Buchrezension: Generation Social Media

Cover_Generation_Social_MediaPhilippe Wampflers Buch „Generation ‚Social Media’ – Wie digitale Kommunikation Leben, Beziehungen und Lernen Jugendlicher verändert“, habe ich zunächst aus privatem Interesse gelesen. Der Autor arbeitet als Lehrer in der Schweiz. Als Kulturwissenschaftler publiziert und bloggt er zu Themen rund um Social Media. Was mich am Buch gereizt hat, ist der Einblick in den Alltag von Jugendlichen. Immer wieder beobachte ich in Diskussionen, Medienberichten und auch bei mir selbst, wie schnell wir Erwachsenen dabei sind, unsere eigenen Urteile, Erfahrungen und auch Ängste eins zu eins auf die Mediennutzung junger Menschen zu übertragen. Und damit schnell auch mal schief liegen. Ein kleines Beispiel dafür: Eine Bekannte berichtete mir, dass sie als Mittvierzigerin beruflich viel mit jungen Menschen zu tun hat. Sie interessiert sich für ihre Themen und führt gute Gespräche mit ihnen. Als sie einmal von einem Studenten eine Mail bekam, die nur in Versatzstücken und ohne einen vollständigen Satz formuliert war, gab sie ihm den Tipp, dass solche Nachrichten bei ihr als Empfängerin das Gefühl mangelnder Wertschätzung auslösen könnten. Der Angesprochene antwortete ihr, dass er genau das Gegenteil beabsichtigt habe: Eine Nachricht mit komplett ausformulierten Sätzen hätte er als zu förmlich betrachtet und damit als unpassend angesichts ihres freundschaftlichen und offenen Kontakts.

Das Leben der Jugendlichen: digital und anders

Was sich hier am Beispiel der E-Mail-Kommunikation zeigt, zieht sich wie ein roter Faden durch das Buch von Philippe Wampfler: Wir kommen nicht weiter, wenn wir mit unseren (Vor-)Urteilen, Wertmaßstäben und unserem erwachsenen Erfahrungshorizont verstehen wollen und bewerten, wie Jugendliche Social Media nutzen. Unter anderem, weil es einen wesentlichen Unterschied gibt zwischen denen, die analog sozialisiert wurden, und denen, die „nie gelernt haben, ohne das Internet zu leben“ (Zitat von Rieke, 2014, S. 22). Jugendliche heute unterscheiden nicht mehr zwischen dem „echten“ und dem „virtuellen“ Leben. Aber auch, weil sie soziale Medien anders nutzen, als wir das gewohnt sind. Und manchmal auch anders, als es sich die Macher von Facebook, WhatsApp & Co. vielleicht gedacht haben bzw. wünschen. So berichten die Medienwissenschaftlerinnen Dana Boyd und Alice Marwick (2011), die Wampfler zitiert, von einer Jugendlichen, die ihr Facebook-Konto jedes Mal deaktivierte, nachdem sie es benutzt hatte, was sie vorrangig nachts tat, wenn sie davon ausgehen konnte, dass Erwachsene weniger oft auf ihr Profil stoßen würden. Ihre gesamte Facebook-Kommunikation war damit nur in den Zeiten sichtbar, in denen sie auf Facebook aktiv war.

Folgen der Digitalisierung nicht komplett absehbar

Auch wenn Wampfler Jugendlichen durchaus Techniken zutraut, die wir noch gar nicht entdeckt haben, um etwa Probleme des Datenschutzes zu umgehen, so zeichnet er keineswegs ein beschönigendes Bild der Auswirkungen sozialer Medien auf das Leben von Jugendlichen. Das Buch ist in einem angenehm „nüchternen“ Stil verfasst und von dem, was mir bekannt ist, eine der eher selteneren Veröffentlichungen, in denen der Autor es aushält zu sagen: Wir wissen noch nicht, welche Folgen die Digitalisierung haben werden. Wir können Vermutungen anstellen, belegen lässt sich vieles aber nicht. Die Veränderungen passieren schneller, als Studien hinterher kommen können. Wer heute ein Buch schreibt, kann morgen schon eine Ergänzung, Korrektur oder auch Erweiterung hinterherschieben. Was Philippe Wampfler in seinem Blog „Schule und Social Media“ regelmäßig liefert, weshalb es sich lohnt, ihm zu folgen. Es prägt die Beschreibungen von Wampfler, dass er als Lehrer sehr nah dran ist an den Jugendlichen, über die er berichtet. Was er zu den Bereichen Gesundheit, Beziehungen, Geschlechterrollen, Identitätssuche und Lernen schreibt, ist aber vor allem auch deshalb sehr bereichernd, weil er Studien und Untersuchungen einbezieht, so weit sie denn vorliegen.

