Omas Blechtopf, Götterspeise und Foodsharing

Meine Oma hatte früher einen kleinen Blechtopf. Darin wärmte sie für Hungrige, die in ihrer Küche vorbeikam, Essensreste auf. Nicht nur deshalb kamen ihre Kinder, wir Enkelkinder oder auch Mitarbeiter aus der anliegenden Tischlerei meines Onkels sehr gerne bei ihr vorbei. Ihre Reste schmeckten köstlich. Für meine Oma war es wie für viele, die den Krieg erlebt hatten, undenkbar, Essen in den Mülleimer zu werfen. Sie organisierte ihren großen Haushalt so, dass die Reste immer wieder Verwendung fanden.

Elf Millionen Tonnen Lebensmitteln jährlich im Müll

Mich hat diese Haltung geprägt und es fällt mir bis heute schwer, Essen wegzuwerfen. In Deutschland ist das anders: Elf Millionen Tonnen Lebensmittel landen in Deutschland jedes Jahr in der Mülltonne. Damit entsorgt jeder Bundesbürger in zwölf Monaten durchschnittlich 80 Kilogramm Essbares im Abfalleimer (Zahlen aus WDR-Beitrag, Juli 2013).

Die Idee zur „Götterspeise“

Auch in Supermärkten landen jeden Abend kiloweise Lebensmittel in den Mülltonnen. Irgendwann hat ein Mitarbeiter eines Hamburger Edeka-Ladens angefangen, Obdachlosen ein paar Brötchen, die übrig geblieben waren, in die Hand  zu drücken. Davon erzählte er Marco Scheffler, einem Gastronom und Aktivisten aus dem Stadtteil. Der entwickelte die Idee, das Ganze größer und systematischer als Aktion aufzuziehen.  Warum sollte man nicht das, was noch genießbar ist, jeden Tag an die Nachbarschaft verteilen? Die Idee für die „Götterspeise“ war geboren.

Jeder ist eingeladen

Das Faszinierende: Sie funktioniert. Seit November 2012. Jeden Abend, an dem der Supermarkt geöffnet ist, verteilen Freiwillige an alle, die kommen, das, was vom Tage übrig geblieben ist. Damit es keinen Streit gibt, werden Kugeln ausgegeben und alles geht schön der Reihe nach. Jeder darf etwas mitnehmen. Bedürftigkeit ist kein Kriterium, um von der „Götterspeise“ zu profitieren. Einigen, die abends kommen, ist jedoch durchaus anzumerken, dass sie die kostenlose Nahrungsmittel gut gebrauchen können oder sogar darauf angewiesen sind.

Es beeindruckt mich auch deshalb, dass diese Aktion jetzt schon mehr als ein halbes Jahr läuft, weil ich mir unzählige Vorbehalte vorstellen kann, die sie verhindern hätten können. Welcher Supermarkt macht schon gerne öffentlich, dass jeden Abend Reste bleiben, die – wie auch immer – entsorgt werden müssen? Geht das Essen nicht auch an potenzielle Kunden? Kann man abends verschenken, was man tagsüber verkauft? Finden sich genug Freiwillige, die jeden Abend die Nahrung verteilen? Wer hat Lust, sich mit Menschen auseinanderzusetzen, bei denen das Wort „umsonst“ ein unangenehmes Jagdfieber auslöst?

Berichte in den Medien

Gut, wenn sich jemand über solche Vorbehalte hinwegsetzt und einfach macht. Mit seiner Aktion haben Marco Scheffler und der Eimsbütteler Salon als Organisatoren inzwischen viel Öffentlichkeit gefunden. Mehrere Sender und Zeitungen haben berichtet, Teilnehmer eines Seminars an der Akademie für Publizistik haben einenFilm zu diesem und einem weiteren Projekt von Marco Scheffler gedreht: Letzte Woche hatte er mit dem Eimsbütteler Salon zu einem „Bunten Dinner“ auf einem großen Platz im Stadtteil eingeladen. Alle Teilnehmer brachten Stühle und Essen mit. Die Organisatoren verteilten Essen aus der „Götterspeise“.

Das alles wird seiner Kandidatur als Direktkandidat für den Bezirk Eimsbüttel bei der kommenden Bundestagswahl sicher zuträglich sein. Und das ist dann auch gut so, denn die „Götterspeise“ steht für das, was unter anderem sein Programm charakterisiert: Dinge in die Hand nehmen, machen statt zu jammern und mit kreativen Ideen für mehr Zusammenhalt in unserer Gesellschaft sorgen.

Teilen über das Netz

Wenn bei meiner Oma gefeiert wurde, wussten wir, dass es Tage danach noch guten Kuchen bei ihr gab, denn meistens hatte sie üppig kalkuliert. Sie war immer froh, wenn wir noch einmal kamen. Heute geht das Reste-Verteilen auch via Internet.  Eine Gruppe aus Köln hat dafür, finanziert über die Crowdfunding-Plattform startnext, ein Foodsharing-Portal eingerichtet. Dort kann man „geben, nehmen oder teilen“. Das, was die Kölner als ihre Idee formulieren, macht ihr Angebot genau wie die „Götterspeise“ für mich sinnvoll.  Eine Idee, die für meine Oma selbstverständlich war:

„Menschen teilen Essen. Es soll dabei kein Geld fließen, denn teilen hat auch eine ethische Dimension. Wir wollen den Lebensmitteln damit wieder einen ideellen Wert geben, denn sie sind mehr als bloß eine Ware.“ (www.foodsharing.de)