Diskussion ohne Ende: Journalismus und PR.

160820_Journalisten_PR_PlakatBei der letzten Jahrestagung des Netzwerks Recherche Anfang Juli ging es in einer Diskussion (mal wieder) darum, ob der Paragraph 5 des Kodex des Vereins: „Journalisten machen keine PR“ eigentlich noch zeitgemäß sei (hier die aktuelle Fassung, die beschlossen wurde und nicht mehr durchnummeriert ist). Hamburger Studierende hatten sich zeitgemäße Vorgaben gewünscht und einen Gegenentwurf ausgearbeitet. Der entscheidende Satz sollte danach lauten: „Journalisten sollen keine PR machen müssen.“ Aus meiner Sicht eine sinnvolle Änderung, weil deutlich wird, dass es nicht nur im Entscheidungsbereich des Einzelnen liegt, zwischen PR und Journalismus einen sichtbaren Unterschied zu machen. Der Satz wurde jedoch in seiner alten Form beibehalten.

Lange Zeit habe ich den ursprünglichen Paragraphen in Diskussionen verteidigt. Ich habe die Forderung in ihrer Radikalität grundsätzlich unterstützt, denn ich war und bin mehr denn je für eine möglichst klare Trennung von PR und Journalismus. Aus meiner Sicht profitieren davon beide Seiten. Der Satz formuliert ein Leitbild, ein Ideal – das betont auch Netzwerk Recherche.

Aber sind die Grenzen zwischen PR und Journalismus eigentlich noch so eindeutig, dass die Forderung überhaupt Bestand haben könnte? Oder erwartet man von einzelnen Akteur*innen, was in den Strukturen beider Systeme längst schon nicht mehr funktioniert? Ist es richtig, die Trennung von PR und Journalismus an einzelnen Menschen festzumachen – oder ist es nicht auch hier so, dass es kein richtiges Leben im falschen geben kann?

Zwei Punkte für die Debatte

  1. Was verstehen die, die diesen Punkt des Kodex verteidigen, unter PR?
  2. Wie sieht es aus, wenn Journalist*innen PR machen?

Zum ersten Punkt erklärt Julia Stein, NDR-Journalistin und Vorsitzende des Netzwerks Recherche, im Interview mit dem Medienmagazin Zapp, warum PR und Journalismus für sie in einer Person nicht vereinbar sind:

„Die einen sind auf der Suche nach der Wahrheit und die anderen verführen eher, um eine bestimmte Information irgendwo unterzubringen.“
Julia Stein, Vorsitzende Netzwerk Recherche

Und das geht natürlich nicht zusammen – wenn die Dinge denn so klar zu trennen wären. Die Abgrenzung ist hier recht eindeutig: Das „Gute“ – nicht weniger als „die Wahrheit“ – wird der Kunst der „Verführung“ gegenübergestellt. Da schwingen das Unseriöse und unlautere Methoden im Unterton gleich mit.

Damit lässt sich ein Teil von PR-Aktivitäten wohl auch beschreiben. Es ist vermutlich diese Art von PR, die insbesondere Journalist*innen vor Augen haben, die sich weniger intensiv damit beschäftigen, wie PR funktioniert.

Was aber, wenn die Beschreibung das umfassende Phänomen PR gar nicht trifft? Wenn auch PR-Menschen sich wie Journalist*innen verhalten, gar nicht verführen, sondern seriös und neutral berichten – und dabei dennoch interessensgeleitet kommunizieren? Es ist dann zunächst einmal noch schwieriger, PR und Journalismus auseinanderzuhalten, und zwar nicht nur für die Rezipient*innen, sondern auch für die Journalist*innen selbst.

Julia Stein wird wohl von sich behaupten, dem Paragraphen zu folgen. Dabei macht auch sie PR. Sie spricht im Interview als Vorsitzende für das Netzwerk Recherche, also für eine Interessensorganisation. Sie verteidigt im TV-Beitrag ihres Journalisten-Kollegen eine umstrittene Position, für die das Netzwerk sich stark macht. Ihre Kommunikation in diesem Zusammenhang ist interessensgeleitet, und dabei spielt es zunächst keine Rolle, dass dieses Interesse aus journalistischer Sicht eher nachvollziehbar und verdienstvoller erscheint als etwa die Gewinnmaximierung eines Pharma-Konzerns. Genauso irrelevant ist es, dass sie für ihr Engagement nicht bezahlt wird. Wichtig ist aber: Es wird deutlich, in welcher Funktion sie spricht, im Insert des Beitrags wird sie nicht als Journalistin, sondern als Vorsitzende des Netzwerks Recherche vorgestellt.

NDR_ZAPP_Beitrag

Freie Journalist*innen in der Kritik

Das Zugeständnis, dass man auch als Journalist*in in durchaus verschiedenen Rollen öffentlich auftreten kann, fällt Freien gegenüber offenbar schwerer. Bei den Diskussionen scheint es oft so, als richte sich die Forderung vor allem an sie – weil die sich auch am häufigsten dagegen wehren. Immer mehr übernehmen PR-Aufträge parallel zu ihrer journalistischen Tätigkeit, um bei der schlechten Bezahlung der journalistischen Arbeit ihren Lebensunterhalt überhaupt noch finanzieren zu können. In der Diskussion bei Netzwerk Recherche wurde ihnen empfohlen, andere Jobs anzunehmen.

„Warum muss es ausgerechnet PR sein? Kann man nicht putzen oder kellnern?“
Tom Schimmeck, Netzwerk Recherche

Mal abgesehen davon, dass das in den Ohren von hochqualifizierten und vielfach unterbezahlten Journalist*innen nur zynisch klingen kann: Ich hoffe, man hat in diesem Zusammenhang auch darüber gesprochen, ob bei einem Festhalten am Punkt 5 des Kodex nicht parallel ergänzt werden sollte: Verlage und andere Arbeitgeber im Journalismus bezahlen freie Mitarbeiter*innen angemessen ihrer Ausbildung und ihres Aufwands.

Aber das Problem der Abgrenzung von PR und Journalismus betrifft ja nicht nur freie Journalist*innen. Auch Festangestellte machen PR – nur ist das nicht immer so offensichtlich. Weitere Beispiele:

  • Zum 20. Geburtstag von tagesschau.de berichtet das Online-Nachrichtenportal in diesem Sommer umfangreich über seine eigene Geschichte. Auch in den Nachrichtensendungen im Fernsehen erscheinen Beiträge. Ein klassischer Fall von Jubiläums-PR, umgesetzt von den ARD-Journalist*innen. Vier Beiträge zum Thema erscheinen auf der Startseite von tagesschau.de am Geburtstag.https://twitter.com/pointatmecom/status/760058507018309632Es ist durchaus kein Einzelfall, dass die ARD und auch das ZDF ihre eigenen Kanäle für Eigen-PR nutzen. Und es sind die bei den Anstalten angestellten Journalist*innen, die diese umsetzen und den Platz im Programm dafür einplanen – in einem Umfang, den man einem Jubiläum in anderen Fällen niemals zugestehen würde.
  • Ein weites Feld sind die Beilagen, die Zeitungen produzieren, um für Anzeigenkunden ein „redaktionelles Umfeld“ zu schaffen. Auch hier sind die Grenzen zwischen PR und Journalismus fließend, umso mehr, wenn die Inhalte von Journalist*innen produziert werden, die auch den journalistischen Teil des Mediums verantworten – was immer wieder vorkommt.
  • Journalisten machen regelmäßig PR für eigene Bücher, Veranstaltungen, bei denen sie auftreten, oder für ihre Seminare – unter anderem über ihre Social-Media-Kanäle. Vermutlich schicken sie als Autor*innen auch Rezensionsexemplare an Kolleg*innen – und unterstützen damit aus eigenem Interesse die Buch-PR des Verlags. Das ist verständlich, grundsätzlich nicht verwerflich – aber es ist eben PR. Viele weisen deshalb mit einem Disclaimer darauf hin: „In eigener Sache“.
  • Fest angestellte Journalist*innen moderieren Diskussionsrunden oder Veranstaltungen, mit denen ein Auftraggeber sich in der Öffentlichkeit positioniert. Die Veranstalter profitieren vom bekannten Namen des Moderators/der Moderatorin sowie von der Seriosität des Mediums, für das sie oder er arbeitet.

Wer macht hier PR?

Auf einer höheren Ebene greifen die Systeme längst ineinander. Advertorials gehören seit Ewigkeiten zum festen Geschäftsmodell von Verlagen – sie werden im besten Fall gekennzeichnet, erscheinen aber in einem journalistischen Medium, das ein Chefredakteur oder eine Chefredakteurin verantwortet. Alle größeren Medienhäuser haben inzwischen ihre eigene Corporate Publishing Agenturen gegründet, die von der Stärke und Strahlkraft der journalistischen Marke profitieren: zum Beispiel Gruner + Jahr, der Süddeutsche Verlag und auch der ZEIT-Verlag. Sie holen sich ihren Teil des großen Kuchens Content Marketing, das der Autor einer Studie der Otto-Brenner-Stiftung, Lutz Frühbrodt, als „Sargnagel des Journalismus“ bezeichnet. Kann man da freien Journalist*innen als Kleinstunternehmen vorhalten, dass sie neben journalistischen auch PR-Auftraggeber zu ihren Kunden zählen? Und so konsequent die Trennung aus journalistischer Sicht sicherlich ist: Ist es nicht auch schräg, wenn die ZEIT mit ihrem Jugendmagazin ze.tt über Native Advertising Geld verdient, aber freie Journalist*innen, die die Beiträge produzieren, deshalb nicht für DIE ZEIT als Journalist*innen schreiben dürfen?