Schattenseiten von Social Media

Philippe Wampfler entdeckt in Social Media klare Potenziale für die Entwicklung von Jugendlichen, und hier finde ich  das Kapitel, in dem es um den Bereich Lernen geht, interessant. Er verweist aber auch auf die Gefahren: So sind zum Beispiel die Dimensionen des Cybermobbing ganz andere, wenn es sich in sozialen Netzwerken abspielt, wo die Verbreitung viel schneller geschieht und weitere Kreise entstehen. Mobbing hat es auch ohne soziale Medien schon gegeben, und das Internet ist somit nicht „schuld“ daran. Trotzdem muss man sich und den Jugendlichen klar machen, dass die Auswirkungen heute andere sein können. Ein weiteres Beispiel für Schattenseiten, die Wampfler benennt, ist die überhöhte „Angst, etwas zu verpassen“ (Fear of Missing Out = FOMO). Diese Angst entstehe aus einem unbefriedigendem Sozialleben und werde durch die Nutzung von Social Media nur noch verstärkt. „Fomo“, zitiert Wampfler die Expertin für digitale Kommunikation Priya Parker, „sei ein Gefühl, unter dem alle leiden, obwohl niemand es zugibt. Deshalb ist es wichtig, solche negativen Auswirkungen digitaler Kommunikation zu benennen und darüber nachzudenken, wie sie abgeschwächt werden könnten.“ (S. 113)

Auch für Erwachsene: Reflexion der eigenen Mediennutzung

Mehrere Stellen im Buch haben mich motiviert, meinen eigenen Umgang mit sozialen Netzwerken und digitalen Medien kritisch zu reflektieren, umso mehr, weil ich Kinder habe, die sich (auch) an mir orientieren werden. Es sind ja zum Teil sehr grundsätzliche Veränderungen, die mit der steigenden Nutzung digitaler Medien einhergehen, und die betreffen uns alle, ganz unabhängig vom Alter. Die Smartphone-Etikette zum Beispiel, die Philippe Wampfler im Anhang des Buches neben anderen Materialien zur Verfügung stellt, kann man auch einigen Erwachsenen in die Hand drücken, ich habe dazu schon an anderer Stelle geschrieben. Es ist dieses Buch also allen zu empfehlen, die einen Weg suchen, Social Media gewinnbringend zu nutzen.

Wie können Erwachsene Jugendliche begleiten?

Was für mich am Ende offen bleibt, und ich bin gar nicht sicher, ob es darauf eine Antwort gibt: Wie gehen wir mit dem Widerspruch um, dass wir als Eltern Jugendliche bei einer „kompetenten Nutzung und wirkungsvollen Prävention“ (Kladdentext) begleiten sollen, gleichzeitig aber ab einem bestimmten Alter soziale Medien zu einem Rückzugsort vor den Eltern werden? Wie kann ich wirklich nachvollziehen, wie Jugendliche Medien nutzen, wenn doch der Reiz darin besteht, dass ich keinen Zugang dazu habe? Für mich war eine erste Lösung, dieses Buch zu lesen, und sicher besteht die Herausforderung einfach darin, auf dem Laufenden zu bleiben und möglichst unverstellt hinzusehen. Aber einen Schritt weiter gedacht: Wenn doch negative Auswirkungen in einigen Bereichen offensichtlich sind: Wer ist dafür verantwortlich, Kinder und Jugendliche davor zu schützen? Schaut man sich um, so ist es aktuell fast eher ein Glücksfall, wenn Kinder in ihrer Mediensozialisation kompetent begleitet werden. In der Schule sind viele Lehrer mit dem Thema überlastet, in den Lehrplänen kommt es noch nicht hinreichend vor. Es hängt noch zu oft vom Engagement und dem Know-how einzelner Lehrerinnen und Lehrer ab, welche Rolle Medienerziehung in der Schule spielt. Auch viele Eltern sind überfordert: Ihnen fehlen die Zeit, das Wissen und auch die Bereitschaft, sich mit den Neuen Medien so intensiv auseinanderzusetzen, wie es notwendig wäre, um ihren Kindern wirklich ein Vorbild und eine Ansprechpartnerin zu sein. Das fängt mit der Mediennutzung an und hört mit dem Thema Sicherheit sicher noch nicht auf. Es bleibt die ungute Ahnung, dass hier die Kinder die schlechtesten Chancen haben, die per se mit schlechterer Ausstattung ins Leben gehen.

