Das Produkt, um das es geht, finde ich im jetzigen Stadium weniger interessant als den Prozess seiner Einführung. Viermal im Jahr will der Verlag so genannte „longreads“, also längere Texte wie Essays, Reportagen oder auch Interviews, in gesammelter Form publizieren und in der Form herausbringen, in der die Leserinnen und Leser es wünschen: als E-Book, Magazin oder Taschenbuch. Es sollen „die besten“ sein – und offensichtlich wird auch hier die Crowd entscheiden, welche der vielen Texte aus einem Quartal dieses Qualitätsmerkmal verdient haben – zumindest in der Experimentierphase. Hinter dem Projekt stehen der Journalist Dirk von Gehlen, dessen erstes Buchprojekt „Eine neue Version ist verfügbar“ ich als ich als mein erstes Crowdfunding-Projekt als sehr bereichernd miterleben konnte, der Projektmanager Johannes Hauner und der SZ-Art-Direktor Christian Tönsmann, der – vielleicht oder hoffentlich – mehr als die Frühbucher Plakate gestaltet.

Crowdfunding als Marktforschung

Was mich heute wirklich gewundert hat, war, dieses Projekt auf startnext zu finden. Mir ist bewusst, dass es beim Crowdfunding um weitaus mehr geht als um das reine Sammeln von Geld. Aber dass da eine Kampagne die Finanzierung von Anfang an als komplette Nebensache des Crowdfundings beschreibt, ist für mich neu. Das Fundingziel von gerade mal 100 Euro war auch sofort erreicht. Der Verlag nutzt das „Experiment“, wie es im Text auch genannt wird, für einen Markttest – ein Effekt des Crowdfunding, den auch andere schon beschreiben, der sich bei vergleichbaren Projekten aber vermutlich eher als Nebeneffekt herausgestellt hat. Die Macher des digitalen Wissenschaftsmagazins Substanz, das einen Teil der Investition über Crowdfunding finanziert hat, berichten zum Beispiel darüber in einem Interview.

Crowdfunding auch für etablierte Unternehmen

Auch gewundert hat mich, nicht irgendein start-up, sondern den Süddeutsche Verlag auf einer Crowdfunding-Plattform wiederzufinden. Mein erster Impuls – und auch meine Frage an der Pinnwand – war: „Geht das überhaupt“ – mit dem Hintergedanken, dass eine Plattform, die ihre Crowd bei jeder Kampagne um einen Beitrag für den eigenen Betrieb bittet, doch kein Ort für die Marktforschung von großen Verlagen sein könnte. Länger darüber nachdenkend, sehe ich es tatsächlich anders. Zum einen ist sowohl die Spende an startnext als auch die Teilnahme an der Kampagne des Süddeutsche Verlags vollkommen freiwillig. Der Verlag macht seine Ziele transparent – in seinem Blog schreibt Dirk von Gehlen noch ein paar Sätze mehr zu der Motivation. startnext wird vermutlich Aufmerksamkeit gewinnen, was gut ist für die vielen anderen Projekte, die hier ihren Weg ins Leben finden. Zum anderen werden die, die sich an der Kampagne beteiligen, davon profitieren: Sie erhalten ein Produkt zu einem guten Preis – ein Jahr lang longreads aus der SZ in der Form, die sie sich wünschen. Und sie werden ein Experiment begleiten, mit dem ein neues journalistisches Produkt entwickelt wird. Nicht hinter verschlossenen Türen, sondern ganz offen, unter Einbeziehung potenzieller Kunden und unter den Augen der Konkurrenz. Es ist deshalb zu erwarten und nicht verwunderlich, dass viele Menschen aus „der Medienbranche“ zu den Unterstützern zählen werden. Ob das die Ergebnisse der Marktforschung verzerrt, sei dahingestellt.

Nicht die Zielgruppe und doch dabei

Und tatsächlich interessiert mich der Entwicklungsprozess so sehr, dass ich mir nach dem Verfassen dieses Blogposts wohl auch noch eine Beteiligung sichern werde. Ich habe zwar überhaupt nicht das Gefühl, zur Zielgruppe der Quartals-Longreads zu gehören, und das aus verschiedenen Gründen:

  1. Ich schaffe es schon viel zu selten, mal eines der längeren Stücke in der täglichen Zeitung zu lesen, und sehe nicht, warum mir das besser gelingt, wenn mir die Texte in anderer Publikationsform ein weiteres Mal zugestellt werden. Vielleicht wird der Druck größer, wenn ich ein zweites Mal zahle? Eher nicht.
  2. Nichts ist so alt wie die Zeitung von gestern – das stimmt für das Konzept der Tageszeitung im digitalen Zeitalter vielleicht weniger als früher, aber: Warum sollte ich die Stücke lesen, die ich vor drei Monaten verpasst habe, und dadurch weitere gute ungelesene Stücke in der aktuellen SZ zurücklassen?
  3. Wenn es vielleicht eine Sammlung geben könnte, die ich auch nach drei Monaten noch lesen möchte, so wäre das wohl eine sehr persönliche. Das, was die Süddeutsche oder auch die Crowd für „die besten“ Stücke hält, werden nicht unbedingt meine persönlichen Favoriten sein. Die würde ich mir dann vielleicht lieber selbst zusammenstellen. Vielleicht ein weiterer Entwicklungsschritt.
  4. Die Stücke werden so gesammelt, wie sie in der SZ erschienen sind. Was mich reizen könnte, wäre, eine Langversion zu lesen, so wie zum Beispiel ZDF Aspekte neulich ein langes Interview mit Michel Houellebecq im Netz gezeigt hat, von dem in der Sendung nur Ausschnitte zu sehen waren. Oder eine frühere Version. Vielleicht auch eine spätere, ein Update, das weitere Geschehnisse einbezieht. Vielleicht wäre auch ein weiterer Entwicklungsschritt?

Was ich an dem Projekt reizvoll finde: Es könnte den Gegenbeweis zu der Annahme liefern, digital konditionierte und überhaupt die Leserinnen und Leser von heute lesen keine langen Texte mehr – wenn sie doch sogar bereit wären, dafür zusätzliches Geld auszugeben. Und es wäre, wenn sich denn die Varianten Magazin oder Taschenbuch durchsetzten, ein weiterer Beweis für das, was viele gerne glauben möchten: Print lebt.

Nachtrag: Kurz nach Veröffentlichung dieses Beitrags bin ich auf einen Kommentar von Steffen Peschel/Kultur2Punkt0 gestoßen, der sich auch um die Frage dreht, was die SZ auf startnext zu suchen hat: „Ja dürfen’s denn das?“