Die entscheidende Frage ist wohl weniger, ob Journalist*innen PR machen, sondern eher, wie sie es machen. Hier ist Transparenz das entscheidende Kriterium. Sie garantiert, dass ich als Leser/in oder Zuschauer/in erkennen kann, ob ein Beitrag journalistisch ausgerichtet ist und zum Ziel hat, möglichst objektiv zu informieren, oder aus einer interessensgeleiteten Position heraus veröffentlicht wird. Im besten Fall halten sich beide Seiten daran, das klar zu kennzeichnen – Journalismus und PR.

Es erfordert einiges von allen Beteiligten, diese Transparenz immer wieder einzuhalten – vor allem ein klares Bewusstsein über die jeweils eigene Rolle. Viele freie Journalist*innen machen sich intensiv Gedanken darüber, wie sie damit umgehen können und entwickeln eigene Strategien. So schreibt zum Beispiel die Journalistin Silke Burmester unter Pseudonym, wenn sie PR-Aufträge übernimmt, wie sie bei einer zurückliegenden Veranstaltung von Netzwerk Recherche berichtete. Nicht, um ihre PR-Aufträge geheim zu halten – sie macht kein Geheimnis daraus. Sie trennt ihre beiden verschiedenen Rollen und damit klar die PR-Texten von denen, die sie als Journalistin unter ihrem eigenen Namen veröffentlicht. Andere Journalisten berichten, dass sie nicht über Themen berichten, in deren Umfeld sie PR-Aufträge annehmen. Konsequent ist das kaum einzuhalten, da immer entscheidend ist, wie weit der Begriff „Thema“ zu fassen ist. Unter dieser Vorgabe ist es aber nicht mehr möglich, für journalistische Beiträge beim Medium und beim PR-Auftraggeber doppelt abzukassieren.

Gut, wenn die Diskussion weitergeht

Die Diskussion um die Trennung von PR und Journalismus wird und darf nicht aufhören. Beide Kommunikationssysteme entwickeln sich weiter, rücken näher zusammen. Umso größer muss das gesellschaftliche Interesse sein, dass Autor*innen ihre Position transparent machen und Rezipient*innen nachvollziehen können, wer gerade spricht. Und um es noch einmal klar zu betonen: Es wäre in einem guten Leben für den Journalismus, für die PR und für das Publikum wünschenswert, dass Journalist*innen keine PR machen (müssten).

Am Ende hat es aber gerade deshalb vielleicht auch etwas Gutes, dass das Netzwerk Recherche den Paragraphen 5 nicht ändert, sich auch in Zukunft bestimmt immer wieder Betroffene daran reiben werden und damit das Thema auf der Agenda bleibt.

Mehr dazu:

Prof. Lutz Frühbrot (s.o.) fasst die Diskussion bei der Jahrestagung zum Leitsatz zusammen: Journalisten machen keine PR. Sie gehen putzen.

Das Medienmagazin ZAPP berichtet über die Diskussion – im Interview u.a. die nr-Vorsitzende Julia Stein und die Studentin Daniela Friedrich.

Vereinbarkeit im Journalismus

Im Juli hat ein Bericht des Branchendienstes kress bei vielen für Empörung gesorgt: Chefredakteur Bülend Ürük hatte gefragt, ob man eine Redaktion in Teilzeit führen könne. Auslöser seiner „Sorge“ war die Ankündigung der Chefredakteurin des Magazins Grazia, Claudia ten Hoevel, nach der Elternzeit ihren Posten wieder aufnehmen und dabei mehr Zeit mit ihrem Kind verbringen zu wollen. Ich fand den Subtext in dem kress-Text ebenfalls sehr abseitig und habe mich entsprechend auf Twitter geäußert:

Einige Tage später rief Bülend Ürük an und wollte tatsächlich gerne mehr wissen – er bat um einen Gastbeitrag zum Thema. Der erschien am 13. Juli und eröffnete eine Reihe von Meinungstexten verschiedener Autor*innen. Alle sind sich einig, dass sich etwas ändern muss. Verschiedene Aspekte der Debatte um Vereinbarkeit im Journalismus werden aufgegriffen. Hier noch einmal meinen Beitrag, der am 13. Juli erstmals bei kress erschienen ist, darunter Links zu den der anderen Autor*innen.

Ich finde, dass Bülend Ürük produktiv mit der Kritik an seinem Text umgegangen ist. Ob die Debatte irgendetwas bewirkt, möchte ich nicht fragen. Ich wundere mich auf jeden Fall schon länger darüber, dass gerade im Journalismus so viel von dem noch gar nicht geht, was in Spiegel, ZEIT und anderen Medien von Unternehmen vehement gefordert wird.


Wie man eine Redaktion auch in Teilzeit führen könnte

Vergangene Woche erschien auf kress.de ein Bericht über die Chefredakteurin des Lifestyle-Magazins „Grazia“ aus dem Hause Gruner und Jahr. Claudia ten Hoevel hatte nach Rückkehr aus ihrer Elternzeit angekündigt, ihre Position weiter zu behalten und auch ihr Kind noch sehen zu wollen. Wie kress.de heute Mittag meldet, ist ihr Arbeitgeber für solch ein Ansinnen abernoch nicht weit genug: Für die zwölf Monate, in denen ten Hoevel nicht in Vollzeit arbeiten will, darf sie nun als „Herausgeberin und Brand Ambassador“ für „Grazia“ „vermarktungsorientierte Termine“ wahrnehmen. Das klingt nach Abstellgleis. Die Leitung der Redaktion übernimmt der Gründungs-Chefredakteur von Grazia, Klaus Dahm – alleine.

Im Jahr 2016 scheint es also immer noch unvorstellbar, dass man eine Redaktion mit reduzierter Stundenzahl leiten kann. Auch Bülend Ürük, Chefredakteur von kress.de, hatte das hier angezweifelt: „Kann eine Kaufzeitschrift in Teilzeit geführt werden? Oder braucht eine Redaktion doch eine Führungskraft, die mit ganzer Kraft an Bord ist?“

Es gab zu Recht einige harsche Reaktionen darauf, in den Sozialen Netzwerken wie Twitter oder Facebook oder auch unter anderem von Lisa Seelig bei Edition_F. Dass niemand auf die Idee käme, die Führungsfähigkeit eines männlichen Chefredakteurs und jungen Vaters in Frage zu stellen, ist nur der eine Punkt. Dabei lassen doch auch die Väter vermehrt hören, sich mehr Zeit für die Familie nehmen zu wollen. Noch ärgerlicher ist die Unterstellung, eine Teilzeitführungskraft mit Kind sei nicht „mit ganzer Kraft“ an Bord. Sie offenbart überholte Rollenvorstellungen und wenig Vorstellungsvermögen in Bezug auf innovative Führungskonzepte. Es hat sich vielleicht noch nicht herumgesprochen, aber es gibt durchaus Familien, in denen der Mann der Frau „den Rücken frei hält“.

Aber Claudia ten Hoevel wollte ja offenbar mehr – sie möchte, so heißt es bei Bülend Ürük, „ihr Amt behalten, aber mehr Zeit mit ihrem Kind verbringen“. Und so abseitig die Mutmaßungen von Ürük auch herüberkommen – er bringt leider genau die Zweifel zum Ausdruck, die sicher viele Verantwortliche teilen und hinter vorgehaltener Hand auch äußern. Die aktuelle Entscheidung von Gruner und Jahr spricht Bände. Was die „Grazia“-Chefredakteurin da angekündigt hatte, wäre ja gemessen an der Realität in deutschen Medienhäusern tatsächlich eine kleine Revolution gewesen: Führung in Teilzeit. Und beobachtet man den Alltag in den Redaktionen, ist die Frage fast schon wieder berechtigt, ob das eigentlich gut gehen könnte.

Aus eigener Erfahrung: Ja, ich bin fest davon überzeugt, dass Führung in Teilzeit funktioniert und im Hinblick auf die Zukunftsfähigkeit von Verlagen wie Gruner und Jahr auch ein gefragtes Modell sein wird. Wichtig ist, dass die Rahmenbedingungen stimmen.

Dazu gebe ich gerne ein paar Tipps, die auch in anderen fortschrittlichen Unternehmen schon viel möglich gemacht haben:

1. Vereinbarkeit wollen ist nur der Anfang – sie muss im gesamten Unternehmen gelebt werden, und zwar von Männern und Frauen.

2. Job und Familie stellen unterschiedliche, oftmals widersprüchliche Anforderungen an Mütter und Väter, die sich zudem noch verändern. Diese immer wieder auszubalancieren ist machbar, wenn man darüber reden kann.

3. Führungskräfte sind Vorbilder – gerade sie sollten sich für neue Arbeitsmodelle öffnen. Top-Sharing, also die Besetzung einer leitenden Position mit zwei fitten Köpfen, ist eine Alternative zum herkömmlichen Modell.

4. Wer vorausschauend plant, muss nicht immer vor Ort sein, damit der Laden läuft. Wichtig ist, in entscheidenden Situationen für sein Team da zu sein und klare Vorgaben zu machen.