Interviews zum Buch

In einem Interview, in denen einzelne Themen dieses Buches angerissen werden, geht Philippe Wampfler darauf ein. Gefragt, ob junge Männer die Verlierer der sozialen Medien sein, antwortet er, dass dies vor allem auf bildungsferne junge Männer zutreffe. Das Interview hatte mich dazu gebracht, das Buch zu lesen, auch oder gerade weil es einzelne Aussagen enthält, die meinen Widerspruch geweckt haben. Es kann sich also lohnen, damit einzusteigen. Aus der privaten Lektüre hat sich dann noch ein beruflicher Bezug ergeben: Philippe Wampfler hat an einem virtuellen Elternabend teilgenommen, den wir in der Agentur Mann beißt Hund für unseren Kunden scoyo als Google-Hangout organisiert haben. Für das Online-Magazin „Eltern!“ von scoyo hat Philippe Wampfler außerdem ein weiteres Interview gegeben.

Philippe Wampfler: Generation »Social Media«. Wie digitale Kommunikation Leben, Beziehungen und Lernen Jugendlicher verändert, 1. Auflage 2014, 160 Seiten, Vandenhoeck & Ruprecht, ISBN 978-3-647-70168-4, auch als E-Book erhältlich.

Auf der Seite des Verlags kann man eine Leseprobe und das Inhaltsverzeichnis einsehen.

Smartphone-Etikette: Die wollen doch nur spielen

Kind_versteckenWenn man kleine Kinder beim Verstecken-Spielen beobachtet, ist es sehr amüsant: Sie glauben, für andere unsichtbar zu werden, sobald sie selbst das Gegenüber nicht mehr sehen. Werfen sich ein Tuch über den Kopf oder halten sich die Hände vor das Gesicht und rufen triumphierend: „Such mich doch“!

Ich muss immer daran denken, wenn ich in Meetings oder bei Workshops erwachsene Männer Menschen beobachte, die ihr Smartphone unter den Tisch halten, mit dem Finger wischen und lesen, was sie gerade für wichtig halten. Von Zeit zu Zeit schauen diese Unter-dem-Tisch-Smartphone-Nutzer hoch, signalisieren Aufmerksamkeit, um sich dann wieder in die Lektüre von E-Mails oder in die Neuigkeiten aus sozialen Netzwerken zu vertiefen. Es erscheint mir, als glaubten sie, aus dem Blickfeld der anderen zu verschwinden, sobald sie selbst nicht mehr bei der Sache sind. Für alle anderen ist das recht offensichtlich, für die, die gerade die Sitzung leiten, zudem unangenehm. Wenn ich selbst in so einer Situation moderiere, kommt ein ungutes Gefühl in mir hoch. Ich möchte erwachsene Menschen ungern auf Verstöße gegen die Etikette hinweisen, gleichzeitig aber gerne deutlich machen, dass mich das Verhalten stört. Vielleicht sollte ich in Zukunft die Smartphone-Etikette verteilen, die Philippe Wampfler für sein Buch „Jugend und Social Media“ zusammengestellt hat.

Man könnte herausgehen, wenn es Wichtiges zu lesen gibt. Man könnte das Handy über dem Tisch nutzen, weil man vielleicht aus dem Workshop twittern möchte. Man könnte darauf hinweisen, dass man auf einen wichtigen Anruf, eine Nachricht wartet und zwischendurch mal gucken muss. Aber all das geht natürlich nicht, wenn man einfach nur spielen will.

Die Alles-ist-möglich-Lüge

Ein Buch über die gefühlte Unmöglichkeit, Beruf und Familie zu vereinbaren

Alles ist möglich lügeFrauen und Männer, die mit Kindern leben und dabei berufstätig sind, wird es nicht fremd sein: Dieses Gefühl, manchmal jenseits des eigenen Limits zu leben, im alltäglichen Wahnsinn zwischen Job und Familie. Die beiden Journalistinnen Britta Sembach und Susanne Garsoffky haben irgendwann „Stop“ gesagt. Sie sind zwischenzeitlich ausgestiegen aus ihrem festen Beruf, waren sie sich doch zunehmend vorgekommen wie im Hamsterrad. Die Absage an ihren Job und das neue Leben als Hausfrau und Mutter erschien ihnen aber keineswegs als reine Befreiung. Denn ihrem ursprünglichen Lebensentwurf entsprach es nicht, die Arbeit an den Nagel zu hängen, um für die Kinder da zu sein und den Haushalt zu managen. Und als gestandene Journalistinnen hatten sie offensichtlich auch mit Imageproblemen zu kämpfen. Desillusioniert, aber keineswegs frustriert, beschlossen sie, ihre persönlichen Erfahrungen, allgemeinen Beobachtungen und gesellschaftlichen Analysen aufzuschreiben.