5. Als Führungskraft in Teilzeit muss man delegieren können und dürfen – sonst wird das Modell zum Etikettenschwindel. Schon bevor die Elternzeit beginnt, sollte geprüft werden, welche Aufgaben von Kolleginnen oder Kollegen übernommen werden können – mit genug Zeit für die Übergabe.

6. Lasst das gesamte Team von familienfreundlichen Arbeitszeiten profitieren, auch die Männer – viele Widerstände lösen sich dann in Luft auf. Meetings bis in den späten Abend nerven auch die, die keine Kinder haben.

7. Nutzt die Flexibilität digitaler Kommunikationsmedien – wenn die Mitarbeiter darauf eingespielt sind, lässt sich vieles regeln, ohne dass man face-to-face miteinander spricht.

Nicht zu vergessen ist, dass jede Führungskraft mit Kind noch ein weiteres Team hat, das sich auf die Herausforderungen einlassen muss, nämlich die Familie zuhause, allen voran der Partner oder die Partnerin. Zu diesem Thema empfehle ich das Buch von Stefanie Lohaus (zusammen mit Tobias Scholz), der Chefredakteurin von Missy Magazine: „Papa kann auch stillen„.


Weitere Beiträge bei kress zur Debatte

Ich verlinke, wenn sie dort erschienen sind, auf die Blogs der Autor*innen, weil dort auch jeweils weitere lesenswerte Texte zum Thema Vereinbarkeit zu finden sind.

Robert Franken beschäftigt sich als Berater, Coach, Autor und Speaker mit Themen rund um Digitalität, Diversion und Publishing. In seinem Blog finden sich viele interessante Beiträge zu diesen Themen. In puncto Vereinbarkeit im Journalismus fordert er einen Perspektivwechsel: Nicht die Eltern, sondern die Arbeitgeber sollten ihre Bedürfnisse zurückstellen, Jobs müssten elternkompatibel werden – und nicht umgekehrt. Recht hat er – und wie weit sind viele Arbeitgeber aber von dieser Sichtweise noch entfernt.

Die Journalistin Tina Groll ist Expertin zum Thema Vereinbarkeit und hat ein wirklich gutes Buch dazu geschrieben. „Diese Personalentscheidung zeigt wieder einmal, wie stark die Medienbranche von patriarchalen Strukturen und Denkweisen durchzogen ist“, schreibt sie bei kress. Für „geradezu verrückt“ hält sie es, dass Medienschaffende immer noch glaubten, eine Führungsposition im Journalismus sei nicht in Teilzeit umsetzbar. In ihrem Blog Die Chefin mehr von Tina Groll und ihrer Kollegin zum Thema.

Wie Tina Groll ist auch Wolfgang Lünenburger-Reidenbach, Chef einer PR-Agentur, davon überzeugt: Jeder Job ist in Teilzeit machbar. Er berichtet in seinem Blog von seinen persönlichen Erfahrungen und betont dabei auch, dass Führung in Teilzeit immer wieder zur Zerreißprobe werde: zwischen Anspruch, Wirklichkeit und den verschiedenen Verantwortungen, die man im Leben so trägt.

Susanne Garsoffky und Britta Sembach, ebenfalls zwei Journalistinnen, die ein Buch zum Thema veröffentlicht haben (ist eben kein Zufall, dass so viele Medienschaffende dazu Bücher herausgeben), möchten mit ihrem Text die Debatte darauf lenken, was Unternehmen – und auch Medienhäuser – gewinnen, wenn Mitarbeiter und Führungskräfte Eltern werden. Sie wehren sich wie andere Kritiker des Textes von Ürük gegen seine Behauptung, Teilzeitkräfte seien nicht mit „voller Kraft“ dabei. Das Gegenteil sei der Fall, Eltern arbeiteten oftmals effektiver, so ihre Meinung.

Die Medienjournalistin Anna von Garmissen geht in ihrem Beitrag davon aus, dass ten Hoevel „kein Einzelfall“ sei: Wenn Journalistinnen Mütter werden, müssten sie die Spitze frei machen. Sie vermutet, dass das nicht immer freiwillig geschehe. Die ehemalige Chefredakteurin der Fachzeitschrift „journalist“ stellt die für mich entscheidende Frage: „Wie wollen wir (als Journalist*innen) glaubwürdig gesellschaftliche Missstände kritisieren, wenn wir selbst in alten Rollenbildern steckenbleiben?“ Ihre These:  „Frauen werden nicht ausgebremst, weil sie Frauen sind. Sondern weil sie Mütter sind – oder werden könnten“.

Wohin führt die „Kultur der Digitalität“?

Felix Stalder, Professor für digitale Kultur an der Zürcher Hochschule der Künste und Forscher am World-Information Institut in Wien, hat ein Buch darüber geschrieben, wie die Ausweitung immer komplexer werdender Technologien in alle Lebensbereiche unser gesamtes Handeln als Gesellschaft wie auch die Konstruktion unserer Selbst als Subjekte erfasst und verändert. Ich fand es sehr bereichernd, „Kultur der Digitalität“ zu lesen (und habe etwas mehr dafür gebraucht als „kaum einen Tag“).

In Diskussionen über die Bedeutung des digitalen Wandels für unser Zusammenleben war und ist immer wieder zu erleben, wie sich Kulturpessimisten und -optimisten unversöhnlich gegenüber stehen. Beide Haltungen sind hilflos, denn weder lassen sich die Entwicklungen aufhalten, noch gibt es aktuell Anlass für Euphorie.

Felix Stalder zeigt in seinem Anfang Mai erschienenen Buch „Kultur der Digitalität“, warum alle Diskussionen, die sich auf diese beiden Pole zurückführen lassen, ins Leere laufen. Das ist sehr lesenswert, weil Stalder weit ausholt und historisch sowie an aktuellen Entwicklungen nachvollziehbar belegt, wie unsere Kultur durch ein „Neben-, Mit- und Gegeneinander von Prozessen der Auflösung und Konstitution“ geprägt ist. Stalders Begriff von Kultur umfasst dabei weitaus mehr als „symbolisches Beiwerk“, mehr als Bücher, Kunstwerke oder Theaterstücke. Kultur ist für ihn, einfach gesagt, alles, was unsere Handlungen bestimmt und unsere Gesellschaft formt, uns letztlich als Subjekte konstituiert.

Die theoretische Herleitung ermöglicht ein gutes Verständnis dieser Prozesse, verlangt den Leser*innen aber auch einiges ab. Ich habe mir beim Lesen mehr anschauliche Bilder gewünscht wie das, mit dem Stalder sein Buch beginnt – sie könnten die anspruchsvollen Verweise und Analysen noch verständlicher machen und vor allem besser verankern.

Conchita Wurst

© CEphoto, Uwe Aranas

Stalder beschreibt im Einstieg zu seinem Buch den bewegenden Sieg der Conchita Wurst beim Eurovision Song Contest 2014 als Sinnbild eines tiefgreifenden Wandels unserer Kultur: Ehemals subversive Nischenphänomene wie etwa die Auflösung der Geschlechteridentität werden als Mainstream im traditionellen Medium Fernsehen als widerspruchsfreies Ganzes präsentiert. Beachtlich ist, dass dieses als Event von einem breiten Publikum nicht nur begeistert rezipiert wird, sondern die Zuschauer*innen das Ereignis in den sozialen Netzwerken in produktiver Form weiterverarbeiten, in Form von Tausenden von Tweets, Memen und Kommentaren.Stalder zeigt mit diesem Bild, wie das Digitale immer auch das Nicht-Digitale beeinflusst, verändert und erweitert hat. Gleichzeitig habe das Netz Entwicklungen verstärkt, aber keinesfalls hervorgebracht, die schon vor seiner Ausbreitung entstanden seien: die Ausweitung der Wissensökonomie, den Verfall der Heteronormativität und den Postkolonialismus. Diese Beobachtung finde ich bemerkenswert, denn sie unterstreicht, dass der digitale Wandel neben den immer wieder zitierten disruptiven, also auflösenden, auch Momente der Kontinuität und der Weiterentwicklung in sich trägt.

Drei Formen löst Stalder in der Vielschichtigkeit der Prozesse als konstante Größen für die Kultur der Digitalität heraus:

  • Referentialität
  • Gemeinschaftlichkeit
  • Algorithmen

Mit diesen drei Mechanismen als Grundlage befördert und stärkt die Kultur der Digitalität gleichzeitig postdemokratische, kapitalistische auf der einen und partizipative, gemeinschaftliche Entwicklungen auf der anderen Seite. Durch unser Handeln bestimmen wir mit, in welche Richtung sich unsere digitale Gesellschaft entwickelt, so Stalders zentrale These. Er zeichnet nach, wie beide Tendenzen parallel unsere aktuelle Kultur der Digitalität bestimmen. Dafür stellt er unter anderem der kapitalistisch geprägten Übermacht von Facebook, Google und Co. die beachtliche Entwicklung der Gemeinschaften gegenüber, die durch direkte soziale Koopperation funktionieren, als so genannte Commons –  bekannteste unter ihnen ist die Wikipedia, aber auch die Entwicklung freier Software basierte auf diesem Organisationsmodell.