Wenn uns jetzt jemand fragt: Und? Was machst du so? Können wir sagen: Wir schreiben ein Buch. Das klingt gut und wichtig – und nach Arbeit. Nach richtiger, echter, bezahlter Arbeit.“ (S.15)

Vereinbarkeit nur bei Selbstaufgabe

Die grundsätzliche These von Britta Sembach und Susanne Garsoffky: Die angebliche Vereinbarkeit von Familie und Beruf, die Politik und Gesellschaft vor allem den Frauen als Möglichkeit und zugleich Herausforderung mit auf dem Weg geben, ist eine Lüge. Eine Lüge, die so selbstverständlich wie penetrant kommuniziert werde, so dass keiner sich traue, sie zu hinterfragen oder gar aufzudecken. In unserer Gesellschaft lassen sich die Sorge um Kinder und Haushalt und Arbeit nur dann vereinbaren, wenn mindestens eine/r sich bis zur Selbstaufgabe opfert – so das Fazit der Autorinnen nach Jahren des gelebten Vereinbarkeitsversuchs. Ich glaube auch, dass es einige Berufe gibt, die als Mutter oder Vater nicht zu managen sind, wenn man seine Kinder nicht komplett in andere Hände geben möchte – und habe dazu hier schon geschrieben. Aber ich glaube nicht, dass es  eine Lösung ist, in klassische Rollenverteilungen zurückzufallen – auch nicht zeitweise.  Was nicht bedeutet, dass ich den Wunsch danach und auch die Entscheidung dafür unter den aktuellen Rahmenbedingungen auch respektieren kann.

Schon der Titel des Buches sei auf große Zustimmung gestoßen, berichten die beiden. Denn offenbar teilen viele die Erfahrungen und Einschätzungen der Journalistinnen – nur aussprechen möchte es niemand. Bevor man kapituliert, lieber noch mal die Zähne zusammen beißen, andere bekommen es ja auch hin. Das sind dann die so genannten Powerfrauen, für die die Autorinnen eher Mitleid als Bewunderung zeigen. Vielleicht wäre es gut gewesen, hier das Klischee hinter sich zu lassen und genauer hinzusehen, was bei den Frauen anders ist, denen der Spagat einigermaßen gelingt. Doch dazu später.

Hilflosigkeit und Schizophrenie der Familienpolitik

Das Buch ist gut, wenn es dem nachspürt, was in unserer Gesellschaft schief läuft. Es offenbart die Hilflosigkeit einer Familienpolitik, die seit Jahren auf der Stelle tritt, wenn es darum geht, die gesellschaftliche Realität abzubilden. Sehr treffend zeigen die Autorinnen die Schizophrenie einer Politik, die es über das Ehegattensplitting steuerlich belohnt, wenn Ehefrauen zuhause bleiben und nicht arbeiten, mit dem neuen Unterhaltsrecht aber genau von diesen Frauen erwartet, nach einer Trennung schnell wieder Arbeit zu finden.

Mit fünf Lügen zum Mythos Vereinbarkeit

Auch bei den weiteren Analysen, die das Buch als „Lüge Nummer eins bis Lüge Nummer fünf“ präsentiert, zeigt sich, dass die Autorinnen tief eingestiegen sind in ihre Materie. Immer wieder liefern sie Daten, Zahlen und Fakten, mit denen sie aktuelle Trends wie „Familienfreundlichkeit“ überzeugend hinterfragen. Sie entlarven die Fallstricke der Teilzeitarbeit, mögen noch nicht so recht an den „neuen Mann“ glauben und zeigen sich skeptisch gegenüber den so genannten „Powerfrauen“.