Wie müsste unser Handeln aussehen, um das Ruder herumzureißen in dieser Kultur der Digitalität, also wegzukommen von der Vormacht kapitalistischer Unternehmen und postdemokratisch geprägter staatlicher Institutionen? Stalder vermeidet konkrete Handlungsempfehlungen, weist aber in die Richtung der gemeinschaftlichen, partizipativen Ansätze. Bei mir hat sich der Eindruck, dass wir gerade direkt in die andere Richtung laufen, durch sein Buch allerdings noch weiter gefestigt.

Veränderungen würden ein besseres Bewusstsein über die geschilderten Entwicklungen und Zusammenhänge in breiten Teilen der Gesellschaft voraussetzen. Die umfassende Ausbildung einer kritisch geprägten Medienkompetenz wäre dafür notwendig. Für beide Voraussetzungen fehlen aktuell wichtige Grundlagen: Ein Großteil der Schulen macht um das Thema einen großen Bogen, im Alltag kommt man mit einer gut ausgebildeten Anwendungskompetenz bestens zurecht. Die Technologien und Strukturen hinter den Anwendungen zu durchdringen, ist anstrengend, die Motivation nicht für alle sofort nachzuvollziehen. Die Unternehmen, die sie bereitstellen, haben kein Interesse daran, Aufklärung zu leisten, im Gegenteil verschleiern sie die Hintergründe – auch darauf verweist Stalder.

Am Ende bleibt die Frage: „Und was machen wir nun damit?“ Was können wir denn konkret unternehmen, wenn es doch an uns liegt, wie wir uns als Gesellschaft entwickeln? Stalders Buch hat mich erinnert an einen Aufsatz aus dem Sammelband „Das Netz – Jahresrück­blick Netzpolitik 2015/16“ (bei irights.media, herausgegeben von Philipp Otto). Darin entwerfen Petra Grimm, Tobias O. Kehre und Oliver Zöllner die Notwendigkeit einer „neuen Ethik der Algorithmen“ – für mich eine direkte Fortsetzung der Analyse Stalders. In ihren konkreten Forderungen nennen die Autor*innen nicht nur die Ausbildung einer Medienkompetenz, sondern unter anderem auch ein öffentlich-rechtliches soziales Netzwerk – leider ohne genauer aufzuschreiben, wie ein solches wohl aussehen könnte.

Diesen letzten Gedanken finde ich besonders interessant. Mit den Gebühren aus dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk verfügen wir im weiteren Sinne über das, was Stalder als „common pool ressources“ bezeichnet. Über den Umgang mit diesen Ressourcen müsste neu verhandelt werden. Wie  wäre das Modell der Öffentlich-Rechtlichen anzupassen, wenn man sich auf die Grundlagen der „Kultur der Digitalität“ beriefe? Man könnte zum Beispiel fragen, ob die aktuellen Möglichkeiten der (Nicht-)Partizipation eigentlich im Einklang stehen mit dem Modell der Finanzierung, ob sich der öffentlich-rechtliche-Rundfunk nicht ganz anders als bislang als Gemeinschaft begreifen könnte, sogar müsste: Eine Gemeinschaft von Menschen, die Ressourcen zur Information und Kommunikation bereitstellen, diese verwalten, damit Inhalte produzieren und diese rezipieren. Bislang haben die, die die Ressourcen bereitstellen, wenig bis keinen direkten Einfluss auf deren Verwaltung, Nutzung oder die Produktion von Inhalten. Und würde es dem öffentlich-rechtlichen Bildungsauftrag nicht viel mehr entsprechen, Strukturen für ein öffentlich-rechtliches soziales Netzwerk zu schaffen als die bestehenden Netzwerke durch die Fütterung mit öffentlich-rechtlich produzierten Inhalten zu stärken? (Ein aktuelles Interview in der Print-ZEIT vom 19. Mai mit dem Intendanten des Bayerischen Rundfunks, Ulrich Wilhelm, der mit einem Jahresgrundgehalt von 325.000 Euro deutlich mehr verdient als der bayerische Ministerpräsident, lässt ahnen, wo ein Umbau auf Widerstände stoßen würde). Das alles ist schon wieder ein neues Thema – falls es dazu schon konkretere Gedanken oder Modelle gibt, bin ich dankbar für Hinweise.

Ich kann mir vorstellen, dass Stalder mit seinem Buch viele weitere Diskussionen, im besten Fall Veränderungen anstößt, bin gespannt darauf und hoffe nicht nur deshalb, dass viele „Kultur der Digitalität“ lesen werden.

Eine Randbemerkung: Es ist ja immer vielsagend, wie sich Autor*innen bei denen bedanken, die die Entstehung eines Buches möglich gemacht haben. Die Danksagung von Stalder ist mir sehr sympathisch.

Felix Stalder, „Kultur der Digitalität“, edition suhrkamp 2679, 200 Seiten,
ISBN: 978-3-518-12679-0, erschienen erschienen: 09.05.2016

Weitere Rezensionen:

Stalder verweigere sich dem Hang prominenter Netzversteher wie Lanier und Morozov zur Dystopie, ohne gleichzeitig ein rosiges Bild zu zeichnen – sagt  in seiner Besprechung des Buches bei netzpolitik.org

Viele der in „Kultur der Digitalität“ beschriebenen Entwicklungen und Phänomene seien – isoliert betrachtet – nicht neu, schreibt David Pachali bei iRights.info, Felix Stalder aber  verknüpfe sie zu einem neuen Bild. 

Auch Philippe Wampfler kommt in seiner Rezension zu dem Ergebnis, dass sich die Lektüre lohne, u.a. weil Stalder „begriffliche Fallen auslotet und nach präzisen Bestimmungen dessen sucht, was er untersucht“.

Vom ratlosen und vom gleichgültigen Shruggie

Dirk von Gehlen hat heute auf der Direttissima-Konferenz eine Keynote zum so genannten Shruggie-Prinzip vorgestellt, das für ihn die (angemessene) digitale Lebenshaltung visualisiert. Der Shruggie ist ein Emoji, das eine Art Schulterzucken symbolisiert – die Handteller seitwärts im fast rechten Winkel nach oben gestreckt, dazu ein Lächeln: „Ich weiß es doch auch nicht“.

\_(ツ)_/¯

Der Shruggie steht für eine produktive Ratlosigkeit, deren Eingeständnis uns davor schützt, alles sofort zu bewerten, eine Meinung zu haben.

  • fröhlich
  • ratlos
  • gelassen
  • digital

sind die Eckpfeiler dieses Lebensgefühls, wie Dirk es beschreibt. „Social Media Gelassenheit“ nennt er es in einem anderen Beitrag – und ich bin fest davon überzeugt, dass es einige der aktuellen Diskussionen bereichern würde, würde sich diese Gelassenheit  durchsetzen.

Ratlos oder gleichgültig?

Ich mag diesen ratlosen Shruggie auch, aber irgendetwas an ihm hat mich von Anfang an irritiert. Als ich heute die Folien des Vortrags gesehen habe, wurde mir klar, was das war. Schulterzucken steht eben nicht nur für Ratlosigkeit, sondern auch für Gleichgültigkeit. Beides liegt nahe beieinander: Das „Ich-weiß-es doch-auch-nicht“ lässt sich auch interpretieren als ein „Ist-mir-doch-egal“.

shrig

Die Nuance ist bedeutend. In Gesprächen mit Menschen, die unserer digitalen Gegenwart und Zukunft eher kritisch, ängstlich bis ablehnend gegenüberstehen, ist der Unterschied zu spüren. Diskussionen über die Chancen des digitalen Wandels bewerten sie immer wieder als Gleichgültigkeit gegenüber denen, die davon erst einmal negativ betroffen scheinen: Künstler*innen, die merken, dass ihnen ihr Geschäftsmodell abhanden kommt, Menschen, die Sorge haben, ihren Job zu verlieren, weil ein Computer sie schon bald ersetzen wird, Eltern, die nicht mehr verstehen, in welchen digitalen Welten sich ihre Kinder bewegen. Wir haben ja noch nicht wirklich befriedigende Antworten auf die Fragen, die sie bewegen.

Man kann diesen Besorgten sagen, dass Ängste sie nicht weiter bringen, man kann aber auch fragen, was dahinter steckt. Es ist vielleicht die Befürchtung, dass im Prozess der digitalen Disruption auch Werte flöten gehen, für die viele in unserer Gesellschaft sich stark machen. Zum Beispiel: Solidarität. Die Verantwortung eines Arbeitgebers für seine Angestellten. Die Wertschätzung von Kunst und Kultur und der Menschen, die sie schaffen. Das Recht auf Privatsphäre.

Wie wir leben wollen

Ich glaube, dass wir  noch viel intensiver diskutieren könnten, „wie wir leben wollen“, welche Werte wir bewahren möchten, welche neuen Regeln es braucht, um sie in ein digitales Zeitalter zu transformieren. Dafür ist der Blick „in den Rückspiegel“ dann schon einmal sinnvoll, um weiter nach vorne fahren zu können.

In diesem Prozess identifiziere ich mich selbst allerdings auch wieder eher mit dem ratlosen Shruggie. Ich habe die Lösungen noch nicht vor Augen. Bin nicht nur fröhlich, aber insgesamt verhalten optimistisch. Ich glaube, dass wir mit der Zeit welche finden werden. Weil wir sie brauchen.

Und hier gibt es die Folien des Vortrags von Dirk von Gehlen, die Ausgang für diese Überlegungen waren. Hier ein kurzes Interview dazu.

Geht ja doch: Das Buch über Vereinbarkeit

Wieder hat eine Journalistin das Thema „Kinder und Karriere“ angepackt. Und das ist gut so.

cover.groll_Irgendwann im letzten Jahr ist mir die Lust am Diskutieren über Vereinbarkeit abhanden gekommen. Ausgelöst durch zwei Bücher ging es neben der grundsätzlichen Debatte vor allem um die Frage, ob Kinder und Karriere sich nicht grundsätzlich ausschließen. Nach einer Zeit hat es mich angestrengt, dass da viel Klage, viel persönliche Betroffenheit zu hören war, aber aufrichtige Bemühungen, Lösungen zu entwickeln, zu kurz kamen – wie ich fand. „Vorbilder finde ich doof“ sagte Andrea Nahles bezeichnenderweise in einer Runde, in der es um das Buch zweier Väter ging. Sie wollte sich lieber darüber amüsieren, wie sehr sie sich persönlich in den Klagen der beiden ZEIT-Journalisten Marc Brost und Heinrich Wefing wiedererkannt hatte.

Neuer Anlauf für das Dauerbrenner-Thema

Nun hat Tina Groll, die ebenfalls bei der ZEIT für das Online-Ressort Karriere zuständig ist, das Dauerbrenner-Thema erneut aufgegriffen und ein Fragezeichen hinter die These über die Vereinbarkeitslüge gesetzt. „Kinder + Karriere = Konflikt? Denkanstöße für eine deutsche Debatte“ heißt ihr neues Buch. Mit diesem Titel und als Frau wird sie es ungleich schwerer haben als ihre beiden männlichen Kollegen, in der breiten Öffentlichkeit Gehör zu finden – was sehr schade ist und auch ärgerlich.

„Warum noch ein Vereinbarkeitsbuch?“ heißt ihr erstes Kapitel – genau die Frage hat mich neugierig gemacht. Tina Groll geht von einer Prämisse aus, die ich uneingeschränkt teile: Frauen und Männern muss es möglich sein, beides zu leben: Kind und Beruf. Wenn das nicht geht, dann hat nicht der Plan einen Fehler, sondern die Gesellschaft, die ihn unmöglich macht.
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„Ich  schreibe dieses Buch, weil ich mich nicht damit abfinden möchte, dass Erfolg im Beruf und Familienglück gleichzeitig nicht möglich sind.“ (Tina Groll)

 

Zahlen und Fakten zeigen den Fehler im System

Die Autorin hat gefühlt noch mehr Studien und Zahlen recherchiert als ihre Kollegen (sie zitiert das Buch von Britta Sembach und Susanne Garsoffky: „Die Alles-ist-möglich-Lüge“), um zu zeigen, wo diese Fehler im System wirken: Wir sind weit entfernt von einer Geschlechtergerechtigkeit. Frauen verdienen weniger als ihre männlichen Kollegen, arbeiten als Mütter häufiger in Teilzeit und kommen aus der Nummer schlecht wieder heraus, wenn die Kinder größer sind. Männer, die wollen, haben es bis heute schwer, sich für ihre Kinder zu engagieren und im Beruf zurückzutreten. Viele Unternehmen machen es Eltern unmöglich, Kinder und Karriere zu vereinbaren.

Aber es tut sich was: Immer mehr Arbeitgeber entwickeln familienfreundliche Angebote, die Politik hat neben nach dem Elterngeld nun das Elterngeld plus durchgesetzt, immer mehr Männer wollen ihre Frauen mit Kindern und Haushalt nicht mehr alleine lassen. Das alles untermauern die Zahlen im Buch, das man gut als aktuelles Nachschlagewerk zum Thema empfehlen könnte, wenn dieses ganze Material etwas übersichtlicher als im Fließtext präsentiert würde.

Geht nämlich doch

Viel interessanter und wofür ich das Buch wirklich sehr mag, ist der entschiedene Wille von Tina Groll, etwas zu verändern. Sie belässt es nicht dabei, Missstände zu benennen, sondern zitiert Beispiele aus anderen Ländern, in denen einige Dinge besser klappen. Und sie macht vor allem in den sehr aufschlussreichen Interviews mit Eltern und Experten deutlich, was passieren muss, damit Väter und Mütter zugleich als erfüllte Eltern und beruflich erfolgreich leben können. Das geht nämlich unter bestimmten Umständen doch, wie die konkreten und persönlichen Berichte der Frauen und auch Männer zeigen. Das lesenswerte Interview mit der Burnout-Expertin Karola Kleinschmidt ist auch bei zeit-online erschienen.

Alleine wegen der Gespräche lohnt sich das Buch. Neben Carola Kleinschmidt, die berichtet, warum beim zweiten Kind in puncto Vereinbarkeit wirklich alles besser lief, schildert zum Beispiel die Rechtsanwältin Nina Diercks, wie sie es gemeinsam mit ihrem Mann schafft, Kindern und Beruf in ihrem gemeinsamen Leben einen gleichwertigen Platz einzuräumen. Stark beeindruckt hat mich die Geschichte der Journalistin Mareice Kaiser, deren erstes Kind seit der Geburt mehrfach behindert war und die auch dann wieder gearbeitet hat, als noch ein zweites Kind kam – entgegen aller Widerstände.

In den Interviews wird deutlich, unter welchen Umständen es Frauen und Männern heute gelingt, Familie und Beruf nach eigenen Vorstellungen zu vereinbaren. Sehr individuelle Faktoren spielen da eine Rolle, ein wichtiger davon ist der finanzielle Hintergrund der Paare. Tina Groll betont, dass die Debatte über Vereinbarkeit eher eine Mittelschichtsdebatte sei und umfassender geführt werden müsste – was ihr allerdings selbst auf 255 Seiten auch noch nicht wirklich gelingt.

Sich engagieren statt zu lamentieren

„Doch die Klage darüber löst das Problem nicht. Es scheint, als warte jeder darauf, dass eine höhere Instanz daherkommt und Arbeit oder Aufgaben an einer Stelle wegnimmt.“ (Tina Groll)

Tina Groll hat eine Vision – und auch recht konkrete Vorstellungen, wie die zu verwirklichen ist. Sie schlägt vor, sich wieder auf die Idee der Gewerkschaften zurückzubesinnen, eine Arbeitnehmervertretung zu gründen oder zu unterstützen, die sich für familienfreundliche Angebote einsetzt. Sie erinnert an die erfolgreichen Kampagnen der Vergangenheit, zum Beispiel die für die 5-Tage Woche: „Samstags gehört Vati mir“. Sie appelliert an den Gemeinschaftssinn, weil das Thema Vereinbarkeit nicht nur ein Thema für Eltern sei , sondern eines, für das sich die Gesellschaft stark machen sollte – im eigenen Interesse auch diejenigen, die keine Kinder haben. Und sie bleibt bei all ihren Ideen und Forderungen angenehm sachlich und macht immer wieder klar, wie ihr persönlicher Standpunkt aussieht.

Mich hat sie mit ihrem Buch durchaus etwas angepiekst. Vielleicht haben auch oder sogar gerade die Eltern, die Beruf und Karriere gut vereinbaren können, Mit-Verantwortung, dafür zu sorgen, dass ihre Erfahrung kein Ausnahmefall bleibt.

Schön auch, dass Tina Groll am Ende die wortreiche Debatte auf drei Gesetzesmäßigkeiten konzentriert, die sie Männern und Frauen an die Hand gibt und die man bei weiteren Diskussionen sowie auch bei der persönlichen Lebensplanung immer im Hinterkopf behalten sollte. Sie treffen das Thema Vereinbarkeit besser als viele lange Abhandlungen:

  1. „Der Interessensgegensatz von zeitlicher Beanspruchung als Arbeitnehmer und zeitlicher Beanspruchung als Eltern bleibt unlösbar.“
  2. „Wie bei jedem Interessensgegensatz muss die Balance immer wieder neu ausverhandelt werden.“
  3. „Der zentrale, selbst zu beeinflussende Schlüssel für eine Lösung ist die persönliche Partnerwahl. Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist nur im Team, in einer gleichberechtigten Partnerschaft zu schaffen.“

Tina Groll: Kinder und Karriere = Konflikt? Denkanstöße für eine deutsche Debatte. Stark Verlagsgesellschaft 2016.

Im Blog der Autorin „die Chefin“ kann man das Gespräch mit der Rechtsanwältin Nina Diercks über ihre Erfahrungen mit einer „gleichberechtigten Doppel-Karriere-Partnerschaft“ nachlesen – der Praxisteil zur zweiten und dritten, oben genannten Gesetzesmäßigkeit.

Ein weiteres Interview aus dem Buch, das Gespräch mit Ralf Wetters, Personalverantwortlicher in einer mittelständischen Unternehmensgruppe, findet sich im WiWo-Blog von Claudia Tödtmann.

Auch im Blog Karrierebibel wird das Buch mit einem Auszug – dem Interview mit Coach und Aktivist Volker Bausch – vorgestellt.

 

Gedanken zu Hausaufgaben

Hausaufgaben_BuchEnde letzten Jahres hat der Bildungsjournalist Armin Himmelrath sein Buch „Hausaufgaben – Nein danke!“ veröffentlicht. Es hat eine in Medien und Fachkreisen recht intensive Debatte über die Berechtigung von Hausaufgaben ausgelöst, die  Himmelrath in seiner regelmäßigen Rückschau „Bildungswoche“ am vergangenen Freitag zusammengefasst hat. Ich habe gerade beruflich mit dem Thema zu tun und auch bei der Wahl der weiterführenden Schule für unseren Sohn kam es auf den Tisch, als sich eine der Einrichtungen mit dem Konzept „ohne Hausaufgaben“ präsentierte.