Bei den letzten beiden Punkten wird es dann doch einseitig. Neben den vielen konkreten Beispielen, die zeigen, dass die Frauen am Ende in irgendeiner Weise immer auf der Strecke bleiben, wäre es doch hoch interessant gewesen zu sehen, was bei denen anders läuft, die Familie und Beruf leben können. Und dass nicht nur, weil sie sich durch eine höhere Leidensfähigkeit auszeichnen. Denn es gibt Frauen und Männer, denen das gelingt. So wie dieses Beispiel eines Paars, beide selbstständig (könnte übrigens ein Erfolgsrezept sein), erzählt aus der Sicht der Frau und des Mannes. Auch wenn es sicher Ausnahmen sind und nicht jeder ihr Modell für sich übernehmen möchte – im Sinne einer „Best Practice“ hätten sie dem Buch sehr gut getan. Schließlich ist es ja auch Anliegen der Autorinnen, Wege zu entdecken, mit denen Frauen und Männer zu so etwas wie einem Gleichgewicht von Beruf und Familie finden, wie immer das für sie persönlich aussehen mag.

Statt sich aber an konkreten Vorbildern zu orientieren, desillusionieren Britta Sembach und Susanne Garsoffky auch noch die, die glauben, woanders sei alles besser. Selbst das skandinavische Erfolgsmodell muss Federn lassen. „Schweden kann nicht unser Vorbild sein“ – heißt es. (S.204)

Wie wir leben wollen

Unter diesem schönen Tocotronic-Titel wird es dann im abschließenden Kapitel  konstruktiv. Hier listen die Autorinnen auf, was sich ändern müsste, damit Karriere und Familie unter einen zu Hut bringen sind. Dabei nennen sie einige gute Ansätze, von der Abschaffung der „Zwangsverrentung“, Zeitwertkonten für spätere Phasen der Aus- und Pflegezeiten bis hin zur Kindergrundsicherung – viel Stoff für Diskussionen. Und doch bleiben sie an dieser wichtigen Stelle für mich eher diffus, wenn sie mit ihren Forderungen „die Arbeitgeber“ oder „die Familienpolitik“ adressieren. So für die „späte Karriere“, die zur Regel und nicht zur Ausnahme werden solle, denn niemandem sei gedient, wenn Menschen in der Rush-Hour des Lebens (…) zerrieben werden. Das stimmt zwar. Und vermutlich haben die Autorinnen Recht, wenn sie sagen, dass Frauen in ihrer Elternzeit Kompetenzen erwerben, die für die Arbeitgeber wertvoll sind. Aber das ist nicht zwangsläufig so und es trifft eben nicht pauschal zu, „dass Menschen, die Familie haben, in der Tat sehr gut organisiert sind und einen untrüglichen Blick fürs Wesentliche haben“. (S.85)

Diese Verallgemeinerungen helfen aus meiner Sicht nicht wirklich weiter. Und – die Frage muss erlaubt sein: Reicht das, um nach drei oder fünf Jahren Auszeit zu sagen, „hier bin ich wieder“? Offensichtlich nicht, sonst wären Wiedereinsteigerinnen gesuchte Fach- und Führungskräfte. Vielleicht stimmt es auch gar nicht, dass man nach ein paar Jahren Pause einfach so wieder weitermachen kann? Was müsste geschehen, damit die Frauen den Anschluss finden – und den Aufwand dafür nicht das Unternehmen tragen muss, so dass deren Entscheidung für die Berufsrückkehrerinnen leichter fiele? Was müssten vielleicht auch die Frauen während ihrer Berufspause unternehmen, um den Anschluss nicht zu verlieren?

Impulse müssen aus den Familien kommen

Dass die Appelle der Autorinnen sich immer wieder an „Arbeitgeber“ und „Familienpolitik“ richten, überrascht mich, haben sie doch ausgiebig und überzeugend beschrieben, dass diese weder die Phantasie und Durchsetzungskraft haben und viel zu langsam reagieren (Politik), noch die Notwendigkeit sehen, irgendetwas zu ändern (Unternehmen). Warum sollte das in Zukunft anders sein? Zwar engagiert sich Familienministerin Manuela Schwesig aktuell stark für sinnvolle Reformen wie Elterngeld Plus, den Qualitätsausbau in den Kitas und die Familienarbeitszeit, aber auch ihr sind die Hände gebunden, wenn es um Länderentscheidungen geht bzw. ein Konsens in der Koalition gefunden werden muss.