Über welche Form von Hausaufgaben reden wir?

Grundsätzlich gehöre ich  zu denen, die Hausaufgaben in der real existierenden Form kritisch sehen und eher abschaffen wollen. Aber ich finde, man könnte es noch differenzierter diskutieren: Über welche Schulform sprechen wir, geht es um die reine Vormittags- oder Ganztagsschule? Und wie sehen eigentlich die Hausaufgaben aus, über die hier gestritten wird?

In der Ganztagsschule verbringen Kinder in der Regel bis zu acht Stunden am Tag. In Hamburg sieht so der Alltag eines stetig wachsenden Teils aller Schüler*innen aus – der Ausbau der Ganztagsschule ist das erklärte Ziel der Stadt gewesen und bereits nahezu flächendeckend umgesetzt. Immer mehr Schüler*innen erledigen ihre „Hausaufgaben“ also in der Schule. Ob das sinnig ist, wirklich klappt und Erfolg hat, hängt stark von den Rahmenbedingungen ab: Gibt es genug Ruhe, haben sie eine/n Ansprechpartner/in, wenn sie nicht weiterkommen? Sind die Aufgaben so konzipiert, dass sie in dieser Zeit auch zu schaffen sind? Viele Ganztagsschulen bieten diese Rahmenbedingungen offensichtlich nicht – wenn die Kinder dann nachmittags nach Hause kommen und das erledigen müssen, was sie in der Schule nicht geschafft haben, bleibt zu wenig Zeit für das, was sie genauso brauchen: Abhängen, Zeit für Verabredungen, Hobbys und Spaß.

Alternativen zu den klassischen Hausaufgaben

Eine der Schulen, die wir uns für unseren Sohn angesehen haben, arbeitet mit einem Konzept, das mich in der Theorie erst mal überzeugt hat: Die Schüler*innen lernen in der ersten Stunde des Tages eigenverantwortlich. Sie haben einen individuellen Lernplan, der mit den Lehrkräften abgestimmt wird. In Absprache mit den Lehrer*innen wird entschieden, ob die Aufgaben alleine im „Silentium“ oder im“Tandem“ mit einem/einer anderen Schüler/in erledigt werden, oder ob noch Unterstützung ansteht, das so genannte „Coaching“. Aufgaben werden also individuell gestellt und umgesetzt. Vokabeln lernen müssen die Jungen und Mädchen dieser Schule auch zuhause, ebenso wie sie sich auf Klassenarbeiten vorbereiten. Mehr aber nicht. Es ist nicht die einzige Schule, die die „Hausaufgaben“ in dieser Form gestaltet. Mit dem, was man in der klassischen Vorstellung damit verbindet, haben sie allerdings nicht mehr viel zu tun.

Individualisiertes Lernen kommt zu kurz

Ein wichtiger Aspekt, den diese Schule berücksichtigt, ist neben dem eigenverantwortlichen Lernen das individuelle Tempo. Das klassische Konzept der Hausaufgaben ignoriert dieses: Alle erhalten die gleichen Aufgaben, die, die den Lernstoff in der Schule schon kapiert haben, müssen nachmittags noch mal ran. Und wer schon in der Schule damit überfordert war, muss hoffen, dass zuhause jemanden da ist, der oder die hilft. Chancenungleichheiten werden damit verstärkt, das wird in der Debatte immer wieder hervorgehoben – und es ist ein sehr wichtiges Argument, nicht erst, seit immer mehr Kinder in den Schulen lernen, die mit ihren Eltern nach Deutschland geflüchtet sind. Während der Unterricht mehr und mehr differenziert gestaltet wird und unterschiedliche Lernvoraussetzungen sowie Lernstände der Schüler*innen berücksichtigt, ist das Konzept der klassischen Hausaufgaben darauf nicht ausgerichtet.

Work-Life-Balance auch für Schüler*innen

Hausaufgaben in die Schule zu verlagern hat für mich einen weiteren großen Vorteil: Schule und Freizeit lassen sich klarer trennen, genau das also, was wir Erwachsenen uns wünschen, wenn wir die „Work-Life-Balance“ fordern. Gerade weil die in der Realität immer schwieriger umzusetzen ist, halte ich es für besonders wichtig, dass Kinder sie von Anfang an lernen – und schätzen. Und da muss man sich nur die vielen guten Ratschläge durchlesen, die man den Arbeitnehmer*innen gibt: Keine Arbeit mit nach Hause nehmen, E-Mails ausschalten, Schreibtisch raus aus dem Schlafzimmer. Schüler*innen können das nicht, wenn Eltern abends nach den Hausaufgaben fragen, sie überprüfen wollen oder wenn es Streit gibt, weil sie noch nicht fertig sind.

Informelles Lernen zuhause braucht Zeit

In der Diskussion um das Buch von Armin Himmelrath wurde auch behauptet, Eltern seien zu faul oder zu unfähig, ihre Kinder zu begleiten, oder sie hätten keine Zeit dazu. Ich erlebe viele Eltern, die durchaus mit ihren Kindern lernen möchten. Aber nicht abends nach der Arbeit, am Schreibtisch abgekämpfter Kinder, über Aufgaben, die ihnen die Schule vorschreibt. Sondern lieber beiläufig, in Gesprächen beim Essen: Über das, was im Radio zu hören ist, was in der Zeitung steht, was auf dem Schulhof passiert ist. All das kommt zu kurz, wenn Kinder nach der Schule noch ein Paket unerledigter Aufgaben mit nach Hause bringen, die sie ohne Unterstützung der Eltern nicht bewältigen können. Und wenn diese Aufgaben das Thema beim Abendessen sind. Für das so genannte informelle Lernen bleibt dann zuhause keine Zeit mehr.

Schule kann nicht die Erziehung der Eltern reparieren – und umgekehrt

Wenn die Schule sich zu Recht dagegen wehrt, dass immer mehr dessen, was eigentlich zur Erziehung durch die Eltern gehört, in den Unterricht verlagert werden soll, so ist das richtig. Es muss den Eltern dann aber auch die Zeit bleiben: um gemeinsam mit ihren Kindern zu kochen, zu backen, ein Fahrrad zu reparieren, zu erklären, warum sie sich über die Steuererklärung ärgern und wie man im Internet nach Informationen sucht. All das kommt in vielen Schulen zu kurz und es ist gut und elementar wichtig, wenn Zeit bleibt, sich darüber zu Hause auszutauschen.

Diskussion über Hausaufgaben zielt auf Ganztagsschulen

Man kommt bei der Diskussion über Hausaufgaben nicht darum herum, über den Sinn und die Ausgestaltung der Ganztagsschulen zu diskutieren, sowie die Ressourcen, die sie erfordern. Sie sind meiner Ansicht nach das zeitgemäße Modell von Schule. Wenn es im Rahmen dieser Ganztagsschule aber nicht gelingt, eigenständiges Lernen im Tagesablauf unterzubringen und den Lernstoff in der Zeit zu bearbeiten, in der die Kinder in der Schule sind, so muss am Konzept gearbeitet werden. Das Manko darf nicht über die Freizeit der Kinder ausglichen werden.

Wer sich mit dem Thema intensiver beschäftigen möchte, kann das Buch lesen, die Diskussion zwischen Armin Himmelrath und Christian Füller verfolgen, oder die auf Twitter beim #EDchatDE am Dienstag, 9.2. ab 20 Uhr.

Auch zu empfehlen: sich den Online-Elternabend der Online-Lernplattform scoyo ansehen (Achtung, Werbung: scoyo ist ein Kunde in unserer Agentur): Am Montag, 22. Februar, ab 2o Uhr live oder danach jederzeit die Aufzeichnung, die unter dem Link oben abrufbar sein wird. Einer der Teilnehmer am Abend ist Armin Himmelrath – diskutiert werden soll vor allem darüber, wie Eltern und die Kinder selbst die Hausaufgaben sehen.

Einige Beiträge aus der Debatte: 

Meine Schule ohne Hausaufgaben: Rosa, 11 Jahre, aus Hamburg, berichtet aus dem Schulalltag in einer Stadtteilschule

Wir müssen weg von der Hausaufgaben-Schule – von Nina Giaramita, ein Beitrag mit Diskussion auf dem WDR, mit verschiedenen Experten zum Thema, die sich unter anderem zur Rolle der Eltern (interessant) äußern: „Wenn eine Schule nun entscheidet, Hausaufgaben abzuschaffen, dann bricht bei vielen ein Weltbild zusammen.“

„Hausaufgaben machen die Klugen klüger – und die Dummen dümmer“ – Heike Schmoll berichtet in der FAZ über aktuelle Studien zum Thema Hausaufgaben, die unter anderem zeigen, dass die Unterstützung durch die Eltern mehr schadet als hilft

„Hausaufgaben abschaffen? Gefährlicher Unsinn.“ – Christian Füller mit einer Replik auf die Thesen von Armin Himmelrath in Cicero – ich habe einiges davon allerdings eher als Bestätigung gelesen.

„Hausaufgaben neu erfinden“. ebenfalls Christian Füller, der hier in seinem Blog fragt, wie zeitgemäß der Begriff „Hausaufgaben“ in der Schule 2.0. noch sei (eine Schule, von der wir in der breiten Fläche natürlich in der Praxis noch weit entfernt sind).

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Kuratieren im Journalismus: Nach dem Hype wird’s spannend

6.1.2016: Update: Frederik Fischer von piqd hat den folgenden Text dort kuratiert – in den Kommentaren ist eine kleine Diskussion zur Relevanzfrage, die ich hier aufgeworfen habe, entstanden – mit interessanten Gedanken.

Kuratieren wurde im vergangenen Jahr als einer der Trends des digitalen Journalismus gefeiert. Diskutiert wird das Sammeln, Ordnen und Empfehlen von Texten schon seit einigen Jahren. Der Hype wurde vermutlich durch einige Start-ups ausgelöst, die das Kuratieren von Texten zur Unternehmensidee gemacht und auf Plattformen gebracht haben. Einiges war von ihnen zu lesen: niuws und blendle, nachfolgend zu Ende des Jahres noch piqd. Gemeinsam ist allen die Idee, die Relevanz von Texten nicht durch Algorithmen bestimmen zu lassen, sondern Menschen die Auswahl zu übergeben. Als Expert*innen für bestimmte Themenbereiche heben diese aus dem Meer der Texte Schätze, die sie für so relevant halten, dass sie sie empfehlen möchten.

niuws und piqd habe ich mir im letzten Jahr genauer angesehen, auch blendle nutze ich. In der Süddeutschen Zeitung erschien zu Ende des Jahres ein Text von Kathrin Hollmer, der die neuen Angebote ganz gut beschreibt. Nach einigen Wochen Erfahrungen als Userin glaube ich, dass die Idee noch nicht ausgereizt ist. Nach dem großen Hype wird es nun spannend werden, was sich von den Ansätzen des kuratierten Journalismus durchsetzen kann – und wie. Noch werfen die neuen Angebote erst einmal viele interessante Fragen auf – diese zumindest stelle ich mir:

  1. Was eigentlich macht einen Text zu einem relevanten Text? Welche Kriterien führen dazu, dass jemand aus der Unmenge von Texten einen oder auch drei pro Tag / pro Woche auswählt, um sie einem Publikum zu empfehlen? Wer definiert die Kriterien?
  2. Was bedeutet Kuratieren im digitalen Journalismus bei niuws, piqd & Co. im Vergleich zum Kuratieren in der Kunst? Wird die eigentliche Idee übernommen oder nur der gut klingende Begriff?
  3. Wenn sich das Kuratieren mehr und mehr zu einer der journalistischen Grundtätigkeit entwickelt – welche Auswirkung hat das auf das Aufgabenprofil und Selbstverständnis einzelner Journalist*innen? Was bedeutet es für Medien insgesamt?

Diskutiert wird das Kuratieren als journalistische Tätigkeit schon seit einigen Jahren. Bereits 2011 hat Christoph Kappes eine schöne Definition geschrieben und auf Google+ zur Debatte vorgeschlagen – ich zitiere sie ganz :

“Zu kuratieren heißt nur vordergründig, eine kleine Link-Reise zu schreiben. Es ist im Grunde eine Haltung, fremde Texte nicht geringer zu schätzen als eigene, fremde Meinungen und fremde Kontrolle zu tolerieren und Aufmerksamkeit zu verschenken in der Erwartung, sie auch dadurch zu bekommen, dass man sich selbst ein wenig zurücknimmt. Das Wort heißt im Grunde, den Journalismus wieder an eine Wurzel zu führen: Wer publiziert, eröffnet dem Leser verlässlich einen Inhalte-Raum, in dem der Leser am Ende selbst die Grundkompetenz hat, Werke Dritter zu würdigen. Das hässliche Wort „Kuratieren“ hat viel mit dem hässlichen Wort „Empowerment“ zu tun und mit der Zurücknahme des Journalisten-Egos“.

Was macht einen Text zu einem relevanten Beitrag?

Interessant ist, dass für niuws und piqd aber durchaus eine wichtige Rolle spielt, wer da kuratiert. Bei niuws hat man laut Gründer Peter Hogenkamp schon mit dem Gedanken gespielt, Prominente zu Kurator*innen zu machen, und piqd beeindruckt mit vielen bekannten Journalist*innen und anderen Persönlichkeiten. Es macht den Reiz des Angebots aus, dass sie dabei sind.

Ihre Relevanz gewinnen die Texte also erst einmal dadurch, dass sie etwa bei piqd u.a. von Stefanie Lohaus, Theresa Enzensberger, Anke Domscheit-Berg, Dirk von Gehlen oder von Konstantin von Notz empfohlen werden. Die Macher*innen von piqd haben darüber hinaus klare Vorstellungen, welche Kriterien für die Auswahl eine Rolle spielen sollten. Noch sind die auf der Website allerdings nicht zu finden. Der Chefredakteur Frederik Fischer erklärt auf meine Anfrage das piqd-Konzept so:

„Die ganz allgemein formulierte Aufgabe für die piqer ist es, anspruchsvolle aber auch für Laien verständliche Texte zu empfehlen, einzuordnen und zu bewerten. Zusätzlich zur Vorgabe, nicht mehr als einen Link pro Tag zu posten, raten wir unseren piqern auch dazu, im Zweifel keine aktuellen Inhalte zu empfehlen, sondern in die Vergangenheit zu blicken. Was waren herausragende und auch heute noch relevante „Evergreens“? Auch Texte zu ganz grundlegenden Konzepte und Theorien sind gerne gesehen (z.B. Imagined Communities von Benedict Anderson in Medien und Gesellschaft) Nachrichtenwerte sind für uns nur dann relevant, wenn es nachvollziehbar bedeutsame Entwicklungen in einem Themenbereich gibt (z.B. die Klimakonferenz für Klima und Wandel oder Wiedereinführung der Vorratsdatenspeicherung in Netzpolitik).“

Mir gefällt, dass den piqern (so heißen hier die Kurator*innen) ausreichend Raum bleibt, ihre Auswahl für jeden einzelnen Text zu erklären – ein Schwachpunkt bei niuws, wo jeweils nur ein bis zwei Sätze reichen müssen, um die Relevanz zu begründen. Wenn diese sich auf eine reine Inhaltsangabe beschränken, fällt eine Einordnung ganz weg.

Bei allen Angeboten vermisse ich die grundsätzliche Dikussion um die Frage nach Relevanz von Texten. Sie könnte ein bestehendes Konzept transparent machen – Varianten sind ja denkbar:

  1. Kurator*innen arbeiten wie Trüffelschweine, spüren die guten Texte auf, die bislang noch unentdeckt sind und präsentieren sie hier als Fundstücke einem breiteren Publikum. Interessant für Menschen, die sowieso schon viel lesen und auf der Suche nach Inspirationen und neuen Quellen sind.
  2. Die Kurator*innen empfehlen nur die Texte, die die User*innen auf keinen Fall verpassen sollte, um auf dem Laufenden zu bleiben. Das ist die Idee, die  Peter Hogenkamp einmal formuliert hat, als er niuws als Service für Manager*innen vorstellte, die eine tägliche Übersicht über die wichtigsten Beiträge zu ihren Themen wünschen.
  3. Die Relevanz eines Textes ergibt sich erst aus seiner Rezeption – also etwa dadurch, dass er eine Diskussion auslöst, viel kommentiert wird, neue Texte als Repliken oder Weiterentwicklungen provoziert. Die Idee von piqd, sich vom Nachrichtenwert Aktualität nicht treiben zu lassen, passt ganz gut dazu – denn es lässt sich sich diese Qualität eines Textes erst nach einer Zeit einschätzen. Auch blendle berücksichtigt diesen Ansatz in gewisser Weise, wenn neben den persönlichen Vorschlägen der Kurator*innen auch die Zahl der Leser*innen eine Rolle spielt, um einen Text hervorzuheben.

Diese und sicher noch weitere Ansätze sind für verschiedene  Zielgruppen unterschiedlich interessant – vorstellbar sind sie alle, auch als Mischung. Vor dem Hintergrund einer erweiterten Idee des Kuratierens sehe ich selbst das größte Potenzial in der dritten Variante.

Kuratieren: Wenn mehr entsteht als die Summe der einzelnen Teile

Der Begriff „Kuratieren“ beschreibt in der Kunst die Konzpetion und Organisation einer Austellung. Ralf Schlüter beklagt in der Zeitschrift art, die eigentliche Idee dieser Tätigkeit gehe verloren, seit das Wort in der digitalen Welt so inflationär verwendet werde. Interessanter als seine Beschwerde finde ich, was für ihn das Kuratieren in einer idealen Vorstellung bedeutet:

„Heimliches oder offenes Vorbild der meisten Kuratoren ist der Schweizer Harald Szeemann (1933 bis 2005), der sich ironisch „Agentur für Geistige Gastarbeit“ nannte. Er prägte das Berufsbild, nach dem der Kurator eben nicht nur ein Ausstellungsmacher war, sondern eine Art Meta-Künstler: Verstreute Kunstwerke führte er zusammen und ging mit ihnen um wie ein Erzähler mit seinen Figuren. Im besten Fall war das ganze mehr als die Summe der einzelnen Teile.“

Ich möchte mir die journalistischen Kurator*innen gerne als Meta-Texter*innen vorstellen, die verstreute Texte zusammenführen, mit ihnen eine neue Geschichte erzählen, die dann noch größer ist als die Summe ihrer einzelnen Teile. Das Mehr, das die Journalist*innen einbringen können, ist ihre Kompetenz, die Texte einzuordnen, zu bewerten, die Stücke zusammenzustellen, die sich aufeinander beziehen oder ein gleiches Thema haben, eine gleiche Frage erörtern. Dabei muss es sich – wie in einer Ausstellung – nicht nur um aktuelle Texte handeln, aber diese könnten durch die Kombination mit älteren in einem neuen Kontext neue Zusammenhänge offenbaren. Noch spannender wird es, wenn die Leser*innen ihre Kommentare ergänzen oder selbst weitere Texte empfehlen. So entständen die von Christoph Kappes beschriebenen Inhalte-Räume, in denen User*innen sich bewegen und ihrerseits aus dem Angebot ihre eigene Geschichte entwickeln.