Ich möchte weder Politik noch Unternehmen aus der Pflicht entlassen, aber ich glaube, dass die Impulse für Veränderungen aus den Familien kommen müssen. Es könnte sich etwas ändern, wenn das passieren würde, was in diesem Buch zwar thematisiert wird, aber noch viel zu kurz kommt. Wenn Eltern ihre Erwartungen an die Arbeitgeber formulieren – und zwar vor allem auch die Männer. Aktuell starten viele zu oft gar nicht erst den Versuch: „In meiner Position ist das undenkbar“. Da ist diese schöne Geschichte, von der die Autorinnen im Buch berichten: Ein erfolgreicher Kinderarzt machte den Schritt, er forderte, in Teilzeit arbeiten zu wollen – eigentlich in seiner Position unmöglich. Und Wunder: Es hat funktioniert. Mir ist klar, dass sich nicht alle Angestellten diesen Schritt leisten können, aber doch weitaus mehr als sie ihn bislang wagen.

Berufstätigkeit und Familie lassen sich dann am besten zusammen leben, wenn Männer und Frauen ihre Aufgaben gleichberechtigt teilen – und zwar die der finanziellen Absicherung genau wie die der Sorge um Kinder, um Eltern und um den Haushalt. Das ist meine Erfahrung und das sehen wohl auch grundsätzlich die beiden Journalistinnen so. Dabei geht es nicht nur um Gerechtigkeit, sondern auch um Flexibilität. Ein Mann, dem man nicht erst erklären muss, was zu tun ist, wenn das Kind krank ist, kommt gut alleine klar, wenn sie auf Geschäftsreise geht. Er seinerseits kann mit viel mehr Rückhalt Forderungen beim Arbeitgeber stellen, wenn er weiß, da ist noch eine zweite, die im Notfall für das Familieneinkommen sorgen kann. Deshalb widerspreche ich den Autorinnen, wenn sie meinen, dass es vollkommen in Ordnung sei, dass ein Großteil der Frauen es nach wie vor schätze, „wenn der Mann ein sicheres Gehalt nach Hause bringt und zumindest für einen großen Teil für den Unterhalt der Familie aufkommt“. Man kann es ihnen nicht zum Vorwurf machen, sagen die beiden. Sie müssen wissen, worauf sie sich einlassen, sage ich.

Wenn sich etwas ändern soll, dann sollten wir meiner Meinung nach hier anfangen

  1. Augen auf bei der Partnerwahl – es gibt Männer, mit denen die Entscheidung für Kinder absehbar zum Projekt der Frau wird – diese sollten überlegen, ob sie das wollen und leisten können.
  2. Augen auf bei der Wahl des Arbeitgebers: In manchen Unternehmen/Institutionen kämpfen Familien gegen Windmühlen. Wer darauf keine Lust hat, sollte von Anfang an einen großen Bogen um solche Arbeitgeber machen.
  3. Väter und Mütter müssen gemeinsam den Aufstand proben – so lange Männer nur verständnisvoll nicken und die Empörung den Frauen überlassen, wird sich nichts ändern. (an dieser Stelle: Warum hat an diesem Buch eigentlich kein Mann mitgeschrieben?)
  4. Mehr Anerkennung für die, die Beruf und Familie erfüllt leben, vor allem für Väter (die nach Auskünften von betroffenen Männern tatsächlich weder gefragt werden, wie sie ihre Doppelrolle denn so hinbekommen, noch dafür bewundert werden, wenn sie ihnen erfolgreich gelingt.)

Wir Eltern sollten dieses Buch lesen, die angesprochenen Modelle diskutieren, weiterdenken – und uns als Paar eine Meinung dazu bilden. Deshalb empfehle ich „Die-Alles-ist-Möglich-Lüge“ dringend zur gemeinsamen Lektüre. Ich befürchte ein wenig, dass es ein Frauen-Ratgeber werden wird, was ich sehr schade fände.

Weitere Berichte/Rezensionen gibt es zum Beispiel bei Deutschlandradio Kultur und Radio Bremen. Wer mit den Autorinnen diskutieren möchte, kann sie in einem Webinar der Zeitschrift Nido am 16.10. treffen.

Disclaimer: Eine der beiden Autorinnen ist meine Freundin, auf deren erstes Buchprojekt ich sehr gespannt war. Beide Autorinnen haben meine Anerkennung – nicht nur für ihr Buch, sondern auch für ihre persönliche Entscheidung, ihren Beruf zumindest zeitweise aufzugeben.

SUSANNE GARSOFFKY , BRITTA SEMBACH
Die Alles ist möglich-Lüge. Wieso Familie und Beruf nicht zu vereinbaren sind. Pantheon Verlag 2014, 256 Seiten, auch als E-Book erhältlich.