Die aktuelle Praxis des Kuratierens erscheint im Vergleich zu dieser Vision noch recht eindimensional. Es werden in der Regel einzelne Texte vorgestellt, statt verschiedene zu komponieren. Bei niuws beschränkt sich die Einbindung der Leser*innen auf Likes für einzelne Textvorschläge. Bei piqd wird die Kommentarfunktion immerhin als so wertvoll geschätzt, dass man User*innen dafür bezahlen lässt, um sie vor Trollen zu schützen. Aber wie bei so vielen Angeboten ist die Anzahl der Kommentare zumindest in den ersten Wochen seit dem Launch noch sehr überschaubar. In meiner Idealvorstellung bedeutet das Kuratieren auch, sich darum zu kümmern, dass die Texte in einer Community produktiv rezipiert werden. Dieser Community anzugehören, wäre Teil des Angebots.

Neue Ansprüche an Journalisten und Medien

Kuratierende Journalist*innen benötigen besondere Kompetenzen um die beschriebenen Räume zu gestalten. Vor allem brauchen sie einen guten Überblick über Texte – aktuelle wie alte, viel zitierte wie unentdeckte. Sie müssen Texte aufspüren, einordnen, bestehende Verbindungen erkennen und erklären können, neue herstellen. In diesen Tätigkeiten nehmen sie ihr Ego als produzierende Journalist*innen tatsächlich zurück – aber es entwickelt sich ein neues. Kuratierende Journalist*innen sind Netzwerker und als solche Persönlichkeiten – wenn auch anderer Art als wir sie aus dem klassischen Jorunalismus kennen.

Medien werden vielleicht in Zukunft nicht mehr vorrangig die Produkte einer festen Redaktion publizieren. Sie könnten sich zu Orten entwickeln, an denen besonders herausragende Netzwerker*innen ihre Texte kuratieren, die eine ausgewählte Community rezipiert, diskutiert, ergänzt. Bei einem erweiterten Begriff von Text sind auch Hörstücke und Filmbeiträge dabei eingeschlossen. Ein Medium zeichnet sich damit künftig weniger dadurch aus, welche „Edelfedern“ es für sich gewinnen kann. Es braucht viel mehr Persönlichkeiten, die ein gutes Gespür für Themen und Texte haben und auf ein breites Netzwerk setzen können, das sie selbst mit Quellen, Ideen und Anregungen speist. Um dieses aufzubauen und eine aktive Community zu managen, sind sie vor allem auch in ihren sozialen Kompetenzen gefragt. Mir fällt Frank Schirrmacher ein, der für das gute Themengespür, das Anzetteln von Debatten ein gutes Vorbild ist. Interessanterweise spricht auch Wolfgang Michal in seinem Text über das Kuratieren davon, dass die journalistische Tätigkeit mehr und mehr zu einer herausgebenden wird, während die produktive Tätigkeit der Redaktion in den Hintergrund tritt. Er sieht das kritisch.

Spannend wird sein, wie sich die Dienste wie niuws und piqd, sollten sie sich durchsetzen, zu den klassischen Medien verhalten. Für mich ist gut vorstellbar, dass sie irgendwann einmal in den Medien wieder aufgehen, wenn diese sich so weiterentwickeln, wie ich es beschrieben habe. Dazu passt, dass die Dienste in direkter Verbindung zu größeren Verlagen stehen: Investor bei piqd ist Konrad Schwingenstein, ein Enkel des Mitgründers des Süddeutschen Verlags, niuws wurde von Peter Hagenkamp gegründet, ehemaliger Leiter Digitale Medien bei der NZZ-Mediengruppe. Die Verbindungen bestehen.

Hier nun einige kuratierte Links zu Texten über das Kuratieren, die in den Kommentaren gerne ergänzt werden können.

Christoph Kappes hat mir in einem Tweet im Juni den Hinweis auf blende und niuws gegeben. Interessant ist, wie starke Gegenstimmen es in der schon 2011 von ihm angeregten Diskussion bei Google+ noch gibt. In meinem eigenen Text über die Krautreporter und warum ich mich von ihnen verabschiedet habe, glaube ich, dass wir weniger neue Magazine und mehr von Diensten wie niuws und blende brauchen.

Der schon erwähnte Journalist Wolfgang Michal hat im Februar 2015 einen grundlegenden Text über das Kuratieren verfasst und sieht darin vor allem einen Bedeutungsverlust der redaktionellen Tätigkeit und eine Entmachtung der Journalisten – einer der wenigen Autoren, die den Hype um das Kuratieren in dieser Interpretation eher kritisch beurteilen.

Peter Hogenkamp, der Gründer von niuws und Pionier des neuen Kuratierens, schreibt in der Netzwoche selbst über „Hype oder Zukunft der news“. Er macht in seinem Beitrag aus, was wirklich neu war in diesem Jahr 2015: Während die bisherigen Sammlungen in Newslettern statisch seien und die Mailboxen verstopften, sind die neuen Plattformen interaktiv, können direkt kommentiert und geteilt werden. Interessant ist seine Einschätzung dazu, wie sich die klassischen Medien zum Trend verhalten: Sie seien noch zu sehr in der alten Welt verhaftet um seine Bedeutung wirklich zu erfassen, so sein Fazit.

In einem Interview in der Schweizer Werbewoche zieht Peter Hogenkamp im Oktober Fazit nach einem Dreiviertel Jahr niuws und spricht dabei über die interessante Frage, welches Geschäftsmodell mit den neuen Angeboten verbunden sein könnte und wie es um das Verhältnis zur PR bestellt ist.

Philippe Wampfler, dessen Box „Kompetenzen fürs 21. Jahrhundert“ bei niuws neben der von Nick Lüthi „Medienwandel“ zu meinen Favoriten zählt, bloggte im Juni über den Workflow seiner Auswahl und seine Erfahrungen als Kurator – und gibt damit als einer der wenigen Einblick in die Frage nach der Relevanz von Texten: „Kriterien sind Aktualität, frische Perspektiven auf das Thema sowie eine gewisse Breite“.

Max Buddenbohm  kuratiert in seinem sowieso lesenswerten Blog „Herzdamengeschichten“ regelmäßig Links in der  Rubrik „Woanders“ und – als gesponserte Sonderedition – in „Woanders – der Wirtschaftsteil“. Ich habe keinen anderen Kurator gefunden, der seine Arbeit so schön detailliert beschreibt wie Buddenbohm in „Die Timeline als Milchvieh betrachtet“: Wie er seine Auswahl trifft und welcher Tools er sich dafür bedient. Empfehlenswert vor allem für diejenigen, die selbst Ambitionen entwickeln – oder einfach Sehnsucht nach einer gewissen Systematik in der Auswahl ihrer Lektüre verspüren.

Hendrik Geister hat sich Ende November letzten Jahres in seiner Kolumne Mediendschungel im Blog Basic-Thinking mit seinem Text „Piqd: Die Rosinenpicker im Netz“  vor allem piqd genauer angesehen – und ist recht angetan von Konzept, Design und Unaufgeregtheit der Plattform. Erweiterungsmöglichkeiten sieht er vor allem in den Funktionalitäten.

Kathrin Hollmer stellt in der Süddeutschen Ende Dezember niuws, piqd und blende vor und ruft vom Gegentrend aus: User*innen wollten vielleicht wieder selbst herausfinden, was ihnen gefällt.

Update: Weitere Texte zum Kuratieren

Daniela Späth hat sich piqd ebenfalls genauer angesehen – auch sie kann damit etwas anfangen und findet viel Lobenswertes. Danielas Beitrag ist auch deshalb einen Klick wert, weil sie und Michael in ihrem Blog „Bleiwüsten“ ebensolchen den Kampf angesagt haben und die piqd-Kritik gleich wieder ein gutes Beispiel dafür ist, wie man Texte leserfreundlicher macht. Ich folge dem Blog schon länger und habe spätestens jetzt einen guten Vorsatz für 2016…

In einem Interview in seinem Blog fragt Dirk von Gehlen Michaël Jarjour, den Redaktionsleiter von Blendle, ob sich die Menschen, die dort täglich Beiträge auswählen, als Journalisten begreifen. Für mich die interessanteste Aussage des Interviepartners: Am meisten lernen die Kurator*innen bei Blendle aus den Artikeln, die zurückgegeben werden (bei  dem Dienst werden Artikel bei Nichtgefallen tatsächlich rückerstattet:“supernett“)